Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1928)
- Date
- 1928-10-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 41 Der Israelit 11 Oktober 1928 zu und ging still und bescheiden, von den Freudentränen der Eltern begleitet, ins Haus. Hinter ihm tönte aber aus hundert Kehlen der freudige Ruf: „Es lebe der mutige David Kastiol, der Ehrenretter unserer Kolonie!" „Jechi!!-" Im jüdischen Vurgenland. Von W. Einige Schritte vom Bahnhofe in Groß- Petersdorf entfernt steht der Kraftwagen, der zweimal täglich Post und Fahrgäste nach dem südlichen Burgenland befördert. Der schwere Wagen kann nicht ganz an den Bahnhof heran, da er dort im Straßenkot versinken müßte. Von Groß-Petersdorf selbst bekommen wir nicht viel mehr zu sehen als einige Bauernhäuser und ein ganz respektables Ziegelwerk und dann geht es flott in den taufrischen Morgen hinein und dem Süden zu, so gut es eben die noch Nicht vollständig auf Mitteleuropa eingestellten Straßenverhältnisse erlauben wollen. Ich sehe mir die Mitreisenden an und lerne in ihnen bald einen kleinen Teil des Ländchens kennen. Ein Bezirksschulinspektor, der trotz der Ferien eine kleine Dienstreise macht, gesellt sich zu einem Lehrer, der von einer kleinen Ferienreise in sein Dörfchen zurückkehrt. Natürlich sprechen die Schulmänner von einem neu einzuführenden 'Lehrbuche, ohne damit bei den anderen Fahrgästen, einem Gendarmen und mehreren Bauern, die mit neuerstandenen Sicheln heimwärtsfahren, besonderem Interesse zu begegnen. Am'meisten interessiert mich als Typus ein gerade vor mir sitzender mittelgroßer Bauer mit dünnem, strohblonden Schnurrbart, der zu Ehren des seltenen Ereignisses einer Reise seinen schwarzen Sonntagsstaat angelegt hat. Er sitzt unbeweglich da, äußerlich ruhig, dabei aber doch merklich dem Vergnügen des Fahrens ganz hingegeben, und erinnert mich an die vielen, prächtigen Heanzen, die ich im Weltkriege kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Dieser Menschenschlag in seiner Ruhe und Ausgeglichenheit repräsentiert den Charakter der Landschaft, durch die wir fahren. Sanft nur ist der Boden hier gewellt und weit und breit ist kein Lebewesen sichtbar. Der Wagen fährt an Feldern und Wiesen vorüber, dann kommen Orte, wie Kohfidisch und Kotezicken, die in ihren Namen schon eine gewisse ominöse Anspielung an ihren Kot vermuten lassen, und schließlich wieder großer Wald, einer der Ausläufer des oststeirischen Waldgebirges, das dort oben rechts in der Ferne blaut. Bald darauf gleiten wir an einen Waldrand dahin, der Weg macht eine rasche Biegung und wir sind in einem Dörfchen mit strohgedeckten Häuschen angelangt. Auch diese Häuser sind interessant, da oft die Gassenfront mit ihren zwei oder drei Fenstern fast windschief aussieht, während die in den Hof mündende recht ansehnliche Längsseite einen efeu- oder weinbewachsenen Bogengang aufweist, der in der Hitze einen ganz angenehmen Aufenthalt bieten mag. Man erhält da schon im Augenblick des Vorüberfahrens einen kleinen Einblick in das Leben eines solchen- Hofes und während der Wagen vor einem Postamt hält, kann ich in Muße das ruhig dahinfließende Leben eines halbamtlichen, halb privatbäuerlichen Wirtschaftsgebäudes beobachten. In einem der Dörfchen, durch die der Weg uns führte, wurde soeben ein Kind zur Taufe getragen und in einem anderen Orte mußten wir Schritt fahren, da uns eine Rinderherde entgegenkam, zwischen deren etwas nervös gewordenen Hörnern wir nur mit großer Vorsicht hindurch konnten. Schon beim Überschreiten der Grenze des Burgenlandes fällt dem aufmerksamen Beobachter auf, daß im Gegensatz zu den steirischen und niederösterreichischen Grenzgebieten mit ihren zahlreichen Einzelgehöften und kleinen Häusergruppen, die das alpine Landschaftsbikd so abwechslungsreich gestalten, hier auch im Gebirge das langgestreckte Straßendorf vorherrscht. Trotz der nahen Verwandtschaft der burgenländischen mit den alpenländischen Deutschen hat da scheinbar der Einfluß ungarischer Kultur oder vielleicht auch das erhöhte Verteidigungsbedürfnis der Bewohner offenerer Täler das Entstehen des Einödhofes verhindert. Die Häuser und mit ihnen die Menschen rücken einander näher, und es ist, als suchten sie den größeren Nenner im Bruche des Lebens. Das ganze Burgenland in seinem unverkennbaren Fortschritt scheint ja ebenfalls ein auf den größeren Nenner gebrachter.Bruch zu sein und operiert nun leichter und freier als mit dem beschränkten Nenner des ungarischen Globus. Und es wäre nur gut für das große Rechenexempel der Menschheit, wenn einmal alle geographischen und ethnographischen Einheiten, ohne dabei ihren Wert als Zähler einzubüßen, auf einen großen Generalnenner gebracht würden und damit alle Grenzen verschwänden. Unterwegs steigt noch ein Jude namens Würzburger in den Wagen und liefert mit seinem Namen einen Beweis mehr für die deutsche Herkunft der christlichen und auch der jüdischen Bevölkerung des Burgenlandes. Und dann, nach dem Orte Tobaj, tritt die Straße in ein vollkommen ebenes Gelände, an dessen Horizont immer deutlicher ein die ganze Ebene beherrschender Bergkegel auftaucht. Dieser Hügel, um dessen Füße sich ein malerischer Kranz von Häusern windet, ist durch eine Burg gekrönt; es ist unser Ziel, das Städtchen Güssing. Einst ein Nest ungarischer Verschwörer gegen die Habsburgermacht, ist Güssing heute einer der am weitesten vorgeschobenen Posten der Verwaltung des neuen Oesterreich. Bevor wir noch in das Städtchen gelangen, begegnen wir einem radfahrenden Franziskaner, der mit hochgeschürzter Kutte auf seinem Stahlroß ein Sinnbild der neuen Zeit darstellt. Diese Franziskaner von Güssing haben einst in der Gegenreformation Südwestungarns eine hervorragende Rolle gespielt, im übrigen scheint aber Güssing und namentlich das Geschlecht der Batthyanay, denen die Herrschaft Güssing gehört, immer recht tolerant gewesen zu sein und seit mehreren Jahrhunderten befindet sich hier eine, wahrscheinlich im 15. Jahrhundert von vertriebenen steirischen Juden gegründete recht ansehnliche Judengemeinde, deren ältester Friedhof sich in der Gegend des ehemaligen Stadtgrabens befunden haben soll. Lange Zeit mußten die Güssinger Juden freilich im „Judengebäude", einem riesenhaften kasernenähnlichen Komplex, zusammengepfercht wohnen und hatten dort auch ihre Synagoge. Im Jahre 1840 wurde aber unter Philipp von Batthyany dje heute bestehende schöne Synagoge erbaut. Die Beschränkungen des Wohnrechtes sielen und heute — befindet sich der größte Teil der Güssinger Judengemeinde in verschiedenen Städten Kroatiens, in denen bis um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Juden überhaupt nicht wohnten. Ich besuchte den seit etwa 120 Jahren bestehenden neueren Friedhof, um unter den stark verwitterten Inschriften nach den geistigen Führern zu forschen, die einst dieses Gemeinwesen leiteten. Als ich nach stundenlangem Bemühen dieses grasüberwucherte Bereich der Vergangenheit verließ, um am Fenster der Rabbinerswohnung beim Genüsse einer herrlichen Rundsicht auszuruhen, sah ich auf dem Dache des ersten, dem Friedhofe benachbarten Hauses ein Storchenpaar in seinem Neste. Und dieses Idyll friedlichen Nistens im bald verlassenen Heim schien mir nicht nur das Judenschicksal in diesem weltentrückten Orte anzudeuten, das die Willkür des „letzten Ritters" aus dem Westen hierher verpflanzte bis andere, mächtigere Umstände ihm ein freieres Betätigungsfeld im Süden eröffneten. Mehr noch als dies zeigte mir das Storchenpaar in seiner leichtbeschwingten Genialität, daß der Mensch von morgen bei aller Liebe zur heimatlichen Scholle doch die Grenzen früherer Beschränktheit und Erdenschwere überwinden und jene Höhen erreichen wird, die die im Staube hier liegen, nur im Geiste erschauen konnten. (Fortsetzung folgt.) c. n. TolM und der Midrasch. Daß besonders in den moralischen Episteln Tolstois häufig Motive aus Talmud und Midrasch zur Verwendung kommen, ist bekannt. Auch bewußt hatte der Dilchterphilosoph zuweilen aus dem reichen Born des jüdischen Schrifttums geschöpft. Ist doch beispielsweise das Motiv seines Dramas „Der erste Branntweinbrenner" fast wörtlich der Midrascherzählung vom Satan, der mit Noah die Einweihung des ersten Weinbergs feiert, entnommen. Die bei Bruno Cafsierer, Berlin soeben erschienenen „Volkserzählungen und Legenden" L. N. Tolstois enthalten u. a. auch folgende Legende: Die Steine. Zwei Frauen kamenl einmal zu einem Gneise und baten ihn um Rat und Belehrung. Die eine hielt sich für eine große Sünderin. Sitz hatte in jungen Jahren Ehebruch begangen und tonnteseitdem keinen inneren Frieden mehr finden. Die zweite Fraudagegen hatte sich ihr Leben lang wohlverhalten und kein Gesetz übertreten, sie konnte sich keine -besondere Sünde vorwer- :en und mar mit sich zufrieden. Der Greis fragte die beiden Frauen über ihr Leben aus. Die erste gestand ihm mit Tränen ihre große Sünde. Sie hielt diese für so groß, daß sie nicht mehr hoffte, Verzeihung zu finden; die zweite Frau aber erklärte, sich keiner besonderen Sünde bewußt zu sein. Da sagte der Greis zu der ersten Frau: „Geh' hin, Dienerin Gottes, geh' hinter den Zaun, uch' dir dort einen Stein aus, so groß wie du ihn nur tragen kannst, und bringe ihn mir hierher . . . Du aber" — wandte er sich an die, die sich keiner schweren Sünde bewußt war — „bringe mir gleichfalls Steine, so viele du nur tragen kannst, aber lauter kleine." Die beiden Frauen gingen- und führetn den Besehl des Greises aus. Die eine brachte ihm einen großen Stein, die andere aber einen Sack voll kleiner Steine. Der Greis sah sich die Steine an und sagte: „Jetzt tuet also: tragt die Steine zurück, legt sie auf dieselbe Stelle, wo ihr sie hergenommen habt, und komm' dann wieder zu mir zurück." Die Frauen entfernten sich, um den Befehl des Greifes auszufühven. Die erste ^entdeckte bald die Stelle, wo sie den Stein gefunden hatte und legte ihn auf seinen Platz zurück; die zweite dagegen konnte sich durchaus nicht erinnern, wo sie all die kleinen Steine hergenommen hatte, und kehrte mit dem Sack zu dem Greife zurück, ohne seinen Besehl ausg-eführt zu haben. „Siehst du, dasgleiche pflegt auch mit den- Sünden zu geschehen," sagte der Greis. „Du hast dengroßen schweren Stein mühelos an seinen früheren Platz legen können, weil du dich erinnertest, woher du ihn genommen. — Du aber konntest es nicht, weil du nicht inehr wußtest, wo du all die kleinen Steine hergenommenhast. — Nun, dasselbe gilt auch von den Sünden. Du dachtest ständig an deine Verfehlung, littest unter den Vorwürfen der Menschen und deinen Gewissensbissen, wurdest demütig und hast dich so von den Folgen der Sünde frei gemacht. Du aber" — mit diesen Worten wandte sich der Greis an die Frau, die die kleinen! Steine zurückgebracht hatte —' „hast dir nur geringe Verfehlungen zuschulden kommen lassen, die dein Gedächtnis nicht belasteten und in dir keine Reuegefühle hervorrrefen; so hast du dich an ein sündhaftes Leben gewöhnt, und während du die Verfehlungen deinre Mitmenschen verdammtest, hast du dich selber immer tiefer in deine eigene Schuld verstrickt. — Wir alle sind Sünder, und wir alle werden zugrunde gehen, wenn wir uns unserer Sünden nicht bewußt werden und keine Reue über sie empfinden." Wir denken dabei an die auch von Raschi zitierte Erklärung des Midrasch zu 2j?V '’riv wonach darin auf die gefährlichsten aller Sünden, die kleinen Sünden, die sich, ohne' daß der Mensch es selber merkt, an seine Ferse täglich heften rapjn vn msw- König David fürchtete weniger die große Sünde im Zusammenhänge mit Vatschewa, für die er bereits durch Reue und Buße volle Verzeihung bewirkt hatte. Vielmehr fürchtete er die kleinen Fersen sünden, für die es, weil der Beachtung entzogen, selten Buße und Verzeihung gibt. Darum betet er in seinen Psalmen: jn sttk nnS Was mich mit Angst erfüllt am Tage des Gerichtes '221V-' ->2p>5? py> das. sind die kleinen, auf Schritt und Tritt sich an uns heftenden Sünden. Das will im Ganzen auch Tolstoi sagen. Verantwortlich für den allgemeine» Teil und da» Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S, Schach« »owttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen («r. Offenbach). — Verlag .Israelit", <S.m.b.«., Frankfurt a. M. — Druck Sermon Verlags« Mttengefellfchast, Frankfurt a. M.