Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1928)
- Date
- 1928-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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29. November 1928 Frankfurt a. 2H., den 16. r«si-w 568s || Ein Centralorgan fär das orthodoxe Judentum IlfjSj JII Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. \\\ i Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Toldmart monatttch; Ausland: Wertelmart xnnt Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr. Tschecho-Slowakei 28 Kronen; Ungarn Pengö 6 ab 1.Juli 1827; Dänemark 3.60 Krön.; Norwegen3.89 Krön.; Schweden 8.60 «ron. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen r Die 76 mm breite Reklamezeile: letzt, - , , . . . Thtffregebühr in Höhe eines dopv. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufende» Jnferataufträgen tarifm. Preiserhöhung jeder«. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch de» Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M., Rechneigrabenstraße 7, Tel. Hansa 88A sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands. Alleinige Jnferatenann. furFrankf. Geschäfts««,.: Sul. Schmidt, Langestr. 7. II. Tel. Hansa 4841. 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Lesern bekannt sein, daß Wilnas Ruhm feit dem Tode des Gaon Rabbi Elijahu und seines letzten Rgbbiners Rabbi Schmuel in der U n b e s e tz t h e i t und U n b e - setzbarkeit seines Rabbinats besteht. Die Gründe, die ^ursprünglich zu diesem Beschlüsse führten, sind auch heute noch nicht hinfällig. Aber sie sind überdies nicht nachzuprüfen, sie sind hi st o risch gegeben und geheiligt. Schlecht gefahren ist Wilna seitdem ohne „geisti- 965; Oberhaupt" nicht. Die Höhepunkte ihrer geistigen Blütezeit erlebte die Gemeinde in ihrer rabbinerlosen Zeit. Wilna hatte einen Rabbi Mordechai Melzer, R- Abe Posveler, vorübergehend Rabbi Israel Salanter, später Rabbi Jakob Josef und hat heute in seinem Rabbinate Männer vom Formate eines Rabbi Chajim Oser Grodzenski. Diese Lehrer haben, ohne den Titel „Wilnaer Raw", unter der bescheidenen Bezeichnung „Maggid" oder „Dajan" oder ganz ohne Amtstitel der Gemeinde über alle Wandlungen und Umwälzungen ihre geistige Struktur und eigene Prägung erhalten. Nach dem Kriege und der Okkupation der Stadt durch Polen brachten indes die neuen Zeiten neue Vögel, die andere Lieder singen. Was. gilt noch Brauch, was gilt Tradition, was gilt tiefe Gelehrsamkeit und Thoraautorität in dem Nervenzentrum, von dem aus der Name des Wilnaer Gaon Heute noch feine Strahlen aussendet? Die politische Luft ist für eine G e m e i n d e o r g a n i s a t i o n nach modernem Gusto günstig und das Heft in der Hand wie das Wort in der Kahalstube haben die Zionisten. , Dr. Wigodskr, ein „Mussolini der- Wilnaer Gemeindepolitik, befiehlt- und die Kollegen im Rate gehorchen. Es muß ein „Oberrabbiner" an die Spitze der Gemeinde, ein Oberrabbiper, der Judenheit und Judentum vor allem nach außen repräsentiert, und so rief man kurzerhand Herrn Rubinstein, einen überaus kenntnisreichen und tatkräftigen Mann mit starker zionistischer Einstellung, im übrigen einen in der jüdischen Wissenschaft gut bewanderten Juristen, zum „Oberrabbiner von Wilna" aus. So naiv sind indes die Herren nicht, um den Sturm, in Wilna und in der Orthodoxie der ganzen'Welt gegen diesen Bruch mit hundertjährigen Traditionen nicht vorauszusehen. Da fand man einen Ausweg- Die unselige Institution des Kronrabbinates wurde aus der versunkenen Welt der Zarenepoche wieder ausgegraben. Herr Rubinstein als staatlich anerkannter „Kronrabbiner" hört sich sehr harmlos an. Er hat schon als solcher in früheren Jahren amtiert und sich mannigfache Verdienste auf sozialem Gebiete erworben. Also mag er de facto weiterhin die Amtsgeschäfte des Kronrabbinates in der Gemeinde versehen, ohne die Kompetenzgrenzen des eigentlichen Rabbinats, des bisherigen Vesdin zu streifen. Der Regierung und der W e l t gegenüber hätte man doch aber den „Oberrabbiner", den man braucht, die Spitze, ohne welche die Zinne der Gemeindeverfassung doch nicht so abgeschlossen und überallhin sichtbar wäre, wie sie im Interesse einer bestimmten Parteipolitik erwünscht erscheint. Die Regierung hat fürs erste „Nein!" gesagt. Der Kampf um den „Oberrabbiner" geht aber weiter, die Gefahr ist nach wie vor nahe ur* die Aufregung dementsprechend groß und.tiefgehend. Der Kronrabbiner in der zarischen Zeit war nichts anderes, als ein matrikelführender Kronbeamter, von keinem, am wenigsten von sich selber als Rabbi ernst genommen. Man mußte einen rabbinischen Strohmann für die Behörden haben, aber im Grunde wußten auch diese, daß es bloß eine Attrappe sei. Tiefergehende jüdische Fragen wurden mit den. eigentlichen, wirklichen Rabbinern besprochen. Die verschiedenen Rabbinerkonferenzen im Ministerium zu Petersburg waren nicht von Kronrabbinern, sondern von den wirklichen Rabbonim, den Tnn beschickt, nur mit ihnen verhandelte' der Minister über alle Fragen des jüdischen Außen- und Jnnenrechtes. Man hat in den kleinerne, Städten des russischen Reiches mit Vorliebe die größten Ignoranten mit dem,.Amte, für das eigentlich nur Kenntnis der russischen Sprache und vor allem ein gutes russisches Mundwerk nötig war, betraut. Oft geschah es auch, um solche „Vertraute der Tschinowniks" mundstill zu machen; man machte notgedrungen den Bock zum Gärtner. Rubinstein war nicht von dieser Art, man durfte in Wilna stolz darauf sein, einen Kronrabbiner zu haben, der der jüdischen Lehre und den jüdischen Dingen nicht gar so fern stand, wie es sein Amt und sein Titel hätten voraussetzen lassen müssen. Er stand ihnen sogar sehr nahe. So lagen die Dinge damals. Heute ist das litauische und das polnische Judentum von der Plage des „Kronrabbinates" f ü r alle Zeiten befreit. ' Sofern in diesen Ländern das Zivilamt noch nicht besteht, führt der eigentliche Rabbiner auch die Matrikel. Mit dem Aufhören der zaristischen Knute und des damit verbundenen Denunziantendienst e s, B e st e ch un g s we s e n s und der Politik der Beamtenschikanen kam auch der „Kronrabbiner" in Wegfall. Polen, und nicht zuletzt das unter polnischem Wappen stehende Zentrallitauen, bekommt aber eine Gemeindeverfassung, eine staatlich anerkannte Organisation. Wilnas „Kronrabbiner" wird, so sehr er sich in der Gemeinde selbst mit den äußeren Amtshandlungen bescheidet, — dafür bürgt der Takt Rubinsteins — für die Welt, für die Regierung de jure der „Oberrabbiner von Wilna" sein. Wilna wird dann nicht nur. entgegen den altgeheiligten Gepflogenheiten, wie sie tief in der Geschichte der Gemeinde begründet sind, wieder einen Rabbiner, sondern sogar einen Ob errabbin e r haben. Man versteht danach die Erregung und die Entrüstung in allen jüdischen Kreisen Wilnas und Zentrallitauens. Die Barriere wäre durchbrochen, und was sich daraus für spätere Zeiten ergäbe, ist kaum abzusehen. Wie hoch die Wellen der Erregung über dieses Attentat auf Tradition und Zukunft der Gemeinde des „Gaon" gehen, zeigt u. a. das M e m o r andum des.Wilnaer Rabbinates,. das als Protest in der Presse veröffentlicht wird. In dieser Denkschrift wird die Urkunde im Wortlaute angeführt, mit der vor 150 Jahren, nach dem Tode des „letzten Wilnaer Raw", Rabbi Schmuel, beschlossen wurde, nie und nimmerrüehr das Wilnaer Rabbinat zu besetzen und nie mehr ferner in aller Zukunft die oberste geistige Führung in die Hand ebnes Menschen zu legen. Besagter Rabbi Schmuel wird in der Geschichte der letzten» Jahrhunderte danach „der letzte Wilnaer