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Der Israelit · 1928-12-13 · Heft 50 (13.12.1928) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 50 (13.12.1928)
Date
1928-12-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V* «r , w, . 13. Dezember 1928 jrdnrfun ß. ocrt 30. Aisiew 5689 Nr 50 Der Israeli Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Wonnement ab Januar 1934: Deutschland 1 Towmmk monatlich: Ausland: Bierteltahrvreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich «osten des Etreifband-Bex kandes) Deutsch-Österreich: Schilling; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreich LS Fr.; Belgien ab 17.27. Belga 5; Hollands fl.; Italien ab 1.1.38.18 Stae; Iugoftawien 55 Di».; Litauen 7.60 Sit; Rumänien ab 1. 7. 37. 160 Lei; Polen 4 deutsche Toldmark zum Tageskurs öder 7 Zloty. Schweiz 5 Fr. Tschecho-Slowakei 35 Kronen; Ungar« Pengö 5 ab I.Juli 1937; Dänemirk 8.60 Krön.;Norwegen3.50 ttron.; Schweden 8.60 «ron. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Toldpf. für die fiebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahle« bei Stellengesuchen und Faunlienanzeigen nur 80Df. Die 76 nun breite Reklamezeile r letzte Tertseite 1.60 Mk., vorletzte Textsette 8.— Mk.; Ehiffregebühr in Höhe eines dopv. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufende« Jnserataufträge« tartfm. Preiserhöhung leben. Vorbehalt. Jnseratenannahme durch de» Berlag des Israelit T. m. b. H., Frankfurt a. SR., Rechnetarabenstraße 7. Tel. Hansa 68A sow. durch sämtl. Ännoncen-Mtped. des In- und Auslands. Alleinige Inseraten«»». fur Franks. Geschäfts«»,.:Jul. SchmidtLangestr.7.H. Tel. Hansa4841. Platzvorlchr.ohneVerbindlichk. Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder^us^Jnseraten^nch^ergebender^ahlungsvn^flichtungen^st^ranl^tt^a^lR^ Die «Probleme der Zeit" und die Zugend. Ein „Offenes Wort" zu den vielen offenen Worten. Zeitprobleme! . . . Vor Jahren sah ich einmal in einer Kunstausstellung ein Meisterbild, überschrieben: „ D i -e e w i g e Beichte". Ein uralter Geistlicher sitzt in seinem Beichtstühle, davor knieend ein junges Weib. Der alte Seelenkenner in stoischer Ruhe, mit einem Lächeln des Wissens und Verzeihens im Gesichte. Er kennt das, seit Jahr und Tag, seit einem Menschenalter, immer das alte Lied . . . Das junge Beichtkind aber mit seinem Leide, sein er Seelennot, als sei so was unerhört und einmalig, sein Fall, mit dem eine Welt, seine Welt unterzugehen drohe ... Wie wichtig sich unsere Zeit mit ihren „neuen" Problemen nimmt! Als hätte nie eine Zeit vorher all das schon empfunden, erlebt und erlitten; als fänden all diese Probleme, denen heute in Literatur, auf der Bühne, im Salon und im Portragssaal das laute" Wort geliehen wird, sticht schon in den alten und ältesten Schriften ihren Ausdruck und Niederschlag; als gäbe es nicht in Thora und Talmud ganze Kapitel, die ohne Scheu, aber mit diskreter Hand dieses Ewigmenschliche anpacken und in den großen Strom des Lebens hinüberlenken, daß es dessen ein integrierender, mitbauender Teil wird! Ein in aller Oeffentlichkeit durchgeführter Prozeß brachte erschütternde Jugendverfehlungen an den Tag, -und die Welt hält den Atem an. Die Zeitungen trugen den Schlamm liebevoll zusammen and häuften ihn zu Berg. Hinterher kamen die Moralisten in Kunst und Literatur und wühlten im Schmutzhaufen nach brauchbarem Material. Und was dabei herauskam, ist ein Bühnenstück, das leider seinen Regisseur gefunden hat und, in Umbiegung des Schillerfchen Wortes von der „moralischen Bühne", die Amorali - t ä t in drastischen, dick aufgetragenen Bildern, als „d i e Krankh e i t der I u g e n> d" Zeigt. Und die Wirkung?- Sie steht im Midrasch für damals und alle Zeiten geschrieben: „Es zeigte sich zunächst nur eine i nziger Frosch in Aegyptens Straßen. Da schlugen sie mit Stöcken und Steinen darauf. Je mehr aber sie darauf einhieben, um so mehr Frösche kamen aus dem Leibe des einen hervor, so daß ganz Mizrajim der ekelhaften Kreatur voll war .. . ." Warum muß man auch in unserem Kreise in Zeitschriften und öffentlichen Versammlungen Probleme, die i m m e r da waren, und mit denen sich eine an jüdischer Lebensanschauung gekräftigte Jugend in stillem Ringen oder in Aussprache mit Lehrer und Freund von Mund zu Mund auseinanderzusetzen wußte, warum muß man diese Fragen vor das Forum der breiten Oeffentlichkeit bringen und so, um den Weg in das Herz Einzelner zu finden, Probleme erst in eine weite Jugend tragen, auf die sie sich, Gott verhüte es, die Antwort von anderer Seite holt oder selber gibt? Warum beachtet man da nicht die klare Mahnung der Mischnaweisen: nmsn p«nn' p« awa nw$r.o kVi nv^V2? Es sei ganz fern von uns, die gute ehrliche Absicht, das sittliche Wollen, das tiefe Mitleiden mit „Jugend in Rot" bei den Jugendführern, die diese Wege einschlagen, irgendwie zu bezweifeln. Es ist höchster sittlicher Wille, frohe Bereitschaft, jungen Menschen in der Rot aller Röte die Bruderhand zu reichen, was sie dazu treibt. Wir möchten sogar noch weiter gehen. Selbst die Männer der großen nichtjüdischen Oeffentlichkeit, die heute, unter stärkstem Proteste des besonnenen Teiles der Bevölkerung, die Weltbretter der Bühne zur Austragung dieser Probleme benutzen, oder wie Viele sagen, mißbrauchen, könnten zum Telle für sich frei nach Talmud den mildernden Umstand in Anspruch nehmen: nrjövjüw 1212N2 trat? öw1?- Vielleicht will Hasenc l e v e r letzten Endes nicht so sehr den Weltenschöpfer verspotten als vielmehr die menschliche G e s e I l - schaft, die glaubt, den Schöpfer und Lenker des Lebens in diesem Leben nicht ernst nehmen zu müssen. Bruckner zeigt schon im Titel seines viel beanstandeten Stückes an, daß er eine „kranke" Jugend vorführen möchte, damit, die andere gesunde. Aber es bleibt doch dabei: die Masse und vor allem die Jugend, an die der Appell gerichtet ist, nicht gewöhnt und. auch nicht geschult, Gedanken zu Ende zu denken, sie sieht und hört, und sie vergißt über dem Gleichnis die moralische Nutzanwendung, sie bleibt bei den Bildern, die durch das offene Tor der Sinne eingehen, und das Tor schließt sich jäh vor dem sittigenden Nachklang, auf den es dem Erzieher, dem Moralisten, vielleicht auch dem Künstler ankommt. Unsere jüdischen Jugendbildner erinnern wir daran, daß in alter kastilischer Zeit die religionsphilosophlfche Methode eines Don Jizchok Abar darr el darob beanstandet wurde, daß sie zuvor hundert Fragen ausstellte, die an die Grundlagen des Glaubens rüttelten, um dann erst an die Antwort heranzugehen; mit dem Erfolge, daß viele der Schüler über die Fragen nicht hinauskamen, bis zur Antwort gar nicht gelangten, sich bald, von Fragen und Zweifeln besessen, die Antwort auf Wegen suchten, die der große Abarbanel gewiß nicht vorausahnen konnte. Soll man aber, hören wir fragen, achtlos an der Not der Jugend vorübergehen, muß man diese in ihrem schweren Ringen sich selbst überlassen, daß sie mit sich allein fertig werde? Und wenn sie nicht fertig wird, was dann? Müßten wir nicht vom Grauen erfaßt werden im Gedanken an die Folgen, an die Zukunft? Dazu sei gesagt: Man ist n i e achtlos an diesen Dingen vorübergegangen, man hatte immer Ohr und Herz für unausgesprochene Pein der jungen Seele, aber man hütete sich vor dem Breittreten und U e b e r t r e i b e n. Es geht in diesem Punkte nicht viel anders, als in Sachen des Denkens und Glaubens überhaupt. Es hat zu jeder Zeit Einzelne gegeben, die vom Wege abtrieben. Für denjenigen!, der auf eigene Kosten und Gefahr den heiligen Boden der Thora im praktischen Leben verließ, galt das Wort rrin rrvnV Reue und Scham und das Gefühl des Alleinseins, des Losgelöstseins vom Organismus des jüdischen Volkes bedrückten ihn und zwangen ihn früher oder später wieder zur Gemeinschaft; zumeist hatte man sich durchgerungen und gefunden. Die Gefahr begann erst, als ganze Gruppen von Abgetriebenen sich irgendwo jenseits der jüdischen Gasse um ein eigenes System, um ein eigenes Programm sammelten und so der Einzelne nicht mehr das peinigende Gefühl der Isoliertheit hatte, sein Nichtjudefein als „Andersjudesein" — in einer gefährlichen Selbsttäuschung — ansehen konnte. Das sollten die Liberalen von heute, wenn sie historisch denken und die Geschichte der Sektenbildung im Judentum seit Hellenismus und Sadduzäertum kennen, beachten. Auf sittlichem Gebiet geht es nicht viel anders. Verfehlungen hat es immer gegeben, seitdem schwache Menschen auf Erden wandeln. Das zwang und zwingt uns, je früher umso besser die Jugend mit liebender, kundiger Hand an die Kraftquellen der jüdischen Lehre zu führen. Aber, nwinn abn* „Groß ist die Scham", sagen unsere Weisen in Anknüpfung

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