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Der Israelit · 1928-09-06 · Heft 36 (6.9.1928) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 36 (6.9.1928)
Date
1928-09-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Sette 14 Nr. 38 farbiger und anschaulicher gestalten können, wenn ich manche Szenen, Bilder und Geschehnisse von diesem Rückmarsch Verwendung finden lasse. Alle Dörfer auf badischem Boden hatten den heimkehrenden Truppen aus Tannengrün gefertigte Triumphbögen errichtet. Und deren Bewohner waren den müden Soldaten die aufmerksamsten Wirte und Pfleger. Aber auf der heimatlichen Erde waren unsere Leute, die bis dahin in schönster Ordnung . zusammengehalten hatten, nicht mehr zu bändigen. Sie wurden unruhig und verlangten ohne weiteren Aufenthalt ihre Entlassung. Als ich die vielen Arbeiten hierzu erledigt hatte und unsere Batterie den Marsch ins Fränkische antrat, wo auch der Rest nun heimgeschickt werden sollte, bat ich um meinen Abschied. Wie sich nun die alten Kameraden herandrängten, mit denen ich über zwei Jahre lang in steter Gefahr und unsäglicher Mühe zusammengelebt, wie sie nun zum letzten Male mir die Hand reichten, da wurde mir das Weggehen doch recht schwer. Mancher von ihnen hatte sich in den größten Schrecknissen als hilfsbereiter Freund bewährt. Und die guten Wünsche, die zuletzt noch von Mund zu Mund getauscht wurden, kamen aus vollem Herzen. Dem Bahnhof von W o l f a ch zugehend, machte ich noch einen Umweg über den Marktplatz. Hier waren unsere Haubitzen ausgestellt. Aus ihren schwarzen Mäulern, die vor kurzem noch von dem Feuer und dem Pulver wie der Höllenofen geglüht hatten, hingen jetzt des Herbstes letzte Blumen. Weiße und gelbe Astern. Und um die dicken und kurzen- Rohre wanden sich Kränze aus Moos mit Papierröslein dazwischen. Ich blieb einen Augenblick stehen. Würde die so als Symbol aufgezeigte Verfemung des Krieges von Dauer sein? War das Völkermorden überwunden? Sproßte schon aus dem noch vom Blute dampfenden Erdboden das jüdische Ideal, das der fprachgewaltige Prophet in die Worte gekleidet hat: Und sie werden umfchmieden die Schwerter zu Rebmessern Und die Lanzen zu Sicheln! Durch den sonnenhellen Novembertag fuhr ich dann bis an die heimatliche Tauber. ' Aus der Leidensgeschichte des Lubawikscher Rebbe. Cs ist gerade ein Jahr her, daß der Lubarvitscher Rebbe, Rabbi Josef Jizchok Schnei ersohn, aus dem russischen Gefängnis befreit worden ist, und die Ehassidim der Y'an begingen den Tag in ganz Rußland und Polen als einen Festtag. Rabbi Schneierfohn ist bekanntlich ein direkter Nachkomme des Rabbi Senior Salman, des ^2. Als der Krieg auch in das stille Städtchen Lubawitsch hereinbrach, mußte der Vater des, jetzigen Rabbi, Rabbi Jsachar Dow, wie alle anderen aus Haus und Hof flüchten. Er ließ sich in Rostow nieder, wo sich bald «in großer Kreis um ihn gruppierte. Dort ist Rabbi Jfachar Dow am Purim 1921 gestorben. Der Sohn, Rabbi Jossef Jizchok, wurde zum Nachfolger ausgerufen. Er war kein Fremder in der jüdischen Welt, denn er hatte schon in jungen Jahren dem Vater zur Seite gestanden und sich insbesondere die Jeschiwaus, Gründungen feines Vaters in weitester Umgebung, angenommen. Der junge Rabbi siedelte von Rostow nach Leningrad (Petersburg) über. Die Bolschewisten, d. h. die jüdischen Kommunisten, sahen in ihm schon bevor sie zur Herrschaft kamen, ihren grimmigen Feind. Schon im Jahre 1905 wurde von kommunistischer Seite ein Attentat, zum Glück ohne Erfolg, gegen ihn ausgeübt. Das hinderte ihn nicht, sich jetzt von Petersburg aus mit aller Kraft der roten Flut, die den letzten jüdischen Funken in Sowjetrußland zu verlöschen suchte, entgegenzusetzen. Er gründete und unterhielt Chedarim, Talmud Thora-Schulen; ein Heer von Melamdim, die im Geheimen ihr heiliges Werk verrichteten, wurde von ihm erhalten. Cr schickte Lehrer in Städte und Städtchen und verpflichtete sie, dort von Haus zu Haus zu gehen, mit den Kindern zu beten und zu lernen. In Kiew allein waren und sind es 25 Wletambim, die von Haus zu Haus auf Kinder und Väter einwirken. Die nötigen Gelder brachten die Chasfidim überall auf, aber auch in den Städten selbst wurden Hilfskomitees gegründet, die natürlich im Geheimen mit größter Vorsicht, arbeiten mußten. Die Jü- Der Israel i t y. September 1928 difche Sektion ruhte aber inzwischen auch nicht. Sie hatte ihre Spione und Angeber und war über jeden Schritt des Rabbi bestens informiert. Als gar eine Nabbinerkonferenz in einem entlegenen Dorfe der Ukraine zustande gekommen war, riß der rote Geduldfaden der Jüdischen Abteilung tm Kreml vollends. Der Rabbi selbst war bei der Versammlung, nicht zugegen, um. nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken/ Aber es konnte keinem entgehen, daß sein Geist das Ganze beherrschte unalle Direktiven für die Entscheidungen und Beschlüsse von ihm ausgingen. Die Jüdische Sektion leitete die Sache weiter an die Tscheka, (die zentrale kommunistische Macht), und so kam es eines Tages, daß ein« große Polizeiabteilung in das Haus des Rabbi drang, alles bis auf den Grund unter dem Fußboden durchsuchte und den Rabbi selbst ins Gefängnis abführte. Der Rabbi flehte sie an, ihm wenigstens zu erlauben, Gebetmantel und Tefillin mitzunehmen. Gerade das wurde verboten. Aber die Chassidim ruhten nicht. Ein Kampf tobte wochenlang weniger um den Rabbi, als um T a l l i s und T e f 111 i n. Und Moskau mußte nachgeben. Die Gebetutensilien wunderten zum Rabbi ins Gefängnis, zum großen Aerger der Jüdischen Sektion, die daraus gerade ein Symbol ihrer Macht gemacht hatte! Drei Wochen schmachtete der Rabbi im Gefängnis. Er kam dann wieder in Freiheit. Es war a m 10. Elul 5687. Obwohl auf Schritt und Tritt bewacht, und seines Lebens nicht sicher, beharrte er darauf, in Rußland bei seinen Brüdern und bei der Arbeit für das bedrohte heilige Gut zu bleiben. Aber feine Freunde und die Aerzte ließen nicht locker. Der Rabbi,' der erst 43 Jahre alt ist, hat so große Opfer an Kraft und Gesundheit gebracht, daß er nun, krank und schwach, der Ruhe bedarf. So begab er sich, fast gezwungen, nach Riga. Das ging nicht so glatt vonstatten, denn zuerst wollte ihn die Sowjetregierung nicht über die Grenze lassen, dann gab sie, wie der Rabbi selbst seinen Paß hatte, keine Ausreiseerlaubnis für feine Familie. Er ist nun glücklich mit Familie in Riga und dient nach wie vor als treuer Wächter von hier aus feinen Brüdern und der Thora im nahen Rußland. Ainderecke. Letzter Besuch. Dem Talmud nacherzählt von Slse Schnöerl.Hhristairer. Rabban Gamaliel, der Patriarch, der auch „Vater der Waisen" genannt wurde um seiner Güte und Milde willen, war doch in Ausübung seines Amtes streng und schroff. Er hatte seinen ganzen Eifer und Willen darauf gesetzt, der Zersplitterung zu wehren und eine Einheit der Lehrmeinung herzustellen, und wo ein Lehrer seine besondere Meinung dem Ganzen nicht opfern wollte und durch ändere Lehre die Einheit sprengte, fiel er nach dem strengen Mund des Patriarchen in den Bann, und keiner seiner Genossen und Schüler durfte mehr mit ihm verkehren . Und so geschah es, daß Rabbi Eliefer den Hyrkanos, der in starker Ueberzeugung mit seiner Meinung nicht weichen wollte, in den Bann getan wurde. Von nun an sahen seine Freunde und Schüler ihn nur noch manchmal im schwarzen Trauerkleid von fern auf der Straße, und sie wichen beiseit vor seinem Angesicht, um ihm die Scham zu ersparen-, daß sie ohne Gruß an ihm vorbei gingen. Und nach einiger Zeit sahen sie ihn auch nicht mehr auf der Straße, aber über dem drängenden Leben der Gegenwart, über dem neuen Wachsen und Blühen, das Rabbi Akiba dem Lehrhaus gebracht hatte, vergaßen sie ihn. Bis eines Abends, als sie aus dem Lehrhaus kamen, fein Knecht auf der Schwelle stand und ihnen verkündete: „Rabbi Eliefer liegt im Sterben." Da machten sie sich auf und gingen-, ihn zu besuchen; sie traten in das Haus, das sie so lang nicht mehr betreten hatten, und kamen in das dumpf dämmernde Zimmer. Da lag auf den weißen Kiffen feines Lagers Rabbi Eliefer hingestreckt, ex forschte mit mattem Blick seiner gesunkenen Augen, nach den langentbehrten Zügen seiner Schüler und fand sie verändert von dem Reichtum der neuen Zeit, die ihn so arm Leiseite gelassen hatte. Und noch schwieg er, seine Augen suchten die verlegen Zögernden zu unterscheiden. daß er den Einen oder Anderen bei Namen näher an sein Bett heranrufe. Wie er sie nun so da stehen sah, in ungewisser Anzahl das dämmernde Zimmer füllend zwischen den Wänden, die sonst nur auf Leere und Einsamkeit herabsahen, da war es ihm, als sehe er an seinem jetzt verlassenen Fensterplatz die kleine Leselampe stehen, deren Licht sich so oft gebrochen hatte in seinen hilflosen ynd einsamen Tränen,, wie jetzt das Licht der matten Lampe an seinem Bett sich brach in den Tränen der Andern. Und er dachte: sie haben nicht gütig an mir gehandelt, aber sie haben so gehandelt aus Furcht, und Furcht ist ein Erbteil aller Menschenkinder. Darum kann ich mit ihnen nicht rechten. Wie er aber nun den Kopf zu heben suchte, um sie freundlich zu begrüßen, da sah er unter ihnen einen, an hoher Gestalt und mächtigem Angesicht hervorragend über die Andern, und er erkannte Rabbi Akiba, seinen Schüler, den stets geliebten, geistesstarken und kühnen. Ex winkte ihn zu sich heran und sprach zu ihm: „Akiba den Joseph! .Warum in der gär so langen, herben und einsamen Zeit bist du kein einziges Mal gekommen, mich zu besuchen? Furcht ist wohl das Erbteil der Menschenkinder, aber deiner Stärke ziemt nicht Furcht, sondern Güte. Ich weiß, daß mein Geist immer geringer war als der deine, der kühn uns alle überfliegt. Aber war ich nicht kühn, so war ich doch treu, und ihr hattet keinen Anlaß, mich zu verachten. Wahrlich, ich fürchte, dies Zeitalter wird mit Blut zu Ende gehen, und dein Tod wird schwerer sein als der aller andern." Akiba blickte in das verfallene Gesicht seines Lehrers und sah darin, die Linien langen Grams, und sein Herz erzitterte und klagte ihn an. Und er setzte sich nieder aus den Rand des Lagers und bat mit sanfter Stimme, daß er zum Abschied noch einmal aus seiner Weisheit spende. Rabbi Eliefer zögerte nicht, den treu verwalteten Schatz zu öffnen, und er sprach, und treulich trug ihm sein Gedächtnis die Worte der Lehre zu. Aber Akiba senkte das Gesicht in Scham, daß er diesen Mann um seines geringeren Verstandes willen oft im Stillen mißachtet hatte, er hielt seine erkaltenden Hände mit den seinen umschlossen und suchte mit einem letzten Wort der Liebe das Ohr fernes Lehrers. Doch der Scheidende wax dem zu späten Wort Akibas schon entrückt. Wie seine Seele vom Körper sich losrcmg und innig, der Vollkommenheit ihres Wesens entgegendrängte, so irrte sein Mund abseits und suchte in Bangigkeit das Wort als Bild. Vis nach einem kurzen unruhigen Schweigen er auf Fragen seiner Schüler antwortete mit leisem befreitem Klang: „Rein", und sanft schloß sich sein Mund hinter dem letzten Wort, das seine Seele in Reinheit hinwegführte. Als Akiba sah, daß er geschieden war, und nur seinen müden Körper als schweigsamen und zerfallenden Rest zurückgelassen hatte, da stand er auf, zerriß seine Kleider und klagte und schrie: „O mein Vater, mein Vater! Wehe uns verwaistem Geschlecht und wehe unserm Hochmut! Mit dir ist das reine Buch der Lehre vor unfern Augen verborgen worden." ' Und er ging hinaus in die Nacht, und auf seiner Seele lasteten die Schauer seines künftigen schweren Todes.; Die feit Jahrzehnten am hiesigen Platz bestehende feine Maßschneiderei A Trepp, Steinweg 10, zeigt km Annoncenteil den Eingang ihrer neuesten Herrenstoffe für die Herbst- und Wintersaison an und bittet höfl. um unverbindlichen Besuch an ihrem Lager. Die Firma liefert nur Qualitätsware zu äußerst berechneten Preisen und bürgt das am Samstag streng geschlossene Geschäft für einwandfreie -nrn-Maßarbeit, beste Ausführung und eleganten Sitz. 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