Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1928)
- Date
- 1928-10-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 42 Der Israelit 18. Oktober 1928 wird. Am 7. Oktober fand in Kaschau eine Trohe Kundgebung der tschechischen Sozialdemokraten, statt, in der beschlossen wurde, im Namen von Hunderttausenden von Staatenlosen eine Deputation an den Präsidenten der Republik zu entsenden. Die Deputation fetzt sich aus 150 Delegierten der Statenlosen aus der Ost- und West-Slovakei zusammen. — In der letzten Sitzung des Budgetausschusses der Kammer erklärte Innenminister Czerny, daß bei der Prüfung der Gesuche um Staatsbürgerscha ftsoerleihung entgegen anderen Behauptungen nur sachliche Gründe maßgebend seien, insbesondere könnte das Ministerium weder nationale, noch Klassenunterschiede. In den Kreisen der Staatenlosen weist man demgegenüber darauf hin, daß die Ungerechtigkeit der von den höheren Verwaltungsbehörden gehandhabten Praxis durch Tausende von Protesten erhärtet ist. Lettland. Die jüdischen Abgeordneten im neuen lettländischen Parlament. Riga, 9. Okt. Bei den am letzten Sonntag in ganz Lettland durchgesührten Wahlen zum lettlädischen Parlament konnten die Süden 5 ftttanbate erringen. Study das vorige lettländische Parlament hatte 5 jüdische Abgeordnete, davon 2 Agudisten, einen Misrachisten, einen Vertreter der Zeire Zion-Hitachduth und einen Vertreter der jüdischen Arbeiterpartei „Bund". In dem neuen Parlament hat unter der jüdischen Vertreterschaft eine Verschiebung in der Weise stattgefunden, daß die Misrachisten nunmehr über zwei Sitze (die Brüder Rabbiner Nurok und Dr. Nurok) verfügen, -die Agudisten statt der bisherigen zwei nur einen Sitz (Abg. Dubin) wieder erringen, die Zeire Zion ihren Sitz (Professor Lasersohn) und die Bundisten den ihren (Dr. Meisel) behaupten konnten. Der Wahlkampf verlief sehr lebhaft, die Wahlbeteiligung betrug fast 90 Prozent. Rutzland. Gegen die hebräische Sprache und das Werk des Lubawilfcher Rebbe. Moskau, 12. Oktober. Der Volkskommissar für Volkserziehung Lunatscharsky hielt in Leningrad eine Rede gegen den Antisemitismus. Die Leningrader Zeitung „Kraßnaja Gazetta" bringt über diesen Vortrag einen längeren Bericht, der Aeußerungen Lunatscharskys enthält, die in Widerspruch zu seiner bisherigen Haltung in jüdischen Fragen Rußlands stehen. Laut diesem Bericht soll Lunatscharsky u. a. Folgendes gesagt haben: „Die Lösung des jüdischen Problems in Rußland kann mir in der Weise geschehen, daß die Juden in den großen Schmelztiegel der die Länder der Sowjetunion bewohnenden Völker kommen und sich mit ihnen vermischen. Diejenigen Angehörigen der jüdischen Bourgeoisie, die Sowjetrußland zu verlassen wünschen, um sich nach dem Judenstäat von Englands Gnaden zu begeben, mögen nur gehen. Wir aber wollen es nicht gestatten, daß man hier Schulen für die tote hebräische Sprache eröffnet. Auch die „Schneersohnowschtschina" (gemeint sind das religiöse Werk und die Richtung Rabbi Schneersohns, des aus Rußland ausgewanderten „Lubawitscher Rebbe"), dieses Ueberbleibjel des Mittelalters, werden wir nach wie vor bekämpfen; unser Ziel ist und bleibt die Verschmelzung aller Völker. Den Angehörigen des jüdischen Proletariats und der jüdischen Intelligenz wollen wir unsere Bruderarme öffnen." England. Die Behandlung ausländischer Inden in England. London, 8. Oktober. Der Fall des Juden Maurice Hüller, der wegen Nichterfüllung einer Formalität der Fremdenvorschriften zu einem Monat Gefängnis verbunden mit Zwangsarbeit verurteilt worden war, obwohl er noch im Jahre 1890 als Kind mit seinen Ettern aus Rußland mach England gekommen und im Kriege in der britischen Armee gedient hat, beschäftigte in den letzten Tagen die Oeffentlichkeit in England. Die Berusungsverhandlung fand in diesen Tagen vor dem Hauptrichter von Manchester Sir Walter Greaves-Lord statt, der das erstrichterliche Urteil aufhob und Hüller nur zu einer Geldstrafe von 10 Sh. verurteilte. In der Urteiltsbegründung wird das hakte erstrichterliche Urteil sehr scharf kritisiert. „Manchester Guardian" veröffentlicht aus Anlaß des Falles Hüller einen Leitartikel, in welchem die englische Oeffenilichkeri aufgefordert wird, für eine bessere Behandlung der Ausländer in England einzutreten. Amerika; Dte mnerikänWe Iewifh Agency-Konfecenz. N e w y o r!, 1. Oktober. Herr Louis Marshall, Präsident des American Jewish Committee, teilt soeben mit, daß die nichtzionistische Palästrnakonserenz der amerikanischen Juden am 20. und 21. Oktober im Hotel- „Biltmore" zu Newyork abgehalten werden wird. Hauptziel der Konferenz ist es, das Maß der Teilnahme der amerikanischen Nichtzionisten an der erweiterten Jewifh Agency gemäß den Bestimmungen des Palästina-Mandats festzusetzen. Die Konferenz wird sich an den Bericht der Joint Palestine Survey Commission halten, die von Dr. Chaim Weizmann als dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation und Louis Marshall als dem Vertreter der Nichtzionisten be^ gründet worden ist, um ein umfassendes und systematisches Programm für den zukünftigen Aufbau Palästinas und für die Arbeit der reorganisierten Jewish Agency auszuarbeiten. An der bevorstehenden Konferenz werden sich die führenden .Elemente jenes Teiles der amerikanischen Judenheit der bisher in der zionistischen Bewegung nicht -aktiv gewesen war, beteiligen. Der Konferenz wird auch Lord Melchett, der gegenwärtig in den Vereinigten Staaten weilt, beiwohnen. Auch der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim Weizmann wird in den Tagen der Konferenz in den Vereinigten Staaten weilen. Die amerikanische Ritualmordaffäre beigelegt. Newyork, 9. Oktober. Der Bürgermeister des Städtchens Massen« im Staate. Newyork, Hawes, der beim Auftauchen der Ritualmordlegende gegen die Judenschaft seiner Stadt am Vorabend des Versöhnungstages ein Verhör mit dem Rabbiner angestellt und dadurch dem Ritüalmordgdrücht noch Nahrung gab, hat sich nach seiner unter dem Vorsitz des von Major Warner in Albäny stattgefundenen Vernehmung entschlossen, sich gegenüber Louis Marshall, dem Präsidenten. des American Jewish Committee«, und Dr. Stephen S. Wlse, dem Präsidenten des American Jewifh Congreß, wegen des Zwifchfalls vor aller Oefsefntlichkeit zu entschuldigen-. Dem Verhör des Bürgermeisters Hawes in Älbany hat Stephen Mfe persönlich' beigewohnt. Louis Märshall und Stephen Wise erklärten, daß sie die Entschuldigung des Bürgermeisters Hawes entgegennehmen, womit der Zwischenfall als abgeschlossen zu betrachten sei. Palästina. Die TNoslemiken zufriedÄr. Jerusalem, 10. Okt. Der moslemitische Oberste Rat hat der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitgeteilt, daß er über den Ausgang der Besprechung seiner Mitglieder mit dem stellvertretenden Oberkommisstr, Herrn H. C. Luke, die am 7. Oktober tattgefunden hat, zufrieden sei. Bekanntlich forderte der moslemitische Oberste Rat von der Regierung ein striktes Festhalten an dem status quo an der Klagemauer. Der moslemitische Rat hat beschlossen, über den Verlauf der Verhandlungen selbst nichts in der Oeffentlichkeit verlauten zu lassen. Ansprüche marokkanischer Juden auf die Tempelmauer. Ierusalem, 9. Okt. Soeben wurde hier die Tatsache enthüllt, daß der Sultan von Marokko das Grundstück vor der Klagemauer, auf dem sich jetzt die Häuschen der Moslemiten befinden, käuflich -erworben und es dann der gesamten marokkanischen Gemeinde Jerusalems, die Juden inbegriffen, zum Geschenk gemacht hat. Auf Grund dieser Dokumente erheben jetzt die aus Marokko stammenden Jerusalemer Juden den Anspruch, daß ihnen -ihr Teil an dem Grundtück zur.Verfügung gestellt werde. Sie wandten sich an eine nbekannten arabischen Juristen, der ihre Ansprüche rechtlich vertreten wird. Personalien. Paul Lehmann V''XT* Frankfurt a. M.. 16. Okt. An den Folgen einer Operation ist gestern früh im hiesigen jüdischen Krankenhaus Herr Paul Lehmann ays Dresden unerwartet rasch dahingeschieden. Pank Lehmann war der zweite Sohn des in den . weitesten Kreisen der deutschen Judenheit und darüber hinaus rühmlichst bekannten posn ana Hermann Lehmann Mit seinen Eltern kam et als Achtzehnjähriger vor 35 Jahren von Stettin nach Frankfurt, wo er geistig seine wahre Heimat im Kreise der Israelitischen Religionsgesellschaft fand. Aber das Leben verschlug ihn wieder Nach Norden; er führte eine Tochter der bekannten Familie A p e l t in Halle heim und verlegte seinen Wohnsitz dorthin. Als Inhaber und Leiter des großen Verlages Otto Hendel in Halle konnte er seine hervorragende Intelligenz und seine, geschäftliche und literarische Begabung erproben und die Leitung einer ganzen Reihe größerer und kleinerer Tageszeitungen stellte gewaltige Anforderungen an seine Schaffenskraft. Grade in jener^ Zeit stärkster geschäftlicher Inanspruchnahme fand er die innere Sammlung, in den später weit verbreiteten „ Ä ka b ja h "-Büchernder nach Verinnerlichung strebenden deutschen Jugend seineaus Bibel und Talmud geschöpften sittlichen Lebensideale m dichterisch meiftertjatliir Form ans Herz zu reden. Es war Säe-Arbeit zur Förderung messianischer Menschheitserziehung im besten Sinne. Der äußere Erfolg seiner Verlagsunternehmüngen hielt nicht gleichen Schritt mit ihrem idealen Werte. So zog er sich vom Verlage zurück und iedelte, nachdem er inzwischen den'frühen Heimgang der Gattin beweinen mußte, nach Dresden über. Hier galt es in einem fast ganz der Assimilation verfallenen Kreise dem gesetzestreuen Judentum zum mindesten ein Nachtasyl im Gemeindeleben zu schassen. Er widmete sich dieser schweren Aufgabe mit dem ganzen Eifer des seiner Ahnen würdigen Q’nfr k*v und däbei mit jener Herzen erobernden Liebenswürdigkeit, die ihm das schönste Erbteil seines unvergeßlichen Vaters war. Menschenliebe und Anmut war über sein ganzes, Wesen ausgegossen: so wie in seinen Schriften lebte in Paul Lehmanns Herz und strahlte aus seinem Auge jene Harmonie innerer Schönheit, die das Produkt gottvertrauender seelischer Ausgeglichenheit ist. Sie blieb sein Angebinde bis in die letzten schweren Zeiten hinein, in denen schon die Schatten des Todes über ihm zitterten und seine Freunde um ihn bangen ließen. » An der Bahre gab Herr Jacob R osenh ei m im Auftrag der Familie der tiefen Trauer um den im kräftigen .Mannesatter Dahingeschiedenen Ausdruck; in Wesen, Schicksal und Aufgabe sei es dem Söhne' vergönnt gewesen, dem Vater ähnlich zu sein und der Abglanz des- ’ Gan Eden, der im Leben auf des Vaters Antlitz geruht/ werde nun dem Sohne in der Welt der Ruhe entgegen« strahlen. Namens des Vorstandes und des Gemeindekollegiums der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden zollte Herr Direktor Zu cker dem Heimgegangenen Kollegen Worte höchster Anerkennung für sein-selbstloses, erfolgreiches Wirken, das auch die Herzen der Andersdenkenden erobört habe. In gleichem Sinne sprachen für die Vereinigung „ Esra " in Dresden Herr ße&rgr- Jfäac und für die „ Ada ß Je sch u r u n " in Dresden Herr Schwarz aus Dresden. Möge der Gattin, den Kindern und den Geschwistern des allzufrüh aus segensoollem Mrken Äbberufenen einiger Trost erwachsen aus der dankbaren Anerkennung,, die dieses Wirken gefunden. rr-asan Jacob Flörsheim 70 Jahre alt. Hamburg, 16. Oktober. Am 25. Tischri vollendete Herr Jacob Flörsheim, Hamburg, sein 70. Lebensjahr. Als Mitglied des Dele« giertenkollegiüms Des Hamburger Synagogenverbandes, als Vorsitzender der Vereinigten Alten und Neuen Klaus und in verschiedenen anderen Ehrenstellen wirkt er beönders für die Aufrechterhaltung des überlieferten Judentums und hat sich dadurch unvergängliche Verdienste erworben. Weiten Kreisen der Hamburger Gemeinde^ und in der Hamburger Oeffentlichkeit ist er bekannt durch seine Arbeit für die jüdische Jugend Hamburgs', für die . er jederzeit mit voller Aufopferung seiner Person tätigist. Diese verdienstvolle Tätigkeit ist auch vom Hamburg e r S e n a t durch' Verleihung einer Plakette anerkanlit worden. Herr Flörsheim tritt stets in vornehmer Weife für die Belange des traditionellen Judentums ein? und wirkt durch Wort und Tat in dieser Richtung! vorbiid'.ich innerhalb der Hamburger Gemeinde. Wir wünchen dem wegen seines konzilianten und vornehmen Wefttts allgemein beliebten und verehrten Jubilar einen weiterhin gesegneten Lebensabend in voller Kraft und Gesundheit nav cpitwn n»n Niederaula, 15. Oktober. Am 21. Oktober feiern Herr David Jakob Und Ehefrau Fanny aeb. Katz das Fest der silbernen Hochzeit. Aus diesem Anlaß spenden sie der Gemeinde eine neue man nso, welche, von Herrn Färber in Frankfurt geliefert,- an diesem Tage mit entprechender Feierlichkeit übergeben wird. Äkanühelm» 16. Oktober. Im Monate Aw verschied dahier' FrallMinnaM i oder. ®khüxew aksDvchterdes Rabbi Mokdechai Michael rK ö hyhin KleineMingen/ bewährte sie in ihrem ganzen Leben das eine Streben, ihrer Ahnen würdig zu leben. Sie war ein Freund der Armen und selbstlose Beraterin eines weiten Freundeskreises, so daß ihr Heimgang nicht nur für ihre Familie-