Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1928)
- Date
- 1928-12-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Jeuilkton- . Beilage Nr 49 192$ TAfiK Der Kompagnon. Don Levr Hrunrvatd (Helder Holland). Uebersetzt von Greta Shapira-Grumvakd (Amsterdam). Es war immer großes Fest für die Einwohner des kleinen Dorfes, wenn Möbel öffentlich verkauft wurden. Prachtvolle Sachen waren dann zu billigen Preisen zu bekommen. Die Bauern zogen ihre Sonntagskleider an und machten viel Spaß. Der Feldwächter, der zugleich Auktionator war, konnte sehr gut mit den Leuten umgehen und wußte durch Späße die Ware zu verkaufen. Er sorgte dafür, daß die Bauern und Bäuerinnen lachen konnten und er erzählte einen Witz nach dem anderen. Ja, die Leute freuten sich immer. Heute aber war nicht viel los. Der ganze Kram war keine hundert Mark wert. Es war denn auch nicht" der Mühe wert, die letzten ärmlichen Besitztümer von Samuel Cohn nach dem Verkaufshaus zu bringen. Man konnte froh sein, wenn alles zusammen die Miete, die der Schwindler noch schuldig war, aufbringen würde. Er war sehr gemein, die Leute wußten es. In der Stadt hatte er seine, Zahlungen eingestellt und hatte sich mit hunderttausend Mark aus dem Staube gemacht, hatte getan, als wäre er so arm wie eine Kirchenmaus, ein richtiger Judenstreich! Aber im Dorfe, wo er Kleinhandel trieb, wußten die Bauern bald, wer er war! Die Frauen kauften nichts von ihm, wenn er sehr schüchtern seine Ware zum Verkauf anbot. „Du hast es nicht nötig, schmutziger Jude, du hast hunderttausend Mark in deinem Schrank liegen, du brauchst nicht her zu kommen ..." Mitleidlos wurde dann die Tür zugemacht, und traurig stand Samuel Cohn auf dem grünen Grasfeld — ein armer Hausierer . . . Doch war es nicht Antisemitismus von den Bauern. Wenn sie das Antlitz von Samuel Cohn gesehen hätten, die Tränen, dann würde dieselbe Bäuerin, die ihn ausgeschimpft hatte, ihm in der Küche ein Glas Milch angeboten haben. Sie würde auch etwas von ihm kaufen und freundlich zu ihm sprechen. Aber sie sahen,Nur den Samuel Cohn, dessen Reichtum in derganzen Gegenö bekannt war, der-einige »Jahre lang Direktor einer großen Gesellschaft für-Biehexpors, war, in dessen Büro die Bauern, die Macht unh! den Reichtum bewunh'erten. Damals war Samuel Cohn geachtet Gern gab. er für die Armem Kein? Bittender klopfte umsonst an seine Türe, ging ungetröstet von dannen. Jedermann kannte damals den reichen Cohn. Jede Bank zahlte aus, wenn der Scheck von Samuel Cohn gezeichnet war. Aber nach dem großen Krieg wurde es anders. Ohne seine Schuld wurde er arm, verlöt er seinen Reichtum, den er mit viel Mühe erworben hatte--'Wäre Cohn wie andere Geschäftsleute, er würde nicht so arm sein, aber er wollte nicht, daß mür ein Schuldner ihm. Nachsehen sollte. Alles/opferte er, um seinen Namen zu retttzr sind.chih nur einigen hundert- Mark verließ '.ermdie Madt -und übersiedelte/ nach! dem kleinen-Dorfe. ' 2jib$c die »Einwohner des Dorfes wußten nur Böses yon Samuel Cohn zu erzählen.-'„Der Jude hat es Nicht Nötig;' er hat in der Stadt geschwindelts' er hat sich aus dem Staube gemach. Er hat Mehr, Geld äAwir. Es ist nicht ganz richtige mit dem-Samuel-uCohn." - 1 Nicht so sehr seine Armut drückte Samuel Cohn, nicht nur die Sorge für seine Familie, noch mehr die Lästerung war es, was sein Leben zu einer Hölle machte, so daß er ohne Energie und Hoffnung fortlebte. Heute war das Ende gekommen. Alles) was er noch besaß, würde für Mieteschuld verkauft. Hätte er nur gesprochen! Viele wären bereit gewesen, ihm zu helfen. Aber dazu war er zu stolz. Nach Tisch benschte er andächtig und betete doch „nie von, Almosen leben zu müssen." „Schelou lidei boosor wodom . . ." Dieses Fürchterliche würde er nicht überleben. Es war der erste Ehänukaabend! Wo soll er hin? Die Sterne am Himmel werden seine Chanukalichtchen sein. Mit seiner Frau wird er bettelnd durch das Land ziehen müssen, leben von Almosen. Er sieht um sich her. Alles ist belegt von Gerichtsnummern, sogar die Menauro hatte man ihm abgenommeni. Nr. 37, seine Menauro, die Mtznauro seines Vaters, seines Großvaters, die Menauro, bei welcher eine ganze Generation singend und froh die Lichtchen angezündet hatte. Die Menauro, die ihn in seinem Glück gekannt hat, in seiner Armut ihn bisher getröstet. Nr. 37! Bald werden, die Bauern sie kaufen und im Viehstall gebrauchen. Chanuka ohne Licht, ohne Trost . . . Düster und trübe wurde es ihm ums Herz. Gott erwies ihm keine Wunderwürde ihm nicht mehr helfen, so wie Er Matitjahu geholfen hatte ... Unten standen die Kaufleute: „Hat recht, was? Der Jude hat Geld genug, er will hier im Dorfe genau dasselbe tun, wie in der Stadt. Es ist eine Schande, wie er mit dem Gelde der armen Menschen umgeht . . ." So hörten der arme Samuel Cohn die Leute reden,. „Ich bin neugierig, ob die Miete herauszuschlagen ist, er wird wohl seine wertvollen Sachen versteckt haben, solch ein Schwindler. Was nichts mehr wert ist, wird natürlich jetzt verkauft." Das Herz tat dem armen Juden weh. Wenn er nur noch was hätte, er würde es seinen Schuldnern geben. „Gott, sei mir gnädig, hilf mir in meiner großen Not. Alles, alles habe ich getan, um ehrlich zu bleiben, nichts habe ich versteckt, nicht einmal die Menauro, das heilige Chanukalicht, kann , ich anzünden . . . Gott verlasse mich nicht!" Ueberall standen die Bauern und Bäuerinnen umher, so daß ein Auto seine Fahrt verlangsamen und dann halten mußte. Eine elegante Dame fragt, was los,sei,. und man erzählte es ihr. Alles/für Mieteschuld' . „Wir -wollen! mal sehen-" sagte darauf die Frau und vskließ däs Auto. ' - V: ,, '; / Ruhitz geht Pe in' das Haus und sieht sich im düsteren Raum um. Der arme Mann-sieht Nichts. Den ganzen, Tag - war1 doch Besichtigung, &c hatte hier nichts mehr zu sagen. Ohne Hoffnung sitzt er da. Seine Frau weint herzbrechend. „Gott, welch ein Elend," flüsterte die reiche Dame, „es sind Juden wie wir." Schnell nimmt sie ihro Handtasche und will ihre Börse auf den Tisch hinlegen. Doch ihr. Mann verhindert es. Bleichzitternd sagt er: „Gib diesen Menschen kein Almosen, Liebling, komme mit." Tief erschrocken geht Sara mit. Und als sie draußen sind, kann sie es nicht länger aushalten: „Dü verbietest mir, diesen armen Menschen zhelfen,- ich kenne , dich nicht mehr, Leo." Doch liebevoll, legt Leo den Arm um Saras Schulter: „Hier isk Almosen fehl am Orte, höre wich an: Bor vielenÄähren, näch einem Pogrom in der Ukraine^ .bei 'dem meine ganze Familie ermordet wurde, war.ich noch nicht der reiche Leo Beberstein. Von Stadt zu Stadt, von Land nach Land schweifte ich herum, mit Verzweiflung im Herzen. Wenn ich abesids schlafen ging, erschienen mir die Gesichter meiner Teuren, morgens beim Erwachen sah ich wieder alles vor mir. Morgens wünschte ich, daß der Tag zu Ende wäre, und abends, daß es wieder Morgen wäre. Ich wanderte immer weiter und wünschte mir den Tod. 5 Vor zehn Jahren, im Winter, die Erde war mit Schnee bedeckt, saß ich auf einer Bank vor einer großen Synagoge. Es war der. erster-Chanuka-Abend. Voller Freude gingen die Juden mtt ihren Kindern in das hell erleuchtete Gebetshaus. Ich saß da, haßte alles, haderte mit Gott und Menschen, ich wünschte, ich läge unter dem Schnee bei meinen Geliebten. Plötzlich fährt ein großes Auto vor und ein gut angezogener Herr steigt aus. Anstatt in die Synagoge zu gehen, kam er auf mich zu und sagte zu mir: „Mein Freund, warum gehst du nicht in die Schul, warum bleibst du hier bei dem kalten Wetter draußen?" In der Stimme dieses Mannes war etwas Mildes und Herrliches und unwillkürlich gehorchte ich. Nach Ablauf des Gottesdienstes nahm er mich mit nach Hause. Als ich in sein Wohnzimmer trat, bekam ich den schönsten Platz an dem Tisch, er ließ mich das Chanukalicht anzünden. Dy wurde meine Seele wieder glücklich, da fühlte ich, daß Gott mich nicht verlassen hatte und daß es noch brave Menschen gab. — Darauf wollte mir der Mann eine Summe Geld geben, jedoch ich wollte es nicht annehmen. Nie hatte ich ein Almosen genommen. Da sprach mein Wohltäter: „Hier sind vierzehn, Schachteln Chanukakerzen, versuche dieselben für mich zu verkaufen. Alles, was du verdienst, werden wir teilen. Ich schenke dir also nichts, aber erkläre dich als meinen Chanuka-Kerzen-Kompagnon." Er Unterzeichnete einen Brief, in dem er erklärte, die Hälfte des Gewinns von, mir anzunehmen und mit Freude im Herzen nahm ich von dem reichen Manne Abschied. Glück, nur Glück hatte ich mit diesen Chanukakerzen. Nach einigen Monaten ging ich nach Amerika mit einem sehr bescheidenen Kapital, das ich gespart hatte. In Newyork hatte ich wieder Glück. Nach einigen, Jahren war ich reich, steinreich und hatte das Glück, meiner lieben Sara zu begegnen. Und jetzt, aus-her neuen Welt zurückgekehrt, mit meinem Wohltäter ehrlich das Vermögen zu teilen, welches ich mit seinen Chanukakerzen verdient habe, jetzt finde ich den Mann, der mich gerettet hat, arm und elend, wie i ch einst war. Auf den ersten Blick erkannte ich ihn, erkannte ich die kupferne Menauro. Samuel Cohn ist der Mann, dem du ein Almosen geben wolltest. Dieser Mann hat aber Anrecht auf die Hälfte meines Vermögens . . . Er ist mein Kompagnon . ", ' 11 . (Schluß folgt.) Auf Sabbat Chanuka. Sine Skizze aus dem Leben der Lhassidim. Von Binjamin Segel. (Schluß.) Jetzt ruht die Hand des Rabbi wie segnend auf Reb Jekels Haupts dessen Gesicht von einem glückseligen Lächeln. ■ eMrahlt, während die anderen ihn neidvoll und zugleich wohlwollend ansehen. Ja, wer auch so singen könnte! /! Aber singen, düs kann nur Reb' Jekelallein. Wohl hat man schön viele Chflsonim rnder Welt gehört^ Doch keinem war in dem Maße die Gabe zuteil, die Seelen zu rühren. - M! „Wisset, ihr, meine Lieben", nimmt der Rabbi nach einer Pause/wieder'das Wort, „mein Großvater, Üer im Himmel weilt, pflegte, zu ergähfeN'. . :-’- Hjer senkte er etwas die Stimme und beginnt von, jenem 'berühmten-FWsid zu erzählen, der fo wunderbär sang, daß kein Mensch ihm widerstehen konnte. Einmal verirrte er sich im wilden Wald, er wanderte und wanderte und konnte keinen Ausweg finden. Räuber überfielen ihn, schlugen ihn in Fesseln und wetzten schon die