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Der Israelit · 1928-12-13 · Heft 50 (13.12.1928) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 50 (13.12.1928)
Date
1928-12-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Dr. 50 102$ Feuilleton wzmMfid1 Der Kompagnon. Von Levr Grunwakd (Helder Holland). Uebersetzt von Kreta Shapira-Hrunivatd (Amsterdam). (Schluß.) Elf Uhr. Der Stuhl, auf dem Samuel Cohn saß, ist ihm genommen worden. Laut, mitleidslos spottet der Feldwächter, daß er einen Stuhl zu verkaufen hat, auf dem ein Millionär gesessen hat. „Wer bietet eine Million?" „Eine Mark ist noch viel zu viel!" ruft eine Bäuerin. „Zwanzig Pfennige, zwanzig Pfennige, niemand mehr als zwanzig Pfennige! Ist dieser Stuhl mcht mehr wert als zwanzig Pfennige? Abgemacht!" Und der dicken Bäuerin, die den Stuhl erstanden hat, ruft man zu: „Passe nur auf, daß du nicht durchfällst." Die Bäuerin ist mit ihrem Kauf zufrieden. „Jetzt kommt Nr. 36! Ein Schrank. .Wer gibt etwas für diesen Schrank?" „Ist das Geld von dem Juden in dem Schrank, das Geld von Samuel? Dann will ich bieten. So ist mir der Schrank nur 30 Pfennige wert." „Wer bietet eine Mark für diesen schönen Schrank? Wer bietet mehr als eine Mark, niemand mehr? Glück dann mit dem Ding!" „Jetzt kommt Nr. 37! Was das für ein Ding ist, weiß ich nicht. Es scheint eine Lampe zu sein und zwar aus Kupfer. Etwas für dich, um eine Kerze anzuzünden, wenn du im Schwemestall nach dem Rechten sehen mußt." „Eine Mark," ruft einer. „Nein, für eine Mark geht es nichts Der Lumpenhändler gibt mehr dafür." „Für mein Prunkzimmer will ich das Ding haben, ich biete fünf Mark," ruft eine junge Bäuerin. „Nein, das ist ' auch zu wenig. Wer bietet mehr?, wer bietet mehr?" Die Tür des Autos springt auf, und die Dame und der Herr steigen aus. Noch einmal ruft es: „Wer bietet mehr, wer bietet mehr?" „Ich biete tausend Mark für dieses antike Stück," ruft der fremde Herr. Als ob ein Geist gesprochen hätte, so sehen die iBauern ihn an. Cs wird plötzlich sehr still, „Tausend Mark für diese küpferne Lampe, es fehlt ihm im Oberstübchen. Wer gibt nun soviel Geld für solch ein Ding?" „Na, wenn er es gibt, wird es auch wohl soviel wert sein," sagt ein Bauer, „dann wage ich es auch." 1 „Tausend und eine Mark," ruft er darauf. „Zweitausend Mark," ruft jetzt der Herr beim Auto. „Dreitausend Mark," ruft die Dame. „Die Frau treibt den Preis hinauf, das ist toll." „Niemand mehr als dreitausend Mark?" „Viertausend! " ruft B eb erstein. „Fünftausend!", lacht Sara, und Beberstein wieder: „Zwanlzigtausend!" „Seid Ihr verrückt, wollt Ihr mich vielleicht aufziehen? Ich bin auch Polizist, also aufgepaßt." „Fünfundfünszigtausend!" sagt nun der Herr. „Für fünfundfünszigtausend Mark kaufe ich die Lampe und wenn ich nicht alles bezahle, so können Sie mich, einsperren. Und jetzt aufmarschiert. Man hat hier genug dem edelsten Manne, den ich kenne, zugesetzt. Hier ist ein ^Scheck auf die Bank. Sechzig Mark beträgt die Schuld, also ge¬ >er Israelit hören ihm vierundfünfzig tausend neunhundertvierzig Mark. Stelle die Verkaufsurkunde aus." Und sich an die Bauern und Bäuerinnen wendend: „Es tut mir leid, daß ich so etwas Wertvolles so billig Euch vor der Nase weggenommen habe." Oben, im ganz leeren Zimmer, steht Samuel Cohn. Ihm gegenüber steht seine Frau, die Lieb und Leid mit ihm geteilt hatte. In seinen glücklichen Tagen war sie seine rechte Hand. Im Unglücke war sie, wie es ihr die Pflicht gebot, seine Stütze. Die Tür des Zimmers hat er zugemacht, er will nicht, hören. Er kann das Leid nicht vertragen, daß seine letzten Besitzungen in fremde Hände übergehen. Er will nicht wissen, welcher Bauer seine Menauro gebrauchen wird. Bald wird der Hauseigentümer kommen und ihn ersuchen, das Haus zu verlassen..Wohin? Ein Leben voller Entbehrung, ein Leben von Almosen,. Gott, dann lieber ..." Der Abend kommt, jedoch Samuel Cohn sieht es nicht. Betrübt sagt seine Frau zu ihm: „Gott wird Helsen, Samuel!" „Für mich ist keine Hilfe mehr da. Alles ist mir genommen, nichs habe ich mehr, das mir Freude geben kann. Chanuka! Chanuka!" schreit er wie ein Wahnsinniger. „Chanuka ohne Menauro, ohne Licht, ohne Brochos — ohne ..." Plötzlich klingen Jubeltöne durch das Zimmer, eine hebräische Melodie . . . „Borüch ato ." „Was ist das, was hört er? Ist es ein Traumbild, eine Fata Morgana, das in der elenden Wüste seines Lebens erscheint, um sofort wieder zu verschwinden! Bei der Tür stehen ein Mann und eine Frau. Der Mann hält in der Hand seine Menauro. Ein Kerzchen flimmert. Gott, er ist wahnsinnig, wahnsinnig . . . Sein Geist ist zerrüttet . . . Aber mit Gesichtern voller Freude nähern sich der Mann und die Frau. „Samuel Cohn," spricht der Mann in freundlichem Tone. „Gott hat dich nicht verlassen. Du brauchst nicht von Almosen zu leben ... Du bist wieder reich, reich, weil ich es bin, ich, der ohne dich nichts gewesen sein würde . . . Singe die Chanukabrochos, Samuel Cohn, singe sie laut und froh, lasse die Lichtchen flimmern und funkeln; die Menauro gehört dir, die Chanukakerze gehört dir, denn es ist die letzte aus den vierzehn Schachteln, die du mir einst gegeben hast, um für uns beide damit Handel zu treiben. Darfst dich nicht weigern. Gesetzlich bist du heute in den Besitz des Vermögens gelangt, das dein Eigentum ist. Ich danke Gott, daß er mich vergelten ließ, was du einst für Leo Beberstein getan hast. Leo Beberstein, der dein Kompagnon wurde . . ." In den Armen von Sara Beberstein weint eine Frau Freudentränen. Samuel Cohn und! seine Frau'werden hinausgeführt, wo das Auto wartet. - Dann saust ein Auto mit vier Menschen fort, die freudevoll das Chanukafest feiern — im reichen Patrizierhaufe von Leo Beberstein. Ainderecke. mm? Schlüssel zum Beruf. Von Heinrich Eluslädker. 1. Der weise König Salomo hat es schon niedergeschrieben, daß alles seine bestimmte Zeit hat, und viele Menschen haben die gleiche Erfahrung gemacht. Sogar die Kinder wissen, daß es felbst für jedes Spiel eine besondere Zeit gibt! Im Frühling drehen sie den Kreisel, im Sommer treiben sie den Reif, im Herbst lassen sie den Drachen steigen, und im Winter werfen sie Schneeball. Das Sukkaussest war gerade vorüber, als eine muntere Kinderschar hinauszog vor die Stadt. Einige von ihnen hatten mächtig große Drachen mitgenommen, die aus buntem Papier angefertigt waren, und andere durften den glücklichen Besitzern helfen, die langen! Drachenschweife und die dicken Kordelspulen nachzutragen. Auf einer großen Wiese, die als Spielplatz diente, wurde Halt gemacht, und der erste Windstoß, der nun einsetzte, wurde benutzt, die Drachen fliegen zu lassen. Da gab es ein munteres Treiben. Wie rannten die Knaben, wie freuten sie sich, wenn der Drache sogleich emporstieg! Laute Zurufe und fröhliches Jauchzen erfüllten die Luft. Unter den Kindern war ein Knabe, der ärmlicher gekleidet war als die übrigen. Er hatte kein Spielzeug dabei und begnügte sich eine Weile damit, den anderen zuzuschauen. Aber seine Augen beobachteten dabei alles, was in seinen Gesichtskreis kam. Besonders die Flieger erregten seine Aufmerksamkeit, und er folgte ihnen, soweit er konnte. So kam er schließlich an einen 'Platz, wo große Lastautos das Kehricht abluden, das sie in der Stadt gesammelt hatten. Es waren mächtige Wagen, die an bestimmten Tagen die Straßen durchfuhren, um den Inhalt der großen Hauseimer aufzunehmen, in welche die Einwohner täglich dft.vielerlei Sachen brachten, die für sie wertlos und störend geworden waren. Mit großem Interesse sah Bernhard, wie auf einen Hebeldruck der ganze umfangreiche Oberbau sich bäumte und, sich öffnend, eine Unmenge von Asche, Schutt und Abfällen ausspie. Auch gar viele verdorbene Geräte, bei denen das Ausbessern sich nicht mehr lohnte, befanden sich darunter. Als der Staub sich gelegt hatte, gewahrte Bernhard eine Menge solcher Dinge, die einen Abhang hinunterrollten. Er trat hinzu und sah unter anderem auch manche Sachen, die für einen Jungen noch etwas Anziehendes hatten. Seiner Aufmerksamkeit entging es nicht, als mit vielen anderen Dingen auch Papierketten, verwelkte Blumensträuße und Tannenzweige zum Vorschein kamen. „Aus einer Sukkoh!" rief er laut und trat näher hinzu. Als er eine lange Hagebuttenkette herauszog, da klirrte etwas! Ein Schlüsselbund. — Der kluge Knabe nahm ihn auf und dachte sich sogleich, auf welche Weife die Schlüssel da hineingekommen waren. „Sicher hat die Frau, die die Sukkoh geräumt hat, die haltbaren Ausstattungsgegenstände weggeschlossen und die Schlüssel aus Versehen auf den.Tisch gelegt, auf dem die Papiersachen und Blumen lagen, und mit ihnen sind sie dann ins Kehricht gekommen. Wie werden die Leute nach ihren Schlüsseln suchen!" Sein gutes Herz hätte,.schon gar zu gern den Leuten aus ihrer Verlegenheit geholfen. Wie aber sollte er sie auffinden? „Gewiß waren in dem Eimer, in den diese Sachen geworfen sind, auch noch andere Dinge aus dem gleichen Haushalt", dachte er. „Vielleicht kann ich dadurch einen Anhalt gewinnen." Er suchte nach, und wirklich fand er in der Nähe unter vielen Papierfetzen eine Anzahl Briefumschläge, deren Adressen leserlich waren. Die Namen der Adressaten waren wohl verschieden, aber alle wohnten Lindenstraße 28. Der gescheite Bursche fühlte eine Genugtuung wie ein Detektiv, dem es gelungen ist, auf eine richtige Fährte zu kommen. Er steckte die Schlüssel zu sich und machte sich auf den Weg nach der Lindenstraße.

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