Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1928)
- Date
- 1928-12-27
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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fiecausgegeßen iion det Candesorganifafion der Jlgudas-Jisrocl in Deut fehl and. Jahrgang Hamburg, 27. Dezember {$28 / \%. Tebet 5689 Nummer 26 Schriftleitung: Wolf S. Jacobson in Kamburg. Betrachtungen zu den Problemen der zweiten kenejfio gedaulo. Von Dr. Pinchas kohn m Wien. ' 3. Die Kenefsio Gedaulo hat dem Gepräge der Zeit Rechnung zu tragen und muß eine bedeutungsvollen Anregung des ehrwürdigen Oberrabbiners von Zwolle zur Tat werden lassen. Herr Oberrabbiner Hirsch beantragte in der Zentralratssitzung die Schaffung eines Keren Haschabbos. Dieser Anregung liegt etwa folgende Erwägung zu Grunde. Die wirtschaftliche Entfaltung, die man die Amerikanisierung von Handel und Industrie nennt, gestaltet das Sabbatproblem immer schwieriger, namentlich für junge Leute, die in das Wirtschaftsleben eintreten. Die Selbständigrnachung ist bei dem heutigen Kapitalschwund nur in den seltensten Fällen möglich. Wenn irgendwo, so ist hier eine Zusammenfassung der Kräfte der Orthodoxie auf Grund einer ernsten Betonung des Solidaritätsgefühls notwendig. Wer die bewegliche Klage der agudistischen Arbeiter in Warschau gelegentlich der jüngsten Tagung der Poale Agudas Jisroel gehört hat, der kann und mag ermessen, welche Versuchung es für junge jüdische Menschen bedeutet, wenn sie sehen, daß selbst orthodoxe Firmenmhaber wahllos auch solche Leute anstellen, denen die Beobachtung des Sabbats zum mindesten gleichgültig ist, während die sabbathaltenden Arbeiter selbstlos hungern und darben. Wenn nun einzelne Chefs sagen — wir glauben es nicht — daß die sabbathaltenden jungen Kräfte nicht so tüchtig seien, so erwächst der gesamten Orthodoxie, die Aufgabe, m großen Zentren Handelslehranstalten zu errichten, die den jungen Leuten die gleichwertige Ausbildung ermöglichen. Eine solche Lehranstalt muß nicht nach philantropischem System errichtet werden, sie muß sich selbst erhalten und sie würde es auch. Damit wäre zunächst einmal die oben skizzierte Behauptung von Firmeninhabern zu widerlegen. Es wird ja zurzeit ferner eine Zentralisierung der Stellenvermittlung in die Wege geleitet. Das genügt nicht. Die Kenessio Gedaulo muß, wie bereits oben erwähnt, das Solidaritätsgefühl der Firmeninhaber erwecken, sie muß aber gleichzeitig auch es verstehen, den Angestellten klarzulegen, daß, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der Natur der Sache nach auch ihre Chefs eine gewisse wirtschaftliche Schwäche haben. Es müßte, um einmal einen großzügigen Plan darzulegen, eine weltumspannende Gewerkschaft der Sabbathalter geschaffen werden, die, vielleicht einmal beispielgebend für die ganze Welt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer umfaßt und einen Interessenausgleich anstrebt. Es kann füglich orthodoxen Kreisen nicht allzu schwer sein, sich auch das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern nach den Prinzipien der Thora auszudenken und. zu gestalten. Wenn man ferner, man kann das nicht genug unterstreichen, von jedem philantropischen Einschlag absehen wollte, so wäre es eben nicht sehr schwer, eine Bank zu gründen, die nach rein kaufmännischen Grundsätzen arbeitet, Krediterleichterung aber nur jenen Persönlichkeiten gewährt, die dieser Gewerkschaft angehören und sich ihren Satzungen fügen. Dieser Bank wäre es vielleicht möglich eine Erwerbsform zu retten, die wenigstens, auch draußen in der großen Welt, mindestens noch für die Dauer eines Menschenalters Existenzmöglichchkeiten bietet; daß ist das Kleinhandwerk und der Kleinkaufmann an kleineren Plätzem Die Satzungen dieser Gewerkschaft müßten von dem Rabbinischen Rat, die Satzung der Bank von der Finanz-Kommission des G. A. vorgeprüft werden. Würde die Kenessio Gedaulo diese beiden Institutionen ins Leben rufen, so hätte sie ein Großes getan. Wir unterbreiten diese Vorschläge schon jetzt der Öffentlichkeit, damit die Diskussion einsetzen kann. Gleichzeitig ist andie verantwortlichen Stellen ein Appell zu richten, diese Vorschläge einer genauesten Erwägung zu würdigen. Daneben jedoch erwächst der Orthodoxie, und damit auch der Kenessio Gedaulo eine Aufgabe von unendlicher Tragweite, die auch nur nach Umrissen zu zeichnen unendlich schwer ist, denn füglich darf man nicht übersehen, daß die ganze Auffassung des Sabbatproblems bedingt ist, durch die Einstellung des Denkens; ist die Einstellung eine so einseitig wirtschaftliche, wie sie heutzutage fast alle Menschen beherrscht, so wächst natürlich die Was Agudas Jisroel für Thora pflege leistet. Es besuchen das agudistische Schulwerk 1500 Kinder 20000Schfiler Bais Jakob | Deutschland Jessoda Hatora m. Polen Erez Jisroel 15000 Schülerinnen . 1000 T. T.-Kinder Kompliziertheit ins Ungeheuerliche. Es müßte also, um radikal zu wirken, eine vollkommene Umstellung der Denkrichtung versucht werden. Wir täuschen uns darüber nicht: an dieser Aufgabe arbeiten die Besten in der ganzen Welt, arbeiten vor allen Dingen jene, wleche in der Jugend eine ideelle Geistesrichtung in sich ausgenommen haben und an deren Untergang und Fiasko nicht glauben wollen. Wir sind nicht vermessen, wenn wir behaupten, daß eine Besinnung der Orthodoxie auf sich selbst diesen Kämpfern allüberall aus den ganzen Erdenrund eine wertvolle Hilfe leisten würde. Es wäre, um einmal einen Ausflug in ein anderes Gebiet zu machen, ein grandioses Bild des Kampfes zwischen den Menschen der Bibel und den Menschen um Nietzsche. Nun können bekanntlich Ideen am klarsten und besten in der Form der Kontrastwirkung herausgearbeitet werden. Nirgend ist der Gegensatz zwischen grobem Nationalismus und feinem Idealismus so klar darzustellen wie am Sabbat. So sollte denneine Kundgebung der Orthodoxie für den Sabbat, gestützt von materiellen Maßnahmen, den vorläufig noch so schmalen Weg angeben, der zu ideeller Einstellung des Gedankens führt. Umfaßt Keren Hathora die thoralehrende, so hat Heren Haschabbos zu umfassen die thoralebende Judenheit. Es ist undenkbar, daß eine große, geistvolle, von Wahrheitsliebe getragene Manifestation der gesamten Orthodoxie nicht unendlich viele veranlassen würde, , an eine Revision ihrer Gedankenrichtung zu gehen. Um aber wirksam zu sein, müßte diese Manifestation, die sich an die gesamte jüdische Welt wendet eine klare, in jedem Wort durchdachte Gegenüberstellung dieser beiden Denkrichtungenim Geiste und Lichte der Thora bieten. So könnte die Kenessio Gedaulo auch zeigen, was wahre Wissenschaft des Judentums ist. Man sage nicht, daß all das, was in den obigen Ausführungen vorgeschlagen ist, eine zu starke Beladung eines Kongresses und zum Teil verstiegene Jdeengebilde darstellt. Wenn die Orthodoxie nach einem so relativ langen Zeitraum wieder einmal eine' Heerschau hält, so muß sie eben versuchen, den ganzen Inhalt der Zeit zu beeinflussen. Richtig vorbereitet und richtig geleitet, kann eine solche Kenessio Gedaulo von epochaler Bedeutung sein. Dann und nur dann hat sie ihren Zweck erfüllt. Kann auch ein Geseheskreuer Mitglied des neutralen Jugendverbandes sein? Unwillkürlich lesen wir diese Frage aus dem Artikel von W. I. I. in Nr. 15 der Beilage des „Israelit", die er mit folgendem Satz zu lösen glaubt: „Wir meinen, daß hier viel Kraft sich vergeblich müht, viel guter Wille umsonst am Werke ist." Wäre diese Behauptung in diesem Artikel auch bewiesen, so würde sicher ein großer Teil der im V. I. I. D. zusammengeschlossener, hoffnungsfreudiger Mitarbeiter, entmutigt einem solchen Gebilde den Rücken kehren. Wenn jedoe, diese Meinung nur eine Meinung bleibt, so ist es eine ebensolche Pflicht die Entwicklung abzuwarten und weiter zu arbeiten. Erst wenn man einsieht, daß tatsächlich viel Kraft umsonst verbraucht wird, erst wenn man einsieht, daß für uns kein Platz mehr m diesem Bunde ist, daß ch unsere Wege trennen, dürfen wir umkehren. Es ist mir unverständlich, daß gerade von orthodoxer Seite die Behauptung aufgestellt wird, daß der 8 2 der Verbandssatzungen eine Neutralität des Verbandes ausschließt. Für sie müßte es eine Selbstverständlichkeit sein, daß in einem jüdischen Verein nichts geschieht, was gegen das Religionsgesetz verstößt. Dieser Paragraph darf nicht nur ein Lockvogel für die Religiösen sein, sondern er muß auch nach außen hin die jüdische Grundlage denen gegenüber dokumentieren, die daran zweifeln. Auch will es mir nicht verständlich werden, daß man von uns glaubt, wir wollten uns hier zu neutralen Menschen erziehen lassen. Mit Händen und Füßen würden wir uns gegen einen solchen Versuch wehren. Im Gegenteil, wer mit überzeugt religiöser Einstellung in einem solchen- Verein mitarbeitet, wird, ob er will oder nicht, viel mehr zur Verteidigung seines Standpunktes herausgefordert. Er muß sich viel häufiger mit seiner