Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1928)
- Date
- 1928-10-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Hilfe für die russisch-jüdischen Flüchtlinge. Am 10. Oktober fand im Frankfurter Hof zu Frankfurt a.„M. eine gemeinschaftliche Veranstaltung des Hilfsvereins der Deutschen Juden, des Hilfskomitees für die notleidenden osteuropäischen Juden und des Verbandes russischer Juden in Deutschland statt. Namens der drei Organisationen begrüßte der Vorsitzende des Lokalkomitees Frankfurt a. M. des Hilfsvereins, Herr Dr. Felix K a u f f m a n n, die Erschienenen, insbesondere Herrn Justizrat Dr. Blau, den Vorsitzenden des Vorstandes der Frankfurter Israelitischen Gemeinde und des oben genannten Hilfskomitees, sowie den Staatsrat Dr. Jakob Teilet, Vorsitzenden des Verbandes russischer Juden in Deutschland. Er übermittelte den Erschienenen einen Gruß von Dr. James Simon, dem Gründer und Vorsitzenden des Hilfsvereins der deutschen Juden und wies darauf hin, daß die Arbeit der Verbandes der russischen Juden auf der Linie der dem Hilfsverein zugewiesenen Aufgaben liege und daß der Hilfsverein deshalb mit besonderer Freude mit dem Verband der russischen Juden gemeinsam zu arbeiten bereit sei. Herr Justizrat Dr. B l ä u begrüßte die Vertreter des Hilfsvereins und des Verbandes im Namen der Israelitischen Gemeinde Frankfurt. Er erinnerte daran, daß das Hilfskomitee für die notleidenden europäischen Juden m> Frankfurt auf eme beinahe 50jährige Tätigkeit zurückblicken kann. Dieses Komitee wurde nach den ersten Pogromen in Rußland in den 80 er Jahren gegründet. Herr Dr. Felix Kau f f man n entwarf hierauf ein Bild der Tätigkeit, des Hilfsvereins vor dem Weltkriege./ Die 1911 gegründete Organisation stellte sich zur Aufgabe, an Stelle von improvisierten Komitees eine organische Hilfsarbeit für die Juden im Osten Europas und im Orient zu schaffen. Er wies äuf die vom Hilfsverein ins Leben gerufenen Bildungsinstitute in der europäischen Türkei, Palästina, Bulgarien, Rumänien und Griechenland hin, hob die Arbeit für die Emigranten hervor, sowie die anläßlich der Pogrome in Rußland und Rumänien durchgesührten großen Hilfsaktionen. Unvergeßlich bleibe, auch die Erinnerung an das Wirken des Hilfsvereins während des Weltkrieges. Herr Dr. M. Wischnitz er, Generalsekretär des Hilfsvereins der deutschen Juden, machte -einige ergänzende Mitteilungen über die Arbeit dieser Organisation in den letzten Jahren, sowie über die neuen» Aufgaben, die der Hilfsverein sich gestellt hat. Er wies zum Schluffe darauf hin, daß im russischen Judentum große moralische und geistige Kräfte, schlummern, und daß es daher die heiligste Pflicht der deutschen Juden sowie der Judenheit im Westen sei, den russischen Juden in ihrer wirtschaftlichen und seelischen Depression, unter der siein den letzten Jahren so schwer leiden, beizustehen. ,;• Herr Staatsrat T e i t e l schilderte in bewegten Worten die katastrophale Not der russischen jüdischen Flüchtlinge in Deutschland, die sich von Jahr zu Jahr steigert, und von der in besonders schwerem Maße die geistig hochstehenden Schichten betroffen werden. Es gilt, unzählige Familien in einer Form zu unterstützen, die sie nicht verletzt. Herr Rechtsanwalt Alexis G o l d e n w e is e r, Syndikus des Verbandes russischer Juden in Deutschland, gab ein Bild der Entwicklung und jetzigen Tätigkeit des Verbandes. Im Jahre 1920, als Verein zur gegenseitigen Unterstützüng der Flüchtlinge gegründet, erweiterte der Verband mit der Zeit seinen Wirkungskreis und ist jetzt gleichsam zu einem Wohlfahrtsamt der Flüchtlingsgemeinde geworden. Die Kundgebung machte einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden; die Hilfsaktion geht erfolgreich vor sich. (Siehe auch Wochenrundschau.) Die Woche. Orthodoxer Rabbinerverband in Deutschland und Agudas Irsroel. Ortsgruppe Frankfurt a. 7N. Im Rahmen der Tagung des Orthodoxen Rabbin e r ve rb a mde s referiert 'Herr Rabbiner Dr. Aner b ach - Halber stadt über das Thema: „Die Lage der Orthodoxie in Deutschland" und Herr Rabbiner Dr: Breslauer-Fürth - über das Thema: - „Der Schabbos int Wirtschaftsleben". Auf Veranlassung - der Agudas Jisroel-Ortsgrüppe Frankfurt a. M. haben sich die verehrten Herren Referenten bereit erklärt, ihre Vorträge vor einer größeren Oeffentlichkeit, besondersodr den Mitgliedern der Agudas Jisroel-Ortsgruppe zu halten. Die Veranstaltung findet Sonntag, den 21. Oktober, abends 8.3l. Uhr in der Liederhalle, Langestraße 26, statt. Die Mitglieder der Ortsgruppe, sowie alle sonstigen Interessenten für diese hochaktuellen Themen werden gebeten, recht zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Wilhelm Schames Ein Siebziger, aber stets gerade und aufrecht, mit dem frohen Lächeln der Jugend im Auge, das eine schöne Seele widerspiegelte, so sahen wir noch Wilhelm Schaines zuletzt. Und dann sahen wir ihn eine Zeitlang nicht mehr: Es hieß, diese innere und äußere Schönheit sei' durch Krankheit gebrochen. Kaum wollte man es wahr haben, da durcheilte Mittwoch früh die Kunde die Stadt: Wilhelm Schames hat ausgelitten. Einer alten Frankfurter Familie entstammend, stand Wilhelm Schames von Kindheit her durch alle Lagen des Lebens bis ins Greisenalter treu zur jüdischen Sache, ohne Geste, ohne Aufdriniglichkeit, schlicht und einfach, wie sein ganzes Wesen war, aber ebenso unentwegt, ohne zu paktieren und sich oder anderen Konzessionen zu machen. Man liebte und achtete hoch diesen vornehmen Mann, dessen Aeußeres und dessen Haltung, schon den echt jüdischen Adel dokumentierte, aber man zeigte es ihm nicht, man konnte es ihm nicht zeigen, weil er in seiner Bescheidenheit schon jedem mit Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit zuvorkam. Kaum ein lautes Wort kam über seine Lippen, aber was er sprach, hatte Gewicht, hatte das, was wir mit dem unübersetzbaren Worte „Chen" bezeichnen. Und gerade dieser angeborene und in Selbstarbeit sich anerzogene feine Takt, war es der ihn für die mannigfaltigen Aufgaben des Wohlfahrtswesens geradezu prädestinierte. Seit drei Jahrzehnten war er im Vorstände des „Liwjath Chen" und in den letzten zwanzig Jahren als Senior dessen erster Vorsitzender, und wie hatte er und nahm er im Rahmen „seines" Vereins Gelegenheit, Bruderliebe zu üben! Kaum fehlte er bei einem Schiur in einem Trauer Hause Und das V e r t e i l u n g s w e r k dieses Vereines lag in seiner zarten Hand. Wilhelm Schames konnte keinem wehtun. Und die Gabe, aus seiner Hand empfangen, konnte der Arme nie als Demütigung empfinden, denn er hatte stets ein liebes, schönes Begleitwort im Munde, das der Sache alles Herbe nahm. Er war eifriges langjähriges Mitglied der o'avn nii»m man und in der Bruderschaft ungemein beliebt und geschätzt. Eine Reihe anderer phllantropischer Institutionen durften sich in ihren Verwaltungen seiner Mitarbeit und seines klugen Rates erfreuen. Der Bahre voran schritten die Zöglinge der Israelitischen Waisenanstalt. Und daran erst erfuhr man von seiner intensiven Tätigkeit für die vater-^ und mutterlosen Kinder in dem herrlichen Hause auf dem Röderbergweg. Zu Lebzeiten sprach er, wie von vielem andern, das ihn auszeichnete, auch davon nicht gern. Vor drei Jahren riß der Tod die geistig so hochstehende Gattin ihm von der Seite. Das Leben hatte für ihn ohne diese treue Begleiterin an Glanz verloren. Aber er blieb nach außen stark, aufrecht, tätig und suchte Trost in den Werken der Güte, in der aufopfernden Liebe der Kinder.. Groß war die Menge, die ihm am Donnerstag Morgen das Ehrengeleite gab. Auf Km Friedhöfe der Israelitischen Gemeinde nahm der Schwiegersohn, Herr Hermann Hirsch, Berlin, im Namen der. Familie in bewegten Worten Abschied vom geliebten Vater, rvaxan- Frau Bella Wolff Roos n"S7. Am Donnerstag mittag trugen wir lau-tlvs, wie es die Nachfesttage des Tischrt gebieten, Frau Bella Wolff- Roos auf dem Friedhofe der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Grabe. Wer kannte nicht Frau Wolfs, eine der Begnadeten, deren Blick schon Sonne spendet, deren Wort schon Trost und Erlösung sendet. Eine Tochter von Benjamin Roos Vst, dessen goldenes Her; sie, wie alle ihre Geschwister, geerbt hat, war ihre erste Kindheit umrauscht von dem großen Gedanken eines Rabbiners Hirsch, in dessen Haus sie' zum Teile groß-! gezogen wurde, in ihrer Wiege wurden gleichsam die Lieder aus Ehorewhöhen gesungen, die Klänge von Gott, Jisroeltum. und seiner heiligen1 Thora, die zusammengehören und inihrem Zusammenklang -das Maß aller Dinge abgeben für die Kehilla im Ganzenwie für das jüdische Haus im Kleinen. In der geistig hochstehenden Töchter des großen Rabbiners fand das Kind die liebende Mutter, unter deren Sonne sie heranblühen konnte zu Kraft und Licht: n-arri m- Dann kamen die Jahre des Glückes an der Seite des edlen Gatten, mit dem sie einen Bund der Seele schloß und in Treue und unenb wegter Liebe aufrecht erhielt, 34 Jahre lang. Wie hatte sie Anteil an all seinem gesegneten- Wirken für Kehilla und Kelal und aus dem Gebiete des n"»a Das Seelenband gestaltete sich^ nicht zuletzt durch diese Zdokogemeinschaft immer enger und inniger. . Im Zdokotempel des Hauses, wo sie erste Priesterin war. ging das Licht der Frömmigkeit und Menschenliebe nicht aus. Hier konnten all die ihr vom goldenen Herzen eingegebenen und von der,. Jüdischen Fräuenvereinigung — deren Mitbegründerin und Vorstandsmitglied sie war — zugewiesenen Aufgaben bestens. gelöst werden. Wie hatte sie in den schweren Kriegsjahren mit Gaben, mit Rat, mit Hilfeleistung aller Art zu helfen und zu erfreuen gewußt! Wer sah sie st anders-, als mit sonnigem Lächeln im Gesichte, vom altjüdischen Znius wie von einem heiligen Schein umstrahlt! Wer kam in ihr Haus, ohne Gäste, Gelehrt« und Thorajünger, an ihrem Tische zu finden? Ihr Glück bestand im- Beglücken, ihre Freuds im Erfreuen. Und es war ihr beschied-en, in einem Sohne einen Kaddisch zu hinterlassen. in dem Sinne, daß er die Heiligung des Gottesnamens, der ihr Leben geweiht war, in Lehr und Leben fortsetzen wird. Noch am 'vm saß Frau Bella Wolfs bei den Ihren in der Sukkoh, noch klang in ihren Ohren und ihrer Seele darwn* «n rwi i”aa, und esklang, dieses köstliche Leben, wenige Tage nach dem Feste in rrnsa tw Kraft und Licht, aus. Viele weinen urü diese seltene Frau. Wir werden ihr ein ewiges ehrendes Gedenken bewahren. trasan. Im Aufträge der Jüdischen Frauenvereinigung hielt Dienstag abend im vollgefüllten Hause Herr Redakteur Sch chächn o w i tz einen Hesped, indem er treffend und ergreifend die Lichtgestalt -der Heimgegangenen zeichnete. -