Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1928)
- Date
- 1928-12-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450545--75598-2533129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die amerikanische Erbschaft. Ein Lodz er Monolo g. /Kein Mensch entgeht seinem Schicksal. Was kommen soll, kommt. Du kannst dich dagegen wehren, so viel du willst. Wie Ihr mich kennt, bin ich lein vorsichtiger, bedachtsamer Mann. Eile ist vom Satan. Ich setze mich in kein Flugzeug und. fahre nicht im Auto. Ich besuche keine Wahlversammlungen und umgehe in weitem Bogen Straßenansammlungen und Kanalisationsarbeiten. Ich bin von Natur aus ein ruhiger, etwas furchtsamer Mensch. Aber was kommen soll, kommt. Zeitung kann man doch nicht entbehren, und so kam das Unheil aus der^Zeitung. . Wenn morgens die Zeitung ins Haus kommt, so sucht und findet jeder das feinige. Ich lese die Politik, die letzten Neuigkeiten, meine Frau sieht rasch nach, wer gestorben und geboren sei und ob sie sich im Roman gefunden haben, meine Töchter lesen den Strafprozeß und mein Sohn studiert die Sportnachrichten. Jeder kommt auf seine Rechnung. Aber an einem Abend weckt mich meine Frau mit dem Zeitungsblatt in der Hand mitten aus der Politik heraus, als stände das Haus in Flammen. „Mendel", schreit sie und ihre Stimme zittert vor Erregung, „Mendel, Mendele!" Mit diesem „le" belegt sie mich nur, wenn etwas ganz Besonderes im Hause oder in der Welt passiert ist. „Mendele", schreit sie, und ihr Gesicht strahlt und flammt, „weißt Du noch, wie Großmutter '/-HWM^Bruder, der vor einigen» und zwanzig ///I^ahreN' nach Amerika ausgewandert ist, ge- //HeHen.hat?" .'/r;d e r geheißen hat?" sag ich ganz er- . 'staund „Warum soll,ich das nicht wissen? Er HM Mansche Mordche geheißen." „Da haben wirs!", springt meine' Frau auf und drückt mir das Zeitün»gsbtatt vor dile Nase. „Hieb hast Du es, lies säber. Hundert Mfllionenck. . ." EL^flimmeLtEir vord-en Autzen. Ich nehme allb imeineSiNMl/zusammen,uM^ die paar Zellen > - der^WiwGMsi^M erfassest:^ ' | ■ Millionär /HaMWEMDge,^er eitte- Erbsc^ft von hundert :-MilÄmbtt Dollar/MNterkäsierr- HM, Ir'rvyr Hnderlotz und, H^Mgänze WermögM geht an die BerivanM'-Mr^„ - / /; ' „Und was hast Du mit den Millionen des James^Eoolidge zu tun?" frage ich. -,Da kannst Dü noch fragen?" .schreit meine Frau: „Hier steht es doch schwarz auf. weiß. Oder Hat Dir das unverhoffte Glück schon so sehr auf die Sinne geschlagen? ..." „Wie? . ,y, / . . - „Mansche", erklärt meine Frau tief überzeugt und stp-ttxrnd vor glückncher Erregung, „Maüsche heißt, in Amerika J am e s. Weißt Du noch,,wie (-man ihm zu Hause den» Spitznamen „Köletsch" (ein bekanntes Nationylgebäck im Osten, das am Freitag gegessen wird) gab? Aus '„Koletfch^' ist nun C o o l i d g e geworden. Also.war es kein anderer als Mansche Koletsch, Großmutter Zippes - Bruder. Cr ist vor zwanzig Jahren nach Amerika gegangen und keiner. HöMe mehr was. von ihm. Er ist tMmMMe! hundert Millionen' gehören uns, "nicht einen Pfennig lasse ich mir davon abhandeln." Kurz und gut, meine Frau hatte recht. Sie hat immer recht, ich gebe klein bei, bin mit allem einverstanden. Und nun verwandelte sich unser Haus in eine Herberge, in einen Jahrmarkt, in eine Hölle. Verwandte zweiten, dritten bis zehnten Gliedes meldeten sich von allen Seiten und pilgerteni in hellen Scharen in unser Haus. Familienweise kamen sie von der Provinz, aus Stadt- und Dorf mit ihren Familienpapieren, mit Paß und Matrikel, mit Zeugnissen von Dorfältesten und Rabbinern, um ihre Verwandtschaft anzumelden. Eine alte Frau brachte ein Schreiben mit hundert Unterschriften. Andere hatten Photographien, zerfetzte und gut gefettete Schriftstücke aus dem Nachlaß verstorbener Ahnen. Alle wollten sie teil an der amerikanischen Erbschaft haben. Man hielt regelrechte Versammlungen ab, stritt und verhandelte und rechnete aus, wie viel von der Riesensumme auf die Familie, auf den Kopf kommen würde. Me Werber schrieen durcheinander, die Männer wurden brutal. Andere, denen das Glück zu Kopf gestiegen war, pfiffen, sangen, tanzten. Männer der Klaus und von „frommen Vereinen" kamen und wollten schon im voraus ihren Obolus. Es war das reinste Bienenhaus., - Mit jedem Abend vergrößerte sich der Kreis der Anwärter. Man schrie und trank Tee, verbrauchte ungeheure Mengen Zucker, und e i n Samowar nach dem anderen wurde geleert. Alle Schränke und Schubladen« füllten sich mit alten schmierigen Schriften. Briefe und Depeschen kamen von allen Seiten. Ich machte keine Geschäfte mehr, meine Frau dachte gar nicht daran, in die Küche zu gehen, um das Mittagessen zu bereiten. Hatte meine Frau eine ruhige Stunde, dann disponierte sie über die Millionen. Keine und keiner wurde vergessen«. Sogar die alte Dienstmagd sollte ihre Treue belohnt sehen. Als mir nun die Sache zu bunt wurde und ich einsah, daß ich in Erwartung der Millionen aus Amerika inzwischen an den Bettelstab gelange, durch das Nichtstun, durch die ungeheuren Ausgaben für Tee, Zucker,. Porto und Briefpapier, beschloß ich, ein Ende zu machen und koste es was wolle. ' . Ich eröffnete Meiner Frau, daß es nun« genug fei und ich aus dem Hause gehe, wenn der Rummel nicht endlich aufhöre. Sie lachte nur und meinte mitleidig, das werde sich schon geben'... Das große Glück fei mir zu Köpf geMgen und Habe meine Sinne verwirrH'd^üe^MU^I'V was-gefaßter .7 . d Md Ms'Ende der SacheL mm* » nur eines zu sehen pHekomcken wie HrMMan Murre eme Depesche''an eincgi BrooklWr Udvokabm. Dies er vMahgte, telegraphisch einen rKontobetratz und telegraphierte, er werde suchen und forschen, so weit seine Kraft reiche, Die Korrespondenz zwischen Brooklyn und Lodz blühte.. Inzwischen erhielt der tüchtige Advokat noch einen» Vorschuß und noch einem!» Endlich kam diese Woche die Erlösung. Im Briefe aus Brooklyn heißt es: ,-James Coolidge, früher Siegfried Gleiwitz, ist 1840 m Brooklyn geborenevangelischer Religion, war nie in Polen und hat sein ganzem Vermögen der Stadt vermacht:" Nun halft ich Ruhe. Von der Stunde ab läßt sich keiner von den Verwandten» mehr blickend All die fettigen und schmierigen Papiere konnten aus Schrank und Schübläden, in den Ofen wandern. Ich kann wieder arbeiten und esien, bin wieder Mensch unter Menschen. Und wem-hatte ich all das Unheil zu verdanken»? Mem anders als; der Zeitung, der ZeftuNg mit ihrem James und ihrem Esolid g e, mit ihrer Erbschaft und chren Millionen. u Dr. 51 H 1928 Eine technische Grotzleistuvg in der jüdischen Vergangenheit. Don Dipl. Berg-Ingenieur Felix Goldschmidt» Berlin-Zürich. Im Jahre 1888 entdeckten Kinder, die in der bei Jerusalem gelegenen Siloah-Qüelle badeten, eine verhältnismäßig gut erhaltene Steintafel. Diese Tafel war mit alten Schriftzeichen bedeckt, deren Entzifferung den hinzugezogenen Archäologen große Mühe verursachte. Es stellte sich nämlich heraus, daß die Tafel aus der Zeit des jüdischen Königs Hiskia (3035 bis 3093 n. E. d. W., ca. 670 v. d. g. Z.) stammte und daß die Inschrift einen althebräischen technischen Bericht aus der Zeit Hiskias darstellte. Texte religiösen oder allgemeinen Inhalts hätten sich ohne Schwierigkeiten übersetzen lassen. Bon der Sprache des altjüdischen Technikers ist uns aber nur wenig überliefert worden;, außerdem enthielt die Tafel zahlreiche verwitterte Stellen und sonstige Lücken, so daß die Uebersetzung folgende unvollständige Sätze ergab' (nach Gut h e, Ausgrabungen bei Jerusalem, Zeitschrift des deutschen Palästinavereins, Bd. 5): . . Als noch drei Ellen oorzutreiben. waren, vernahm man in'dem einen Stollen die Stimme eines Arbeiters aus dem andern Stollen, der den andern rief... Und am Tage des Durchbruches, da schlugen die Stein- Hauer aufeinander entgegen, Hacke auf.Hacke. Da flössen die Wasser von der Stollenmündung aus in den Teich, 1200 Ellen weit. Die Höhe des Felsens über dem Kopfe der Stollenarbeiter war um 100 Ellen . . ." Es handelt sich um einen unterirdischen Stollen, den König Hiskia anlegen ließ, um die Wasserversorgung Jerusalems, die anscheinend immer große Schwierigkeiten verursachte, sicher zu stellen. , Zu seiner Zeit bestanden schon mehrere Wasserleitungen, die zum Teil von König Salomon ausgeführt waren und die sogar derart zweckmäßig angelegt wurden/ daß sie heute noch verschiedene Viertel der Stadt mit Wasser versorgen. Sie reichten aber nicht aus. Die schon, damals bekannte „Flucht nach der Großstadt" verlangte größere Wasierzüfuhren. Heute, im Zeitalter der. elektrischen Pumpen, der eisenbetonierten Druckleitungen und der Tiefbrunnenbohrer, bildet dieses Problem den meisten Stadtverwaltungen nicht geringe Kopfzerbrechen. Man kann sich also leicht vorstellen, welchen fast unüberwindlichen Schwierigk^ten die damMgen Stadtväter und Könige gegMÜberstauAn./:Uus vielen GnindeM konnte dch^/AruWyasier herokngeholt werden, Brunnen kostnteMi nur /bis zu seiner -bestimmten Tieft-/ gebührt/ wMen. . Streß man auf Waffer, dann/ stanhM/^',nMyvprsinMütliche^IöpUwerke uyd FäsieriSchöpfwerke zur^-Herfugung,! hie für kleinereiN-i örtlicßöi-Bedürfnisse -iaunt' chusreichten. Die einzige ' Möglichkeit, Wasser m größeren Mengen heranzuschaffen, bestand in der ErfasiuNg von Quellen oder in 'der Ableitung von Flußwasser. Aber auch dieser Weg war nur möglich, wenn...ein natürliches Gefälle bis zur Verbrauchsstelle vorhanden war, denn Pumpstationen standen selbstverständlich nicht zur Verfügung. Unter möglichster Ausnutzung der' Bodenbeschaffenheit wurden Kanäle angelegt, Täler und sonstige Bodenvertiefungen wurden mit kunstvollen Aquädukten, überbrückt und, wenn Hügel oder Berge den Weg versperrten, bohrten' bereits damals/die Wafserbautechniker regelrechte Tunnels. Bon den Schwierigkeiten-, die bei der Herstellung solcher Tunnels in früherer Zeit überwunden werden Mußten, können wir uns heute kaum einen Begriff machen. Dynamit und andere Sprengstoffe, Bohrstähle, Bohrmaschinen, Entlüftungsanlagen, Fördereinrichtungen und tausend andere Hilfsmittel, die heute eine Selbstverständlichkeit geworden sind, standen damals nicht zur Verfügung. In mühseliger Steinmetzarbeit mußte das Gestein abgemeißelt werden