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Der Israelit · 1928-10-11 · Heft 41 (11.10.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 41 (11.10.1928)
Date
1928-10-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Israelit r. 41 192$ Zechi! Ein Bild aus dem neuen Palästina.*) I. Wie Sturmwind kam es durch die Kolonie gefegt. Er war hinweggeweht, aber mit ihm die vier Maulesel des alten Magid. Wilde Beduinen, acht an der Zahl, waren mit Schießen und Schreien, Hauen und Stechen ins Gebiet eingedrungen, holten die Maulesel vom entlegenen Ackerfelde und verschwanden auf ihren flinken arabischen Gäulen. Nun läutete die große Rettungsglocke. Der Alarm rief die Männer aus den Feldern, die Frauen und Mädchen aus den Häusern herbei. Auf der Straße lag ein Verwundeter. Einer der Männer, Magids Arbeiter, der sich zur Wehr setzte, erhielt einen Schuß und lag blutend und hilflos mitten auf der Straße. „Wasser, Wasser! So holt doch den Apotheker! Wo bleibt nur der Apotheker? Einen Arzt! Rasch nach Liberias/einen Arzt holen!" schwirrten die Schreie der Männer -mb Frauen durcheinander. In wenigen Minuten war die ganze Kolonie, Klein und Groß, um den Verwundeten herum. Jeder gab einem jeden Kommandos und keiner tat etwas. Aber nun hieß es: „Der Apocheker! Platz gemacht, der Apotheker kommt!" Der Apotheker, ein rühriger und flinker Dreißiger und gut eingeschult für solche Fälle, trat mit seinem'Kasten eilig, aber ohne Ueberstürzung an den Verwundeten heran, drängte sanft die Neugierigen zurück, packte den Verbandstoff aus, reinigte fachgemäß die Wunde und verband sie mit geübten Fingern kunstgerecht. Auf den Schultern trugen ein paar kräftige Männer den Verletzten heim. Der Fall war nicht so kritisch, wie er im ersten Augenblicke schien. Die Menge beruhigte und zerstreute sich. Da ertönte ein Ruf: „Auf, Ihr Jünglinge, den Räubern nach! Die Beute muß ihnen wieder genommen werden und koste, was es wolle. Die Ehre der Kolonie! . . ." Im Nu hörte man das Wiehern von Pfetben und Maulef^ln-Me aus den Ställen geholt wurden. Es raMlten Schußwaffen, In wenigen Minuten stcfM,:ei^! forchi^rter-;kleiner Reiterzug/ grstbew'affrM ochst der... Straßemutig und M- Mösfen, die Ehre/der' Kolonie zu retten,und -ihr Sicherheit sW die Zukunft zu''verschaffen'. Auck ältere Kolonisten schlossen.sich an. Führend an der Spitze ritt der junge Magid, der feines Mutes und seiner Liebe zur heiligen Scholle wegen in der Niederlassung hochgeachtet war. Sie ritten mehrere Stunden durch den heißen Wüstensand, ohne eine Spur von den Räubern zu entdecken. Die Sonne senkte sich. Eine, kleine Oase leuchtete auf mit winzigen Beduinenhütten, die als besonders gefährlich für Fremde verschrieen war. Es wurde dunkler und dunkler. Die Aelteren im Zuge machten, einer nach dem andern, kehrt. „Schade um diese herrlichen Maulesel!", seufzten sie resigniert und fanden sich damit ab. „Der arme alte Magid, sein ganzes Eigentum ist dahin. Aber ist er nicht selber schuld? Wie durfte er ganz allein ohne Schutz mit all seinen Mauleseln sich so hinaus begeben?" So sprachen die älteren Kolonisten und schlichen sich still und schamhaft wieder in die Kolonie und in ihre Häuser. *) Nach einer Darstellung im Jerusalemer ÜHathor". ' Die Jungen aber — ihre Zahl war nicht viel — ließen nicht nach; schon rasten sie durch das Beduinendorf und darüber Hinaus. Die Diebe waren nicht zu sehen. , Mehr und mehr sank auch i h r Mut. Auch sie gaben nacheinander die Hoffnung auf und kehrten einzeln wieder zurück. Zwei oder drei setzten auf eigene Faust die Verfolgung fort. Aber auch sie mußten einsehen, daß es vergebens war. Mit Anbruch der Nacht kehrten auch die letzten enttäuscht und beschämt heim. Bald wußte man in der Kolonie, daß die Verfolgung mißglückt war. In Gruppen standen die Bewohner auf der Straße und besprachen den Fall. Junge Mädchen sprachen mit bitterem Spott von Feigheit. „Im ganzen nur acht Beduinen. Wo bleiben unsere Jungen, unsere Wächter, unsere Helden? Wo?" Die Jünglinge standen schuldbewußt und hatten nichts zu erwidern. Und da plötzlich eine neue Aufregung. Einer der Jünglinge, David Kastiol, fehlte. Er war nicht zurückgekehrt. Schon feit Stunden suchten ihn seine Eltern, aber er war nirgends zu finden. Alle hatten ihn gesehen, wie er, etwas später als die andern, hoch zu Roß hinaus getrabt ist, aber keiner sah ihn zurückkehren. „Unser einziges Kind," jammerten die Eltern verzweifelt. >,Sie haben ihn umgebracht." Und mitten in die allgemeine Aufregung, in das Jammern der unglücklichen Eltern ertönte ein neuer Befehl: „Alle Jünglinge mobil! Wir reiten hinaus, um Kastiol zu suchen. Keiner darf Zurückbleiben!" II. Ein merkwürdiger Jüngling war dieser Kastiol, kaum zweiundzwanzigjährig, hoch aufgeschossen, mit feinem Gesichte, bescheiden, fast schüchtern, aber voller Mut und latenter Kraft, nie aufdringlich. „Ein netter junger Mensch," sagte man von ihm, für einen Helden hatte ihn niemand gehalten. Der Vater Kastiols gehörte zu den Besten in der Kolonie, ein halber Gelehrter, bei dem man sich Rat holt ein allen Dingen des Lebens. Mit anbeterischer Liebe hingen die Eltern an ihrem Sohne, ihrem einzigen Kinde. David besorgte mit Hilfe eines Knechtes die ganze Feldarbeit. Der alte Kastiol half mit Rat und Belehrung, im übrigen blieb er gerne daheim bei feinen alten Büchern und arbeitete auch kräftig in! der' Verwaltung der 'Kolonie mit. - ^AlF^s Raübuberfall am Nachmittag geschah, wyx-der.Mnge Kastiol im Felde weitab von der Kolonie/. beschäftigt. Die Eltern verheimlichten iymr'den Vorgangs aus'Ängst, er wrjrde sich mit inMeMhsohr begeben. Als aber David spät nach Hgusekamund die Dinge erfuhr, ließ er sich nicht halten,"ging schweigend in den Stall und holte den Braunen, der von katzenartiger Behendigkeit warnahm den Browning in die.Hand und ritt ohne ein Wort zu sprechen hinaus, den gndern nach. David Kastiol war ein vortrefflicher Reiter, und fein Pferd gehorchte ihm, als wüßte es, um was es ging. Die Ehre der Kolonie mußte gerettet werden. Zudem kam noch bei dem Jüngling das tiefe Mitleid mit dem alten Magid, dem mit den Mauleseln der ganze Besitz genommen war.' Es durfte nicht fein, daß acht wilde Gesellen ungestraft in die Kolonie einbrachen und mit ihrem Raube davon eilten. Er wollte es ihnen schon zeigen, wie man sich an jüdischem Gute vergreift, und kostete es das Leben. Als verstände der.Braune all das und fühlte er es Mit, trug er den Jüngling über Berg und Tal. Bald holte David die anderen ein, überholte sie wie im wilden, Fluge. Immer weiter, immer weiter, den Räubern nach. Als sich David bei Anbruch der Dunkelheit umwandte, waren die andern nicht mehr zu sehen. „Nach Hause geflüchtet, die Feiglinge!" dachte er. Vorne aber erhob sich eine Staubwolke. Da waren die acht Beduinen mit den Tieren des alten Magid. Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Am blassen Lichte der Mondscheibe sah er sich, eine Weile stillhaltend, die Situation an. Sie war nicht sehr trostreich. Die Freunde waren alle weg, er war allein. Und vor ihm acht kräftige wilde Gesellen, zum äußersten entschlossen. Der Weg war voll von Geröll und menschenhohem Mais. Er raste weiter. Das hohe Gras bot ihm ein wenig Deckung und stand zuweilen wie eine Scheidewand zwischen ihm und den Räubern. Diese merkten jetzt was, sahen sich scheu um und trabten weiter, aber die Maisfelder hemmten den eiligen Ritt. David noch unentschlossen, wie er den Kampf gegen die Uebermacht aufnehmen sollte, ihnen unaufhaltsam nach, daß sich die Distanz immer mehr verringerte. Merkten die Beduinen, daß er allein war, so bedeutete es seinen sicheren Tod. Da leuchtete in ihm ein Gedanke auf, ein Gedanke, wie er nur von einem großen, hilfreichen Gott in der Stunde der Not eingegeben sein kann. Schon hatten sich die Beduinen umgedreht und ihre Gewehre nach ihm gerichtet. Da wandte auch er sich auf seinem Gaule um und fing an, über das hohe Gras hinter ihm hinweg, laute dröhnende Befehle auszuteilen, als befände sich dahinter ein ganzes großes Heer. „Still gestanden! In Reih und Glied! Gewehre richten!" Und damit richtete er sein eigenes Gewehr nicht gegen die Beduinen, sondern gegen ihre Gäule und fing so mächtig zu knallen an, daß es sich im Echo ringsherum so anhörte, als sei eine ganze Armee zum Angriffe übergegangen. Die Beduinen gaben ihrerseits Feuer. Aber wie der Rauch verflogen war, konnte?r sehen, wie zwei Beduinengäule hinsanken. Er sah, wie die Beduinen die Gäule liegen ließen und auf die geraubten Maulesel stiegen. Aber diese trugen sie nicht. Sie stemmten sich auf, warfen sich hin und drängten zurück, zu ihrem Eigentümer. David Kastiols Kommandos dröhnten aber immer mächtiger zurück über das Gras hinaus: „Auf allesamt! Kräftig ansetzen! Gewehre richten! ..." Die Beduinen hielten eine Weile unschlüssig. Es war ihnen gewiß, daß das ganze Judendorf Hinter ihnen her fei. Und daß die Juden treffsichere Schützen waren, konnten sie an ihren zwei toten Gäulen sehen. Sie überlegten. Aber da drang schon die Stipune Davids zu ihnen hin: „Heraus mit den Mauleseln, wenn Euch nicht Schlimmeres passieren soll. Noch haben wsr nach Euch nicht gezielt, sondern nstr nach euren Pferden. Her mit'denigeraubten-; Tieren!":;'./' Und darauf wandte er sich zurück mit j einem Befehle an das imaginäre Heer hintler ihm: „Genossen, es weiche keiner zurück, als bis sämtliche Gäule der Räuber zur Strecke gebracht sind. Dann nehmen wir sie selber aufs Korn! . ." Ohne weiteres Ueberlegen ließen die Beduinen die Maulesel los und machten sich auf ihren noch lebenden Gäulen eiligst, davon. Schon hätte David Kastiols die Tiere am Zaum und zog sie nach sich. Diese erkannten den Weg und folgten ihm ohne Schwierigkeit. ui. Auf der Straße der Kolonie stand die Rettungsexpedition für Kastiol bereit zum Abritt. Der alte Vater wollte absolut mit. Andere versuchten, ihn davon abzuhalten. Da trabte ein Pferd mit lustigem Wiehern in das Dunkel der Straße hinein. Darauf sah man beim blassen Lichte der Mondscheibe David Kastiol mit vor Freude schwellender Brust. Fest cvn der Leine hielt er zu beiden Seiten die vier Maulesel des alten Magid. Ein blaues Wunderwar geschehen, noch konnte es keiner recht fasten. Wie kam das? Wie hatte er es fertig gebracht? Aber David Kastiol war kein Freund des vielen Redens. Er führte die Tiere ihrem Eigentümer

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