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Der Israelit · 1928-11-01 · Heft 44 (1.11.1928) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 44 (1.11.1928)
Date
1928-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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\. November 1928 ^rßttFflirt CI* 2Tl*f ^Clt 18. Marcheschwan 5689 Nr. 44 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1824: Deutschland 1 Goldmart monatlich: Ausland: Merteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreich 88 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 8: Holland 8 fl.; Italien ab 1. l. 88.18 Lire; JugoslMvien 68 Din.; Litauer» 7.60 Lit.; Nuruiiute« ab 1. 7. 87. 180 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 6 Fr. Tschecho-Slowaket W Kronen; Ungarn Pengö 8 ab 1.Juli 1827; Dänemark 3.80 Krön.; Norwegen3.80 Krön.: Schweden 8.80 Krön. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag Nonpareille-Heile. Abonnenten zahlen r Die 76 mm breite ReklamrzeUe r letzt. - _ t - Thiffregebühr in Höbe eines dopo. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufende« Inserataufträge« tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Inseratenannahme durch de» Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M.» Rechneigrabenstraße 7. Tel. Hansa 88A "ow. durch sämtl. Aurroncen»E«ved. des In- und Auslands. Alleinige Zmeratenann. für Franks, ^eschciftsanz.: Äul. Schmidt, Langestr. 7,H, Tel. Hansa 4841. Platzvorschr. ohne Verbindlich!. ldlwest Nr. 18484. — — Lauen Marmarosch enamt Buo direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr arschau Nr. 190737. — Postscheckamt Zürich Nr. Vlll 7334 — Inkas^-Bank laue & Co. in Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M Filiale des. Wiener Bankvereins in Agram erichtsstand Bukarest Der jüdische Liberalismus und religiöse Hilfe für Rußland. Seitdem der jüdische Liberalismus in Deutschland sich „religiös" gibt, hat er auch den, Ehrgeiz und verspürt die Mission in sich, international zu sein. Große Hoffnungen scheint er auf Rußland zu setzen, wo Krieg, Revolution und weitere Stürme am Religionsgebäude das Dach abgetragen und eine nachfolgende rote Flut noch überdies das Fundament wegzuschwemmen droht. Dort könnte aus den Ruinen neu „der Tempel" erblühen, ein richtiger deutscher Tempel der Reform, wie ihn die Geigers und Holdheims der deutschen Judenheit geschenkt; dahin geht die Hoffnung der Herren in der Führung des jüdischen Liberalismus. Und sie fühlen sich unangenehm gestört durch Dr. Jsmar Freund, der eine Reise durch Rußland gemacht hat und nun in Vorträgen über seine Eindrücke u. a. mitteilt, wie er hie und da und insbesondere in den verstreuten Kolonien, wo Juden abgelegen kleine kompakte Niederlassungen bilden, mit Verwaltung und Behörden und den Juden selbst Verhandlungen geführt hat zur Errichtung oder Wiedererrichtung der nötigsten religiösen Institutionen, zur Herstellung von Synagogen und Schulen, zum Wiederaufbau der Religion, wonach die Menschen in der öden Einsamkeit geradezu lechzen, ohne die rechtlichen und materiellen Mittel zu besitzen, ihren religiösen Hunger zu stillen. Woher denn Dr. Freund das Mandat zu derartigen Verhandlungen bezogen hätte, fragt ganz entrüstet die „Jüdisch-Liberale Zeitung". Sie weiß auch mitzuteilen, daß in der Versammlung, in der Freund seine Eindrücke und Pläne mitgeteilt, Dr. Bruno Weil und Justizrat B r o d n i tz vor dieser religiösen Aktion entschieden gewarnt hätten. Aber in völlige Raserei verfällt Dr. Singal o w s k y. Besser hätte es der Moskauer „Emmes" nicht machen können. Dr. Freund würde die F o r m e n der Religion mit der Religion selbst verwechseln. Juden ohne Tempel, sagt S., das fei nicht so schlimm, schlimmer sei es dort bestellt, wo es T e m p e l o h n e Juden gibt. Er hat schon recht. Aber „Tempel ohne Juden" gibt es gerade im Westen, von wo aus man die Segnungen der Reform und der j u d e n l o s e n Tempel gar zu gerne, nach Rußland verpflangen möchte. Singalowsky sieht' in der religiösen Rot öer russischen Juden'eiyen Teil der Krisis, die -je Kirche in Rußland nach der Umwälzung erlebt hat, und scheint nicht zu wissen oder nicht wissen zu wollen, daß es in Rußland Hunderttausend e, ja, Millionen gibt, deren tiefes religiöses Empfinden von all den äußeren Wandlungen unberührt blieb, deren religiöser Wille durch die äußeren Widerstände noch gestählt und gestärkt wurde, die, echte Glaubenshelden, allen Schikanen und Verfolgungen zum Trotze ihr religiöses Leben von früher weiter betätigen und ihren Kindern erhalten wollen. Der Lubawitscher Rebbe, in dem der jüdische Radikalismus in Rußland heute noch — mit Recht — den gefährlichen Feind fürchtet, dessen großes Herz über die Grenzbarriere seinen Brüdern entgegenschlägt, wüßte davon mehr zu sagen als Singalowsky, ja, noch mehr als Herr Jsmar Freund, der, ein erfahrener und ehrlicher Mann, die Rot aller Röte, die g e i st i g e und religiöse Not, bei seinen Brüdern gesehen und in seiner Art ihnen auch das geistige Brot reichen möchte. Wer vor einer Verquickung von Kulturarbeit und Religion sich so scheut wie die Herren bei der Aussprache über den Freundschen Vortrag und die Männer, die diese Aussprache in der liberalen Presse glossieren, der kennt das Wesen und die Seele jüdischer Kultur und jüdischer Arbeit nicht. Man stellt hier förmlich die Dinge auf den Kopf, wenn man die Sache so darstellt — Herr Singalowsky tut es auch in einem Aufsatze in der C. V. -Z e i t u n g' vom 26. Oktober — als würde man den jüdischen Handwerkern, Händlern und Bauern in Stadt und Land Neurußlands die Religion „aufzwingen", während s i e in Wahrheit nach Religion s ch r e r e n und den wirtschaftlichen Wiederaufbau verbunden sehen möchten mit der Errichtung aller religiösen Lebensmöglichkeiten, ohne die keine jüdische Gemeinschaft und keine jüdische Familie bestehen kann. Will man Religion exportieren? Man will sie ihnen erhalten. Und wenn Herr Dr. Freund jüdische Kolonien in Rußland ohne Kaschruth, ohne Sabbat, ohne Religionsunterricht findet und mit Willen, ja auf dringenden Wunsch der jüdischen Menschen mit den zuständigen Instanzen wegen der Errichtung der Möglichkeiten religiösen Lebens verhandelt, so verdienen seine Pläne bessere Aufnahme, mehr Verständnis und mehr Unterstützung, als sie es in besagter Versammlung und in der liberalen Presse gefunden haben. Die Herren vom Liberalismus — man kann es ihrem Organe deutlich lesen, i erhoffen aber vom neuen Rußland die Entstehung einer vonderBeachtungjüdischerBräuche unabhängigen jüdischen Religiosität, mit andern Worten: die Reform nach deutschem Gusto. Wollte man dort den selbst den weniger religiös Gesinnten wesensfremden Reformklub einführen, dann würde es erst eine unerhörte Einmischung und Aufoktroyierung bedeuten. So aber geht es nur darum, ihnen das zu erhalten, was ihr Eigenstes und- Heiligstes ist und wonach sie, wo es ihnen genommen ist, lechzen wie der Durstende in der Wüste nach dem labenden Wasserquell. Singalowsky selbst erzählte in der C. V.-Zeitung, wie man ihn nach fünfstündiger Autofahrt in einer entlegenen jüdischen Kolonie mehrere Stunden aufs Essen warten ließ, weil der Schochet, der das Huhn schächten sollte, in einer entfernten Kolonie weilte, um dort eine Milo zu vollziehen. Er erzählt, wie sich die Heute zweimal täglich in einem der Bauernhäuser zum gemeinsamen Gebete sammeln. Er sah die geduldeten und nichtgeduldeten kleinen Religionsschulen (Chedarim) und auch die vollgefüllten Bethäuser, in der Ukraine. Wenn er das alles gesehen hat und richtig zu deuten weiß, dann darf er nicht hinterher von einem „Massengefühl" und ähnlichen Jnponderabilien sprechen, die „die Lehre auf Papier und Pergament" ersetzen und neue Religionsfo r m e n im neuen Rußland zeitigen sollen. Die russischen. Juden, sagt Singalowsky, verlangten bis jetzt keine Ausnahmevergünstigungen für die Synagoge und beauftragten niemanden, es zu verlangen. Da kennt aber Herr Singalowsky den erbitterten Kampf der russischen Juden um Cheder und Jeschiwa nicht, weiß nichts von den ungeheuren Anstrengungen un'd Opfern, die die Juden im letzten Dorfe brächten, um chre Synagoge vor der Schließung oder Umwandlung in einen Arbeiterklub zu bewahren. Es ist uns hier keineswegs um die Polemik zu tun, es soll auch keine Inschutznahme Dr. Freundes fein, von dem uns weltanschaulich mancherlei trennt. Was aber als äußerst bezeichnend nicht ungesagt bleiben darf, ist, daß ein Liberalismus, der sich „religiös" gebärdet, nicht mehr Herz un'd Sinn für wahre religiöse Rot hat, als hier bekundet wird. •c :• 1

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