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Der Israelit · 1928-09-06 · Heft 36 (6.9.1928) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 36 (6.9.1928)
Date
1928-09-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Ituilleton- Vellage Der Jsraetit llr. 36 192$ Kanonen und Tefilloh. Kriegserlebnisse von S. Br. (Fortsetzung.) Gefüllter Alagen. Bei dem nochmaligen Vorstoß gegen Reims, der am 18. Juli einsetzte, war unsere Formation wieder dabei. Aber unsere Haubitzen schossen in die geräumten französischen Gräben. Wie dieser . Vorstoß der Anfang unserer Niederlage wurde, ist aus der Geschichte des Krieges bekannt. Ein gütiges Geschick bewahrte uns davor, in das nun beginnende Tohu-Wabohu hineingemengt zu werden. Da wir, nur mit kurzen Unterbrechungen, seit der Eroberung des Kam-, melberges im Kampfe gestanden und zuletzt noch durch die feindliche Artillerie starke Verlöte erlitten hatten, wurden wir ausdiesem Frontbogen herausgenommen und bezogen zunächst Ruhequartiere in der Gegend von Mühlhausen. In dem kleinen Vogesendorfe erfuhr ich, daß das Städtchen Weiler eine jüdische Gemeinde habe und nur wenige Kilometer entfernt liege. Und so machte ich recht oft von der Segnung und geistigen Wohltat eines gemeindlichem Gottesdienstes Gebrauch. In der hübschen Synagoge mit den der Heimat fast gleichen Gebräuchen vergaß ich ganz, daß ich Kriegsmann war. Und der Freitag Abend, an dem ich den erkrankten, ehrenamtlich tätigen Vorbeter vertreten durfte, war voll friedlichen Glücks. Und als sollte der Sechar-halichoh (dex Lohn für dem Gang) gleich sichtbar werden, fand ich bei den Glaubensgenossen gastlichste Aufnahme. Das jüdische Herz, das überall die Blüten der Barmherzigkeit, der tätigen Liebe und des warmen Mitgefühls sprießen läßt, bereitete mir in dem stillen Vogesenstädtchen, wo der Donner der Geschütze nur noch wie ein leises Brummen hörbar war, einen Schabbos mit allen seinen Ingredienzien. Die Mahlzeit am Schabbos Mittag aber hatte eine eigne Note. Sie erregte durch ihre Zusammenstellung Gefühle der Heimat. Die „gesetzte" Bohnensuppe schmeckte genau so, als sei sie aus dein Backofen des Bäckers in meinem so fernen Odenwalddörfchen gekommen. Aber erst der „gefüllte Magen". Er vervollständigte -die Illusionvon der- Heimat. "Wie wohl gerundet >!lag er auf der großen Plätte. Knusprig-hraun oben, an seiner'! Unterseite ms Gelbliche hinüberspielend. Die Warme in ihm bewegte ihn leise hin und her. Mit einem Wollfaden war er so kunstgerecht zugenäht wie die Wunde an einer Hand durch einen Chirurgen. Als er aufgeschnitten wurde, entquoll dem weichen Gefüllsel ein Duft, den nur Heinesche Wortbildung in - sprachliche Form hätte gießen können. Sicher, wäre die Hymne mit einem „Oh" eröffnet worden. Ich aber besann Mich schnell auch einmal auf meine soldatischen Eigenschaften, griff an und schlug eine „gute Klinge". — Ueber mix lag eine weiche Müdigkeit, als ich .durch die fummerwarmen Straßen des Städtchens meinem Unterkunftsorte zuging. Und ich meinte, daß ich jetzt noch ein! Schläfchen' 'machen sollte, um einen Schabbos wieder einmal! bis zur Neige ) ausgekvstet zu haben. Deshalb suchte ich mir? ein paar schattige Büsche auf einer vom. Wtzge ab- UiMchen Miese,^jah yoch ein werW-ins Blaue, hörte 'nah das Summen einer dicken Hummel . Wd.Mcht§^stmust als.die- Schatten de- Bäume ' •- . Hewonohmekadefch. Bald standen wir wieder den französischen Schützengräben gegenüber,. Aber es? ging -recht friedlich zu.? Die paar Granaten, die da ausgetauscht wurden, richteten keinen Schaden an. Durch das Fernrohr sah ich einen französischen Bauer, der zwischen den beiden Stellungen noch sein Haus bewohnte und sein Feld bestellte. Mein Telephon war in Lubine, das von der Bevölkerung noch besetzt war. Auf beiden Seiten dieses französischen Dorfes, das in einer Senkung lag, erhoben sich zwei Höhen, die mit den für die Vogesen so charakteristischen grünschwarzen Nadelbäumen bestanden waren. Da der Wald bis in die Nähe des Ortes auslief, suchte ich mir bei einem mittäglichen Dienstgang einen sehr kräftigen Baum heraus, hinter welchem ich am Abend den zunehmenden Mond heiligen wollte. Der breite Baum sollte mich gegen jede Störung decken und das Licht meiner Taschenlampe in: der Ferne unsichtbar ' machen. Denn , eine streng kontrollierte Anordnung besagte, daß jeder Lichtschein in der Nacht abzublenden sei. Darum, wurden mit Einbruch derselbensämtliche Läden vor den Fenstern geschlossen oder diese mit schwarzen Rouleaux verhängt. An einem von Wolken ganz freien Himmel stieg das Mondviertel langsam in die Höhe. Als .es sich in-die Mulde legte, die vonzweiBaum- Mtzen. gebildet wurde, zog ich meine Täschentefilloh heraus und begann zu beten. Plötzlich hörte ich zwischen hinein ein scharfes „Wer, da?" - Es war die schrille Befehlsstimme eines Offiziers. . Und noch einmal „Wer da?" Während des Betens. hatte ich sicherlich meine Stellung um ein' Weniges verändert und der Strahl meiner elektrischen Lampe war bemerkt worden. Was sollte ich nun tun? Eine Strafe hatte ich kaum zu erwarten, wenn ich vortrat. Aber einen Rüffel mußte ich mir gefallen lassen. Das paßte meinem Stolze nicht. Deshalb ließ ich über das Lichtauge meines Lämpchens die Blechkappe fallen und sprang mit einem Satze rückwärts, hinter einem andern Baum Deckung suchend. ~ Diese hörbare Flucht schien aber den Verdacht des! Offiziers dHvor mir nur zu bestätigen!.; Er wenhete sich um und rief ins Dorf hinein:, „Wwd'licher Fliegers!: -'Es »war nämlich beobachtet - wordene öWstch gegnerische Flieger H^nstr unserer Front niedergelassen Hattep-,, Erkundungen durchführten und dann mit ihrem' Flugzeug wieder aüfstiegen. Einen solchen glaubte der Offizier wohl entdeckt zu haben. Darum rief er immer und immer wieder: „Feindlicher Flieger!" Da hörte ich von den Häusern her schnelle Schritte. Ich mußte nun meine Beine auf! den Rücken nehmen, wenn ich zuletzt nicht doch noch erwischt werden wollte. Ein . paar mächtige Sprünge brachten , mich; ein gutes Stück weiter rückwärts. Dann änderte ich die Richtung und tagte den hier ansteigenden Hügel hinauf durch eine Zeile der in schönster Ordnung eingepflanzten Bäume. Drunten hörte' ich! ein Laufen und ein Brechen von niederge-. tretenen Aesten. Ich lauschte und verschnäüfte' eine kurze Zeit. Das kleine Abenteuer Mychte mir jetzt Spaß. Und um ihn zu erhöhen, nahm' ich einen dicken verdorrten Zweig vom Boden auf und schlug damit gegen die Stämme, daß es durch den ganzen Wald rauschte. Dann eilte ich den Hügel auf der anderen Sette-,hinab, überquerte ein schmales Tälchen, hüpfte über einen Bach und erreichte eine Straße, die aus, meinem ersten Standpunkt entgegengesetzter Richtung zum Dorfe führte. Nun vollendete ich zuerst hinter, einer besser schützenden Feldscheune mein ängefangenes Gebet. Den Mond sah ich nicht mehr. Durch meine Flucht hatte ich ihn in den Rücken bekommen. Darauf ging ich so seelenruhig in den Ort hinein, als ob ich von einem Gang nach dem Munitionsdepot zurückkäme. In der Kantine wurde getrunken und gelärmt. Durch die Gaffen huschten nur wenige Schatten. Ohne mit jemand zusammenzustoßen, erreichte ich mein Quartier. Aber schon nach einer Viertelstunde fragte die Feldgendarmeriestation an: „War es wirklich ein feindlicher Flieger? Hat man sein Flugzeug gefunden?" Ich telephonierte zurück, daß mir bisher keine Mitteilung zugekommen sei, und daß ich bekannt werdende Tatsachen sofort berichten würde. Ich ging vor die Türe' Und schaute hinauf zürn Monde/-'der in seinem blauschwarzen Meere ganz unmerklich weiter schwamm. Und als er mich so stehen sah, machte er ein breites Gesicht, als ob er lautlos lachte. Heimkehr. j Ein paar Wochen später, am 11. November, nahm ich den Befehl ab und gab ihn an die Geschützstellung weiter, daß das Feuern um,11 Uhr einzustellen sei. Für den Frontsoldaten war der Kriegsschluß nicht überraschend gekommen. Man sah früher schon, daß das Ende eintreten mußte wie bei einem Menschen, der an allgemeiner Körperschwäche hinsiecht. Wo waren nur über Nacht all die roten Fähnchen und Fahnen heWekommen? Sie flatterten aus den Regimentsquartieren, sie hingen an den- Kummeten der Gäule, sie staken auf den Protzen der Geschütze. Unsere Offiziere zogen sich ein rotes Band um die Achselstücke wie es die gemeinen Soldaten taten; und da es mir damit nicht so eilte, besorgte es bei mir einer unserer Leutnants eigenhändig. Wie schnell auf einmal das Gefühl der Gleichheit zutage trat! * Aber der gewöhnliche Mann, der oft unter Ungerechtigkeit und Härte zu leiden gehabt hatte, traute nicht überall der Echtheit dieses Gefühls. Nach seiner gesunden Meinung konnte aus einem Saulus über Nacht kein Paulus werden. Daher .kam es vor, daß manchem Oberst die Epauletten »abgerissen wurden und mancher Offizier seines Kommandos enthoben und verpflichtet würde, sthne seinen Truppenteil / schnellstens nach her 'Heimat 'zu verschwinden. . m -"""-EM- Abordnung unserer Batterie verständigte mich, daß man den Wachtmeister und den nur wegen seiner Milde jenem gegenüber schuldbaren Oberleutnant absetzen und mich zum stellvertretenden Wachtmeister bestimmen werde. Dys war nach meinem Ermessen eine ungerechte' Bestrafung des gegen seine ganze Mannschaft gütigen.Offiziers. Und so erklärte ich, daß ich den 'verantwortungsreichen Posten nur annehmen werde,' wenn der bisherige Chef die Pätterie auch über den Rhein Dhre. Meine Bedingung? wurde angenommen. Unser Rückzug glich manchmal eines Hetzjagd, wobei wir das Wild waren. : Denn' die französischen.^ Truppen drängten mit einer solchen Heftigkeit und Eile nach, daß ich einmal die ganze Batterie nachts um 3 Uhr aus den Quartieren' klopfenstassen müßte, um nicht zuletzt noch gestmgen!zu .werdem - Als wir dann gegen 5 Uhr Morgens auf einer Pontonbrücke -über;dem Rhein setzten ..und . nur einige Leuchträkxtest den' schmalen Bretterweg auf dem rauschenden Wasser beleuchteten, mußte ich an den Auszug der Kindes - JsrüH aus Aegypten denkend „UndMn'GMr"! so lam es mir dabei in den Sinn, werde ich von nun ab h 3;

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