Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1928)
- Date
- 1928-09-13
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude als Objekt neuerer Literakur. Von Dir. Dr. Elias. 7 ' " III. - M a x B r o d. In der Schule und auf der Universität, im öffentlichen Leben und im geselligen Kreise, wo immer Juden und Nichtjuden über ein jüdisches Thema sprechen, erhebt sich, ungesehen und uneingestandeneine dicke Scheidewand, ein.tiefes Vorurteil, eine aussichtslose Verständnislosigkeit für. die Existenz einer jüdischen Weltanschauung, die auch heute noch Anspruch auf- Geltung erheben kann. „Gibt es das wirklich?" meint, man geradezu auf den Lippen der Nichtjuden zu lesen. Man ist vielfach geneigt, die Quelle dieses Nicht-vcrstehenwollens in der breiten Schicht der Ungebildeten zu suchen. Max Brod will sie in der Schicht der Gebildeten beobachtet haben, und er selber hat ihr angehört und hat dazu beigetragen. ' Auch er hat seine Zeit gehabt, in der er in sehr oberflächlicher Weise über die Juden geurteilt hat, so daß er sich nicht wundern kann, daß die Leser der Bücher, die er in jener Zeit geschrieben hat (in seinem 27. oder 28. Jahr waren es schon 13) nicht gerade hoch über die Juden denken. Zu diesen Werken gehören vor allem: „Jüdinnen", . Die darin dargestellten Juden sind mit Ausnahme, einer einzigen sympathisch anmutenden alle mehr oder weniger hysterisch. Soweit von jüdischen Gebräuchen die Rede ist, werden sie oberflächlich kritisiert. Das einzige, was der Held an den Juden verteidigt, ist — die Geldgier. Und wie! Ein etwas schlechtes Gewissen muß Brod dann doch gehabt haben, denn er gibt dem Büch später ein Nachwort. Gemächlich, behaglich, mit biedermaierischem Gepräge, gipfelt es in der Mahnung an den Helden: „Die Mädchen laste, rberde älter, darin entgehen sie dir nicht!" Aber zu-dieser Lebensweisheit braucht man keine 337 Seiten zu schreiben. .. „Arnold Beer" ist der Roman eines Juden, der sich aus dem Helden der Jüdinnen entwickelt haben könnte. Alles übertreibend, grübelnd, kritisch bis zur Lieblosigkeit, behaglich lebend über das Leben fluchend, so verbringt ex seine Tage. Das ginge uns weiter "nichts an, wenn er uns nichtglauben machen wollte, daß sein Schicksal für. den modernen Juden typisch sei. Ein schlechter Jude und ein unsympathischer Mensch,/ der „sich als Resultat der Wanderungen, und Untaten seiner Väter erkennt", erfüllt von dem --biblischen Zorne, mit dem ein Volk von Raubtieren aus der Wüste sich, über den Jordan Müftete^, dem sich, eines Tages „die Reihe der ckkotzstirnigen,' gewalttätigen Ahnen" erschließt, ist sprachlich undbegrifflich Unmöglich Dessen Leben aber als typisches Schicksal eines Juden! hinzustellen, ist ein Versuch am untauglichen Objekt. Die Judenheit ist keine Sphinx und kein Zentaur, daß man in ihr halb Löwe und halb Jungfrau, halb Mensch und halb Tier' sehen dürfte. Das ist gerade das, was uns an Wassermann abstieß, das ists ja auch, worüber sich Pxod selbst in seinem späteren Bekenntnisbuch beklagt. Hätte Brod diese Werke einer bald überwundenen Periode offen als solche bedauert, so wäre es entschieden seiner würdiger gewesen, als,in einem Nachwort in merkwürdiger Selbsttäuschung zu behaupten, er „schreite mit starker Entschlossenheit in der Richtung fort, die er mit den Jüdinnen begonnen hat". Das ist nicht eben viel, nur schade um die starke Entschlossenheit, wenn dabei nicht mehr wie „Arnold Beer'' herauskommt. ' Aber schon in den Gedichten „Das gelobte Land" gibt sich eine Wendung kund und in „Tycho Brahes Weg zu Gott" bringt er eine -Persönlichkeit, in der wirklich der Gegensatz zu den bis dahin gezeichneten Charakteren zu vollendetem Ausdruck kommt. Mit der Weisheit des Talmuds hat sich ihm der Blick geweitet für die Welt des Judentums, daß man merkt: Hier spricht er nicht zufällig oder weil er darin ein dankbares Objekt der Schriftstellerei sieht, über das Judentum, sondern weil er eine Entscheidung getroffen und sie zum Ausdruck bringen will. Welch weiter Weg ist vom jüdischen Clown im Schloß Nornepygge bis zum hohen Rabbi Löw, der von der Leidensgeschichtedes Judentums, von der girrenden Taube unter den Trümmern Jerusalems erzählt und ergriffen und ergreifend — Rabbi Jschmöel, den Gott um seinen Segen bittet, und Rabbi Tarphon Und Rabbi 'Josua aus dem Talmud zu uns reden läßt. ' Ob es freilich einen Sinn hat, ja nicht vielmehr gefährlich ist, solche Perlen, die der nichtjüdischen Welt gleichgültig sind, # der breiten Oeffentlichkeit vvrzulegen, die dafür gar kein Organ hat und im besten Fall das Ganze als Kuriosität ansieht, haben wir schon in unserem Eingangskapitel in Frage gestellt. Brod scheint es damals erst gemeint zu haben. Er ist in ein eigenartiges Fahrwasser geraten. Wie Zweig hat auch er durch die Berührung mit der Talmudjüdenheit erst das Judentum so recht verstehen gelernt'und merkt mit einer, gewissen Erbitterung, daß er sich auf Grund allgemein verbreiteter Ansichten ein ganz falsches Bild vom Judentum gemacht habe. So schreibt er sein „Heidentum, Christentum, Judentum", worin er -das talmudische Judentum mit seinem tiefgründigen, das ganze Leben und die ganze Lehre heiligenden Geiste auf der einen Seite, andererseits das moderne Palästina im Sinne Achad- Haams als Mittel- und Ausgangspunkt einer neuen. jüdischen Kultur verherrlicht. Die Apotheose dieses Judentums schien dem Verleger so gefährlich, daß er auf das Streifband, das dem Buch bei seinem ersten Erscheinen den Eingang in die Gesellschaft erleichtern sollte, so ziemlich das Gegenteil dessen schreiben ließ, was in Wirklichkeit seinen Inhalt bildete: Es sichere dem Heidentum den endlichen Sieg zu.- Wer das Werk, dessen Inhalt wir vor einigen Jahren in diesen Blättern wiedergegeben haben, kennt, weiß, daß das nicht stimmt. Um so höher war der Mut des Autors zu werten, wie man auch zu den Ergebnissen im einzelnen stehen mag. In derselben Linie bewegt sich "Brod in seinem „David Reubeni". Das Buch führt uns zunächst in das Prager Ghetto, wo David gehegt und gepflegt von seinen frommen Eltern, beschäftigt mit den Bildern, die der Talmud und Midrasch seiner leicht entzündbaren Phantasie vorgaukeln. Durch den kleinen Handel, den seine Eltern treiben, kommt er eines Tages in Vertretung seiner. Mutter in die Schmiede des Christen Pertschütz. Das ist sein Verhängnis. Da lauert die Sünde. Pertschütz hat eine Tochter, schön und klug und jung, aber ebenso bewandert in den Künsten der Verführung, denen der wilde, sich sträubende Knabe endlich erliegt. Dieses Verhältnis soll den Prager Juden, die von einem Pogrom und einer Ausweisung bedroht sind, zur Rettung gereichen. Denn Monica, so heißt das Mädchen, weiß den Stadthauptmann, den mächtigen Junker Rosmital, durch einen weitgehenden Beweis ihrer Gunst zur Zurücknahme des Ausweisungsbefehls zu bewegen. Dann flieht sie mit David in die Fremde. Er will in Erfurt bei den deutschen Humanisten studieren und seinen suchenden Geist zur Ruhe bringen. Die Wanderung dahin, die nie zum Ziele führen soll, ist ein Kabinettstück Brodscher Erzählungskunst und feiner ästhetischer und psychologischer Analyse. Wie David seine Sünde dadurch gut zu machen sucht, daß er Monica treu und ernst zu führen sich vornimmt, wie sich das Naturkind mit feinem unbekümmerten Verlangen nach Genuß auf diesem Wege ihm immer mehr entfremdet, um schließlich einem Landsknecht zu folgen, das alles ist mit wunderbarem Verständnis für den Unterschied zwischen jüdischem und nichtjüdischem Wesen gekennzeichnet. Es vergehen 10 Jahre, während welcher Neubeni allein in der Welt umherirrt, in Asien und Afrika seinen Schmerz zu betäuben, seinen von Jugend auf in ihm steckenden Drang nach Abenteuern zu ersticken sucht. Endlich findet er von der Sinnlosigkeit des Daseins Erlösung durch die Verwurzelung im jüdischen Volkstum. Das zweite Buch führt uns nach Venedig, wo wir ihn plötzlich auftauchen sehen, aber nicht als vom Ghetto gebeugten, ziellos wandernden Juden, sondern als Mann, der fein Lebensziel gefunden, hat. Es ist das Höchste, das der Jude kennt: die Zeit des Messias herbeizuführen. Freilich: Nicht mit den hergebrachten Mitteln