Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-11-22 · Heft 47 (22.11.1928) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 47 (22.11.1928)
Date
1928-11-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450541--75490-2533017
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der Israelit ■%£ Rasputtn und die Juden. „Rasputin, der allmächtige Bauer" ist der Titel emes Buches, das vor kurzem zuerst in russischer, dann in vielen europäischen Sprachen erschienen ist. Verfasser des Buches ist A. Simjanowitsch, der langjährige Sekretär des des Lesens und Schreibens kaum kundigen Bauerndespoten im letzten Zarenhause. Simjanowitsch gibt sich in diesem Buche als Beschützer und Retter der Inden in Rußland, von dem ihr Schicksal, ihr Wohl und Wehe abhing. Er rühmt sich seiner Beziehungen zu den höchsten Regierungskreisen auf der einen und den Führern der jüdischen Gesellschaft auf der andern Seite. Es wird schon nötig sein, daß die heute in Berlin und Paris noch lebenden jüdischen Persönlichkeiten dieses Kreises zu den Angaben des Buches Stellung nehmen. Im Uebrigen lesen sich manche Kapitel des Buches nicht gerade so, als wären sie aus purer Liebe zum Judentum diktiert. Wie er in nähere Beziehungen zum Zarenhof trat, erklärt er etwas selbstgefällig mit seiner hervorragenden Intelligenz, die das Wunder hervorbrachte, daß die wildesten Antisemiten in der Nähe des Zaren seinen! Rat und seine Hilfe in Anspruch nahmen, obwohl sie wußten, daß er ein Jude und darauf eingestellt sei, seinen jüdischen Brüdern Beistand zu leisten. Von Fach Juwelier, betrieb er zuerst ein (holdwarengeschäft in Kiew und siedelte 1902 nach Petersburg über, wo er häufig Spielklubs und Kabaretts besuchte und bald auch beständiger Gast der Pferderennen war. Dort gelang es ihm, alle gesellschaftlichen Grenzen und sozialen Schichtungen zu überwinden und sich bis zu Mitgliedern des Hofes heranzumachen. Diese streberische Karriere fand ihre Krönung mit der Anstellung als Priv a ts e k r e t ä r beiRasputin. Rasputin war bekanntlich bis zum Zusammenbruch der Beherrscher der Zarenfamilie, wie der Zar Selbstherrscher aller Reußen war- Und nun war gar Rasputin selbst, wenn man dem Buche glauben soll, in den Händen seines jüdischen Sekretärs. Der eigentliche erste und letzte Beherrscher Rußlands wäre danach Simjanowitsch, der aus der Provinz stammende jüdische Schreiber,, gewesen. Er schreibt selbst, daß er Rasputin, wenn dieser eine Dummheit beging, ausschimpfen konnte wie einen Schuljungen und daß er auf dem Wege über Rasputin: bei dem Zarell und der Zarin einfach alles erreichen konnte. Pasputin erhielt durch den Innenminister eine monatliche Gage von 5000 Rubel, die aber für das Ailde Leben des Mönchs kaum ausreichte. Die übrigen nötigen Summen aufzubringen, so schreibt S., war seine Aufgabe, und er deutet an, daß seine Hauptquellen in der jüdischen Gesellschaft lagen, die gezwungen war, sich das kleinste, selbstverständlichste Recht mit schwerem Gelbe zu erkaufen. Es kam oft vor, daß Rasputin arme Leute zu den jüdischen Millionären mit Empfehlungsschreiben schickte. Die Bitten wurden stets erfüllt. Wenn Baron Ginzburg Rasputin in irgend einer Angelegenheit besuchte, war es selbstverstyndlich, daß er mit v oll kommen le e ren Taschen das Haus de? Gewaltigen verließ. RafputiN wußte diese Tatsachen nach Gebühr zu schätzen. Es kam vor,, daß Minister und Generäle in feinem Wartezimmer neben einfachen Juden faßen- Rasputin pflegte in diesem Falle zu den Generälen und hohen Beamten zu sagen: „Ihr, meine lieben Generäle, seid gewöhnt, überall als erste empfangen zu werden, aber hier warten meiner Juden, die nicht um Protektionen, sondern um einfaches Menschenrecht kommen- Ich muß sie erst anhören." Und so empfing er die Juden und tat für sie alles, was er konnte. In den überaus meisten Fällen handelte es sich um Schutz vor Verfolgungen seitens der Polizei und der politischen Macht. Wie einfach sich Simjanowitsch die Lösung der Judenfrage in Rußland dachte, erfährt man aus folgender Schilderung: Bei einem der wüsten Gelage im Zarenhofe, an dem auch er teilnahm, befand sich unter den Hofdamen die Gräfin Zarn e k o w. Diese Dame wurde gerade abgerufen, um an einer spiritistischen Sitzung in einem anderen Raume teilzunehmen. Da hatte Simjanowitsch die gute Eingebung, die Gräfin zu bitten, sie möchte die heraufbeschworenen Geister auffordern, den Zaren zugunsten der Juden zu beeinflussen und dahin, daß alle antisemitischen Gesetze abgeschafft würden. Die Gräfin schrak aber im letzten Augenblick davor zurück, die Geister für politische Zwecke in Anspruch zu nehmen. Uebrigens gehörte sie auch zum Kreise der Judenhässer. S. erklärt den Judenhaß des Zaren mit seiner Erziehung. Er wurde ihm von seiner Mutter förmlich eingeimpft (die Zarinmutter ist vor wenigen Wochen in Dänemark gestorben)- Rasputm habe es oft erklärt, daß der Zar von seiner Umgebung zur Judenverfolgung geradezu 'gezwungen werde- Der Zar habe ihm, Rasputin, oft erzählt, die Minister schimpften bei den Audienzen und ihren Vorträgen unablässig über die Juden und machten sie für alle Miseren im Lande verantwortlich. Der Zar wurde im Wahnglauben einer „jüdischen Verschwörung" festgehalten. S. erzählt weiter von einer großen Organisation, die er zum Studium der jüdischen Lage im Lande gegründet hätte. Auf dem Weg über Rasputin bekam man Protektionen zu Professoren, Kirchenfürsten und Hofdamen. Ein regelmäßiges Büro wurde erhalten zur Verschaffung von Wohnrecht für Juden in Petersburg und Moskau. Die Petitionen m* diesem Punkte häuften sich zu Bergen, so daß ein großes Personal mit deren Erledigung beschäftigt werden mußte. Der Einfluß Simjanowitschs redete sich bald herum, doch ahnte keiner feine Quellen und die Wege, auf denen er sein Ziel erreichte. Von seinen Beziehungen zu Rasputin durfte keiner wissen. Manche hielten ihn für so etwas wie einen Referenten über jüdische Angelegenheiten beim Ministerium. Andere glaubten, er handele in Vertretung der amerikanischen Juden- Wenn Irgendwo jin Rußland Pogrompanik ausbrach, telegraphierte may. an ihn nach Petersburg: „Beunruhigt Hegen. eurer Gesundheit. Telegraphiert!^ Das ,war das verabredete Schlüsselwort. Im Besitz einer solchen, Telegramms pflegte er sofort alle lokalen Behörden in Bewegung zu setzen. So will er einen sicheren Pogrom in Minsk verhindert haben, und auch in W i l n a, wo Generalgouverneur Lubimow den Juden nicht den nötigen Schutz angedeihen ließ. Bald, so schreibt er, sah man in ihm den einzig berufenen Mann, die Judenfrage in die Hand zu nehmen und sie endgültig zu lösen. Er hielt eine Reihe von Konferenzen mit prominenten jüdischen Führern ab. Er übernahm die Mission, die jüdische Gleichberechtigung auf dem ihm für gut erscheinenden Wege zu erreichen. Die Sache wäre zum guten Ende gekommen, wenn nicht inzwischen die Revolution alle seine großen Pläne durchkreuzt hätte. Ohne diese wäre sein Name in den Annalen der jüdischen Geschichte mit goldenen Lettern für ewige. Zeiten verewigt geblieben. Anschaulich ist die Schilderung einer Konferenz der jüdischen Führer mit Rasputin im Hause des Baron Ginzburg. Als Rasputin im Salon erschien, stellte sich die ganze Korona auf und begrüßte ihn mit einer lebhaften Ovatton, von der sich Rasputin sehr gerührt zeigte- Er hörte das Referat über die unerträgliche jüdische Lage mit peinlichster Aufmerksamkeit an, wobei sich zuweilen Tränen in seinen Augen zeigten, und er versprach, alles aufzubieten, daß den Juden ihr Recht werde. Er sagte aber dann: „Ihr müßt alle Simjanowitsch helfen, daß er stets die Gelder zur Verfügung hat, um die zuständigen Stellen willig zu stimmen... Machet es, wie es eure Väter stets taten; das jüdische Problem kann nur durch Bestechung oder durch Schlauheit gelöst werden." Eine andere Konferenz im Hause Schloßbergs schildert S. in ähnlicher Weise. Auf Grund dieser Konferenz bemühte sich S. um eine Audienz für die jüdischen Vorsteher beim Zaren, damit ihre Klagen unmittelbar sein Ohr erreichen- Auch darin half Rasputin mit- Aber im letzten Momente sagte der Zar, er könne „die jüdischen Advokaten und Revolutionäre" nicht empfangen. S. behauptet, der Zar hätte die Delegation empfangen, wenn sie aus Ginzburg und B r o d s k i bestanden hätte. Diese Herren wollten aber die Verantwortung einer solchen Audienz nicht auf sich nehmen. So ist die ganze Audienz ins Wasser gefallen. Inzwischen vermehrte sich die Gefahr für die Juden mit dem Anwachsen der Macht des Großfürsten Nikolaus, des Oberstkommandierenden der Armee. Die Juden trafen sich wieder mit Rasputin bei Schloßberg. U. a. waren Baron Ginsburg und Rabbiner Mase anwesend- Er, S., kam in Begleitung von Rasputin. Die Schilderung der neuen jüdischen Leiden machte wiederum auf Rasputin einen gewaltigen Eindruck. Aber er sagte zum Schluß: „Ihr habt eure Lage selber verschuldet, denn ihr versteht nicht, genügend an, richtigen Stellen die-^ Pestechungsgelder anzubringen." Er hätte, fügte er hinzu, die Juden für viel schlauer gehalten. Einer der Delegierten erklärte Rasputin, daß die führenden Männer, wie W i n ä w e r und Grusenberg, grundsätzlich gegen solche Taktik sind. Es sollen nicht Sonderrechte für Einzelne erworben werden, sondern die Gleichberechtigung der jüdischen Massen in Rußland. Als Rasputin von den vielen Hinrichtungen von Juden auf Befehl des Armeeführers hörte, stand er erschrocken auf und bekreuzte sich. „In zehn Tagen", sagte er entrüstet, „wird der Oberstkommandierende von seinem Posten entfernt sein. Der Zar selbst wird dann das Oberkommando übernehmen, und mit ihm werde ich schon /fertig." " Rasputin hatte in einer Beziehung nicht zuviel gesagt. Es vergingen keine zehn Tage; bis der allgewaltige Großfürst abgesägt war. ' Dann hatte Simjanowitsch mit Rasputin eine Audienz beim Zaren. Diese Audienz weiß er sehr dramatisch auszumalen. Rasputin führte feinen Schützling beim Zaren mit den Worten ein: „Ein Sohn des jüdischen Volkes steht vor Dir." Der Zar schaute von dem einen zu dem andern und sprach erstaunt: „Ich-verstehe nichts." Peinliche Stille. Rasputin fuhr aber ruhig fort: „Ich machte den Anfang, alles andere muß er selber sagen." S. brachte zitternd und stotternd hervor, daß er schon seit Jahren in Petersburg wohne, seine Brüder und Schwestern im Lande aber so wenig von der Liebe des Zaren zu ihnen erfahren. Der Metropolit, der dabei saß, unterbrach ihn mit der Bemerkung, er möchte sich doch deutlicher ausdrücken. Er aber sagte in wachsender Erregung, die Juden harren der Gnade des großen Kaisers,-sie erwarten das Recht auf Bewegungsfreiheit, auf Bildung, auf Erwerb. Die ganze Rede war zusammenhanglos, in gebrochenen Worten und abgehackten Sätzen. Aber der Zar verstand und wußte alles und sprach barsch:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.