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Der Israelit · 1928-12-13 · Heft 50 (13.12.1928) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 50 (13.12.1928)
Date
1928-12-13
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Sette 2 Nr. 25 Der 3 ata ei ti Statt er 13. Dezember 1828 Betrachtungen zu den Problemen der zweiten Kenejfio Gedaulo. Von Dr. ^inchas Kogn in Wien. 1. Nachdem es nunmehr klar geworden ist, daß nicht nur der Geschäftsführende Ausschuß zur zweiten Kenessio Gedaulo ruft, sondern daß auch in allen Landesdelegiertenversammlungen 'das lebhafte Verlangen nach einer Kenessio Gedaulo sich äußerte, dürfte es an der Zeit fein, mit der journalistischen Vorbereitung für dieses Ereignis zu beginnen. Es kann, wird und muß die Kenessio Gedaulo eine dreifache Rechenschaft ablegen: 1. eine solche der Führer der Aguda gegenüber ihren Mitgliedern, 2. eine solche der Mitglieder gegenüber der Führung, 3. eine solche der Aguda gegenüber der jüdischen Welt. Während die beiden ersten Punkte mehr internen Charakters sind, dürfte der letztgenannte Punkt das größte Interesse der weitesten jüdischen Oeffentlichkeit beanspruchen, daher ist es angebracht, zuerst einmal von diesem Gesichtspunkte aus zu sprechen. Was wollte die Aguda? Sie stellt zweifelsohne den Versuch dar, das historische Judentum, wie es sich in fast 2000jährigem Exil bewährt hat, darzustellen und zu erweisen, daß die Judenheit auch dann mit dem in dieser Zeit geschaffenen Rüstzeug genügend ausgestattet fei, wenn ihm geschichtlich wieder eine andere Form, die der Bodenständigkeit der äußeren Lebensverhältnisse und Kulturbedingungen, durch eine besondere Gnade des Allmächtigen wiedergegeben wird. Nun ist es zweifelsohne, daß feit der jüngsten Kenessio Gedaulo das Ferment dieses historischen Judentums bedeutend wieder an Terrain gewonnen hat. Es gibt schlechterdings heute kaum eine Organisation, die sich jüdisch nennt und nicht zugesteht, daß auch das Volksschicksal des jüdischen Individuums von der Einstellung zur Religion abhängig ist. Das ist die geschichtlich noch mcht genug gewürdigte, beste Widerlegung des einst so frevelhaft geprägten Grundsatzes, daß die Religion Privatfäche fei und infolge dessen in den großen - Gemeinschaftsbildungen einen Platz nicht beanspruchen könne. Man wird natürlich niemals feststellen können, wieweit das Verdienst dieser Umstellung auf das Konto der Agudas Jisroel zu setzen ist, aber jedenfalls hat sie den Beweis erbracht, daß über den Rahmen des Zweckverbande.s der örtlichen Gemeinde hinaus die Traditionstreue gemeinschaftsbildend wirkt, den Rahmen einer Gemeinschaft im vollen Umfange ausfüllt und diese Gemeinschaft befähigt, alle Aufgaben der Gesamtheit in Angriff zu nehmen und die Perspektiven einer Lösung zu zeichnen. Es hat sich wohl infolgedessen etwas ganz Merkwürdiges ereignet. Die gange Welt nimmt davon Abstand, die Orthodoxie als eine Weltanschauungserscheinung von einzelnen Menschen zu betrachten, man faßt vielmehr die Orthodoxie heutzutage nur als Gemeinschaft auf. Daher kommt es, daß alles, was im orthodoxen Lager vorgeht, als eine Tat oder eine Unterlassung der Aguda angesehen und bezeichnet wird. Das mag gut sein oder nicht, das mag in einzelnen Fällen den Tatsachen entsprechen oder nicht, das Verhältnis selbst steht fest und kann nicht wegdiskutiert werden. Vielleicht ist das der größte Fortschritt, welcher der Aguda zu danken ist, und es bedarf nicht vieler Worte um darzulegen, welche ungeheure Verantwortlichkeiten sich aus diesem Verhältnis ergeben. Von der zweiten Kenessio Gedaulo wird Rechenschaft darüber verlangt werden, wieweit die Aguda sich dieser Verantwortlichkeit bewußt war, und wie sie ihr gerecht worden ist, ob der Rahmen, den die erste Kenessio Gedaulo geformt hat, diesen Anforderungen genügt und welche .Versuche gemacht worden sind, diesen Rahmen zu erweitern. Vom geschichtlichen Standpunkte aus ist ferner als etwas Großes der Versuch der Agudas Jisroel zu werten, der Gesamtheit eine s i ch t b a.r e A u t o r i t ä t zu geben. Gewiß, wir wissen,' daß eine Parallele zwischen dem Synhedrion alter Zeiten und dem Rabbinischen Rat der Agudas Jisroel von Uebel wäre, und gerade von den Mitgliedern dieses Rabbinischen Rates am übelsten empfunden würde, aber der Werdegang dieser Erscheinung liegt klar vor Äugen. Der Beginn des 26. Jahrhunderts hatte keine solche ragende Größe mehr erzeugt, die ohne weiteres als Autorität von allen Kreisen Anerkennung finden konnte. Das lag zum Teil auch daran, daß kaum Persönlichkeiten vorhanden waren, welche in sich den- Beruf fühlten, eine solche Autorität zu sein. Es ist klar, daß es der Gesamtheit schwer ist, solche Führernatur-en zu finden, selbst für die engeren Zirkel einer' Gemeinde. Außerdem — warum es leugnen? — der Zusammenhang mit einem die Autorität verkörpernden Menschen ist so schwach und lose geworden, daß es die Autoritätspersonen eines engeren Kreises mindern und herabsetzen müßte, wenn die Anerkennung von Autoritätspersonen eines großen Teiles, um nicht zu sagen der Gesamtheit gegeben und gefordert würde. Es fehlt also einerseits vielleicht an geeigneten Persönlichkeiten, anderer seits jedoch sicher an einer Generation, welche gewillt wären, sichtbare Autoritäten zu schaffen und anzuerkennen. Deshalb ging es nach der ersten Kenessio Gedaulo wie ein Aufatmen der Erlösung durch den größten Teil der jüdischen Welt, als man von dem grandiosen Wagnis hörte, diesen Mißstand korrigieren zu wollen. Man wollte, um es kurz zu sagen in der Zusammenfassung der Autoritäten kleiner Kreise eine Autorität für den großen Kreis schaffen. Solche geschichtliche Prozesse pflegen sich nur langsam durchzusetzen, aber immerhin wird die zweite Kenessio Gedaulo.auch darüber Rechenschaft fordern, wieweit der Versuch fortgeschritten ist-und wieweit es ihm gelungen ist, 'die oben geschilderten Lücken auszufüllen. Das ist eine Frage, sowohl an die Schöpfer dieser Autorität als auch an diese Autorität selbst. 2. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Kultur frage innerhalb der traditionstreuen Kreise - zu einer Art Schibolet ausgewachsen. Es hat sich jede Nuance, in den meisten Fällen nach! Ländern " abgegrenzt, ihr eigenes Prinzip zu schaffen und war und ist ängstlich bemüht, ihren Besitzstand zu wahren. Natürlich kann man nirgends von Kulturfeindlichkeit sprechen, sondern das Ganze hat sich eigeengt auf die Frage der Erziehung. Nun schwebte und schwebt in vielen Kreisen die Besorgnis, daß eine Annäherung an einen Kreis mit anderen Erziehungsidealer das eigene Erziehungsideal empfindlich stören Und treffen könnte. Aus dieser Besorgnis heraus erwuchs die geradezu ängstliche Betonung , der Autonomie der einzelnen Aguda- Provinzen, erwuchs ferner die offene oder verhüllte Opposition von rechts aus traditionstreuesten Kreisen gegen die Aguda. Dazu kommt noch ein Zweites: Die demokratische Entwicklung fast aller Länder zwang die Jugend, eher als bisher in das staatspolitische Leben einzutreten: in Ländern mit großen jüdischen Siedlungen ergeben sich dabei komplizierte Fragen, welche zur selbstverständlichen Folge haben, daß auch in politischer Beziehung die Autonomie der Landesorganisation absolut Unberührt hleiben mußte. Nun ist es psychologisch klar, daß'wenn in zwei so wichtigen Punkten — der Gegenwartsfrage in bezug auf Politik und der Zukunftsfrage m bezug auf Erziehung — die einzelnen Aguda-Provinzen in unantastbarer Selbstständigkeit arbeiten, der zentrale Gedanke Not leidet. Darin, haben es alle anderen Organisationen leichter, die all diese Hemmungen nicht kennen und auch für diese beiden Fragen mehr oder weniger bindende Weisungen von zentraler Stelle aus hinausgeben, freilich auch zum größten Teil die finanziellen Bedürfnisse von einer gemeinsamen, Stelle aus decken. Ist der zweiten Kenessio Gedaulo wird in Beratung / darüber einzutreten fein, welche Maßregeln' ergriffen 'werden können, um einen strafferen Zusammenhang zwischen dem von der Kenessio Gedaulo geschaffenen Mittelpunktder Bewegung und den einzelnen Gliedern herzustelleni ist,- sowohl in ideeller, wie in materieller Beziehung: Die ethischen Grundlagen hierfür, stehen fest. Es ist die Tatsache der gegenseitigen Verantwortlichkeit aller Glieder der jüdischen Gesamtheit,, die sich auswirken muß. Dabei wissen die einzelnen Länder ganz genau, daß die Stoßkraft der Orthodoxie wesentlich davon abhängt, daß sie wirklich als Teil einer Weltanschauungsgemeinschaft sich fühlt und betrachtet wird. Heutzutage, da die politischen Niederlagen und Siege irgend eines Gedankens bedingt werden von dem politischen Machtinhalt der dahinter stehenden. Gruppen werden die Länder nicht umhin können, sich Und dem Mittelpunkt der Aguda darüber Rechenschaft abzulegen, was sie zur Stärkung dieses Machtinhaltes geleistet haben. Allerdings kann es ja sein, daß an der Lockerung des Verhältnisses auch die Verfaffu n g der Aguda schuld ist, daß sie mindestens dieser Lockerung Vorschub leistet. An und für sich war der Gedanke sehr plausibel, daß die Führung der Aguda möglichst aus Vertretern aller größeren Aguda-Provinzen zusammengesetzt ist, so daß der G. A. aus. Herren von Polen, Litauen, Slowakei, Rumänien, Schweiz, Frankreich: England, Deutschland, Oesterreich besteht. Außerdem ist Amerika mit einer eigenen Expositur ausgestattet. Auf diese Weise stellt sich die verfassungsmäßige Konstruktion der Aguda dar als eine Dreizahl von Parlamenten: der Kenessio Gedaulv, bestehend aus gewählten Delegierten der Länder, dem Rabbinifchen Rat und dem Zentralrat (etwa 100 Mitglieder aus allen Ländern) gewählt von der Kenessio Gedaulo. Auch der G. A., bestehend aus etwa 30 Herren, ist gewählt von der Kenessio Gedaulo und eigentlich ein kleines Parlament. Es ist klar, daß es bei diesem Aufbau eine eigentliche Regierung nicht gibt. Nun hat man zwar den Ausweg gesucht, daß die drei Vorsitzenden der großen Gruppen des G. A. Frankfurt, Warschau, Wien eine Art Exekutive bilden und daßder Vorsitzende des Vorortes diese Exekutive leitet. Allein bei der geographischen Entfernung dieser drei großen Gruppen hat sich niemals eine reibungslose Führung ermöglichen lassen. Meint man es mit der Aguda gut, so wird man nicht umhin können, die parlamentarische Form, abgesehen vom Rabbmischen Rat, auf die beiden Organe, Kenessio Gedaulo und Zentralrat zu beschränken, dem G.Ä. hingegen eine Form zu geben, welche denselben aktions- und regierungsfähig macht. Hierbei darf allerdings folgendes nicht aus dem Auge gelassen werden; um die Bedeutung des Rabbinischen Rates als der wirklichen souveränen Spitze der Aguda zu betonen und zu unterstreichen, hat die Kenessio Gedaulo der Agudas Jisroel im Jahre 1923, trotz entsprechender Anträge und Forderungen, sich itfc entschließen können, der Aguda einen wirklichen Präsidenten, oder auch nur ein Präsidium zu geben. Das ist ein Gesichtspunkt, den auch die zweite Kenessio Gedaulo nicht aus dem Auge verlieren darf. Es konnte unseres Erachtens nur der eine Auswetz gefunden werden, daß die Kenessio Gedaulo das Vorschlagsrecht, der Räbbinische Rat das Bestimmungsrecht für die Wahl eines exekutiven Präsidiums der Aguda erhält. Dieses Präsidium, wie wir es nun einmal nennen wollen, müßte auch unbeschadet der Zulässigkeit und Notwendigkeit einer Resforteinteilung für die Betreuung der einzelnen Geschäftszweige mehr als bisher den Zusammenhang mit diesen Departements sichern. Die bisherigen Ressorts sind Palästina-Zentrale, deren. Inhalt und Bedeutung wohl einer Erklärung nicht bedarf, die aber bisher sich nur mit-der ökonomischen und kulturellen.Seite der Fürsorge für Palästina zu befassen hat, Keren Häthora, welcher schon mehr eine Synthese zwischen materieller Fürsorge und Geistigkeit darstellt und

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