Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1928)
- Date
- 1928-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M., den y / 20.. September 1928 6. Tischri 5689 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Nr. 38 Abonnement ab Januar ISA: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Mertel» tabrvreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreich 88 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 8: Lolland 8 fl.; Italien ab 1. h 38.18 Lire; Jugoslawien 86Din.; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 87. 180 Lei; Polen 4 deutsche Toldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr. Tfchecho-Slowakei 38 Kronen; Ungarn Pengö 8 ab 1.Juli 1937; Dänemark 8.80 Krön.; Norwegen3.80 Krön.; Schweden 8L0 Krön. Ei«»elnummer dreibia Goldvfenntae. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. . Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuche« und Famili« Die 78 u»m breite Reklamezeile: letzte Textseite 1.60 Mk., vorlichte Inserate 40 Goldpf. für die fiebengespaltene amilienanzeigen nur 80 Pf. rletzte Textseite 8.— Mk.; Ehtffregebühr in Höbe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Jnseratausträge« tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch de» __ . . -” ~ ' - -*' x - ■“** » Tel. Hansa 8848 an», für Franks, ohne Verbindlich!. Nr. 18484. - anca Marmarosch Blank & Co. tu Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M Nur ein Wort. Zu Iom Kippur 5689. Von Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner in Trier. Es war an einem Kol Nidre-Abend, da betrat der greife Rabbi, genannt der große Maggid, die Künzel. Er tat dies in einem Augenblick, in dem die Gemeinde es sonst nicht gewohnt war. Der Vorbeter trug gerade die Stelle von Moses' Fürbitte vor: „Verzeihe doch der Sünde dieses Volkes nach der Größe Demex Gnade." Die Gemeinde wollte schon mit der Rezitierung der Antwort einsetzen, die nach dem Berichte der Bibel Gott Moses erteilte: ^-1222 'nn^v- „Ich verzeihe nach deinem Worte", da unterbrach der Rabbi die Betenden. Ex begann eine Art Zwiesprache mit Gott. „Herr der Welt", rief er, „sollen wir denn immer nur Deine Worte von früher zitieren? .Wir bitten Dich um ein Zeichen für jetzt, um einen Fingerzeig, daß Du uns wiederum wie einst zurufst: „ich verzeihe." Ueberraschung und Staunen erfüllte alle, mit angespannter Aufmerksamkeit richteten sich hunderte Augen auf den . Sprecher, und eine feierliche Stille trat ein. Der Rabbifuhr fort und -rief: -„Sprich sprich: ich verzeihe", und von den Wänden hallte das Echo: sprich: ich verzeihe. Und abermals flehte er: „sprich doch: mnbv"' und wiederum kam es wie aus höheren Welten im Echo zurück: sprich doch: ’rmbo- Und abermals und noch mehrere Male und , immer stärker erschallte sein Ruf durch den mächtigen, weiten Raum: „sprich du doch: mnbv"' und der StimmeNniederschlag wiederholte immer dasselbe: sprich du doch:, Mit angehaltenem Atem lauschte die in Ehrfurcht erschauernde Gemeinde. Da wandte sich das Wort des heiligen Mannes ihr zu, und er sprach: „Ihr habt, meine Teuren, düs Zeichen gehört, das Sinnbild vernommen. Natürlich und einfach, aber tief und wcchr wie der heutige Tag. Israels Gemeinschaft ruA am Jaum Kippur zu Gott: ^Sprichsprich: ich verzeihe". Aber der Ruf selber gibt im Echo Gottes Antwort wieder: Sprich sprich: ich verzeihe. Mit Israels eigenen Worten antwortet Gott: Sprich du: Wenn Gott uns sägen soll: ich verzeihe, müssen wix erst selbst, ausrufen: ich verleihe. ' Will jeder, daß Gott'das große, erlösende, sühnende Wortihm spende, so spende er es den anderen, die es tum; ihm erwarten. Darum ruft es denn einander in Lstbe und Brüderlichkeit zu und sprechet: mnbv- Freund und Feind und jung und alt, ein jeder sage es jedem: ich verzeihe." ... .Da schwirrte es wie Meeresbrausen durch die heilige Halle. Aus der Seele aller entrang sich wie durch Wunderkraft gelöst das heilsprechende Wort, und alle drückten einander die Hände und riefen einander zu: mn^v' ich verzeihe. Und als wieder volle Stille eintrat, rief der Rabbi freudegerührt und andachtverklärt: „Jetzt, ihr Teuren, mögt ihr Gottes Antwort aus der Bibel rezitieren; ihr habt sie verstehen gelernt: „Und Gott sprach: ich verzeihe *p222" nach deinem Worte", und nach deinem Worte der Verzeihung erwarte mein Wort der Verzeihung! . - Diese Reminiszenz mag Dichtung oder Wahrheit oder beides zusammen sein, aber sie trifft den Grundgedanken des Jaum Kippur; sie greift hinein in feine tiefste Bedeutung. Großes und Wichtiges fordert der hohe Tag, aber das Letzte und Höchste, worauf es ihm ankommt, besteht darin, das kleine und doch so schwerwiegende Wörtchen ’nrtf’O dem Menschenherzen abzuringen. Watz wäre und wozu wäre alles Fasten und Beten, alles Erkennen und Bekennen ohne den Enderfoltz, den dieses Wort darstellt. Freilich, es schließt in sich eine große machtvolle Tat. Es gehört ein Sftick Heldentum dazu, ehrlich und selbstlos „ich verzeihe" zu sprechen, es gehört zu den seltensten Edeltaten, die Menschen vollbringen. Der Mensch vermag Elemente zu beherrschen, Welten zu verbinden, aber er bringt es nicht oder nur sehr schwer über sich, mutig undkraftvoll dieses eine Wort zu sprechen. Und doch, wie ist es so leicht und liegt jedem so. nahe. Man braucht nur zu bedenken, wie leicht und kühn man wagt, es von. Gott zu verlangen, wie man es ohne Scheu von ihm erwartet. Stelle dir vor, dein Mitmensch habe etwa deine Ehre angetastet oder dir einen materiellen Schaden zugefügt; er hat vielleicht gar dein körperliches Wohl beeinträchtigt und. du zürnst ihm sehr, der Stachel des Hasses gegen ihn sitzt dir tief im Herzen, du glaubst, ihm nie verzeihen zu können. Da fügt es sich, daß dir' ein schweres Leid droht, jemand von deinen Lieben erkrankt, oder du gerätst in eine andere bedrückende sorgenvolle Lage. Keiner kann dir helfen, es gibt keinen Ausweg, nur noch Gott kann retten. Aber gegen Gatt hast du dich vergangen, du hast gegen die Religion gehandelt, Gottes Gebot mißachtet oder gar seinen heiligen Namen entweiht, und er soll dir jetzt helfen? Wie, wenn-er dir zürnt, wie du anderen zürnst, wie, wenn er dich zurückstößt, wie du andere hassest? Kannst du da von einem Anspruch auf Gnade sprechen, wo du doch selbst deinem Bruder gegenüber ohne Gnade und Verzeihung bist? Darum tue eines, verzeihe! Gott verlangt es von dir um deinetwillen. Sprichst du 'nn^vso spricht auch Gott ’nnVO' und wenn er dir verzeiht, wird er dir auch in Liebe beistehen. In einem feinsinnigen Gebete, genannt N2r n^srv „das Gebet der Lauterkeit", das manche in der Dämmerstunde vor Eintritt des heiligen Sühnetages zu verrichten pflegen, findet sich eine Stelle, die folgendermaßen lautet: "... Gott, ich breite mein Flehen vor dir aus, erbarme dich meiner und setze mich in die Gunst aller Menschen, daß sie sich meiner erbarmen. Siehe, ich verzeihe mit voller Verzeihung jedem, der gegen mich gesündigt, und sei es auch das Schwerste. Möge doch kein Mensch meinetwegen in Schuld und Strafe verfallen. Und wie ich jedem verzeihe, so wende die Gunst aller mir zu, auf daß sie auch mir verzeihen . . ." Dieses Gebet müßte eine allgemeinere Beachtung unter den Gebeten des Versöhungstages finden. Das meiste Leid in der Welt kommt von den Nichtverzeihenden, aller Unsegen geht aus von den Halsstarrigen, die das Wort ’nrfro nicht über sich bringen. Es find dies jene, die nur die Vergehungen der anderen gegen sich sehen, aber blind sind für ihr Verschulden gegen die anderen. Mit einem verblendeten Schlagwort nennen sie ihren Haß Konsequenz und sprechen von Charakter. Aber sie lästern Gott und schmähen das Wort Charakter, denn Gottes Eigenschaft ist die Konsequenz der ewigen Güte und das nie ermattende Verzeihen. Heute ist Jaum Kippur. Tausenderlei Verlangen füllen unser Herz, und unzählige Anliegen schweben uns auf den Lippen. Aber ich wünschte, wir drängten sie alle zurück und hegten alle nur einen Wunsch, den Wunsch: „Gott, laß uns getreulich mn?v sprechen!" Nur so wäre uns auch in allem anderen geholfen. Sonst gleichen wir mit unseren Wünschen jenem Prinzen, von dem die Legende wie folgt, erzählt: Der König hatte ihn vom Hofe verbannt, doch er erbarmte sich wiederum seiner und wollte ihn begnadigen, denn er sehnte sich nach ihm. Aber er stellte eine Bedingung: der Prinz müsse dieselbe Sehnsucht nach ihm, dem Vater, haben. Der Abgesandte des Hofes kam zu dem Verbannten ins Exil, er fand seine äußere Lage kläglich. ■ „Der König läßt dir sagen", redete er ihn an, „du mögest dir eine 1