Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1928)
- Date
- 1928-09-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 18 Nr. 39 Der Israelit 27. September 1928 ins hohe Greisenalter hinein — sie starb mit 96 Jahren — in ihm die letzte und größte Freude ihres Lebens hatte. Im Jahre 1885 kam Ehrmann nach Frankfurt, wo er sein Haus gründete und war seitdem treues Mitglied der Israelitischen Religionsgesellschast, an deren Entwickelung er wärmstes Interesse nahm. Im Geschäfte ein strenger imv und von peinlichster Redlichkeit und Rechtlichkeit, dazu von einem Humor begnadet, die ihn stets das richtige Wort finden ließ und ihm über schwere Klippen des Lebens hinweghalf, sah er sich bald im Mittelpunkte eines Verwandtenkreises und von einer großen Freundesschar umgeben, geliebt und geachtet. Söhne und Enkel werden seinen Namen und seine Tradition im Leben weiter tragen. Er selbst hat auch die letzten schweren Leiden seines Lebens aufdem langwierigen Krankenlager mit frommer. Geduld und gottergeben getragen. Ein Strahl des.. heiligen., verklärte uns, als wir ihn stumm ins Grab-senkten. .Wir werden ihm ein liebes dauerndes Andenken bewahren. ' .T'ÜXJTl. . Jüdischer Frauenbund. Die Ortsgruppe Frankfurt a. M. desIüdifchen Frauenbundes teilt uns mit, daß ihr nächster Ortsgruppenabend am 7. Oktzober abends 8.30 Uhr bei Frau Paula Nassauer, Rheinstr. 25, stattfindet, anläßlich Simchas Thora als gesellige Veranstaltung. Am 27. Oktober findet ein Ortsgruppenabend statt, Ort und Zeit wird noch bekannt gegeben. Thema: Stammbäume, Ehevermittlung, Kinderversicherung. Referenten:; Frau Baer, Frau Hirschorn, Frl. Zedner. Die nächste Arbeitssitzung findet am Donnerstag den 25. Oktober vormittags 10.30 Uhr Langestr. 30 statt. Rikualmordhehe an der Arbeit. Ueber den von der Tagespresse mitgeteilten Fall eines Kindesmordes in Eiterfeld, Kreis Fulda, erfrecht sich der hier erscheinende völkische „Frankfurter Beobachter" unter der Ueberschrift: „Ritualmord in Eiterfeld" wie folgt zu berichten: „Im Kreis Fuldcr liegen drei Ortschaften: Rhina, Burghaun und Eiterfeld, in denen fast die ganze Bevölkerung sich aus Juden zusammensetzt. Ich habe gelegentlich einer Wahlversammlung in Eiterfeld am 2n April 1928 die Juden von Eiterfeld kennen gelernt, die damals ein paar Dutzend Arbeiter eines benachbarten Steinbruches auf mich hetzten, so daß es nahe daran lag, daß ich nicht mehr gesund aus diesem Judenkafs herausgekommen wäre. Was hat nun die jüdische Bevölkerung von Eiterfeld ein Interesse daran, daß der Mord nicht aufgeklärt nfcd? Wir behaupten nicht, daß es sich hier um einen Ritualmord handelt. Aber die amtlichen Stellen sollten so was nicht als-Märchen betrachten, sondern den Fall einmal von diesem Gesichtspunkt aus betrachten. Wer sind die, die da bei der Untersuchung Schwierigkeiten machen? Sind es Juden? Was wird geschehen, um die Sache aufzuklären? Die christliche Bevölkerung hat ein Recht, zu verlangen, daß die Angelegenheit nicht in der Vergeßlichkeit verschwindet, sondern daß radikal durchgegriffen wird." Der Fall ist bekanntlich inzwischen von der Kriminalpolizei als Lustmord aufgeklärt worden. Davon hat der „Frankfurter Beobachter" bisher noch nichts beobachtet. Vereinskal^nder. Verein Mekor Lhajim. Vorträge und Schiurim in der Festwoche stehe lokalen Teil. , , , V 3 ahrzei ts ft if tun gen. nnp' 1. Tag '"v. 29. Sept.. Emanuel Landau- und Slathan Homourger-Sliflung. Montag, 8. Okt. Johanna Bickardt. geb. Frankunv Bertha Benjamin geb. Leiter-Stiftung. ' Mittwoch/iO-Okt.; Jacob L. S ä ngerM ist tun g. v ' /; Asudas Jisroel-Jllßendgruppe. Cu Am Donnerstaa, den 4. ÖktoW, abends halb 10 Uhr findet ein Haufchano-Rabbo-Lernen statt. Anmeldungen hierzu sind bis sctätesiens Dienstag, den 10. Oktober an Herrn Hermann Schwab, Rückertstraße 44 zu richten. Zur Deckung der Unkosten wird 1 Mark erhoben. (Alle Schiurim wie üblich.) Jüdischer Turnerbund. Turn zeiten. Hdrren: Sonntag, 8—12 Uhr, Gymnastik und Sport, Riederwaldwiese. Leitung: Sportlehrer Friede! Eisenhuth. Donnerstag, 8V2—10 Uhr, Gymnastik und Turnen Annaschule. Leitung: Turnu. Sportlehrer Friede! Eisenhuth. Alte Herren; Donnerstag 8V2-IO Uhr, Turnen und Gymnastik, Annaichule. Leitung: Turnu. Sportlehrer Fr. Eisenhuth. Jugend: Sonntag. 8-12 Ubr, Gymnastik und Sport, Riederwaldwiese- Leitung: Sportlehrer Fr. Eisenhuth. Damen: Mittwoch, 872—10 HI)r, Turnen und Gymnastik. Annaschule, Rechneigrabenstratze. Leitung: Fräulein Trusheim. Frauen: Mittwoch. 7»/«—9 Uhr. Sondergymnastikkurs, R.alschule Tiergarten 8. Leitung: Frl. M. Acker. Knaben: Dienstag, 6—8 Uhr, Turnen und Spielen, Annaschule. Leitung: Ferd. Fleck. Mädchen: Mittwoch, 4*/,—7 Uhr Gymnastik und Turnen Abtlg. I (bis 10 Jahre). 4'/2- 5T/a Uhr, Abtlg. II (über 10 Jahre). 5l/2—7 Uhr, Annascbule. Leitung: Ferd. Fleck. ' Sebelzette». rii2iv Freitag Abend 5.40 " Samstag NY3VN 6.45 , ' Samstagmorgen 8.— Samstagnachmittag 1;— und 4.30 Samstagabend 6.55 Sonntag naswn 6.30 Festes Ausgang 6.55 ^: Mochengottesdienst : Morgens 6.15 . Nachmittags 5.30 ^efilin^tegen am illorg'en 6.10 ’ .'-C/': teoQetfflletöet : ' .. '29. Sept. bis 6. sm.j3Sß.-.f. V.Ä. -' 22.. chstchri 8888. ' . r: Samstag, 29 15 fnsib- - Sonntag tsT 30 16 '2 " ~ 7 Montag Okt. 1 17 Dienstag 2 18 Mittwoch 3 19 i-isnnn i>in Donnerstag 4 20 Freitag 5 21 Samstag 6 22 R3*r jwytnn Wichtig f ü r Hausbes i tz er! Infolge Zwangs» bewirtschaftung der Häuser sind dieselben heute zum größten Teile reparaturbedürftig. Jedoch sollte es kein Hausherr versäumen, Kester und Böden daraufhin zu prüfen, ob sich nicht durch Feuchtigkeit oder vorgekommene Wasserschäden Schwamm' angesetzt1 hat. Bei Auftreten von Schwamm ist die Feststellung der Schwammart und die Ursache von größter Wichtigkeit.' Die gefährlichste Art ist der echte Hausschwamm! Merulius lacrymans. Dieser hat eine enorme Zerstörungswirküng und muß radikal entfernt werden. Als Spezialist für Schwammbeseitigung, in 30jähriger Praxis bewährt, empfiehlt sich die. Firma Gottlieb Klaus, Architekt und Bauunternehmer. Fürstend ergstr. 11. Beachten Sie das heutige Inserat. Zunz Bibelübersetzung ist — obgleich vergriffen — noch bei Louis Lamm, Buchhandlung Berlin C. 2, Neue Friedrichstraße 61—63 in verschiedenen Einbänden zu haben. ibti.aiuttloi.nu!) tut Den allgemeinen Teil UND Das jfeuiueun. @. Schachnowttz, Frankfurt a. M.; Inserate t. B.: E.Schach« «owttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen (ttr. Offenbach). — Verlag .Israelit", G.m.b.H., Frankfurt a.M. — Druck Sermon Verlag«« ^fTMtUvrt a. TO. Auf dem Wege der Pflicht, in den Tod gefahren. Ein Nachruf. Es find rund zwei Jahre her, ich verbrachte meine Ferien in Mergentheim und lernte den Mann kennen, den ich zunächst als Muster eines Vielbeschäftigten und Pflichteifrigen bewunderte, dann aber auch als Menschen und Juden erkannte, so daß ich ihn achten und lieben lernte. Sally Ottensooser hieß der Unentbehrliche, Un-. vermeidliche, Ueberallgesehene. Wo sein beständiges Domizil, wo er eigentlich wohnte und sich 'aufhielt, war schwer zu sagen. Tagsüber sah man ihn in Mergentheim, wo er, zumal in der stark besuchten Sommersaison, die Schechita ausübte und einen Stab von jungen Schochtim heranbildete. Schon in aller Morgenfrühe kam er von E d e l f i n g e n , wo er ebenfalls Heim und Bett hatte, hergeradelt, „porschte" und sah nach den Rechten in den jüdischen Hotels, um weiter nach Markelsheim zu sausen, wo in der R e l i g ions - schule die Kinder seiner harrten. War die Arbeit im Mergentheimer Schlachthof zu Ende, so ging es nachmittags noch nach W e i f e rsheim, das Schlachtmesser in der Tasche, Fiebel und Hefte für die Schule an das Rad geschnallt, und abends blieb noch eine Stunde übrig, um in Gesellschaft von Einheimischen und Kurgästen ini Hotel zu Mergentheim beim Glase zu sitzen. Seine Familie wohnte, wie ich glaube, in M a r k e l s h e i m. Aber am Sabbat leitete er den Gottesdienst in Edelfingen. Ich werde diesen einfachen, schlichten Gottesdienst in der kleinen Landgemeinde mit ihrer Scheunensynagoge, wie sie dort in der Gegend üblich sind, nie vergessen. Der von alten biederen Dorfjuöen gefüllte Raum, die alten Gesänge unter lebhafter Mitwirkung der ganzen Gemeinde, das deutsche „En kealakenu", „Keiner ist wie unser Gott!" und „Wer ist wie unser Gott!" von Lehrer und Gemeinde im schönen kräftigen Chor vorgetragen. Die einzige Konzession, die die Großväter-der Klemgemeinde beim Einbruch der Reform in Württemberg gemacht hatten. Dann der Gang, durch das Dorf bei goldener Sabbatvormittagssonne. Der Sabbat war im Orte, das konnte man sogar dem vollbeladenen Heuwagen und dem geruhig darauf schlafenden braunen Bauernjungen ansehen. Wie da die Leute, alte Frauen tief bedeckt, aus den Stühlen und. Bänken vor den Häusern saßen, in Erwartung der Bohnensuppe und Sabbatkugel, die alle aus dem gemeinsamen Bäckerofen Glockenschlag elf kamen. Aber vorher gab es noch für die Männer und Jünglinge ein S ch i u r l e r n e n. Und überall der „Herr Lehrer", Herr Lehrer da und Herr Lehrer dort. Ein Blick in das kleine jüdische Hotel, unter dessen sehr niederem, aber ebenso gastlichem Dache wir-etwas von der köstlichen Sabbatspeise, die im gemeinsamen Bäckerofen die Nacht hindurch von lieben, kochkundigen Engeln betreut wurde, kosteten. Dort sahen wir die hundertjährige Urgroßmutter (hoffentlich ist sie noch am Leben), wie sie den zweiten Teller mit jugendlicher Freude absolvierte. Mergentheimer Wasser hatte sie nie in ihrem Leben getrunken... Am Sonntag schon in aller Frühe sprach ich wieder Herrn Ottensooser in Mergentheim. Bis zur Mittagsstunde hatte er so und so viel geschachtet, so und so viele Stunden in den verschiedenen Fikialgemelnden unterrichtet, Schochtimjünger instruiert, Aufsicht im Aufträge des Rabbinates in Hotes und Pensionen ausgeübt, und am späteren Nachmittag schritt er in Talar und Barett, bei strömendem Regen, hinter einer Bahre einem Leichenzuge voran, st u n d e n l a n g, von irgendwo in einem Dorfe im Gebiete einer seiner vielen Filiagemeinden kommend, irgendwohin nach einem Dorfe, wo sich ein Württembergischen Idylle nach einander. Da las ich, es war am Sukkausfeste des vorigen Jahres, in einer Tageszeitung eine dreizeilige Notiz unter „Vermischtes": „Gestern verunglückte ein Mann in. den besten Jahren mit einem Motorrad aus der Straße von Mergentheim nach Weikersheim -tödlich. Er stieß mit dem Motorrad an einen Baum. Es handelt sich um den jüdischen Lehrer Sally Ottensooser, der auf dem Wege zu seiner Gemeinde war, um dort am .Feiertag den Gottesdienst zu leiten." Eine Träne der Wehmut und der Erinnerung frei auf die drei Zeilen unter „Vermischten Notizen" auf der letzten Seite. Damals überkam es mich: Ob nicht auch sonst jede Zeile dieser „Vermischten Rubrik", für die Allgemeinheit so belanglos/ ein Schicksal Larstellt?! Ich gewann damals nicht die Kraft,' dem Freunde ein Denkmal in Worten zu setzen. Nun ist ein Jahr verflossen, und das Versäumte sei kurz nachgeholt. Der altberühmten bayerischen Familie Ottensooser entstammend, wurde Sally Ottensoose? schön früh für den Lehrerberuf bestimmt. 1902 verließ er mit Auszeichnung das Würzburger Lehrerseminar und nahm die Lehrerstelle in Markelsheiman. Es kam bald Weikersheim dazu, und als beide Gemeinden alter verlassener jüdischer Friedhof befindet. Am Ausnicht mehr ausreichten, noch Edelfingen als dritte gangspunkt sprach er die Gebete, am Grabe hielt er eine in die Mitte. Wohnte er Werktags mit Familie in Rede, die sogar recht gut war. Aus dem Rückwege schlachtete er noch Hühner und Gänse in Mergentheim. Dann radelte er nach Hause. Wohin? Nach Markelsheim, nach Weikersheim oder nach Edelfingen? Er hatte überall sein Heim, er gehörte zur Landschaft; wie der Apfelbaum am Wege, wie der Sprudel aus dem Boden, wie Feld und Wiese. Kein Kind in der ganzen Gegend, das nicht respektvoll den Hut zog vor dem „Herrn Lehrer", kein Bauer auf dem Felde,'an dem er nicht mit einem „Grüß Gott" und „Wie stehts Heuer mit dem Korn?" vorüberradelte. Ich fragte: „Mein Lieber, woher nehmen Sie Zeit und die Kraft, das alles zu bewältigen?" Er zeigte lachend auf das nicht mehr neue Rad. Man sei rasch dahin und dorthin, besonders, wenn es bergab geht... „Aber", fügte er mit einem Seufzer der Sehnsucht hinzu, „besser wäre ein Motorrad, es würde mich rascher und sicherer vom Flecke . bringen, und ich könnte mehr leisten." Es war dies zur Zeit sein höchster und sehnlichster Wunsch, das.Motorrad. Der Motor in ihm drängte zur Tat und er bedurfte der besten technischen Hilfsmittel. . ... Ein Jahr war verflossen. In der Fülle der Tagesarbeit ertranken die Erinnerungen und Eindrücke an die Markelsheim/ so stand seine S a b b a t st u b e in Edelfingen, wo er den Gottesdienst mit Wort und Gesang, leitete. Er galt als der beste Schachet und Schochtimbildner der ganzen Gegend. Eine große Anzahl von Schochtim in Süddeutschland sind aus seiner Schule hervorgegangen. Er sorgte zumeist auch für ihre Unterkunft. Mit dem Lu low in der Hand fuhr er am Rüsttage zum Laubhüttenfeste in den Tod. In Edelfingen schmückten die Kinder die Sukkoh mit Blumen und Ketten und harrten des Vaters. Er kam spät, auf der Tragbahre. Am zweiten Festtage wurde er still in die Gruft gesenkt. Der Mund, der an diesem Tage die Dankeslieder zu singen pflegte, war verstummt. Er zog, so wollte es eine unerforschliche Gotteswaltung. aus Sem „vorübergehenden Hause" des! Lebens in die feste Wohnung ein. Am ersten Festtage, dem ersten Jahrzeitstage, wird der zweite Sohn in der Gemeinde des Vaters zum .ersten Male als „Sohn der Pflicht" zur Thora gerufen werden. Seine Gemeinden, aber nicht minder Schreiber dieses, werden eine stille Träne in. den Kelch der Festesfreude fließen lassen, gewidmet dem Manne der Pflicht und Arbeit. S—tz.