Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1928)
- Date
- 1928-12-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 51 Der Israelit 20 Dezember 1928 und Vortriebs,Geschwindigkeiten" von 1 bis Meter (Meter, nicht Kilometer!) im Jahre waren an der Tagesordnung. Die Zeit spielte allerdings im Altertum nicht die Rolle, die sie in unserem schnellebigen Zeitalter spielt, und auch die Arbeiterfrage war leichter zu lösen. Für den damaligen Techniker bestand aber die schwerste Aufgabe in der Festsetzung und Einhaltung der Stollenrichtung, wenn beide Endpunkte — Ein gang und Ausgang — durch Berge und über sichtlicke Gelände getrennt waren, wie dies bei dem Siloäh-Stollen der Fall war. Heute würde jeder Schüler, einer technischen Hochschule diese Ausgabe mit Hilfe der Magnetnadel oder des Theodoliten mehr oder weniger zufriedenstellend lösen. Diese Hilfsmittel aber und sehr wahr scheinlich auch der größte Teil der Markscheide kunst waren noch unbekannt. Wenn man aber bedenkt, daß der Siloah-Stollen eine Länge von 533 Meter, eine Breite von 60 bis 80 Meter und eine Höhe von 1,80 Meter am nördlichen Ausgang (in der Mitte des Stollens nur ca 45 Zentimeter) ausweist und daß beide Bohr Mannschaften mit lin.er für damalige Begriffe fast mathematischen Sicherheit aufeinander trafen, dann können wir es verstehen, daß der feierliche Augenblick, an welchem die, Steinhauer auseinander entgegen schlugen, Hacke und Hacke für würdig befunden wurde, der Nachwelt über' liefert zu werden. Der von Guthe .aufgenommene- Plan dieses noch sehr gut erhaltenen Stollens zeigt uns deutlich die Stelle des Zusammentreffens. An diesem Orte verläuft nämlich der Stollen etwas unregelmäßig. Es wurde bald nach rechts, bald nach links abgebogen. Man sieht jetzt noch förmlich wie die Linienführung auf Grund neuer Messungen geändert wurde. Daß es sich tatsächlich um Messungen und nicht etwa nur um Abklopffeststellungen handeln kann, geht aus der Länge der betreffenden Strecke hervor. Erst innerhalb der letzten Meter rannten die Messungen mit Hilfe des Schalls korrigiert werden. Wie unsere Väter diese Glanzleistung antiker Feldmeßkunst vollbracht haben, ist ihr Geheimnis geblieben. Neuburger schreibt in seinem besonders lehrreichen Werke „Die Technik des Altertums": Es muß zweifellos als eine Meisterleistung der damaligen Technik bezeichnet werden, einen derartig langen Tunnel, noch dazu gekrümmter Form, von zwei Seiten her in Angriff zu nehmen und die Arbeiten so zu führen, daß die beiden Stollen aufeinander treffen. Eine derartige Arbeit würde heute noch gewisse Schwierigkeiten bieten. Mit welchen Hilfsmitteln die Aufgabe der richtigen Stollenführung damals gelöst wurde, wissen wir leider nicht." Jedenfalls müssen wir vermuten, daß unseren Vorfahren eine Meßapparatur zur Verfügung gestanden hat, die sich von unseren heutigen Winkelmessern nur durch den Grad der Präzision unterscheidet. ' Ob die damals Zweifellos vorhanden gewesene vorbildliche Vermessungswissenschaft auf König Salomo zurückzuführen ist, der sämtliche Wissenszweige seiner Zeit und also sehr wahrscheinlich auch die mit der Astronomie verwandte Topographie gepflegt und gefördert hat, ist eine Frage, die wir nicht entscheiden können. steht jedenfalls fest, daß auch er sich mit der Ausführung zahlreicher künstlicher Bewässerungsanlagen beschäftigt hat, von denen er selbst sagt (Prediger H6): „Ich vollbrachte große Taten: ... Ich legte mir Wasserteiche an, daraus den Wald wachsender Bäume zu tränken." Seine Teiche, die heute noch unter dem Namen-„Salomonische Teiche" benutzt werden, stellen ebenfalls in ihrer Anlage und Ausführung Meisterwerke dar. Es ist an den von diesen Teichen gespeisten Wasserleitungen ganz besonders die Anbringung von Entlüftungsschächten heroorzuheben, die der Entfernung der störenden Luftsäcke innerhalb der Wasserleitung dienen. Solche. Entlüftungsvorrichtungen treten hier überhaupt zum ersten Male auf und sie dienten sehr wahrscheinlich den Römern und Griechen, die sie erst später zur brachten, zum Vorbllde. Solche Reminiszenzen Zeit nicht überflüssig sein! dürften in heutiger Der alle jüdische Friedhof in Köln. Von Dr. 3. Münz in Berlin. Der den Erweiterungsarbeiten auf dem städtischen Gelände „Zum toten Juden" in Köln stieß man vor mehreren Jahren aus den allen jüdischen Friedhof, der wohl im dritten Jahrhundert angelegt wurde und die Gebeine der ältesten Juden in Deutschland, die Ueberreste unserer großen Lehrer, unserer geistigen Ahnen enthält. Den Bemühungen der Kölner Synagogengemeinde ist es nunmehr gelungen, ein geeignetes Gelände in dieser Gegend zu erwerben, auf dem die gesammelten Gebeine beigesetzt wurden. Die Einweihungsfeier dieses Friedhofes ist vor kurzem erfolgt, und nun herrscht tiefes Schweigen an diesem Orte. Die Geschichte erhellt das geheimnisvolle Dunkel, das über dieses Leichenfeld ausgebreitet ist, und erzählt uns von den Männern und Frauen, die in Köln in den längst vergangenen Jahrhunderten gelebt und gewirkt haben und zum Teil als Märtyrer für Gott und seine heilige Lehre gestorben sind. Einige Namen seien hier genannt: Gegen Ende des 9. Jahrhunderts wandsrte Rabbi Amram aus Mainz nach Köln aus und errichtete dort ein Lehrhaus, das bald der Sammelplatz zahlreicher Jünger wurde. R. Amram starb im hohen Alter in Köln und wurde in Mainz begraben; aber seine Schüler lebten und lehrten im Geiste ihres frommen Lehrers fort. Seit jener Zeit war der Ruf der „Weisen Kölns" fest begründet und in schwierigen Fragten wurde ihr Rat in Anspruch genommen,. — Eljakim und dessen Mutter B e l a, M o r d e ch a i und dessen Frau H an na,liehen das jüdische Hospital in Köln erbauen, das zur Aufnahme von Kranken bestimmt war, aber auch den Einheimischen und durchreisenden armen Juden als Wohnstätte diente. Der gelehrte Mar Jsak, der zurzeit des ersten Kreuzzuges aus Köln nicht fliehen konnte oder wollte, wurde von den Wallbrüdern in die Kirche geschleppt und unter martervollen Qualen getötet, als er die Annahme der Taufe verweigerte und sich von dem ihm gereichten Bilde abwendete. Der ramme und durch seine Wohltätigkeit beliebte Gemeindevorsteher Mar Jehuda tötete beim Herannahen der Kreuzfahrer seinen Sohn und dessen Braut und brachte sich selber zum Opfer (1046). Der hochberühmte Tossafist und liturgische Dichter R. Elieser ben Joel rr’ain) wirkte in Köln viele Jahre segensreich und beglückend. Streng und unerbittlich gegen sich selbst, war er milde gegen andere und bewährte sich seinen bedrängten Glaubensbrüdern als ein Helfer und Retter. Als in' Frankfurt a. M. viele Juden eingekerkert wurden, nahm er sich ihrer tatkräftig an und schaffte das Lösegeld für ihre Befreiung herbei. Die schrecklichsten Leiden, die er selber durchzumachen hatte, kommen in seinen Dichtungen und Bußgebeten in erschütternder Weise zum Ausdruck. Die Kümmernisse hatten sein Augenlicht so getrübt, daß er ein Gutachten an seinen großen Schüler und Freund, Jsak Or Sarua diktteren mutzte. Sein gelehrter Bruder R. Uri wurde wie ein Opfertier gebunden und auf einem Holzstoße verbrannt. Ein Vetter und Freund des Erschlagenen verfaßte auf dessen Tod ein Klagelied, welches uns noch erhalten geblieben ist. R. Simon der Fromme aus Trier hielt sich, von einer Reise aus England zurückkehrend, einige Tage in Köln auf und wurde in dem Augenblick als er das Schiff zur Heimreise besteigen wollte, von den Wallbrüdern ergriffen und zur Taufe geführt. Als er sich dem Zwange wiederetzte, hieb man ihm den Kopf ab und steckte denselben auf den Giebel eines Daches, während der Rumpf im Staube der Straße liegen blieb. Erft später gestattete man dem Vorstande der Gemeinde, die Leiche des Ermordeten auf dem Friedhofe zu beerdigen. Der gelehrte Jsak Halevi, der aus Köln nach Altenahr 'ich geflüchtet hatte, wurde von den Kreuzzüglern gemartert und in der Betäubung getauft. Nach der Heilung seiner Wunden begab er sich nach Köln, traf He nötigen Anordnungen und bereitete seinem Leben ein Ende. — Schwere Leiden ergingen auch über die Familie des gefeierten Rabbiners Ascher ben I e ch i e l (Rosch), der mit seinen Söhnen viele Jahre in Köln lebte und dessen Bruder Chaim Mitglied des Rabbi-' nats der Kölner Gemeinde war. R. Ascher wanderte, um den Verfolgungen zu entgehen, nach Spanien aus, mehrere seiner Verwandten büßten in Köln in dieser grausamen Zeit ihr Leben ein. Auch viele Frauen, wie Rebecca, Frau Minna aus Sperer und die Mutter des großen Tossafisten Elieser ben Nathan werden unter den Märtyrern der Kölner Gemeinde genannt. Eine Tragödie der schrecklichsten Art spielte sich im Jahre 1349 in Köln ab. Die ganze jüdische Gemeinde aus mehreren tausend Seelen bestehend, Männer, Weiber und Kinder gäben sich dem Feuertode preis und heiligten als Märtyrer den Namen Gottes. Unter diesen Brandopfern werden genannt: R. Joseph ben Isaak, Joel ben Mordechai, Salomon ben akob und mehrere andere Rabbiner, die durch Ge- Erstgenannte, R. Joseph ben Isaak, war auch als Dichter bekannt. Einmal ruft er in einem innigen, sinnigen Gebete klagend aus: > ' Die Frommen sind dahin! Mit weiser, heiliger Kunde Verstanden sie's. Gebet zn. reih'n mit lauterem Münde. Wir blieben leer und arm, der Leiden sind so viel/ Und weit ist uns entrückt des Hells, der Rettung Ziel: Süß fei Dir mein Gebet, zu meinem Fleh'n Dich wende! O, zähle jedes Wort zu reicher Flehensspende! Sei meine Andacht Dir wie Spende därgereicht! O Gott Jakobs, in Huld fei mir Dein Ohr geneigt. So gelehrt und fromm waren die Männer, so sittlich rein und. edel waren die Frauen^ die in den vergangenen Jahrhunderten in Köln gelebt und auf dem alten wieder aufgefundenen Friedhofe ihre Ruhestätte gefunden haben. Mnt Ehrfurcht blicken wir auf den ältesten jüdischen Friedhof in Köln und fragen uns: 'Sind die dort bestatteten Gebeine. die Ueberrefte jener Gelehrten und Frommen, deren Namen wir genannt haben oder stammen sie aus ihrem nächsten Familienkreise? Tagesereignisse im Jahre 1836-37. Unter den Handschriften der Wiener Kultusgemeinde- Bibliochetbefinden sich hebräische Randnotizen eines Rabbiners zum Kalender 5597, die kürzlich vom Archivar Saul C h ä j e s, in deutscher Uebertragung herausgegeben wurden. Die Notizen erwecken um so mehr Interesse, weil der Schreiber dieser, ein Schüler des Rabbi Moses Sopher (Chaffam Sopher), auch «inen vorzüg-' lichen Kommentar zum religionsphllofophischen Werke aus der spanisch-jüdischen Epoche des R. Jsak Avama, „Akedach Jizchak" genannt, geliefert hat (Preßburg 1849). Es ist dies Rabbiner Ctzajjim Jyfef Pollak aus Trebitsch. Außerdem enthalten die Anmerkungen Pollaks viel Material zur Geschichte der "Juden in Oesterreich und Deutschland. So berschtet der Schreiber im Monate Kislew, daß es in Wien viele Abtrünnige gäbe, nach dem Tode der Eltern ihren Glauben wechselten und der Prediger sich darum nicht kümmere. Ferner heißt es dort, der Wiener Rabbiner Lazar Horwitz (1800 bis 1868) habe zwölf Dukaten erhalten, um für das Seelenheil der Frau Eecilie von Eskeles, Tochter des Daniel Jtzig (Jaffa) aus Berlin, Mischnajoth zu „lernen". Auch weiß der Notizenschreiber zu berichten, daß in England ein Luftschiff erfunden worden wäre, das in drei Tagen von London nach Koblenz fliegt. Im Monat Schewat spaltete sich in Spanien ungefähr eine Meile vom Flusse Minho ein Berg zur Hälfte, aus welchen Oeffnungen viel Wasser, das nach Pech und Schwefel roch, hervorsprudelte, wobei 17 000 Bäume entwurzelt wurden. Am 18. Tebeth hinwiederum kehrte Don Carlos mit seinem Heere aus der belagerten Stadt Bilbao in Spanien zurück. Der Schreiber will in einer Zeitung gelesen haben, daß im Monate Jänner in Syrien ein Erdbeben stattgefunden hätte und die Städte Liberias und Safed zerstört worden wären. Aus den Berichten des Monats Jjar wäre hervorzuheben- Solomon Heine, Onkel des Dichters Heine, gründete eine Kreditkasse in Hamburg mit einer Einlage von hunderttausend Mark Banco, um armen Juden gegen 2 Prozent Zinsen und kleine Rückzahlungsraten Anleihen zu gewähren. Wenn die Juden in Hamburg das Bürgerrecht erhielten, würden auch Nichtjuden von dieser Kasse Kredite erhalten. Ferner wäre hervorzuheben: Die Einwohner der. Gemeinde Proßnitz hätten den Landesrabbiner Mährens denunziert, dieser wäre ein Gegner jedes gebildeten Rabbiners. Der Pester Rabbiner wurde darüber von der Kanzleileitung in Ungarn befragt. Sobald der Preßburger /Oberrabbiner R. Moses Sopher (Chassam Sopher) von der Sache benachrichtigt wurde, ersuchte er mit einem Schreiben den Pester, Rabbiner, daß er über den Landesrabbiner gute Auskunft erteilen möchte. (Dieser Vorfall ist auch in den „Wiener Blättern" 1851, geschildert.) Das schwierigste an der ganzen Arbeit war die Auflösung der hebräischen Abbreviaturen, denn solche werden, wie ich die herausgegebenen Notizen; in deutscher Uebersetzung mit dem Original verglich, nicht einmal in halachischen Werken, wie in den Nesponsen und Dezisionen, gebraucht. Mit Scharfsinn und Kombination löste Chajes diese Abbreviaturen auf und stellte so den Zusammenhang her. Es wäre nur zu wünschen, daß der Herausgeber bald dashebräische Original veröffentlicht. Rabbiner Dr. A. H. Teller-Wien. W. W. in Liöa«. 1.. 3. '929 b"rabtt. Briefkasten. Ihr Abonnement ist bis zum Qualität- Moritz Wolf Zeil 49 Telefon Römer 90 «eramwortllch für den allgemeinen Teil und vo« SeuUiero» S. Schachnowttz, Frankfurt a. Ist.; Inserate i. B : «.Schach» nowitz, ebenda. — Mr die pLdägogtsche Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen (Kt. Offenbach). — Berlag .Israelit", G.m.b.tz., Frankfurt a.M. — Drück Sermon Berlag«» Aktiengesellschaft, Frankfurt <*.8».