Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1928)
- Date
- 1928-11-29
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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■M Auf Sabbat Chanuka. Eine Skizze aus dem Leben der Ehasfidim Von Binjamin Segel. „Komm', o Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat laß' uns empfangen!" Dieses Verslein trällerte Reb Jekel Melammed leise vor sich hin, während er vergnügt in der niederen Stube auf und ab ging und seinen Gebetmantel zusammenfaltete. Oben an der Wand qualmte die Lampe und erhellte nur schwach den Raum; durch die Fenster drang der blaue Schein des erwachenden Wintertages. Draußen mutzte ein grimmiger Frost sein, denn die Scheiben wären von einer dicken Eiskruste überzogen, aber im Herzen Reb Jekels herrschte eitel Freudy und Wärme. Denn heute sollte er sie alle auf zwei, drei Tage los werden, nämlich seine Schüler, die vier Holzklötze, welche ihn um seine Lunge brachten, wenn er ihnen den Wochenabschnitt aus der Bibel erklären sollte, und ihren Vater, den brummigen, verbauerten Schankwirt, der jeden Grutz nur mit einem „Hm! hm!" beantwortete, und seine dicke Ehehälfte, die ewig keifende und fluchende Hausfrau. Reb Jekel fühlte sich hier wie in der Hölle, aber es war offenbar Gottes Wille, daß er in diesem entlegenen Dorfe, in dieser Einöde, unter ungeschlachten und rohen Menschen^ noch einen Winter hindurch das peinvolle Dasein eines Hauslehrers fristen sollte. Und Reb Jekel murrte nicht. Doch jetzt, da er auf den Sabbat Chanuka nach Hause sollte, war er freudig erregt, wie wenn ihm ein großes Glück bevorstünde. Was war das aber auch herrlich, einen Sabbat, und erst einen solchen, daheim bei den Seinigen zu verleben! Man mußte, wie er, zwei Monate in der Frenlde, in dieser Umgebung verlebt haben, um dies fühlen zu können. Darum drängten sich ihm die zwei fröhlichen Verse und Melodien auf, die er aber hinunterschlucken mußte, denn der Hausherr liebte nicht, daß man sang. Dafür wollte er sich heute abend schon schadlos halten. Daß er und kein anderer beim Abendgottesdienst in der dicht gefüllten, lichtstrahlenden Synagoge das Lecho- Daudi singen werde, stand fest Sobald man nämlich zu dieser Stelle kam, hielt der VorMer' gewöhnlich inM sind der Rabbi,>in einem Winkel am äußerstest Ende der Ostwand, wendete fein schneeiges Haupt Md rief über die Versammelt ten hinweg:: ' i;; - „Reb Jekel! Ist Reb Jekel nicht da?" Und wenn Reb Jekel da war, mußte er hinauf und das Lied vortragen. Es dauerte eine geraume Weile, bis er sich zum Almemor hindurchdrängte, besonders an einem „guten" Sabbat, wie der von Chanuka, da Ehasfidim aus allen Weltgegenden zum Rabbi kamen und die Synagoge voll war, daß keine Stecknadel zur Erde fallen konnte. Das , murmelte und raunte und rauschte wie ein vom Winde bewegter Wald. „Wer ist das? Wer ist das?" „Ah, Reb Jekel wird Lecho-Daudi singen!" Dann stimmte er das prächtige' Lied an, und die Leute wurden still, daß keiner Atem zu holen wagte. - Zuerst fang er leise, gleichsam zagend und unsicher, denn Reb Jekel' war schüchtern, und wenn er fühlte, däß all diese unzähligen Augenpaare stuf ihn. gerichtet wareD wArU/er.Mllends. befangen. nUllmHlich aber ^riß Ws-HgÄenWesänges fort, et vergW alles ringsum und aüs -der Kehle drangen ihm die Töne in mächtigen Wellen, bald sanft und kosend, bald wie ein kräftiges Brausen. Der Rabbi schloß gleich die Augen, um besser hören zu können; durch die Menge lief ein Flüstern: „Ah, ah!" Nach einer jeden der ersten paar Strophen fielen sie mit fürchterlichem Getöse ein, daß man meinen konnte, die Wände würden einstürzen. Stufenweise jedoch schien der Gesang sie wie durch einen Zauber zu bannen; manche beugten sich mit gespitzten Ohren vornüber, anedre seufzten vor Wonne oder stießen einzelne verzückte Laute hervor, wieder andere ließen die Köpfe sinken, wie träumend oder als hätte der Sänger sie in ferne, unbekannte Welten entführt. Da waren «besonders zwei Strophen, welche die stärkste Wirkung übten. Die eine war wehmütig, schmelzend und weich wie die Trostworte einer Mutter; die andere tönte kraftvoll und munter, jauchzend wie ein Jubel- und Weckruf. Bis der letzte Ton verklang und Reb Jekel wie aus einem Zauberschlaf erwachte. Während er auf seinen- Platz zwischen Tür und Ofen^ zurückkehrte, streckten sich ihm unzählige Hände entgegen, man zausteftmd zupfte ihn: „Oj, oj, Reb Jekels ach!" Oder: „Ra, na, Reb Jekel,, war das ein« Singen!" Cm heiteres Lächeln spielte um seine Lippen bei diesen Erinnerungen, und er überlegte eben, welche Melodie für diesen Abend die passendste wäre, ob die vom „großen Zadik" in tiefen, schwellenden Akkorden komponierte oder jene von Jerucham, die leicht und hüpfend war, als Aleksa, der Knecht, eintrat und eine Schüssel mit dampfendem Brei, einen Laib Schwarzbrot und einen Salznapf auf den Tisch hinstellte. Reb Jekel sollte frühstücken, aber sein Herz war so bewegt, daß ihm die Speise nicht über die Lippen wollte. Aleksa machte sich über das Aufräumen der Stube und sagte: „Ei, ei, Panie Jekel, Ihr wollt also just bei diesem Frost nach Hause gehen? So gießt Euck doch wenigstens den Bauch voll, das wärmt unterwegs. Freilich, ich möchte Euch geraten haben, hübsch in der Stube zu sitzen und nicht die Rase vor die Tür zu stecken. Wartet ein paar Tage, vielleicht läßt der Frost nach. Euer Haus läuft Euch ja nickst davon, welcher Teufel reitet Euch, gerade heute heimzulaufen?" Reb Jekel lächelte überlegen. Aleksa war ein guter Mensch, aber was verstand ein Bauer von solchen Sachen? Natürlich wäre es vergebens gewesen, ihm begreiflich machen zu wollen, was es heißt, gerade am heutigen Abend den Weihebecher an seinem eigenen, Tisch zu leeren, und bann be,M Sabbatmahl zur Rechten des Rabbi zu fitzen und die Tischlieder zu singen ... '''„Palst der Frost wird mich nicht aufessen. Nein,. Aleksa, sei ohne Sorge. Hat man schon viele Erfrorene gefunden? Du sollst sehen, Sonntag; so Gott will,- bring' ich dir aus der Stadt ein blänkes Messer mit Und einen Tabakbeutel, wie du ihn, schon lange haben möchtest." In Aleksas Augen blitzte es auf; aber er versetzte: „Wenn Ihr wenigstens einen Pelz hättet oder ein Paar Tüchstiefel! Aber in diesem federleichten Kaftan! In Euren Stiefeln freilich wird der Frost sich nicht lange aufhalten. Durch das eine Loch geht er hinein und durch das andere hinaus. Hahaha, nicht wahr? Aber ich will Euch wenigstens etwas Stroh unter die Sohlen stopfen." Damit entfernte sich der Knecht, und Reb Jekel begann, seine Siebensachen zu packen. Er mußte sich beeilen/iwenn er rechtzeitig anlangen ryolfte. Die neunte Morgenstunde war » schon vorüber und doch hatte es sich kaum aufgehellt, ftstr 4 Ahr war es schon! wieder dunkel.- Und der Weg war lang, mehr -als drei Meilen; maft hatte endlose Felder und Wiesen zu passieren, auch an einem Wald kam man eine Strecke lang vorbei. Als Reb Jekel an den Wald dachte, überlief es ihn ein bißchen kalt. Dort sollten nämlich, wie m. iS ms man sich erzählte, Wölfe Hausen, welche besonders im Winter die Gegend auf einige Meilen hinaus unsicher machten,. Indessen, das -.taten sie nur bei Nacht, bei Tag war keine Gefahr, auch konnte man dort gerade Holzfuhren begegnen, die für wenige Kreuzer einem gerne nach der Stadt brachten. Aber gegen die Kälte muhte man sich in der Tat schützen. Reb Jekel betrachtete die Fensterscheiben, an denen üppige Eisblumen blühten, und zog seine drei alten Westen, ein über die andere, an- Dann wickelte er sich noch einen fadenscheinigen Schal um die Brust und band sich ein Wolltuch um den Hals. Mit Aleksas Strohflechten in den Stiefeln konnte er sich in den Frost hinauswagen,. So ausgerüstet, zählte er nochmals die fünf Gulden Honorar, die ihm der Hausherr eingehändigt hatte, durchlief in Gedanken die vielen Aufträge der Wirtin und, eine Melodie summend, küßte er die Mesusah und machte sich auf den Weg. Am Tore standen der Hausherr und seine dicke Frau. „Guten Sabbat! Bleibt gesund!" empfahl sich Reb Jekel. Der Hausherr brummte sein „Hm, hm!" und die Frau begann mit ihrer Fistelstimme, die in schreiendem Widerspruch zu ihrem Leibesumfang stand, zu keifen: „Daß Ihr mir nicht vergeßt, Sonntag, Schlag zwölf, zurück zu sein. Die Jungens können doch nicht den ganzen lieben Tag müßig umherspringen. Und vergeßt auch nicht, Hefe mitzubringen, und Nadeln und Papier und Seife und Oel und Kaffee und alles übrige. Geld habe ich Euch ja mitgegeben." Reb Jekel suchte das Weite. Doch bald ereilte ihn Aleksa, der ihm nachlief', um ihm noch einige gute Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Da der Schnee alle Spuren verweht hatte, so empfahl es sich, die Hauptstraße einzuhalten und keine Seitenwege aufzusuchen, um etwas rascher zum Ziele zu kommen,. Gegen das Erstarren der Fim ger oder der Nase wäre das beste Mittel, sie mit einer Handvoll Schnee kräftig einzureiben; aber sitzenbleiben, um auszuruhen, dürfe man keinesfalls, und wenn der Schweiß in Scheffeln vom Körper rann, denn das wäre der sichere Tod- „Paßt gut-.auf, Panie Jekel, und Gott geleite Euch". Der Bauer nickte, freundlich grüßend, mit dem Kopfe und kehrte um. Reb Jekel verschwand an der Biegung der Straße,, wo ihn bald die schneebedeckten Felder umfingen. Der Frost war stark und drückte wie eine schwere Last auf die Erde, welche mit einer dünnen^ Glaskruste überzogen schien; überall funkelte und glitzerte der, Schnee von den schrägen Strahlen der Sonne, die nahe am Himmelsrande hing- und leuchtete, ohne' zu wärmen. Bei jedem Schritt ließ sich ein scharfer, knisternder Ton vernehmen, und wenn Reb Jekel atmete, legte sich ihm gleich ein Reif auf den Schnurrbart. Er ging rasch, um sich warm zu halten, und da ex Langeweile verspürte, ließ er die Gedanken vorauseilen Md gedachte seinestFrau, die ihn erwartet und nun emsig schaffte/ um diesen besonderen Sabbat würdig zu feiern. Woher nur die Arme das Geld dazu genommen haben mag? Ohne Zweifel hat sie die Messingleuchter verpfändet. Auf dem Tisch werden ihn die Sabbatlichter, in zwei großen, ausgehöhlten Kartoffeln steckend, begrüßen. Doch was tut das? Er sah das kleine Stübchen deutlich vor Augen, in welchem etwas Poetisches, etwas Festlich-Freudiges jeden, Winkel erfüllte. Er stimmt ein Lied an; während auf der Tafel die Fische dampfen . . Denn die Fische hat sie gewiß besorgt, die kleine, gute Frau. Wer ist der ganzen Welt versteht es denn auch so, Fische zu bereiten wie sie? Sie haben einen Duft und einen Geschmack . . . Na! . _. . Hier begann ihm der Mund zu wässern, und der leere Magen knurrte ein wenig. Reb Jekel schämte