Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1928)
- Date
- 1928-11-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 47 Der Israelit 22 November 1928 „Geh hin zu deinen Brüdern und sage ihnen, daß sie von mir garnichts zu erwarten haben." In Tränen aufgelöst, ganz erschüttert bat er, ihn von dieser entsetzlichen Mission zu entbinden. Der Zar aber sagte dann wohlwollender, mit Lächeln im Gesichte: „Du verstehst mich nicht. Sage den Juden, daß sie bei mir gleichgehalten werden mit allen „Fremden" im Lande. Wir haben 90 Millionen Bauern und 100 Millionen „Fremde". Die Bauern sind ungebildet, die Juden aber hochentwickelt, so sage den Juden, daß am Tage, da die Bauern aus gleicher Kulturstufe mit den Juden stehen, die Juden alle Rechte erhalten, wie sie die Bauern heute besitzen." Tags darauf, berichtet S-, habe der Metropolit Petirin einer jüdischen Delegation, bestehend aus Baron Ginzburg, Poljakow und Warschawski, bestätigt, daß er, S., in der geschilderten Weise beim Zaren vorstellig war.- Soweit die Darstellung Schimjanowitschs, die stellenweise reichlich phantastisch klingt und zuweilen, wo sie der Wahrheit entsprechen könnte, mehr Liebe zu Geld und Ruhm als zu den Juden verrät. Es wird Sache der noch Lebenden aus der Reihe der im Buche genannten Männer sein, sich über den Wahrheitsgehalt des Buches zu äußern. Golus-Leid. Seufzer eines Wohlfahrtssekretärs. Menschen, die keine Nahrungssorgen haben und deren Leib niemals Hunger und Entbehrung gelitten, die das Leid wohl gesehen, von ihm aber nicht ergriffen und seelisch beeinflußt worden sind, — solche Menschen haben selten die Fähigkeit und Kraft, sich in Kummer und Not des Nächsten einzufühlen. „Ihr in Deutschland könnt Euch nicht vorstellen, was wir Juden in Rumänien zu leiden haben, geradeso wie ein Mensch, der nicht im Feuer gestanden, nicht weiß, was Krieg ist." So sagte mir der rumänische Jude mit leidvertieften Golusaugen, die in Erinnerung an Geschautes flackerte'/. Seine herbgepreßten Lippen schlossen sich vor den nachdrängenden, weh-schwangeren Gedanken. — Eine fleischte wordene Wand auch ich für ihn? Wand, an der sein Weh und sein Leid abprallen wie Bälle — Augen: unbeteiligt, abwesend — Ohren: des Geplagten Wort nur wie fernes Geplätscher vernehmend? Mein ganzes Ich, erfüllt vom beruhigenden Gleichmaß gut bürgerlicher Ordnung, belästigt durch Unschönes, Unangenehmes — sich gegen diesen Eindringling in meine Ruhe stemmend? Und brunnentiefer Schmerz schaut mich an durch überguellenden Tränenschleier. Eine kranke Frau und sieben kleine Kinder sitzen zu Hause und warten auf die kleinen Geldsendungen, die von Zeit zu Zeit eintreffen. In einem abgegriffenen Briefe lese ich: „Mein lieber Mann, bei uns is groise Not un mit die Augen von Davidche is schlimm und ich wais nit, woher Broit nehmen und kenn mir selber nit bewegen. Lieber Mann will ich doch nit schon wider bettlen gehn bei dein Bruder, vielleicht kennst du wos machen bei gute Jiden und schick mer wider ebbes Geld usw." — Seit beinahe 30 Jahren wohnt der Mann in dem rumänischen Städtchen mit seinen 6000 Juden, ein kleiner Handel ernährte ihn und seine Familie. Da wird er plötzlich zur Polizei gerufen: irgend etwas mit der Heimatberechtigung soll nicht stimmen. .Es beginnt ein Spießrutenlaufen durch die Polizeiämter, von diesem zu jenem Schreiben — deren Bereitwilligkeit ist nur mit Geld zu erkaufen — man höhnt und spottet, vertröstet, wieder muß Geld nachhelfen — und so pressen diese Hüter des Gesetzes den Juden aus bis zum Weißbluten. Ausgewiesen — bis Bodenbach eskortiert und über die Grenze gestoßen wie ein räudiger Hund. In Dresden wegen unerlaubten Grenzüberfchreitens 14 Tage eingesperrt — o Hohn! — wieder bei Vodenbach in di« „schöne Heimat" befördert, wo sich dasselbe Schauspiel wiederholt. „Wohin wollen - Sie fahren?" „Ich weiß es selbst nicht" — kleine Pkmse — „nach Köln". Ebensogut könnte er sagen: nach Frankfurt, Aachen oder Hamburg. Aber er muß doch dem Deutschen, dem inquirierenden Beamten ein Ziel angeben, damit dieser in seinem Buche etwas „schwarz auf weiß" hat. Natürlich hat der Mann keine Ueberweisung einer andern Kasse, nur einen nach drei Tagen ablaufenden Paß in der Tasche eines seiner drei Röcke, den Jammer im Herzen und ein Knurren im Magen — Ich bitte, wie kann man einen knurrenden Magen haben? Gar nicht zu reden von einer geldlichen Hilfe, einem wohlmeinenden Rate oder nur einem tröstenden Worte! Jawohl, man darf keinen knurrenden Magen haben, denn es soll Vorkommen, daß wohlgenährte „Armenpfleger" hungrige Durchwandreer ohne Essen wegschicken, auch wenn sie kein Geld bekommen haben. — Mari darf auch nicht müde und zerschlagen sein nach tagelanger Elsenbahnfahrt, weil jüdische Menschen, deren erste und vornehmste Pflicht „helfen" sein müßte, es fertigbringen, den müden, gehetzten Menschen — nicht zu der dazu bestimmten Schlafstelle — zum Wartesaal zu schicken, wo er die Nacht hindurch am Boden neben seinen paar Habsekigkeiten kauern kann, um dann — noch müder und geräderter — lange Strecken schüttelnder Bahnfahrt zu absolvieren. Ihr, Damen und Herren in den Büros der Gemeinden und Wohlfahrtsstellen! Ich klage mich an und werfe den Stein! Die sich getroffen fühlen, mögen sich ducken und bekennend an die Brust schlagen. Ich bitte Euch, seid keine bürokratischen, nur in die „schwarze Liste" schauenden und bucheintragenden Beamten, die hinter trennenden Gittern, Verschlügen und Klappfenstern ihre „Pflicht" tun; seid keine fleischgewordenen Wände, an welchen Bitten und Klagen der Armen abprallen.— laßt Euch nicht verbittern, nicht mißtrauisch und argwöhnisch machen trotz mancher und vieler Enttäuschungen in Eurem edlen Berufe — empfanget jeden neuen Hilfesuchenden unvoreingenommen — seid keine Jnquiriermaschinen, sondern Menschen — Menschen, die neben ihrer Pflicht auch ein fühlendes, mitfühlendes Herz haben dürfen trotz der Kontrolle Eurer Auftraggeber und Vorgesetzten. Unterscheidet zwischen berufsmäßigen Bettlern und Menschen, die unter dem Joch des Golus seufzen und aus deren trockenen Augen all der Jammer, all das Weh bricht, die an ihrem Herzen stesien. — Dann werden heimlich gesprochene Verwünschungen unterbleiben, segnende Lippen vielmehr Euch Gewißheit geben, daß Ihr menschlich gut und edel gehandelt habt. L. Sch. Weiße und farbige Juden in Malabar. In der Zeitung „Die Neue Welt" schließt ein Aufsatz über „Das Rätsel der farbigen Juden" mit folgenden Angaben: Gegenwärtig gibt es in Malabar etwa 200 weiße und 1300 farbige Juden in der Schattierung zwischen Braun und Schwarz. Die weißen Juden sind Kleingewerbetreibende und Farmer, die Farbigen zumeist manuelle Arbeiter, .emßßlne allerdings schon kleine Staatsbeamte und wohlhabende Kaufleute. Weiße und farbige Juden, je eine eigene Synagoge besitzend und sich nicht mischend, sind beide orthodox, halten dieselben Bräuche, folgen demselben Ritus, dem fephardifchen. Es gibt unter den farbigen keine Kohanim oder Leviten, so daß sie in dieser Beziehung auf ihre weihen Religionsgenössen angewiesen sind. Am Werktag tragen sich die Weißen wie die Eingeborenen, die Farbigen haben nackten Oberkörper, rote turbanartige Kopfbedeckung und Stirnlocken, in der Synagoge eine Mütze, „Kapha", die Weißen einen Turban und ein Leibchen mit den Schaufäden, während die Jugend der weißen Juden sich europäisch trägt. Die Umgangssprache ist das Malayische, am Sabbat gibt es gekochten Fisch und Barches. Da die Sklaverei in Malabar erlaubt war, konnten die weißen Juden Sklaven halten und nahmen sich daher Schwarze, die sie nach jüdischem Gesetz behandelten, so daß die Schwarzen nach und nach das Judentum annahmen^ aber weiter als Sklaven betrachtet wurden. Selbst nach Vollzug der Beschneidung und der vollständigen Annahme des Ritus gab es keine Mischehen, und nur wenn die Farbigen von ihren Herren einen Freibrief bekamen, wurden deren Kinder und Kindeskinder als emanzipiert betrachtet und durften Zizith und Tefillin tragen, hingegen nicht zur Thora aufgerufen werden, da sie als Konvertiten angesehen werden. Die farbigen Juden von Malabar bestreiten die Richtigkeit dieser Erklärung, ja sie behaupten sogar, die urprünglichen Juden von Malabar zu sein, und gehen so weit, zu erklären, daß die weißen Juden erst mit den europäischen Eroberern ins Land gekommen seien. Sie motivieren dies damit, daß sie selbst Sklaven hielten und daß ihr Hauptstamm hellbraun sei so wie die Jemeniten. Bon allen bisherigen Theorien hat bisher keine Theorie Gewißheit erlangt. Die jüngste geht dahin, daß die braunen Juden echte Juden feien und nicht einer fremden Rasse angehören. Man glaubt Beweise dafür zu haben, daß die farbigen Juden Malabars in ihrer Art mit den anderen Juden übereinstimmen und ihre braune Hautfarbe nur unter dem jahrhundertelangen Einfluß der bräunenden Sonne Indiens erhalten haben. Die Bonmots des Barons Rothschild. Don -Lothar Mrieger.*) Der Witzigste der Dynastie Rothschild war Baron Henri de Rothschild in Paris. Er war vielleicht kein unbedingt angenehmer Mensch, da es ihm an einem gewissen Zynismus nicht fehlte. Aber Henry de Rothschild war trotzdem oder vielleicht mit dem ein Mensch großen Formats. Cr war es, der das fürstliche Anleihesystem der Familie Rothschild so umfassend ausb-aute, daß beinahe alle Fürsten Europas zu gewissen Zeiten Schuldner des Hauses Rothschild waren. Neben einer finanziellen Begabung war Baron Rothschild ein eidenschaftlicher Kunstfreund. Die Sammelwut des Hauses Rothschild, die zeitweise sprichwörtlich war, geht in erster Linie aus ihn zurück- Baron Henri liebte und bevorzugte vor allem das 18. Jahrhundert, und die stark betonten Darstellungen aus der Mythologie hinten bis *) Aus „Die Stimme", Wien. in feine Büros hinein, wo sie dann merkwürdig mit der dort entfalteten Tätigkeit kontrastierten. Den ganzen Mann kennzeichnet da seine wenig bekannte Begegnung mit dem Oberrabbiner von Paris. Der sehr freisinnige Oberrabbiner, ein gern gesehener Gast im Hause Rothschild, nahm eines Tages an diesen Bildern Anstoß. Baron Henri lachte: „Haben Sie nicht in der letzten „Carricature" das Bild von mir gesehen, wo ich als Gott Plutus mit einem mächtigen Gelbdeutel dargestellt bin, den die Anleihe suchenden Fürsten umgeben? Ja? und da wollen Sie mir meine Fami lie nbilder mißgönnen?" Die schärfste Antwort, die Baron Henri jemals gab, erteilte er einem anderen berühmten Geldmann, dem Pariser Mitglied der berühmten Familie Pereira. Pereira, das reichste Mitglied der alten spnanischen Familie, machte damals in Frankreich viel durch sehr gewagte Gründungen von sich reden, deren Reellität nicht immer ganz einwandfrei war. Das mißfiel dem sehr strengen Baron Henri, und er behandelte Pereira, als er ihm in einer Gesellschaft begegnete, äußerst kühl und von oben herab. Pereira beschwerte sich darüber und meinte hämisch: „Wenn ich wollte, könnte ich ebenso gut Baron sein wie Sie!" „Sie irren sich", antwortete Rothschild kühl. „Cs gibt zwar Finanzbarone, aber es gibt nur Jndustrisritter." Ueber die Fähigkeiten eines Kollegen befragt, sagte Baron Henri: „Er ist Mitglied des größten Pariser Musikvereins. Außerdem arbeitet er noch nebenbei an der Börse." Der Herzog von Revers besuchte ihn, um eine Auskunft emzuholen, in seinem Büro, als Rothschild gerade sehr beschäftigt war. „Bitte, nehmen Sie einen Stuhl und warten Sie einen Augenblick, ich habe gerade zu tun." „Aber ich bin der Herzog von Revers!" „Schön, dann nehmen Sie, bitten zwei . . ." Henri de Rothschild hat auch das klassische Wort über die Aktionäre geprägt. „Manchmal sind sie Tiger, manchmal sind sie Schafe, aber Viecher sind sie immer." Er war äußerst mißgestimmt, wenn man im Privatleben finanzielle Auskünfte von ihm verlangte. Im Augenblick, wo er seine Büros schloß, war das Geschäftliche für ihn erledigt. Er liebte außerordentlich die Geselligkeit, er trieb Musik, er las jedes neue Buch, er ämmelte vor allem leidenschaftlich. Er verlangte' privatim als Privatmann behandelt zu werden. Diese seine Eigenart war bekannt und wurde im allgemeinen respektiert. Aber einmal fragte ihn doch eine Dame des Pariser Hofadels, warum am Tage zuvor die Staatsrenten gefallen wären. „Liebes Kind", sagte Baron Henri freundlich, „wenn ich wüßte, warum Papiere steigen oder fallen, hätte ich mir schon längst ein Vermögen gemacht . . ." Von seinen Kollegen, die niemals über etwas anderes sprachen als über Geschäfte, erklärte er verächtlich: „Sie sind immer in Geschäften, sie reden immer von Geschäften und sie denken immer an Geschäfte. Und was verstehen sie unter Geschäften? Das Vermögen der anderen." Als man ihm einmal die Tugenden und Vorzüge der Armut rühmte, nickte er zustimmend: „Gewiß, Armut ist kein Laster. Aber sie ist leider etwas viel Schlimmeres." Baron Henri war der Meinung, junge Leute müßten 'rüh lernen mit Geld umzugehen. Sein 20jähriger Sohn konnte bei der Hauptkasse erheben, was er wollte. Henry kontrollierte ihn nie, aber er sah es gern, wenn ihm der Sohn von Zeit zu Zeit selbst erzählte, wofür er das Geld verwendete. Die Freiheit, die der Baron seinem Sohne ließ, und die im übrigen von diesem niemals mißbraucht wurde, wurde in der Gesellschaft viel kritisiert. Einer seiner adeligen Freunde sagte zu ihm ganz entrüstet: „Als ich mit 20 Jahren aus der Provinz nach. Paris kam, stellte mir mein Vater nicht mehr als 50 Francs monatlich zur Verfügung!" „Und damit sind Sie ausgekommen?" fragte der Baron ganz erstaunt. „Ja!" Nach einer kleinen Pause sehr zögernd: „Und ich habe sogar Mittel und Wege gefunden, mir einen Kredit zu eröffnen." Bon Henry de Rothschild stammt das berühmte Wort: „Es gibt nur eine einzige Methode, seine Geschäfte vollkommen verborgen zu halten. Man muß aller Welt davon erzählen. Dann glaubt niemand daran." Einer der berüchtigsten Gründer Frankreichs ärgerte 'ich eines Tages darüber, daß Baron Rothschild sich mit ihm in keine Geschäfte einlassen wollte. Er sagte zornig: „Sie dürfen überzeugt sein, Herr Baron, daß ich keine Gemeinheiten begehen könnte!" „Es genügt", antwortete Rothschild kühl, „daß Sie welche emittieren." Einmal war in'einer Gesellschaft viel von früheren Existenzen, von Seelenwanderung und ähnlichen damals wieder stark modernen Themen die Rede. Ein sehr verchuldeter Bankier sagte scherzhaft: „Ich , erinnere mich, einmal das golden» Kalb gewesen zu sein." „Sie haben seither nichts verloren als die Vergoldung!" antwortete Rothschild. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und da» Feuilleton S. Schach üowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: L Schach» «owttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L« Kaufmann in Sprendlingen Elr. Offenbach). — Verlag »Israelit", D.m.b.H., Frankfurt a. M. — Druck Sermo« Verlags» Mtkengesellschaft, Frankfurt a. M.