Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1928)
- Date
- 1928-11-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage Der Jsraelit n'\m mm Me die Weslmauer entdeckt wurde. Eine Ueberlieferung erzählt: Als Titus den Tempel zerstörte, erwies sich die westliche Wand als unzerstörbar. Die göttliche Vorsehung wollte den letzten heiligen Rest dem unglücklichen Volke lassen, daß es hier beten, weinen und hoffen konnte. Nachdem Titus all feine Wurfgeschosse vergeblich vergeudet hatte, befahl er seinen Soldaten, Erde und Schutt aufzufahren und hier abzulagern, auf daß die Mauer verschüttet und dem Erdboden gleichgemacht wurde. Damit aber nicht die Winde den Schutt abtragen und die Mauer zum Vorschein kommen lassen, war es bei den Römern lange Jahrhunderte Gesetz und Sitte, immer mehr Schutt und Unrat hier abzulagern. Als nach Jahren infolge der Unterdrückungen die letzten Juden Jerusalem und Palästina verließen, wußte bald keiner mehr den. Platz, auf dem die heilige Mauer gestanden hatte. Wie wurde aber die Mauer wieder entdeckt? Als der Sultan Suliman Jerusalem einnahm und seine Residenz im Hause ausschlug, wo sich das Gericht befand (heute Omar-Moschee), da sah er von seinem Balkone aus, wie eine Greisin mit einem schweren Sack aus den Schultern daherkeuchte und diesen auf den Platz hinter seinem Hause leerte. Voller Zorn über die Verunreinigung des Geländes vor seinem Palaste, ließ er die Alte kommen und befragte sie über ihr Tun. Da erfuhr er von ihr, daß sie eine Römerin sei und zwei Tagesmärsche von hier entfernt wohne. Sie habe die schwere Last hergetragen, wie die alte Sitte den Römern gebiete. Die in Jerusalem wohnenden Römer haben mindestens einmal täglich einen Sack voll Schutt und Unrat hier auszuleeren, die aus der Umgegend zweimal m der Woche, die weiter Entfernten mindestens einmal im Monat. Der Zweck der Handlung sei, den Ort, wo einmal das Haus des jüdischen Gottes gestanden hatte, ganz zuzuschütten. Wer von den Römern sich dieser Pflicht entziehe, sei dem Bgnne und dem Fluche verfallen bis ans Ende der Zeiten. Der Sultan ließ die Frau in Gewahrsam nehmen und stellte genaue Untersuchungen im Lande .am Diese ergaben eine volle Bestätigung ihrer Angaben. «Der Sultan beschloß, dem Treiben ein Ende zu machen. Wer noch in den folgenden Tagen mit seinem Sacke kam, wurde abgesaßt und schwerer Stkafe zugeführt. Und nun, da keiner mehr kam, ging , der Sultan daran, den Platz zu säubern. Um die Arbeiter anzueifern, ließ er ganze Säcke voll blinkender Münzen an verschiedenen Stellen verstreuen. Die Leute gruben emsig nach den Münzen, suchten immer mehr und mehH bis sie den ganzen Schutt abtrugen und die:grauen Quadern der Mauer sichtbar würden, %felber half mit eigener Hand mit. Ungefähr zehntausend Menschen waren bei dieser Arbeit, beschäftigt, so daß nach dreißig Tagen Ae ganze Mauer bloßgelegt war. Die Römer Jerrffalems und der Umgebung ergriffen die Flucht. Wer es noch wagte, den Ort 'Zu beschmutzen, verfiel dem Henker. Inzwischen waren wieder neue.Juden ins Land gekommen, sie waren arm und m gedrückter Lage. Sultan Suliman ließ sie kommen und sprach zu ihnen: „Wie Ihr seht, war es von Gott, den wir gemeinsam anerkennen, mir beschieden, die heilige Mauer zu retten, den letzten Rest Eures Heiligtumes. Vielleicht'bin ich erkoren, Euch den ganzen Tempel wieder aufzubauern Salomo, der große König, hat den ersten Tempel erbaut, auch ich heiße Salomo und kann Euch den dritten Tempel errichten. Das Fundament ist nun da, so bauet Ihr weiter, an Geld soll es Euch nicht fehlen. Dafür will ich schon sorgen!" Wie der gute Sultan also sprach, weinten die Juden bitterlich. „Warum weinet Ihr", fragte der Sultan erstaunt. Er verstand nicht, daß das, was ihr größtes Glück ausmachte, sie gar in Trauer versetzen sollte. Da ergriff der älteste der Juden das Wort: „Unser Herr und König möge sich lange Jahre der Gnade Gottes erfreuen, wie er es verdient. Wir danken unserem Gott, daß er dem großen König soviel Güte für uns eingab. Aber es ist nicht in U n s e r e r Kraft, den Tempel zu bauen. Er, der das Heiligtum in Feuer aufgehen ließ, er wird es wieder in Feuer errichten und in noch schönerem Glänze erstehen lassen, wenn ' die Stunde da ist und aus dem winzigen Häuflein, das wir bilden, das Gottesvolk wieder wird." So sprachen die Juden, und mit dem Tempelbau war es vorerst nichts. Aber die Mauer blieb, als Stätte der Gebete und der Tränen und der gesamten jüdischen Diaspora heilig und teuer bis auf den heutigen Tag. * * * Der Sultan lebte nach der Ueberlieferung vor knapp 400 Jahren. Niedergeschrieben ist diese Erzählung zuerst von Mosche Chagis im Jahre 449 in seinem Werke ’yoö nbx und wird mit einigen Variationen auch von dem Italiener Rabbi Eliasar Nachmann Puah in dessen Hagadakommentar tbrrm iman zu dem Psalmsatze „Vom Schutte erhebt er Bedürftige" angeführt. Ueifeertebrrisse und erste Eindrücke. Von Oberlehrerin Karottne Uychmann in Jerusalem. Als ich am Morgen des 10. Oktober, die Platzkarte in der Hand, ruhig und eines guten Platzes sicher, in München mein Abteil 3. Klasse im Triester Zug betrat, schreckte ich erstaunt zurück. Ueberfüllte .Plätze, erstickende Luft> widerliche Dünste, eine'Hängematte mit einem Kinde quer duxchs Abteil gespannt, ein großer Ballen Allerleis der 'zu dem Kirche zu gehören .schien tkurz: unmöglich! unerträglich! Rasch entschlossen begab ich mich nach der 2. Klasse, woselbst ich bis Triest verblieb und bald von meinen Mitt reisenden erfuhr, daß die 2. Klasse der österreichischen Eisenbahn der 3., wenn nicht gar der 4., in Deutschland entspricht. Der bayrische, österreichische und italienische Schaffner — omST nann1? — ließen mich, als ich meine Nöteerzählte und weil die 3. Klaffe mehr als überfüllt war, unbehelligt. Anders der Jugoslawe. „Ich darf nicht!", sagte er. Und nur durch Lösung einer Zuschlagkarte konnte ich in seinem Revier meinen Platz behaupten. ' Trotz dieses Mangels an Galanterie war er kein. Unmensch, und ich muß ihm sehr gut gefallen haben. Als-besonderes Zeichen seiner Huld darf ich es wohl betrachten,, haß er< was er gewiß auch nicht durfte, mir', ganz im geheimen anvertraute, der griechische Exkönig befinde sich im selben Wagen in einem Abteil der 1.: Klasse. .; Die verschiedenen Paßkontrollen an den Grenzen und die Zollkontrolle -in Triest verdienen rühm l.i ch st e Erwähnung. Ganz im Gegensatz zu den unerhörten Schikanen, die ich z. B. bei der Zollkontrolle in Mailand, bei der Paßkontrolle in Ventimiglia erlebte, bot sich hier überall statt der erwarteten Belästigung nur höflichste Zuvorkommenheit. Nach 13stündiger Fahrt durch meist landschaftlich herrliche Gegenden kamen wir in später Nacht in Triest an. Schon eine halbe Stunde vorher tauchten tief unter uns die Lichter der Stadt auf, und das allmähliche Hinunerfahren in vielen Kurven bot uns lange dieses wirklich schöne Bild. Am Bahnhofe bemächtigte sich meiner einer der vielen Träger, der mir nachher ein Heidengeld abnahm. Seitdem habe ich einen höllischen Respekt vor Gepäckträgern aller Nationen, und nichts kann mich bewegen, ihre Dienste denen einer Reiseagentur oder Verkehrsgesellschaft vorzuziehen. In Triest übernachtete ich in dem mir sehr empfohlenen Hotel de la Ville, das ich aber meinerseits niemandem empfehlen möchte. Sehr mäßige Zimmer vertragen sich schlecht mit sehr unmäßigen Preisen. Am nächsten Morgen machte ich mich auf die Suche nach dem Palästinaamte, das ich erst nach langem Herumirren und vielen vergeblichen Erkundigungen mit Hilfe eines Polizisten, der mit Mühe und Not den Weg nach Via del Monte ausfindig machte, erreichte. Kurz vor dem Ziele, als für europäische Begriffe die Zivilisation aufhörte, wollte ich umkehren. Nie hätte ich gedacht, daß sich in diesem Eingeborenengäßchen das Palästinaamt befinden könne. Den Rest des Vormittages benutzte ich zu einem Ausfluge nach Villa Opicina, dem schönsten Aussichtspunkte Triests, den aufzusuchen wirklich lohnt. Leider gibt es keine Ansichtskarten von dem herrlichen Panorama, das sich als Berg und Tal und Meer den Blicken der Besucher bietet. Am Abend gings zum Schiff. 'Und damit beginnt ein tragischer Abschnitt meiner Reise. Die erste unerfreuliche Ueberraschung bot die Kabine. Vier Frauen und ein Kind in einem engen Loche zusammengepfercht — das sind die Annehmlichkeiten der 2. Klaffe aus der „Adria". Sämtliche Kabinen der 2. Klaffe enthalten vier Betten, während man in der 3. Klaffe merkwürdigerweise eine Kabine mit nur zwei Betten erhalten kann. Ueberhaupt besteht der Vorzug der 2. Klasse für uns Orthodoxe nur in fließendem Wasser, das übrigens in meiner Kabine nicht funktionierte, und Bettbezügen. Dafür bezahlt man das D-r e i fache des Fahrpreises der 3. Klaffe. : Die nirnv-Verpflegung, welche sämtliche Passagiere der 2. Klaffe außer mir genossen, wurde überaus "gerühmt. Die koschere Verpflegung dagegen spottet jeder Beschreibung. Ich selbst^hatte mich bestens mit Fleisch-, Gemüse- und Obstkonserven, mit Kuchen, Käse und Tubenmilch verproviantiert. Infolge der starken Belegung der engen Kabine waren aber unsere Koffer so verstaut, daß an ein Hingelangen nicht zu denken war. Für die andern bedeutete' das Beschränkung in der Toilette, für mich — Hunger. Die Fleischkonserven des Schiffes erwiesen sich als ungenießbar. Es soll sich dank der leider Gottes geringen Nachfrage um alte amerikanische Vorräte handeln,- über deren rituelle Zuverlässigkeit gewiß viel zM sägen wäre. Im übrigen werden dieselben in Dosen serviert, die keinerlei rtnab* Zeichen tragen und daher den ausgehungerten orthodoxen Interessenten in eine hübsche Gemütsverfassung versitzen. Ich weih /heute noch nicht, ob das Zeug -wv war oder nicht. Orthodoxe Reisende der 3. .Klaffe beruhigten mich zwar, waren aber wohl .auch nicht besser orientiert ach. ich. Nachi'diesem ' Mißglückten-: Versuche gab ich - das Effen auf und kam dank dieser Marienbader Kür und der bei hoher See nuvermeidlichen Seekrankheit mehr tot als lebendig in Jaffa an. Die zwölf orthodoxen Reisenden der 3. Klaffe erhielten als ständige Mittagsratton grünen