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Der Israelit · 1928-09-20 · Heft 38 (20.9.1928) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 38 (20.9.1928)
Date
1928-09-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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JeHilletON- Bcilagc Der Israelit Auf mittelalterlichen Spuren. Von Heinrich Einstädler. 1. Zwischen Bayern und der Tschechoslowakei zieht sich von Nord nach Süd ein breiter Gebirgswall hin, dessen Kamm im allgemeinen die Grenze zwischen beiden Ländern bildet, —■ der Böhmerwald. Ausgedehnte und herrliche Waldungen tragen seine Kuppen, die zum Teil erloschene Vulkane sind. Daran erinnert nicht nur ihre eigentümliche Gestalt; vielmehr erzählen auch die zahlreichen Mineralquellen, deren Wasser an manchen Stellen heiß dem Schoße der Erde entsprudeln, von dem vulkanischen Charakter dieser Landschaften. Der nördliche Teil des Gebirges verflacht sich gen Osten zu einem hochgelegenen Landstrich, der durch die Badeplätze Karlsbad und Marienbad Weltberühmtheit erlangt hat. Manche kleinere Orte sind schon seit langen Zeiten in jüdischen Kreisen bekannt, so der Flecken Kuttenplan durch seine berühmten Talmudgelehrten und das Städtchen Königs wart außerdem als Stammsitz der Herren von Königswart er, die auch in Deutschland begütert waren. Im Mittelalter bewohnten viele Juden die Dörfer diesen Hochfläche, die sich zwischen Sandau und Königswart zu einem Paß verengt, der das Tepler Gebirge gen Westen mit dem Plateau von Waldsassen verbindet. Sie benutzten diesen Paß bei ihren Fahrten nach Deutschland und stellten durch diese eine wichtige Handelsverbindung her, indem sie den Warenaustausch zwischen Böhmen und Bayern besorgten. Sie lebten gut mit der aus Deutschen und Tschechen bestehenden Bevölkerung des Landes und genossen allenthalben Vertrauen, das sie sich durch strenge Redlichkeit im Handel und Wandel zu erhalten wußten. Dieses schöne Verhältnis wurde gestört, als am Anfänge des 15. Jahrhunderts nach der Verbrennung des Magisters Huß eine feindliche 'Bewegung zwischen den katholischen Deutschen und den hussitischen Tschechen entstand, die bald einen nationalen Charakter annahm. Die Juden fühlten sich als Deutsche mit den Katholiken verbunden und standen ihnen bei, als Verfolgungen sie bedrohten. Dadurch zogen sie sich die Feindschaft der hussitischen Bevölkerung zu, und Vertreibung aus manchen Orten, Verwüstung ihrer Wohnsitze und ihrer Gotteshäuser und Schädigungen au Leib und Gut waren die Folgen ihrer treuen Anhänglichkeit an ihr ehemaliges deutsches Heimatland. 2. In einer stürmischen Novembernacht des Jahres 1416 war es, als der Jude Jecheskel in Königswart durch ein Pochen am Fensterladen aus dem Schlafe geweckt wurde. Anfangs glaubte er, geträumt zu haben. Als sich aber das Klopfen wiederholte, stand er auf, kleidete sich flüchtig an und öffnete das Fenster. Da sah er eine in einen Mantel gehüllte Gestalt, deren Kopf durch eine Kapuze geschützt wurde. „Laß mich hinein, Jecheskel", flüsterte der Fremde. „Ich bin's, der Jelitschek aus Plan, das Leben von fünf Menschen hängt davon ab." Die Gesichtszüge des Juden veränderten sich. Tiefe Sorgenfalten zeigten sich auf seiner Stirn. Er ging zur Tür, ließ den Mann ein und riegelte hinter ihm sofort wieder ab. Er führte den Bauern in die finstere Wohnstube. „Licht will ich nicht machen", sprach er leise. „Wenn auch in der Judengasse kein Verräter wohnt, so ist doch in den letzten Wochen manchmal nachts ein Vermummter gesehen worden, der sich von Haus zu Haus schlich und alles genau beobachtete. Seitdem man weiß, daß die Juden von Plan ein paar verfolgte Katholiken nach Bayern geflüchtet haben, traut man auch uns nicht mehr." „Und dennoch mußt Du mir helfen", anwortete der andere hastig. „Seit zehn Tagen halte ich mich mit meiner Frau und meinen drei Kindern in den Wäldern verborgen. Länger gehts nicht. Die Kälte nimmt zu, und unsere Vorräte sind bald ausgezehrt. Bring uns über die Grenze, und der Herr wird Dirs lohnen." „Freund! Gott weiß, wie gern ich Dir beistehen möchte", versetzte der Jude, und er drückte dem Bauern die Hand, „aber ich habe doch auch Frau und' Kinder, und wenn die Feinde uns erwischen werden, dann wird es uns gehen, wie den Juden von Plan, die man von Haus und Hof vertrieben hat.. Und wie ist es überhaupt möglich, daß ich fünf Personen -auf meinen Wagen nehme, ohne daß man es merkt?" Der Bauer erhob sich. Bisher war er auf einem Stuhl am warmen Ofen gesessen. Er legte dem Juden beide Hände auf die Schultern und sprach in eindrucksvollem, biederen Tone: „Du brauchst mir nicht zu sagen, daß Du nicht nur Dich, sondern auch Deine Familie und Deine Glaubensbrüder in Gefahr bringst. Aber trotzdem werdet ihr Juden uns nicht dem sicheren Tode überlassen. Du und Deine Nachbarn, ihr werdet uns retten. Und sechs Menschen werden euch zeitlebens dankbar sein! Höre! Sechs sind es, außer uns auch noch unser Pfarrherr, dem die Hussiten Rache geschworey haben. Und Eile tut not, denn unsere Feinde werden unsern Zufluchtsort bald ausgekundfchatfet haben." Jecheskel ließ nachdenklich das Haupt sinken. Ruhig wartete der Bauer ab, bis sein Helfer mit seinem Plan fertig war; denn, daß es sich bei ihm nur um den Weg der Rettung, nicht um die Bereitwilligkeit dazu handeln konnte, dessen war er ganz sicher. Eine halbe Stunde später verließ Jelitschek das Haus, nachdem sich der Hausherr davon überzeugt hatte, daß kein Spitzel in der Nähe war. (Schluß folgt.) Ainderecke. Jlnt beken! „Vater! Heute ist Rausch Chaudesch (Neumondstag). Darf ich mir etwas wünschen? Die kleine Recha ist's, die fragt und dabei so treu zu ihrem Vater emporschaut. Die Kinder sind gewöhnt, an jedem Halbseiertag ein Geschenk zu erhalten, und wenn es auch nur ein ganz kleines ist, eine Süßigkeit, ein Bildchen oder ein andrer billiger Gegenstand, sie freuen sich doch stets damit und schauen häufig in den Luach (jüdischer Kalender), damit kein solcher Tag versäumt wird. Nun, weil Recha die jüngste und immer so brav und lieb ist, darf sie diesmal etwas wünschen. „So erzähle uns, bitte, von Deiner Reise!" Der Vater schaut eine Weile liebevoll aus das bescheidene Kind, dessen Augen mit großer Erwartung an ihm hängen, und beginnt dann: „Ich will diesmal nur von der Rückreise erzählen; denn Ihr wißt, daß heute kein Feiertag ist und der Vater bald wieder an seine Arbeit gehen muß. Ich war in N. in ein Abteil des Eisenbahnzuges gestiegen, in dem außer mir nur noch drei Personen saßen, und darüber war ich froh. Denn es war eine Hitze, wie schon lange nicht mehr! Die Leute hatten ihre Hüte abgelegt, die Kragen ausgezogen, und manche saßen sogar in Hemdsärmeln da. Und man konnte es ihnen wirklich nicht verübeln. Doch kaum waren wir so eine halbe Stunde gefahren, als auf einer Station die Tür geöffnet wurde und gleich vier Personen auf einmal einstiegen: Vater, Mutter und zwei Kinder. Jetzt war die Gemütlichkeit vorbei und es hieß: Zusammenrücken! Die Leute verstauten ihr Reisegepäck und machten es sich so bequem wie eben möglich. Der Zug fuhr an. Der Mann nahm ein kleines Buch aus seiner Tasche, setzte den Hut auf, und ich wußte sofort, was er las: Tefillas Haderech (Gebet auf der Reise). Er gab dann das Büchlein seiner Frau, und während sie betete, zog schon der Knabe seinen Rock wieder an und griff zur Mütze, um nach der Mutter das Gebet zu verrichten. Die Mitreisenden schauten verwundert auf diesen Vorgang. Aber sie hatten nicht lange Zeit zmm Verwundern. Der Zug hatte kaum seine volle Geschwindigkeit wieder erreicht, — da tat es plötzlich einen Ruck, daß die Reisenden auf den Rücksitzen von ihren Plätzen flogen und die anderen heftig an die Holzwand stießen. Der Zug hielt auf offner Strecke. Was war geschehen? Alles drängte zu den Fenstern. Türen wurden geöffnet. Eisenbahnbedienstete eilten dem Zug entlang. Sie nahmen sich nicht die Zeit, die vielen an sie gerichteten Fragen zu beantworten. Endlich, als sie wieder zurückkehrten, hörten wir die Ursache. Ein zwölfjähriger Knabe war aus dem Zuge gefallen! Zum Glück hatten ihn die Drähte, die sich den Schienen entlang am Boden hinzogen, vor schwereren Verletzungen bewahrt. Ein Mitreisender Arzt verband ihn, und der Zug konnte seine Fahrt sortsetzen. Unter unseren aufgeregten Reisegenossen gab es jetzt eine lebhafte Unterhaltung. Von vielen Verkehrsunfällen wurde berichtet. Allerlei Vorsichtsmaßregeln wurden angeführt. Der eine setzte sich nie in die vorderen Eisenbahnwagen, der andere nicht in die letzten. Dieser wollte nicht bei Nacht fahren, jener nicht mit Schnellzügen, und so wußte jeder etwas anderes. Was der eine bevorzugte, das verwarf der andre, so daß es schließlich hieß: Es nützt alles nichts! Die neu hinzugekommenen Fahrgäste hatten sich an der Unterhaltung nicht beteiligt. Die Kinder hörten aufmerksam zu, ohne selbst ein Wort zu äußern, so wie wohlerzogene Kinder es machen. Nur als ein Herr gerufen hatte, das nütze alles nichts, da hatten die Lippen des jüngsten, eines goldigen Mädels von etwa fünf Jahren, zwei Worte geformt, die außer mir wohl keiner verstand: Nurbeten! ’ ■ H. -r. Berichtigung. Die gemütvolle Schilderung „ T a f ch l i ch " in der jüngsten Nummer, gab als Autornamen „Rachmann" an. Es ist dies ein bedauerlicher Druckfehler. Der Aufsatz stammt aus der Feder des unvergeßlichen Alüonaer Lehrers Felix B a ch m a n n V"st. Verantwortlich für den allgemeinen Leu und da« fteuiUctoi S. Schachnowitz. Frankfurt a. M.; Inserate i. ».: S-Scha» «owitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann in Sprendlingen t«r. Offenbach). — Berlai .Israelit". <8.m.b.tz.. Frankfurt a. M. — Druck Sermon »erlag« Aktiengesellschaft. Frankfurt a. M.

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