Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1929)
- Date
- 1929-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 1. S. R. Hirfchs letztes Vermächtnis. Zum 27. Tebeth. Von Jos. Heymann in Frankfurt a. M. Motto..ich weiß, daß das Judentum, wahr gesatzt und wahr dargestellt, Ein Band der Liebe und Gerechtigkeit schlägt um alle Wesen;. S. R. Hirsch Neunzehn Briefs 19. Brief S. 97. Wer wollte daran zweifeln, daß das ganze Werk S. R. Hirfchs, fein Leben und fein Wirken, eine einheitliche Gestalt darstellt, nämlich die unablässige Verwirklichung göttlichen Willens. So offenbart sich dem tieferen Beobachter, einerlei wann oder wo wir S. R. Hirfchs Wirken verfolgen, fein ganzes Schaffen als e rn ein z ig e s großesLebenderGerechtigkeitund Liebe. Ein edles Herz und ein heller Geist paarten sich in einem v o l l k o m m e n e n M e nf ch e!ir. Wollen wir versuchen, den Entwicklungsgang seines eignen Menschenlebens anzudeuten, so tun wir es am treffendsten mit den Worten, die er selbst einmal in seinen Schriften benutzt hat: „Er war als Greis Greis, als Mann Mann, als Kind Kind; das Kindesalter, die reife Jugend, das vollendete Greisenalter. Der wahrhaft Lebende nimmt aus jedem Alter die dieses Alter krönende Eigentümlichkeit mit hinein in das spätere Leben". So war jeder Tag, den Hirsch lebte, bedeutungsvoll, jedes Lebensalter in eigner voller Geltung, und alle zusammen ein einh e i t l i ch e s G a n z e s. Die originelle und zugleich einheitliche Weltanschauung Hirschs bildet den Schlüssel zum Verständnis seines gesamten Seelenlebens. Und umgekehrt läßt sich aus Hirschs originellem und gleich einheitlichem Denken, Fühlen, Wollen und Schaffen seine einheitliche Weltanschauung aufbauen. Aso einerlei, ob wir analytisch oder synthetisch vorgehen, ob wir von seinen Leistungen auf seine Persönlichkeit, oder umgekehrt von seiner Persönlichkeit auf seine Leistungen schließen, stets bleiben wir im Ergebnis bei der Tatsache: d i e e i n h e i t l i ch e G e s ch l o s s e n h e i t d i eses Schaffens ist und bleibt staunenerregend. Nur diese einheitliche Erkenntnis vermag auch allen Strömungen und Wandlungen der Moderne zu trotzen, weil sie genährt von den Quellen jüdischer Gesetzeslehre, in das gewaltige Strombett der göttlichen Erkenntnis auch wieder mündet. Damit hat S. R. Hirschs Philosophie des Judentums uns die wichtige Erkenntnis gelehrt, daß der bewußte Jude in jedem Fortschritte mensch- D,e r I s r a e I i t 3. Januar 1929. lichen Geistes, einerlei auf welchem Gebiete der Wissenschaft oder des Lebens nur eine Vermehrung jüdischer Lichtsaat zu erblicken hat. Das philosophische Weltgebäude des Judentums, das Hirsch in seinen Neunzehn Briefen und dem Chaurew grundsätzlich niedergelegt, in seinen späteren Werken noch weiter vertieft hat/ es ist im Ergebnis ein gewaltiges Bekenntnis eines großen Lebenskämpfers. Es ist das Bekenntnis nämlich, daß die Wahrheiten der Tauroh nichts anderes i sind als Offenbarungen Gottes aus ein e r W e l t d e r G e r e ch t i g k e i t u n d L i e b e, die sich in der kleinen Welt jedes Einzelwesens widerspiegeln. Damit erklärt sich aber auch sogleich die Tatsache, daß die Psyche jedes Menschen in der Tauroh ihre Andeutung findet, daß sich mit Taurohwissen allein alle individuellen und sozialen Probleme der Menschen auf Erden lösen. Oft spricht Gott in der Tauroh zu uns in Bildern. Die Wahrheit ist bereits in dem Bilde enthalten und es gilt — wie Josef bei der Deutung der Träume — nichts in diese Bilder hineinzulegensondern aus ihnen etwas herauszufinden. Sowohl bei der Deutung eines Symbols, wie auch der eines Traumes liegt die Lösung des psychologischen Kernproblems darin, den Sinn von innen heraus zu erschließen. Hineinlegen kann man, wie Hirsch selbst einmal sagt, das bunteste Allerlei. H e r a ussuchenaber nur das Eine, das Richtige. Und wie bei der organischen Geburt und bei dem Sicherschließen der Knospe, es einen inneren Treibpunkt gibt, von dem aus die ganze Entfaltung ihren Ausgang nimmt, so liegt in jedem symbolisch Verschlossenen ein Kernpunkt, der erfaßte sein will, damit sich sodann alles andere von selbst ergibt. Wenn Gott in Bildern zu uns spricht, so sollten wir daraus lernen, wie die Deutung seiner Bilder immer das Einfachste und Nächstliegende suchen müsse. Aus diesen Bildern gilt es nicht hinein, sondern herauszudeuten. Man darf wohl annehmen in einer Deutung das Richtige getroffen zu haben, wenn die Erklärung sich so enge und nahe dem zu Erklärenden anschließt, daß sich die Deutung von selbst aus der Sache ergibt. Es scheint uns nun bedeutsam, auf zwei Momente hinzuweisen, welche vielleicht mehr noch. BiOX-ULTBA Die sfarkxhävmencfe Sauerjfoff-Zäfinpasfa Wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnvasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 60 Pf BIOX-MUND WASSER Flasche 1.— und 2.— Mk. Gegen lockere Zähne. Probe-Flasche gratis. Max Elb A. G., Dresden wie alle anderen bisher bekannten Tatsachen aus Hirschs Leben, geeignet sind, ganz zwanglos von innen heraus eine Bestätigung der Auffassung von Hirschs philosophischem Weltgebäude zu geben. Vielleicht ist es kein Zufall, daß Hirsch gerade an einem 31. Dezember die Augen zum ewigen Schlafe schloß. Denn es ist, wie Hirsch selbst einmal sagt, vielleicht nichts also berechnet, also von dem Leiter aller Ereignisse gefügt, als das, was wir Zufall nennen. Wir haben es nicht berechnet, aber es ist vielleicht Berechnung des größten Rechenmeisters. Schon Jahre vorher hatte Hirsch bekanntlich unter anderenletztwilligen Verfügungen auch bestimmt, daß, da er sein Gehalt pränumerando bezog, der ihm etwa zuviel bezahlte Betrag vom Todestage an gerechnet, wieder z-urück gegeben werden solle. Nun hatte es die Vorsehung „des größten Rechenmeisters" aber so gefügt, daß Hirsch am letzten Tage des Quartals und Kalenderjahres verschied. So hat, wenn man berechtigt ist, aus dieser Tatsache etwas zu erschließen, seine Todesstunde den Beweis seiner strengen Rechtlichkeit im praktischen Leben geliefert, gleichsam den> bilanzmäßigen Abschluß seiner irdischen Welt, einer Welt der Gerechtigkeit. Und nun zu der Welt der Liebe. Ein Freund und Verehrer Hirschs, der ihn in seiner Todesstunde nicht verlassen wollte, hat ausgezeichnet, daß Hirschs letzte Worte, vor seinem Eingehen techaje aulom, der 16. Vers des 92. Psalms war, also die Worte: n -o rnnV 12 nnbiy s^i *nix. Ein solches Bekenntnis ist aber gleichbedeutend mit dem Inhalte des Schmahrufes, mit der Erkenntnis, daß nur Gottes Waltung Liebe und Gerechtigkeit ist. In Gottes Weltordnung wird alles mit dem Maßstabe des Rechts gemessen, desjenigen Rechts, das durchwoben ist von Gottes Lieb e, die sich vor allem in Erziehung des Menschen offenbart. Das ist der wahre Inhalt des Schmarufes, der Begleiter des Juden in allen Lebenslagen, zu allen Zeiten seines Sems sein soll. Vom erst' Lallen des jüdischen Kindes bis zum letzten Seufzer der scheidenden Seele ist dieser. Ruf lebendig in des Juden Herzen. Dieser Schmaruf im täglichen Leben des praktischen Menschen bedeutet die Erfüllung der höchsten Potenz der sittlichen und sozialen Aufgabe, durch Hineintragen des Gemilus Chesed in Din, der LiebeinsRecht. Für Hirsch hängen nach seiner trefflichen Auslegung diese beiden WeltenderGerechtigk e i t u n b L i e b e so eng miteinander zusammen, sind so innig ineinander verwoben, daß sie zusammen eine Einheit, ein Ganzes bilden, nämlich die Erkenntnis, daß eben n daß diedie Die Berufung Mosches im Lichte maimouidischer Gedanken. Betrachtung zu nivV von Rabbiner Dr. W. Götzen. 1. Zu den Unterschieden zwischen der Prophetie Moses und der jedes anderen Propheten zählt Maimonides Hilch. Jeßode hattora VI 6 die Tatsache, daß alle Propheten sich fürchten, bestürzt werden und Hinschmelzen, sobald Gottes Wort über sie kommt, während von Mosche (Ex. 33.11) gesagt ist: „Wie ein Mensch zum anderen spricht". Das erklärt Maim,: Wie ein Mensch nicht bestürzt ist, wäbrend er die Worte eines anderen Menschen hört, so wohnte dem Geiste des Mosche die Kraft inne, die Worte der Prophetie zu erfassen, indem er gesund und ausrecht dastand Bestürzung, deren Fehlen hier nach Maim. die Auszeichnung der Prophetie des Mosche bildet, ist nach Auffassung eines chasstdischen Erklärers sonst Kennzeichen des Menschen, dem Gott nicht mehr sein Antlitz zuwendet. Heißt es doch im 30. Psalm: h.132 'um i'is mnon „Du verbargst dein Angesicht da war ich bestürzt". Unruhiges, überstürztes, hastendes und sprunghaft die Entschlüße, wechselndes Gehaben ist untrügliches Symptom der Goltferne; das Antlitz des Allgütigen ist nicht sichtbar, doch sein Sichfortwenden ist erkennbar an der Bestürzung dessen, dem es geschieht. Ruhe und Gelassenheit sind Widerschein des göttlichen Blickes, der seinen Getreuen zugewandt ist. Jeden gewöhnlichen Wennun vernichtet die Bestürzung, die durch das Sichsortwenden des Antlitzes Gottes entsteht. Den Propheten aber rettet dieses Sichrvegwenden, denn es schenkt ihm die notwendige Bestürzung, die seinen Geist von jenen Pforten abprallen läßt, hinter die ihm nicht lebend zu bl'cken gegeben ist. Als nun Mosche am feurigen, nickt verbrennenden Dornbüsche bemerkte, daß, als Gott ihn zum ersten Male ries, alle Tore der Einsicht bis auf das letzte sich ihm öffneten, ohne daß Bestürzung ihn befiel, da wußte er. daß seinen Seelenkern das Feuer der Prophetie nicht verzehren kann, daß sein Vordringen in jene allerheiligsten Sphären dem Weltenherrn wohlgefällig war und daß Gott auch bei dieser Nähe ihm nicht sein Antlitz fortwandte Uö» i'is Tnon S^I; da übermannte ihn, den Gottnahen. die angeborene Demut inon Tti* D’p^sn s st ’2 und da verbarg Mosche sein Antlitz, denn er fürchtete sich, zu Gott zu blicken». — (Ex. 3,6) 2. Als eigentliches äußerliches Beweismittel, an welchem wir die besondere Göttlichkeit der Sendung Mosche zu erkennen haben, betrachtet 'nun Maim. (das. VIII 1—3) nicht die großen Zeichen und Wunder, die er getan, sondern einzig und allein die Offenbarung am Berge Sinaj. Er weist dort nach, daß jedes der Wunder einem besonderen Ziele diente, das aber mit eigentlichem Beweise für die Göttlichkeit der Sendung des Mosche nichts zu tun hat. »Den Stein spaltete Mosche, um das Volk zu tränken, und die Rotte Korachs verschlang die Erde, weil sie ihn geleugnet hatten"- Es ist auffällig, daß Maim. diese Ansicht auch betreffs der Errettung am Schilfmeer aufrechterhält, von der es (Ex. 14,31) doch heißt: „Sie glaubten an Gott und an Mofche, seinen Diener,,, — und sogar betreffs derKorachs-Empörung, deren Strafe die Thora doch (Rum. 16,29) selber als von Mosche erbetenes Gottes-Urteil bezeichnet. Das Stehen des Volkes am Berge Sinaj, wo wir mit eigenen Augen und Ohren wahrgenommen, wie Gott dem Mosche aufgetragen, was er uns zu gebieten habe, betrachtet Maim. eben als den einzigen Beweis, der unsere Väter völlig und für die Dauer von der Wahrheit der Sendung des Mosche überführt hat. wie es heißt (Ex. 19,9): „Siöhe, ich komme zu dir im Wolkendickicht, damit das Volk höre, wenn ich mit dir rede und auch an dich ewig glaube". Schon bei seiner Berufung nun. meint Maim. (das. 2). habe Mosche deshalb den Auftrag anzunehmen gezögert, weil er aus den Worten (Ex. 3,18) ..sie werden auf deine Siimme hören" er sah, daß das Volk seinen Worten nicht dauern den Glauben schenken werde. Erst als Gott ihm verheißen, diese Zeichen seien nur das vorläufige Erkennungsmittel bis zum Auszugs und bls zum Eintreffen des Volkes am Sinaj, und sogleich nach seinem Eintreffen am Sinaj werde auf diesem Berge ein die letzten Zweifel aus dem Herzen des Volkes beseitigendes „Zeichen etntreffen, nämlich eine allen sichtbare und hörbare, unmißverständliche Offenbarung. — erst da habe er sich freudig dieser Sendung gewidmet. Das alles sieht Maimonides angedeutet in den Worten ldas. 3,12): rnNn sjV nn ns jinasrh onsaa asm ns ^sina “pnrrtw ’d •mn nnn bv '’pVsn „Dies ist das deinem Wunsche genügende Zeichen dafür, daß ich dich gesendet: Wenn du das