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Der Israelit · 1928-11-08 · Heft 45 (8.11.1928) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 45 (8.11.1928)
Date
1928-11-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 45 ernde Gespenst der radikalen Reformen wie deutsches Gebetbuch und Sonntagsgottetzdienst, denen nun die Wege geebnet wären. Bei der Synagogengemeinde Adaß Jef ch u r u n find die Verhältnisse noch im langsamen Fluß begriffen. Die von der Regierung genehmigte Statutenänderung, wonach auch den nichtausgetretenen Mitgliedern aktives wie passives Wahlrecht eingeräumt ist, hat wohl eine neue Sachlage geschaffen, deren Auswirkungen aber, solange kein neuer, den Verhältnissen Rechnung tragender Vorstand sich gebildet hat, wofür verschiedentlich Stimmen laut sind, noch nicht zu übersehen sind. Auch in der Frage der Amtsnachsolge des verstorbenen Rabbiners Dr. Cavlebach sind, obwohl seit langem schon eine fünfgliedrige Wahlkommisfion aufgestellt ist, bisher positive Vorschläge nicht gemacht worden. Die allgemeine Stimmung ist aber von der Einmütigkeit beherrscht, es in keinem Falle zu einem Wahlkampf kommen« zu lassen. Bemerkenswert ist die Mitteilung, die auch bei «der jüngsten Generalversammlung der Talmud Thora zur Sprache kam, daß Verhandlungen geführt werden, die eine Uebernahme der Talmud Thora durch die Synagogen gemeinde Adaß Jeschurun bezwecken. Durch die vollendete Tatsache wäre eine einigermaßen befriedigende Lösung gefunden, die auch für die Zukunft den Kollisionen im gleichen Lager Vorbeugen würde. Eine starke Ungewißheit herrscht auch noch über das zukünftige Schicksal der orthodoxen Schulen. Zwar ist der seitens der Großgemeinde für «die Jawne gewährte Beitrag für ein weiteres Jahr sichergestellt, damit sind aber die Sorgen nicht behoben, die die verantwortlichen Führer belasten. Es sollen z. Zt. Unterhandlungen zwecks Besetzung des Direktorpostens schweben, wofür man eine im süddeutschen Staatsdienst stehende Persönlichkeit im Auge hat. Zweifelsohne aber wird man vorerst noch nicht zu einer Entschließung gelangen, solange nicht die Verhältnisse eine gewisse Gewähr für die Zukunft verheißen. Eng verknüpft mit dem Schicksal der Jawne ist auch das des Lehrerseminars, für das das seitens der Regierung geschaffene Provisorium noch bis zum Jahre 1930 läuft. Eine Uebernahme durch den Preußischen Landesverband, der auch den Ausbau der oberen Klassen der Jawne beabsichtigt, ist zwar ins Auge gefaßt. Die persönliche Rücksprache des derzeitigen Leiters kon«nte aber keine positiven Ergebnisse mit nach Hause bringen. Vielleicht dürfte die heutige Sitzung des Landesverbandes ein entscheidendes Wort in dieser Angelegenheit sprechen. Jedenfalls wäre es eine Ehrenaufgabe der gesetzestreuen Judenheit, diese einzige noch bestehende norddeutsche orthodoxe Lehrerbildungsanstalt für den Gedanken einer jüdisch-pädagogischen Akademie zu erhalten. Polen. Die Landesversammlung der Agudas Iisroel in Polen. Warschau, 31. Okt. Die dritte Landeskonferenz der Agudas Jisroel in Polen wurde, wie bereits kurz telegraphisch mitgeteilt, am Montag abend in dem großen Raume von Kammskis Theater in Anwesenheit von 2000 Delegierten, und Gästen eröffnet. Vertreten waren 5$7 Ortsgruppen mit etwa 250 000 Mitgliedern durch 670 Delegierte. Die Jugendgruppen haben 140 Delegierte entsendet. Die Versammlung wurde durch eine längere Rede des Oberrabbiners Lewin aus Rzeszow in jiddisch und polnisch eröffnet. Die Regierungsbehörden und die Stadt Warschau hatten 12 Vertreter der verschiedenen Ministerien und Ressorts abgeordnet. Worte der Begrüßung sprachen der unter ungeheuren Ovationen empfangene Gerer Rebbe, der Wilnaer Raw Robb. Chaim Grodzensfy, die Rsshhes vyn> Sokol 0 lv und R a d s i n, Rabhi Mendel Semtza als Vertreter der Agudas horabbonim, für has Warschauer Rabbinat Militärrabbiner Dr. Posyer, Dr. Pinchas Kohn für den Geschäftsausschuß der Agudas Jisroel, Wolf Jacobson für die deutsche Landesorganisation. Zur Verlesung gelangte eine große Reihe von Begrüßungsschreiben und Telegrammen, darunter auch solche hervorragender politischer Persönlichkeiten Polens. Viel bemerkt wurde ein herzliches Begrüßungsschreiben des Beizer Robbe, das zum einheitlichen Kampfe gegen «das polnische Gemeindegesetz mit seinem religiösen Oberrat aufruft. Huldigungstelegramme wurden an Pilfudski und Der Jsraelit an den Ministerpräsidenten gerichtet. Alsdann ergriff Herr Jacob Rosenheim aus Frankfurt a. M. tzas Wort zu seinem Referate über den „Sinn der Agudas Jisroel". Ihm folgte «der Tätigkeitsbericht des polnischen Zentralrates, erstattet durch I. M. Lew in. Das nahezu zweistündige Referat Lewins behandelte vgMieHend die inWrxolitifche Arbeit der Agudas JiArgel Wch stW M in grLMjMer Weife, mit den gegnerischen PyrteiM auseinander. Erst gegeyi 11 Uhr schloß «die erste Sitzung, die um 6 Uhr begonnen hatte. Warschau, 1: Nov. Der zweite Hag der dritten Landeskonferenz her Agudas Jisroel in Polen begann Mit eineM Vachruf des Vorsitzenden, Oberrabbiner L e w i n - Rzeszow, auf die, feit der zweiten Konferenz verstorbenen Rabbiner und Aguda-FühM. Er würdigte u. a. die Rabbiyer von Belce, Ostrowce, Skserniewice, Sochaczew, Ostrom, Frankfurt a. M. und Brody. Rabhiner Dr. Pinchas Kohn, der Präsident der Weltagndy, referierte über die Lage der Weltorganisation und erklärte, daß die Aguda-Jdee irr allen Ländern, auch dort, wo das religiöse Judentum eine Minderheit ausmacht, durchdringt. Auch in Palästina hat die Aguda große Erfolge. Ueber Organisation, Propaganda und Presse referierte Redakteur M. Ka mi ne r. Herr Schwarzmann erörterte die Jugendprobleme. Es entspann sich eine Hauptausspräche, an der zahlreiche Delegierte und Rabbiner heilnahmen. In der Nachmittagssitzung, der der Chef des jüdischen Departements beim Unterrichtsministerium Adelsberg und «der Chef des Schulwesens der nationalen Minderheiten, Herr Eckert, beiwohnten, referierte der frühere Abgeordnete, Rabbi Schapiro, über das orthodoxe Schulwesen in Polen. Die Forderungen der Orthodoxie an die Regierung skizzierte der frühere Deputierte Rabbi Lewin- Rzeszow. Ueber die Lage der Jeschiwoth in Polen referierte der K o b r i n e r Rabbiner P r u s k i n, der Rabbiner von Plock, Eidelberg, hielt «ein Referat über die Fragen von Sabbatbeobachtung, Kaschruth usw. Ueber das religiöse Schulwesen referierte Herr S. Friedmann. Er teilte mit, daß bei dem Verband „Esrath Thora" die folgenden Schulen registriert sind: 256 Talmud-Thora-Schulen mit 32 493 Schülern, 436 Chedarim mit 17 907 Schülern, 17 Jeschiwoth mit 7931 Schülern und 44 misrachistische religiöse Schulen mit 5890 Schülern. Ferner gibt es 111 Bes Jaakauw-Mädchenschulen mit 14 930 Schülerinnen. Der dritte Tag der Konferenz begann mit einer lebhaften Auseinandersetzung zwischen den Vertretern der Aguda-Arbeiter und der Aguda-Jugend. Hierauf wurde die Aussprache fortgesetzt. Herr Silberstein (Lodz) beantragte «die Schaffung eines Netzes von Volks-Chedarim für Kinder unbemittelter Familien. Rabbi Israel Meir (Tel-Awiw) überbrachte die Grütze der «religiösen Juden in Erez Israel. Dem Präsidium gehören an neben den rabbinifchen Führern die Herren I. M, Lewin, Rabbi Schapiro (Piotrkow), Rabbi Lewin (Rzeszow), Jakob Trockenheim, Minzberg (Lodz), Rabbi Tobias Horowitz, der frühere Senator Mendelssohn, Szczeraysky, Jfakowicz (Lublin), der Vizepräsident der Warschauer Gemeinde Rosenbaum u.a.m. Warschau, 2. Noy. Die dritte Landeskonferenz der Agudas Jisroel in Polen ist yM Donnerstag abenh zu Ende gegangen. Ueber den Verlauf der beiden «letzten Sitzungen« ist noch mitzuteilen: Rabbiner Hobias Horpwitz hielt das Referat über die politische Palästina-Arbeit. Er erklärte, daß die Balfpur-Deklyratton wie überhaupt «die gasize historische Verbundenheit des jüdischen Volkes mit feineM Amd? sich ausschließlich auf die Bibel stütze, und daß daher denjenigen vor allem der Anspruch auf Erez Jisroel zustehe, deenn die Bibel auch in ihrem sonstigen öffentlichen und privaten Leben lebendige Wahrheit sei. Umso krasser wirke die Ungerechtigkeit, daß man gerade die Rechte der orthodoxen Juden auf Palästina in mannigfacher Hinsicht beim Gemeindegesetz verkürze. Der Redner schilderte die mehrjährigen Verhandlungen der agudistischen Organisationen mit der Zionistischen Exekutive, insbesondere auch diejenigen, die sich auf die Jewish Agency beziehen. Zuletzt habe Weizmann selber anerkannt, daß es der Agudas Jisroel als einer religiösen Organisation nicht möglich 8. Nooemhzr 1S2S sei«, «innerhalb der Agency religionswidrige Zwecke 311 : fördern. In Verbindung mit dem politischen Referat machte«der Redner Mittetlungeni über die Kolonisationsarbeit in Machaneh Jisroel und Olam ustd Madhar. Der Präsident der Lodzer jüdischen« Gemeinde- Mi n zberg referierte über die Aguda-Politik in den j ü d i s ch e n G e m e r n d e n und forderte, daß hie Regierung eine Besttmmung treffe, wonach Freisinnige und Ath^stön aus der Verwaltung der jüdischen Gemeinden ausgeschlossen« bleiben sollen. Der Journalist E k e r m a n referierte über die p 0 l i tis ch - w i r t s cha f t «l i ch e Lage «der Juden« in Polen. Er protestierte gegen die Tendenz, einen« polnischen Mittelstand aus den Ruinen der jüdischen Bevölkerung auszubauen. Er klagte, daß die mit Unterstützung des American Joint Distribution Committee und der Joint-Jca Reconstruction Foundation begründeten jüdischen Kreditgenossenschaften '«die orthodox gesinnten Kausleute Mkameven.. Rabbiner Kalma n 0 w r c z hielt das Referat über Religion. Er klagte, daß immer mehr jüdische Kaufleute, Handwerker und Arbeiter aus wirtschaftlichen Gründen den-Sabbat entweihen. Er brach während seiner Rede wiederholt in Tränen aus. Die Konferenz beschloß, «daß der Name der polnischen Aguda-Organisation nicht mehr „Schlomej emunoh jisrvel,„ sondern „Agudas Jisroel" lauten solle. Der bisherigen Leitung wurde gegen« «die Stimmen der Vertreter der Jugend und der Arbiter das Vertrauen ausgesprochen. Die Schlußrede hielt« Jizchak Meir Lewin, der erklärte, das Zentralkomitee habe bis jetzt seine Aufgabe nicht ganz «durchführen können, weil die Bewegung den Führern über den Kopf gewachsen ist. Jetzt werde die Organisation gestraffter sein. Er proklamierte die Bereinigung des orthodoxen Judentums ganz Polens« unter der Fahne der Aguda. Die Rede wurde mit lang anhaltendem Beifall ausgenommen. Von den Führern der Welt-Aguda Dr. Pinchas Kohn und Jacob Rosenheim verabschiedete sich die Konferenz durch lebhafte Ovationen. Zum Schluß wurde ein Zentralrat aus 150 Personen darunter drei Arbeitervertreter, «ein Zentralkomitee aus 50 Personen, und ein Chinuch-(Erzi«ehungs-)Komitee aus 26 Personen gewählt. Mit dem Absingen des Hymnus der Aguda „Hikabzu Achim" (Sammelt euch, Brüder) ging die Tagung zu Ende. Die Subventionen für jüdisches Religions- und Schulwesen. Warschau, 31. Okt. In «der heute, den 31. Oktober, stattgefundenen Eröffnungssitzung des polnischen Sejm wurde das staatliche Präliminarbudget vorgelegt, das u. a. eine Summe von 213 572 Zloty für jüdische religiöse Zwecke vorsixht. 2% jüdische Religion erscheint gegenüber dey anderen der katholischen Staatskirche nicht ängehörenden Glaubensgemeinschaften stark,zurückgesetzt. Die sm Memorandum des jüdischen Sejmklubs aufgestellten jüdischen religiösen ' Forderungen wurden nicht berücksichtigt. " Im Budget sind ferner die folgenden Subventionen vorgesehen: 135.000 Zloty für di« MischM HgndWerkerschulen, 45.000 Zloty für die „Ört"-Schuleu, lO.stOY Zloty für das Judaistische Institut, 60.000 Zloty für die jiddj's schon Schulen, 525.000 Zloty für die Zentrale her Tal? Mud Thora-Schulen, 49.770 Zloty für die Schulen her jüdischen Gemeinde, 22.155 Zloty füx die hebräichsen Dar? buth-Schulen, 50.000 Zloty für den jüdischen Waisenschütz, 30.000 Zloch fstr .da? Mische' AßMyHS?oflrstge,. 24.000 Zloty für das Modem-Sanatorium, jW.,000 ZtoH für die jüdische PslegerinnensHule, Iyr Kothel MqMWj-WgelLAfyhM. Krakau, 4. Noo. Dag Rabbinat und die Verwaltung der Krakauer jüdischen Gemeinde haben einen in scharfen Worten abgefaßten Prptest gegen die heschämenden HMgänge gn der Kothel Maarowi beschlossen. Im gleichen Sinne hattauch eine Versammlung der agudistischen Ortsgruppe Krakau gegen das Attentat auf «die Beter an« der Westmauer protestiert. '

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