Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1928)
- Date
- 1928-12-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 49 Der Israelit \ 6. Dezember 1928 Messer, um ihm den Garaus zu machen. Da besann er sich, daß es Freitag abends war, und er wollte nicht ohne Gebet aus dieser Welt scheiden,. Und er flehte die Mörder an, ihn noch ein Stündchen am Leben zu lassen, um nur das Sabbatgebet verrichten zu können. Und er begann zu singen und sang ohne Aufhären, denn sein Herz war sehr bewegt. Vis die Banditen, überwältigt und zerknirscht, sich ihm zu Füßen warfen und um Verzeihung baten. Sie bereuten ihre Sünden, taten Buße und wurden fromme Leute . . . Unzählige Male hatte man diese Geschichte vernommen, und doch war sie jedesmal den Hörern neu, und jedesmal überlief sie von neuem ein, Grauen, welches sich in einen Wonneschauer auflöste. Dann folgte eine Reihe Geschichten von Chasonim und Synagogensängern, eine wunderbarer als die ändere. Von jenem, der am VersöhNMigstage, während er den Psalm „Aus den Tiefen ruf' ich zu dir" sang, vor dem Altar in himmlischer Verzückung seine Seele aushauchte. Oder von jenem anderen, dessen Gesang einen Fürsten, der alle Juden seiner Stadt eingekerkert hatte, um sie umzubringen, so tief rührte, daß er die Gefangenen freigab. Am meisten erregte die Teilnahme das Schicksal der „Nachtigall". Das war jener Wunderjüngling, dessen Augen so leuchteten wie die Sterne und dessen Stimme wie die einer Nachtigall klang. Die Schloßgräfin hatte ihn belauscht und trug sündhafte Gelüste nach ihm. Er floh, aber die böse Frau verfolgte ihn überall hin und drohte der gangen Gemeinde mit ihrem Zorn. Da betete er zu Gott, daß ihm das Licht aus den Augen und die Stimme aus der Kehle genommen werden möchte. Seitdem hatte niemand mehr.einen Laut von seinen Lippen vernommen; stumm und blind irrte er bis an das Ende seiner Tage von Stadt zu Stadt und von Land zu Land ... Bei der Erinnerung an diese Geschichte wurde Reb Jekel von der Rührung so übermannt, daß er heiße Tränen aus den Augen hervorquellen fühlte. Und der Rabbi, wie er sich den Bartzipfel kräuselt und horcht, die große Stube mit ihren dunkel flackernden Kerzen, kurz: alles stand ihm so lebendig vor der Seele und beschäftigte ihn so sehr, daß er erst aus seinem Sinnen erwachte, als feme Sohlen tiefer in den Schnee versanken. Hier schien der Weg aus der Versenkung hervorzutreten, um in gleicher Höhe mit den Feldern dahinzulaufen, man mußte also aufpassen. Der Schnee war locker und nicht eingestampft wie bisher, und Gott allein mochte wissen, was für Untiefen die verräterische weiße Decke verbarg. Auch die große Kälte glaubte Reb Jekel erst jetzt zu fühlen, denn seine Füße waren trotz des eilenden Ganges ganz erstarrt und die Finger froren ihm in den Aermeln, wohie er die Hände wie in einem Muff verborgen hatte. Sogar die Braum waren ihm angefroren und der Bart hing voller Eiszapfen. Er fühlte eine große Ermüdung und verlangsamte seine Schritte. Spähend wandte er sich nach rückwärts und horchte, ob er nicht das Klingeln einer Schelle vernähme, die eine Holzfuhre ankündigte; gegen ein mäßiges Trinkgeld würde ihm der Bauer auf dem Stoß ein Plätzchen gewähren!. Doch es war nichts zu hören oder zu sehen. Ein wenig enttäuscht ging er seinen Weg und watete in dem lq^eren Schnee. „Hu, wie kalt!" dachte er. „Wer jetzt zu Hause wäre und beim Ofen säße und sich den Rücken daran riebe! es wäre nicht mehr so weit. Dann kommt gleich ein Dorf, dann em> zweites und gleich zeigen sich die ersten Häuschen der Stadt. Wenn nur dieser Schnee nicht wäre, in den ich jedesmal bis über die Knöchel versinke! Und keine Wegspur ist wahrzunehmen, es scheint fürchterlichen Schneesturm in der Nacht, gegeben zu haben, alles ist verweht. Und kalt ist es, daß das Blut in den Adern stockt . . ." Reb Jankel schlug im Gehen die Hände gegeneinander, um sich zu erwärmen. . . . Wenn ich erst den Wald' hinter mir hätte. Die Füße schmerzten ihn vor Kälte und es half nichts, daß die Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte und nun begann, abwärts zu rollen. Trotz der großen Erschöpfung verdoppelte er seine Schrite, um nur so bald als möglich ^den Wald zu erreichen. Der Frost wurde jede ^Minute stärker, bei jedem Schritt ward die Schneedecke tiefer, und der Wald fern. Jetzt fühlte Reb Jekel wahre Sehnsucht nach ihm, wie nach emem Zufluchtsort, denn nicht weit dahinter winkte das Heim und lockte mit seiner Wärme und seinem Frieden. „Wo nur der Wald hingekommen sein mag?" dachte er im Gehen. „Nur Eis und Schnee, so lange ich gehe. Die Sonne entflieht, und wenn sie nicht da ist, gleicht die Welt einem Eiskeller. Das wäre nicht übel, wenn ich mich verspäten würde; Geld Hab ich bei mir, eine volle Tasche Kupfermünzen und eine Menge Sachen dazu. Sols ich das etwa wegwerfen? . . . Oder soll ich es bis in die späte Sabbatnacht tragen? . . . Hu, der Frost geht mir durch die Knochen, er krampst mir die Gedärme zusammen. Nur schnell vorwärts, Jekele, keine langen Pausen! Ja, wer nur schnell gehen könnte, aber der Schnee ist weich wie Teig; bevor ich den einen Fuß herausziehe, sinkt der andere hinein. O Gott, hilf mir, nur die Füße etwas leichter zu rühren- Warum aber nur der Schnee hier so tief umd locker ist? Eine Straße muß doch ausgefahren sein. Anfangs war es nicht so. Oder . . . Hab ich mich gar verirrt? . . ." B?' diesem Gedanken fuhr ihm ein lähmender Schrecken durch die Glieder, der ihm fast die Besinnung raubte. Kein Zweifel, er hatte sich verirrt und war feldein abgebogen. Plötzlich wurde ihm sehr heiß, seine Hände sanken herab und die Füße schienen ihm den Dienst versagen! zu wollen. Der Schweiß stand chm in großen, eingefrorenen Tropfen auf der Stirne. Er hätte sich am liebsten in den Schnee hingestreckt, um auszuruhen, aber rechtzeitig erinnerte er sich an Aleksas Mahnung. Wie ein Lichtblick kam ihm der Gedanke, rückwärts seine eigenen Spuren zu verfolgen, bis er den Fahrweg gefunden. Inzwischen dämmerte es. Dunkelheit breitete sich über die Erde und die weite, schimmernde Schneedecke nahm einen bläulichen Glanz an. Der Himmel war heiter, hie und da funkelte schon ein vereinzelter kleiner Stern, und Reb Jankel rannte seinem Ziele zu, kann atmend, jedesmal stolpernd und gepeitscht von dem Gedanken, daß jedes Ruhehalten den Tod bedeute. „O Gott, hilf mir nur, den Weg zu finden! Soll ich denn hier sterben, in dieser frostigen Nacht, unter freiem Himmel?" Er horchte nach allen Seiten, ob nicht Gott sich erbarmt und einen Retter gesandt habe. Aber ringsum war alles öde und abgestorben, nur einige verlassene Bäume starrten vielarmig und eingefroren wie Gespenster in die Dunkelheit. Plötzlich verloren sich die Abdrücke im Schnee und Reb Jankel fühlte, daß ihm das Herz stille stand. Nun war alles zu Ende. Er war dem Umsinken nahe. Aber was war das? Er bückte sich und erblickte zwei tiefe, parallel laufende Furchen im Schnee, wie sie nur ein schwerer Schlitten zurückgelassen haben konnte. Hier war der Fahrweg. Reb Jekels Herz wurde mit einmal so weit, so voll Dankbarkeit, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Er lispelte nur: „O Gott, o Gott!" . . . Nun mußte gewiß bald ein zweiter Schlitten kommen und die Pein war zu Ende. Aber seine große Erschöpfung konnte er nicht bemeistern. „Nur ein wenig ausruhen, nur ein ganz klein wenig, nur einen Augenblick," bat er sich selbst um Erlaubnis und suchte die Stimme in seinem Innern zu betäuben, die ihm zurief, der Lockung zu widerstehen. „Nur eine kleine Weile will ich hier sitzen, Gottes Hilfe ja nahe." Er setzte sich in den Schnee hin und begann, die Lippen kaum bewegend, das Abendgebet zu murmeln. Doch bald überwältigte ihn eine große Müdigkeit, die sich wie em Nebel verwirrend um seine Seele legte. Nun war es hier warm und weich zu sitzen. Aus seinen Füßen war die Kälte geschwunden, ja, er fühlte gar nicht, daß er Füße hatte, auch Ohren, Nase und Fingerspitzen waren auf einmal warm. E wonniges, köstliches Gefühl durchrieselte seinen ganzen Leib. Aus weiter Ferne glaubte er eine Stimme zu hören, die seinen Namen rief. Es war der Rabbi. „Reb Jekel, ist Reb Jekel nicht da?" Ja er ist da Md gleich wird er singen. Trotz seiner Betäubung, die ihn umfängt, faßt ihn ein großes Staunen an. Er fühlt deutlich, daß er hier bis zu den Knien im Schnee dasitzt, und doch sieht er sich klar, wie er auf dem Almemor steht, hoch über den Köpfen der versammelten Menge, und hört seine eigene Stimme, die „Locho-Daudi" singt. Die ganze Synagoge ist ein einziges Meer von Licht. Alle tauchen darin unter und blicken ihn mit ihrem flammenden Augen an, er aber singt ohne Aufhören. Langsam bewegt sich das Almemor nach oben, jene versinken immer tiefer, und er erhebt sich immer höher und hoher, und zwischen ihnen wogt ein endloses Meer von Strahlen und Tönen . Der Schnee fiel in dichten Flocken zur Erde herunter. Die Flocken wirbelten und tanzten in der Luft auf und nieder und verhüllten die Welt mit einem Schleier. Allgemach häufte sich am Wegrande ein Schneehügelchen an, und darunter schlief Reb Jekel den ewigen Schlaf. „ Jerusalemer „Witze." Boshaftigkeit allein macht! den Witz noch nicht. Das weiß der Jerusalemer „Hator" nicht, der seine Nummer vom 10. Kislew dazu benutzt, Gef unter dem Striche (sehr tief) der Aguda und Rabbi Chajim Sonnenfeld zufeinem achtzigsten Geburtstag -ein paar- Liebenswürdigkeiten ins Stammbuch zu schreiben. Sie sind ungefähr von folgendem Niveau: ,1. Warum fährt der Sekretär der Jerusalemer Aguda nach Frankfurt, um dort Unwahrheiten ü-b-er Evez Jisroel zu verbreiten? Das könnte er doch gerade so gut in Jerusalem selbst besorgein und die Reisekostensparen! Wir antworten: Daß man Unwahrheiten zu verbreiten Jerusalem n i ch t verlassen muß, beweist die Redaktion des „Hator" Woche für Woche. — — — 2. Die Unwahrheiten' aus dieser Jerusalemer Fabrik beschränken sich aber keineswegs auf Jerusalem, und Palästina, sie sind weltumfassend. So weiß das/Blatt aus Warschau zu berichten, daß bei der Landeskonferenz der polnischen Aguda vor den Wahlen jemand aufgestanden wäre und gebeten hätte-, mindestens -einen Menschen in die Zentrale hinemzuwählien; ferner daß -der Vorsitzende die Landeskonferenz mit einem Hoch auf Polen und Pilsudsky geschloffenhätte, im Gegensätze zum Misrachi, .der seine Versammlungen mit: „Im kommenden Jahre in Jerusalem" zu schließen pflegte. — Ob es an einer Störung im Rundfunk zwischen Jerusalem und Warschau oder an meiner Störung in der D e nkz -en.trale der Herren auf der Redaktion K-egb? Teilnehmer der Warschauer Landeskonferenz haben vom angeblichen Schrei nach einem Menschen in derVersammlung (auf der unter 670 Delegierten 118 Rabbiner und Rebbes v-ertreten waren), nichts gehört Dagegen haben sie a -l l >e deutlichgeh ö r -twie der Vorsitzende Rabbi Ahron Lewin, feine.Schlußansprache mit ö^vva nsan ausklingen ließ und wie die Delegierten begeistert in den Ruf einfielen. (Zum Chanukafest.) Im Selbstverlag des Verfassers, Anton Grünwald in U z h o r o d (Tschechoflovakei) ist unter dem Titel ms» isv-ein mi-t großem Geschick zusammengestelltes Chanukahandbuch erschien-en. Es enthält . zunächst die auf das Wesen des Cha-nok-asestes bezüglichen Stellen aus v'tinnrri maivrr-, ,mm dünn die hälachischen Vorschriften, sowie die verschiedenartigsten v'vnsi nann der berühmtesten jüdischen Halachisten und Dichter aller Zeiten.. Dann folgen die historischen Quellen: die bekannte „Megillath Antiochoth, Josephus" ufw. Moralische BetrachlllngM' und eine reichliche Zusammenstellung von Midraschim, die sich auf Chanuka beziehen, bilden den Schluß. Das Werk ist zum Preise von Mk. 1.50 vom Verfasser zu beziehen. Ainderecke. Das Lehrhaus und die Lehre. Mein Zweites ist schriftlich, mein Erstes ist mündlich, Mein Ganzes ist Schule und höchstes Gebot: Wir sollen es ausüben täglich undstündlich, Es ist unser Stolz, unsre Zuflucht in. Not. Ouaiitäts- Moritz Wolf Zigarren Brrantwortlich für de» allgemeine» Dell und da« Feuilleto» 8. Schachnomitz, Frankfurt a. M.; Inserate i.».: 8.8chaLnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. «aufman» in Sprendlingen Mr. Offenbach). — »erlag .Israelit". Frankfurt ft. 8». — Druck Sermon »erlag«' , «ktleugesellfchaft» Frankfurt a: n,