Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-09-13 · Heft 37 (13.9.1928) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 37 (13.9.1928)
Date
1928-09-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450531--75288-2532804
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

13. September 1928 Frankfurt a. Mden äsr^Erögs» jfDer Israeli [Ein Centralorgan fOr das orthodoxe Judentum (((ö| Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Ul I Abonnement ab Januar 1W4:.Deutschland 1 Toldmark monatlich; Ausland: Merteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Lsterreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 w.; ab 1. Juli Frankreich 28 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 8; Holland 2 fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Jugoslawien 88 Din.; Litauen 7.8V Lit.; Rumänien ab 1. 7. 27. 180 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr. Tschecho-Slowaket 28 Kronen; Ungarn Pengö 8 ab 1.Juli 1927; Dänemark 3.80 Krön.; Norwegen3.80 Krön.; Schweden 8.60 «ron. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. . Inserate 40 woldpf. für die stebengespaltene Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 80Pf. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei- „ Die 78 mm breite Reklamezeile: letzte Tertfeite 1.60 Mk., vorletzte Textseite 2.— Mi.; Thiffregebühr in Höhe eines dopv. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnserataufträge« taristn. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch de« . -- - - -x ^rabenstraße 7, Tel. Hansa 8842 gen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19802. — Warschau Nr. 190767. — Postscheckamt Zürich Nr. Vin 7254 — Inkasso-Bank Rotterdam Bntarekt — Filierte des Wiener Bankvereins i«,Agram. — Der Gerichtsstand für alle ...,JnnibttbaÄ^ Co. i« eVgebende« Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Der heutigen Rofch-haschono-Aummer liegt als Gabe für unsere Leser ein Luach für das Jahr 5689 bei.' v"ni2 wünscht Schriftleitung und Verlag des «Israelit". Das Gedenken der Tervah. Fällt, wie dieses Jahr, der erste Rosch Haschonoh-Tag mit dem Sabbat zusammen, dann löst den Ruf der Posaune das Gedenken an dieselbe ab. Ein Wort ersetzt die Tat und besagt doch ebensoviel oder noch mehr! Im Heiligtume des alten Gottesstaates wurde auch am Sabbat Schofar geblasen, was ja, wie Talmud feststellt, keine Arbeit im Sinne der 39 am Sabbat verbotenen Arbeiten ist. Man Hatte nach dem Zweiten Zusammenbruch eine Zeitlang dieses Privileg auch für Iabne, den Sitz des Sanhedrin unter Rabbi Jochanan ben Sakkai, vielleicht auch noch später für weitere kleinere Residenzen der geistigen Zentralmacht, in ' Anspruch genommen. Wo das hohe Gericht lehrt und Gottesrecht verkündet, so lautet die Begründung, ist eine Grenzverrückung zwischen Sabbat und Fest des Jahresbeginns nicht zu befürchten. In der Zerstreuung und in Ermangelung der zentralen Autorität darf aber .kein Stein in der weiten Mauer, die Gesetz und Tradition um das Heiligtum des'Sabbat gezogen haben, verrückt werden. Nicht einmal zugunsten eines so klaren Thoragebotes, wie es das Schofarblasen am ersten Jahrestage ist. Wie könnte nun inniger und eindringlicher uns die. Sinaiposaune das vierte der „zehn Worte" einhämmern, als mit dieser verstummten Posaune am Roschhaschonohsabbat?! In der Scheu, nur einen Ausläufer der Sabbatgebote, rnaw iiv8' zu übertreten, nehmen wir das Wort für die Tat, jnDT für rwnn. Ein Wort des Gedenkens, und der Schofarruf dringt doppelt in unsere Seele — für das Fest u n d für den Sabbat. \ Wem unter den Denkenden drängen sich nicht dabei gewisse Vergleiche mit Vorgängen, Strömungen und Bestrebungen, der letzten Jahre und Tage auf? Ernste Männer aus aller Herren Ländern saßen dieser Tage in Berlin zu Rate, besorgte Väter des mehr und mehr verbleichenden jüdischen Liberalismus. Er ist geistig unterernährt und droht, in seine Atome zu zerfallen, dieser Nachkomme eines unter Sturm und Drgng vor hundert Jahrender jüdischen Welt entstandenen Pseudoerlösers. Man will ihm aufdie Beine helfen — durch „Rückkehr zur lebendigen Tat", die bis dahin der Idee fehlte, so daß sie, eine arme Seele, blut- und fleischlos im Weltenraume herumschwebte. Dachten die Führer, denen nicht schlechthin sittlicher Ernst und einiges Wissen um die Dinge, auch aufrichtige Sorge für die Zukunft ihres Werkes und des Judentums abzusprechen sind, dachten sie einmal, mit Hinblick auf den bevorstehenden Neujahrssabbat, daran, daß alle geistige Not des Liberalismus davon ihren Ausgang nahm, daß man die Posaune über den Sabbat stellte, daß man mit Pfeifen und Trompeten Gott auch am Sabbat huldigen zu müssen glaubte, als wären die liberalen Rabbiner und ihre Kollegen Inhaber der von Jerusalem und Jabne herrührenden geistigen Zentralmacht im Judentum? Mit einem Orgelpräludium wurde die Aera des geistigen Niederganges eingeleitet. Es war Aufhebung des GälUt, Aufhebung des Sabbat, Aufhebung und Aufhebung bis zur Auflösung. Was nützt da eine Kleinarbeit an einzelnen Gliedern, wenn das Herz siech ist? Ein Vertreter Ungarns neidete auf besagter Versammlung den Orthodoxen ihren Sabbat und wünschte wehmutsvoll die Hrnüberrettung des orthodoxen Sabbat in den Liberal i s m u s. Der orthodoxe, d. h. der jüdische Sabbat beginnt aber schon damit, daß jeder Ton, der geeignet wäre, das wettgezogene Netz der Sabbatvorschriften zu durchbrechen, selbst da ausgeschaltet wird, wo die Thora diesen instrumentalen Ton als zum Wesen des Festes gehörig vorschreibt. Gerade zur rechten Zeit, oder vielleicht doch etwas zu spät für die Berliner Konferenz, ist ein Buch erschienen von Rudolf K a u l l a unter dem Titel „Der Liberalismus und die deutschen Juden" (Verlag von Duncker u. Humblot, Leipzig). Ein sehr beachtenswertes Buch, obwohl — oder vielleicht gerade deswegen — von einem Manne, der objektiv zu den Dingen steht und wie ein i»in 'sb rroa spricht, geschrieben. Aus diesem Buche, das nicht in unserem Sinne gehalten ist, hätten ganze Teile in Berlin zur Verlesung gelangen sollen. Vielleicht wirken sie als Epiludium noch ein wenig nach. Die Führer des Liberalismus wünschen einen religiösen Liberalismus und reden ihm in allen Tonarten das Wort. Was ist denn das religiöser Liberalismus? Rudolf Kaulla sieht schon in dem Manne, an dessen Namen der Liberalismus mit Recht oder Unrecht anknüpft, Moses Mendelssohn, den Schöpfer und Vertreter eines religiösen Liberalismus. Dieser besteht darin, daß der Glaube an den einig-einzigen Gott aufrechterhalten, aber die überlieferten Gebräuche und Vorschriften, die die äußere Form -der Religion ausmachen, als etwas Außerwesentliches angesehen werden, aus den Verhältnissen der Zeit hervorgegangen und je nach dem Geiste der neuen Zeit abänderlich. Was war der Erfolg eines so gearteten, religiösen Liberalismus? Die Gebräuche wurden über Bord geworfen und die Liberalen verloren ihre Fühlung mit der Religion, damit aber auch mit -ihren Brüdern, die noch treu zur Religion hielten. Dafür kam die persönliche Annäherung an die ähnlich gesinnten Kreise außerhalb des Judentums, und der Weg zur Taufe war gebahnt. Der abstrakte Gottesglaube genügte nicht, um das Interesse für die Tradition warm zu erhalten. Mit der sabbatlichen Heiligung des siebenten Tages zog die Seele der jüdischen Religion aus dem jüdischen Hause aus. Dafür konnte der Reformtempel keinen Ersatz bieten. Jugend aber, die Gefühlsbindungen an selbsterlebte Religion nicht mehr hatte, fragte sich: Wenn es mit der Lessingschen Ringdreieinigkeit sein richtiges hat und alle Bekenntnisse gleichwertig sind, warum gerade das beibehalten, das der Zufall der Geburt einem aufoktroyiert hat? — Das ist alles gewiß nicht neu, zeigt aber die letzte Etappe auf dem Wege der „religiösen Autonomie der Persönlichkeit", an der man heute noch im Liberalismus bei allen Wandlungen, bei allem Aufdämmern besserer Erkenntnisse, bei allem Grauen vox dem gähnenden Abgrund, festhält. Wie, fragt Rudolf Kaulla, steht es mit dex Fähigkeit solcher „Liberalen des reinen Geistes", den Nachwuchs im Geiste der Frömmigkeit zu erziehen und ihm den jüdischen Glauben zu vererben? Das konnte schon Moses Mendelssohn, der erste Künder der großen jüdischen Idee (bei aller praktischen Treue zur Religion der Tat, fügen wir hinzu) nicht. Aus der Philosophie des Vaters fanden sie eine Gaste zum Taufbecken. Werden die .starken Worte der neuzeitlichen Liberalen mehr die Kraft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.