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Der Israelit · 1928-10-18 · Heft 42 (18.10.1928) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 42 (18.10.1928)
Date
1928-10-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 42 Der Israeli! 18 Oktober 1928 langt ist, wobei man-je mit dem Finger in den j Wein tippt, denkt er an seine Frau und besorgt i es gleich für sie in folgender Weife mit: „Dam für mich, Dam für Meine Frau, Zefardea für mich, Zefardea für meine Frau, K i n i m für mich, Kinim für meine Frau ufw." Scholem und Gimpel sind Geschäftsfreunde. Gimpel hat in der Jugend etwas gelernt, Scholem dagegen ist kompletter Amhoorez. Von einer Geschäftsreise schickt Gimpel einen Brief an Scholem, in dem er ihm über den Geschäftsgang berichtet und als höflicher Mann schließt er das Schreiben, in Anwendung eines Bibelsatzes und in Anspielung an öen Warnen des Adressaten mit den Worten „Ato Scholaum uweischo Scholaum usw." Scholem hat das Bedürfnis, die Höflichkeit zu erwidern und schließt sein Gegenschreiben mit den Worten: „Ubechen atto Gimpel uwescho Gimpel, wechol ascher lecho Gimpel." * * * Der jüdische Dorfwirt wird von Reisenden, die in seiner Kretschme absteigen, oft nach „Misrach" gefragt. Er weiß nicht, was das Wort bedeutet, will sich aber keine Blöße geben und beschließt, sich den Artikel anzuschaffen. Als er in den nächsten Tagen zum Viehmarkte in die Stadt fährt, besucht er die jüdische Buchhandlung und läßt sich gleich einige Dutzend Misrachs einpacken. Eines davon, belehrt ihn der Buchhändler, der wohl ahnte, was für einen lieben Kunden er vor sich hatte, müsse er an die Ostwand hängen. Er fährt nach Haus und tut so wie ihn geheißen. Ein Misrachbild prangt nun an der Ostwand. Der Dorfwirt ist nach Wochen außer sich vor Zorn und Enttäuschung. „So sind die Juden immer", schreit er ärgerlich. „Hatte ich keine. Misrachs, fragte alle Welt nach Misrach, habe ich jetzt welche, fragtckein Mensch mehr danach." Ein „Fortgeschrittener" kommt zum Rabbiner und behauptet, sein Sohn hätte Barmizwo am Wochenabschnitt Mekoiz. „ M i k e z " verbesserte der Rabbi. „Kann nicht sein", beharrte der Besucher, „mein Vater hat immer Mekoiz gesagt." „Da war wohl Ihr Herr Vater ein Amhoorezl" Darauf der Gast unter dem Ausdruck größter Pietät und mit ungeheurem Stolz: „Ein ganz bedeutender, Herr Rabbiner." * * * Der „Doktor" im Städtchen ist in jüdischen Dingen absolut unwissend. Da er am Sabbat Jahrzeit hat, muß er die Synagoge besuchen. Dieweil er aber keine Brocho sagen kann, Littet er sich vorher beim Schames aus, daß er ihn ja nicht zur Thora aufrufe. Einen Fünfrubelschein habe er zu erwarten, wenn er ihn nicht aufrufe. Kaum aber hatte der „Doktor" die Schul betreten, da rief schon der Schames vor der offenen Thora laut seinen Namen, es blieb nichts anderes übrig, er mußte hinauf. „Du Schuft", flüsterte der „Doktor" ganz verworren dem Schames ins Ohr, „wo bleibt die Abmachung?" Darauf der Schames, der zugleich Thoravorleser ist, mit einem schönen Schnörkel: „Omen", und schon sängt er zu lesen an. „Das hast Du g u t gemacht, bekommst zehn Rubel." raunt ihm der „Doktor" zu, als der Abschnitt zu Ende ist, darauf der Schames: „Mifcheberach usw." IV. M iß v erständ n i s s e. Vater und Sohn sitzen beim „Doktor". Der Alte ächzt und krächzt erbärmlich. „Wo fehlt es, alter Freund?" fragt der Arzt. - „Mir fehlt nichts, mein Sohn ist der, Patient." „Warum ächzen Sie so." „Herr Doktor, das ist her jüdische Krächz." ' ... Ainderecke. Monolog einer allen Schabboslampe. Von A. Mannheimer in DettewaH. Ich hänge seit Jahren hier in einer Ecke, im Salon. Das hätte ich mir in der Jugend nicht träumen lasten. Unter mir spielt sich ein eigenartiges Leben ab: es wird gescherzt, gespielt, musiziert, getanzt. Man liest Klassiker in Prachteinband, Romane, große Tageszeitungen. Oft füllen fremde Menschen ohne Unterschied des Geschlechtes und Bekenntnisses das vornehme Zimmer und dann geht der Trubel nicht selten fort bis tief in die Mitternacht . Wenn nicht gerade Klavier gespielt und getanzt wird, so unterhält man sich vom Geschäfte, von Politik, von Vergnügungsreisen und Toiletten, von Erlebnissen in Bädern, vom Theater, von Kunst und Wissenschaft. Das Wort Judentum fällt nur selten, meistens im Zusammenhänge mit Antisemitismus. Ich habe Zeit genug, mir alles von meiner Ecke aus anzusehen, alles zu belauschen, denn ich führe das langweiligste Leben, das man sich denken kann. Seit Jahr und Tag bin ich dunkel, ohne einen Lichtstreifen. In der Mitte des Salons dagegen protzt der gewaltige Lüster mit seinen vielen Glühbirnen. Wie verächtlich komme ich mir da vor! Und das Klubmöbel, der breite Bücherschrank in Ebenholzfarbe, der moderne Rauchtisch, das massige Buffet: wie erdrückend wirkt es hier mir gegenüber. „Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, getan!" O, ich sah einst bessere Tage. Das war jene Zeit, in der ich sozusagen den Mittelpunkt des ganzen Heims bildete. Zwar konnte es sich an Pracht und Prunk nicht mit dem Salon messen. Dafür aber war die bescheidene Stube von wohltuender Wärme durchflutet, von gemütvollen Menschen erfüllt, denen Sabbatfreude und Sabbatfrieden aus den Augen leuchtete. Ach, wie paßte da mein Lichterglanz dazu! Wie freute ich mich schon die ganze Woche auf die Freitagabendstunden, denen ich die Weihe geben durfte, und wie freute man sich auf mich. So oft man mich am Sabbatausgang hinauf an die Decke zog, beschlich mich ebenso ein Gefühl der Wehmut wie alle lieben Hausgenossen, die mir den Scheidegrüß entboten. „Gut Woch!" klang es herzlich untereinander. Man hörte aber dabei den Unterton dös Ernstes, der den sorgenvollen Tagön ^er Woche galt. Wie frei und freudig, wie stark und trostreich dagegen hörte es sich an, wenn Vater, Mutter und Kinder sich „Gut Schabbos" züriefen. So was muß man gesehen, gehört haben. Man war der Erde entrückt, des Himmels Herrlichkeit war in das Heim hinabgezaübert: Da sah man Engel durchs Zimmer schreiten und der Hausherr unternahm eine kleine Zimwerparade, oft in Begleitung der Kinder, um die Sabbatengel würdig zu begrüßen: '»38*?» ’bw mtpnufu). Und dann feierte Elternliebe und Kindesglück den höchsten Triumph: segnend breiteten Vater und Mütter die Hände auf das Haupt der teuren Sprößlinge. Glaubt nicht, eine Schabboslampe sei nur kaltes Metall und habe kein Herz, um alle diese Aeußerungen von Freude,. Liebe, innigem Menschenglück und felsenfestem.,Gottvertrauen mitzuempfinden und mitzugenießen. Die Schabboslampe ist. zu sehr werwachsech mit den einzelnen Gliedern des jüdischen Hauses/ Man hat mich,stets liebevoll gepflegt, mich geputzt, gefchontz geschützt, mit dem' besten'Del gestreift und kindlich bewundert, wenn die Lichtlem ringsum sich. iry. goldnen -Glanze -des- Messings spiegelten. Ich darf, gar nicht zurückdenken an jene glanzvollen Zeiten. Schon am Freitag Nachmittag fühlte ich mich in Amt und Würde. Man speiste mich mit Oel, versah mich mit Docht und unter mir lagen schon die Sabbatbrote zwischen weißen Decken, umgeben von blank gescheuertem Tafelgeschirr. Aber je näher die Sabbatstunde kam, desto höher pochte mein Herz. Die fromme Hausfrau trat zum Entzünden an mich heran. Zuvor aber verrichtete sie ein inbrünstiges Gebet, in welchem mich die Stelle: „Gib mir würdige Kinder, die in der nnin leuchten," ganzbesonders rührte und angenehm berührte. Ich durste. mir schmeicheln, daß meine Lichter ihr als schönes Syrnbol dienten. Und erst am Abend, wenn man sang: nnatsn mix Vx-hp1? ht o-p dieser Tag ist für Israel Licht und Freude, wie schwoll mir da die Brust. Ich war das Wahrzeichen der heiligen Feier in der weiten jüdischen Diaspora. .Licht und Freude wohnten in der Stube so eng beisammen, nur durch mich. Kein zweites Licht brannte, weder Kerze noch Petroleumlampe und gewiß keine elektrische Birne. Ich war Alleinherrscherin, Königin in meinem Kreise. Wenn alljährlich der rvm-n nnV kommt, zuckt es schmerzlich durch mein Inneres. Ich höre nichts mehr von ^xmi^ nr or» von ubvj pm n' nichts von ^23 nxns oder uv xin irwp nntp' nichts von rrs’ na unö .iiVdx i*?wa iiL- Verstummt ist alles, still, totenstill, dunkel und kalt. W as hat der fromme Vater sonst so viel zu erzählen, zu erklären gewußt aus den schönen fii-pat: vom Segen des Manna, vom himmlischen Lohne der Sabbatfeiernden, vom' Wunderfisch des Rabbi Joseph, von der Seelenwonne am jüdischen rnip u. v. a. Und jetzt? Man hat mich in -die Ecke gehängt als ein Stück versteinerten Judentums, man zeigt mich als Mumie aus der Vergangenheit. Sie haben in mir ein Stück Judentum einbalsamiert. Was wird aus mir noch werden? Ich bange um meint Schicksal. ".Es ist mir bekannt, daß ein Teil meiner Schwestern in altertümlich eingerichtete Lokale und Kneipen gewandert als antikes Schaustück. O, wenn ich daran denke, daß auch ich einmal Zeuge werden müßte von 'wüsten Radauszenen, von, rohen Raufereien und rüden Schlemmereien, ich, die N2V-Lampe, die heilige, jüdische N3V-Lampe! O, denkt einmal darüber nach! Ich habe bereits die erste. Etappe auf diesem .traurigen Wege zurückgelegt: schon hänge ich in der Ecke. Vorwurfsvollfrage ich und klage ich: „Gibt es unter Juden keine Vereine zum Schutze ehrwürdiger Altertümer?- Gibt es keine Aufklärung, um einer ebenso sinnlosen als .unwürdigen Zerstörungswut entgegenzuarbeiten? Eines möchte ich zum Schluffe noch offen und ehrlich sagen: eher wünsche ich mir den Tod unter wuchtigem Hammer oder im Kessel einer -Gießerei, als daß ich einmal ein schmachvolles Dasein führen sollte. Es ist gerade genug, daß ich hier in her Ecke meine Jahre und Tage ohne jeden Grund und auch ohne jeden Zweck vertrauern chüst Meine Anklage verstummt erst mit der Stünde, da ich wieder meine alten unverjährharen Rechte erlange: eine N2N-Lampe zu sein im altjüdischen Haus und Heim. Erst dann ich Meine Ehre voll rehabilitiert:''"' - v‘/" " " IÄmiliennachrichken Geboren: Eine Tochter: Berthold Lewin und Frau Helene ged- Bloch. SaarörüLen. 10. Okt. 28. Barmizwo: Erich, Sohn des Herrn Jfaac Lucas (Sulzberger). Aachen-F-, Triererstraße 91. m tftij? N2!?. Synagoge der Osstuden. Theo, Sohn des Herrn Zantes.Halberstadt. Berlin, Oranienburgerstraße 34. - *(? -ch nwlb p^p N22Ü Eli. Sohn des Herrn-Julius Rosemann. Frankfurt am Main. Synagoge Börneplatz. — Joseph. Sohn des Herrn Simon Epstein. Freiburg i. Baden, Hebelstraße 12. -j^ -f? h!zns n2w- . . Briefkasten. Dr.- A. K.in^r. - Wir danken Ihnen für die Anregung.' auf die wir nächstes Jahr n^x zstrückkoMMen wollen. ' ' ' -> ■■ * > Qüälitäts- Moritz Wolf Zeil 49 Telefon Römer 903

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