Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1928)
- Date
- 1928-08-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 38 Der, Israelit 30. August 1928 Auf seinem frischen Gesicht bemerkte ich keine Spur von Angst, obwohl dieser Gang und die Aufgabe recht gefährlich waren. Ich blickte den Beiden nach wie sie den Waldpfad hinabgingon. Als die Büsche dichter wurden, sah ich immer noch seinen Kopf, während der kleinere Leutnant Schmitt ganz verdeckt blieb. Da kam mir plötzlich eine alte Frau aus meiner Heimat ins Gedächtnis, die sich jeden Morgen ans Fenster stellte und allen den Baale- Battim, die auf dem Wagen oder zu Fuß mit dem Bündel über dem Rücken auf die Bauerndörfer — Verdienste suchend — hinauszogen, das „Birches Konern", den Priestersegen, nachbetete Noch sah ich seinen Kopf, aber schon ferner, ungenauer. Schnell sprach ich das „Virchas Kohanim", mit einer Innerlichkeit, die aus dem jüdischen Ge meinschaftsgefühl herauswuchs, und noch einmal und wieder, bis mir ein Baumbestand die Aussicht entzog. Dann betrachtete ich mir wieder eine Weile die tote Stadt. Gegen Mittag kamen einzelne Granaten. Und je nach ihrem Einschlagsort rannten wir den Hügel hinab oder keuchten ihn wieder hinauf. Bald konnte ich nicht mehr und warf mich neben dem Fernsprecher ins Gras. Ich war so müde, daß ich gegen die pfeifenden Geschosse gleichgültig wurde. Um meine Gedanken abzuleiten, sah ich den Ameisen zu, die zwischen Gräsern und alten welken Blättern kleine Holzstückchen hinschleppten. Die Beschießung hörte später auf. Der Wachtmeister der neunten Batterie hinkte vorbei. Ein Splitter war ihm in den Knöchel gefahren. Da summte das Telephon: „Leutnant Schmitt der achten Batterie gefallen. Leutnant Spr., neben ihm stehend, unverletzt." — Ich saß im Gras und zitterte. (Fortsetzung folgt.) Leo Tolstoi und das Judentum. Zum hundertjährigen Geburtstag des Dichters. Von A. Kaplan in Hamburg. Es kann in diesen Tagen der Tolstoifeiern dem jüdischen Leser nicht gleickMltig sein, wie der große russische Epiker und Weise über die jüdischen Traditionswerte gedacht hat. Sein Einfluß auf die deutsche Kultur und Dichtung ist heute noch wirksam. Als Tolstoi vor 15 Jahren aus seiner tragischen Flucht aus Jasnaja Poljana die Augen für immer schloß, war für die erwachsene europäische und russische Vorkriegsgeneration eine Künstler und Weiser dah-ingegangen, von dessen lebendiger machtvoller Wirkung wir uns heute kaum ein Bild zu machen vermögen. Wir lesen aus Thomas Manns Feder ein Bekenntnis zu dem verehrten Meister seiner Jugend, wir lesen, daß ein Dichter vom Range Rollands aus den Stürmen seiner Jugend keinen anderen Ausweg wußte, als sich in seinen Nöten an Tolstoi zu wenden. Aber wie der Weise von Jasnaja Poljana dem seelischen Leben Tausender und Abertausender im Zeitalter des Materialismus eine neue Richtung gegeben, wie oft feine Schriften in Menschenschicksal eingeg-riffen haben, das entzieht sich heute bereits unserem Bewußtsein. Wir dürfen natürlich von Tolstoi bei seiner Stellungnahme zum Judentum keine Antworten auf die brennenden aktuellen Fragen unseres heutigen jüdischen Lebens verlangen. Wir müssen uns vergegenwärtig,endaß hier der alte Tolstoi spricht, der nicht über zeitliche Erscheinungen philosophiert, sondern der in dem rationalen Trieb seiner Natur den. ewigen überzeitlichen Gehalt des Judentums erfassen will. Wir hören hier die Worte des alten Tolstoi, der nach einer stürmischen Jugend nach, äußeren glanzvollen Erfolgen als Dichter von einem religiösen Erlebnis erfaßt wird, dessen ungeheure Stärke und Wirkung auf die Gesamtpersönlichkeit eine Ausnahme in der Geschichte der modernen Religiosität bildet. Es war ein durchaus prophetisches Erlebnis im strengen Sinne des Wortes. Tolstoi fühlte in sich ein göttliches Gebot, eine religiöse Ausgabe zu erfüllen: Seinen Leib und seine Seele zu Werkzeugen des göttlichen Willens zu machen und die göttliche Forderung der brüderlichen Nächstenliebe in die Realität des Lebens umzusetzen. Tolstoi war auf dem Gebiet der jüdischen Tradition kein Unberufener. Er hat seiner rationalen Natur gemäß versucht, sich mit allen Religionen kritisch auseinanderzusetzen, bevor er seinen eigenen Weg beschritt. Zu diesem Zwecke hat er als reifer Mann sich bei einem Rabbiner Sprachkenntnisse angeeignet, die ihm ein Quellenstudium des alten Testaments und des Talmuds gestatteten. Neben diesem Motiv trieb ihn das soziale Ethos, das Mitgefühl mit den verfolgten russischen Juden zu einer Auseinandersetzung mit dem Geist des Juden tums. Zunächst suchte er die Wesenheit des Judentums in seiner geschichtlichen Erscheinung zu erfassen. Er wirft zu diesem Zwecke die naiv klingende Frage auf: Was ist denn das, ein Jude? und beantwortet sie in folgenden Ausführungen: ' „Euch kommt diese Frage naiv und wunderlich vor. wie es scheint. Wir wollen einmal sehen, was für eine Art von besonderem Geschöpf der Jude ist, den. all« Herrscher und alle Nationen geschmäht und bedrückt, getreten und hingeschlachtet haben — und trotzdem ist er noch immer lebendig, der es niemals fertig brachte, sich verführen zu lasten durch aste möglichen irdischen Güter, die seine Unterdrücker und Verfolger ihm ständig anboten, damit er seinen Glauben wechsele und feine eigene jüdische Religion aufgebe? Der Jude ist das ge^iligtie Wesen, welches vom Himmel herab das ewige Feuer brachte und damit die ganze Welt erleuchtete. Cr ist die religiöse Quelle und der Born, aus welchem die übrigen Völker ihren Glauben und ihre Religion ge schöpft haben." Und alsdann weist Tolstoi nach, daß die jüdische religiöse Gemeinschaft zum Hüter des Prophetismus auserfehen ist und schließt seine Ausführungen mit den schlichten Worten: „Der Jude ist ewig dauernd wie die Ewigkeit selber". Tolstoi faßt die Judenheit als religiöse Gemeinschaft auf, der innerhalb der europäischen Kultur die Verwirklichung bestimmter ethisch-religiöser Ziele zugewiesen ist. Aus diesem Grunde lehnt er den Zionismus mit seinem Ideal eines jüdifch-nationalen Staates als eine Verirrung, als eine Umbiegung des religiösen Weges ins Politrsch-Natiynale ab. Allerdings haben chei seiner chroffen Ablehnung der zionistischen Gedanken sein Anarchismus und seine Antipathie gegen jedes moderne Staatswesen eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt. Das zweite Problem, mit dem sich Tolstoi innerhalb der jüdischen. Tradition auseinandersetzt, ist die Frage der Bedeutung des Judentums für den Fortschritt der Menschheit. Hier ist es wichtig zu betonen, daß dex alte Tolstoi im Gegensatz zu Rüsseau stets eine, große Ehrürcht vor dem rationalen Wissen des Menschen gehabt hat. Nur dort, wo er glaubte, daß di« Beschäftigung dieser Wissenschaft das religiöse und ethische Gewissen einzuschläfern droht, nur dort, wo -er befürchtete, daß das Wissen lediglich zur Macht über den Mitmenschen mißbraucht wird, hat er -— oft in all zu schroffer Form — dagegen Stellung genommen. Dort aber, wo die rationale Kultur religiösen und ethischen Zielen -dient, wie im alten Israel, erfährt sie die restlose Bewunderung Tolstois. „Der Jude ist der Pionier der Kultur. Die Unwissenheit war im damaligen Palästina mehr verpönt, als sie heutzutage selbst im zivilisierten Europa ist, mehr noch, m jenen Zetten, in welchen Tod und Leben eines Menschen für nichts galten, sprach sich Rabbi Akiba offen gegen die Todesstrafe aus, die noch heute als eine mit der höchsten Kultur vereinbare Art der Bestrafung gilt. Der Jude ist auch der Pionier -der Freiheit^ urteilt Toltoi weiter über den sozialethischen Geist des Judentums. Selbst in jenen alten Tagen, da das Volk noch in zwei yerschiedene Klassen, in Sklaven und Herren, geteilt war, elbst vor so langer Zeit hatte Moses Gesetz verboten, eine Person länger als sechs Jahre in der Sklaverei zu halten." Die letzte und persönlichste Frage, die Tolstoi an das Judentum richtet, ist die Frage nach seinem Gehalt an Menschenliebe und Toleranz. Für Tolstoi war die soziale Liebe das letzte Kriterium, der höchste Wert, durch den sich der Mensch dem Göttlichen näherte und der die höchste Bestimmung des Menschen auf Erden bedeutete. Alle Träger religiöser Ideen und alle Verfechter nationaler Ideale konnten vor seinem prüfenden- Auge nicht bestehen, wenn sie in ihrem Eifer das menschliche Echos der Brüderlichkeit vergaßen. Und daß Tolstoi das Judentum nicht nur mittelbar, sondern aus dem lebendigen Quelle kannte, beweist seine Antwort auf diese Frage." „Der Jude ist das Symbol -bürgerlicher und religiöser Toleranz. Liebe den Fremdling und den Ausländer, weil du selbst ein Fremdling im Lande Aegypten gewesen". Und das wurde m so weit zurückliegenden und wilden Zeiten gesagt, als der Hauptehrgeiz der Raffen und Nationen darin bestand, einander zu erdrücken und zu versklaven. Was religiöse Toleranz betrifft, so ist der jüdische Glaube nicht nur wett entfernt von dem bekehrungssüchtigen Geist, sondern im Gegenteil gebietet der Talmud den Rabbinen, jeden der freiwillig kommt, die jüdische Religion anzunehmen, zu belehren und ihm klar zu machen, welche Schwierigkeiten chm aus ihrer Annahme erwachsen würden und dem zum Uebertritt Geneigten vor die Seele zu führen, daß die Gerechten aller Nationen ihren Anteil haben am künftigen Leben. Einer so hohen und idealen Toleranz können' sich nicht einmal die Moralisten unserer Tagerühmen." Zusammenfassend kann man sagen, daß Tolstoi im Judentum diejenigen Werte fand, zu denen er sich selbst m heroischer Weise als Dichter und Mensch durchgerüngen hatte. Auf dieser inneren Verwandtschaft beruht seine Verehrung und Sympathie für das Judentum. Es braucht am Schluß dieser Ausführungen nicht betont zu werden, daß Tolstoi den Antisemitismus scharf verurteilte und ihn als persönliche Bedrohung empfand. Niemals hat er in dem Antisemitismus ein geistiges Problem, sondern stets eine Verirrung der menschlichen Natur gesehen und ihn als eine wahnsinnige Leidenschaft, geboren aus den niedrigsten Perversitäten der menschlichen Natur bezeichnet. Ainderecke. Das Buchstaben-Spiel. Das ist zu schwer für Euch, meint Ihr? Keinesfalls! Das kann nämlich jeder, der die jüdischen! Druckbuchstaben malen kann. Und die könnt Ihr doch recht gut. Also an die Arbeit. Und ^dah Ihr mir auch alle mitmacht, alle, sage ich. Zuerst schneiden wir aus dünner, möglichst weißer Pappe kleine rechteckige Stückchen. Aus jedes Stückchen malen wir einen Buchstaben, bis wir das ganze 3 « haben. (Von jedem Buchstaben machen wir eine ganze Reihe.) Probiert aber vorher, wieviel Stückchen Ihr ausfchneiden müßt. Die Schnittlinie zeichnet mit Lineal und Bleistift vor. Mit der Schere ausfchneiden — Vorsicht! Nun spielen wir. — Rings um den Tffch sitzen die Teilnehmer. Wer da ist, darf mitspvelen, auch Vater und Mutter oder Euer Lehrer in der Schule. Die Buchstaben liegen in der Mitte des Tisches. Dann zählen wir: vbv dw nn« und das Spiel beginnt. Jeder Mitspieler hat wohl schon im Geiste sich ein paar -bekannte Wörter aus- ‘ gesucht, die er sich zusammenstellen will. Nehmen wir einmal an, er will zunächst die Worte *m und u bilden, so sucht er sich an den Buchstabenhaufen Zwei i ein v und legt sie in richttger Rerhenfolge an seinen Platz. Darm sucht er sich die Buchstaben für *». So bildet jeder Spieler Wörter, bis keine Buchstaben mehr da sind oder bis der Spielleiter das Schlußzeichen gibt. Jeder darf seine Wörter vorlesen, Wer die meisten Wörter hat, ist Sieger. Der Sieger bekommt am nächsten r,3v das größte Stück Kuchen; Ihr könnt ihnaber auch anders belohnen. — — — Man kann das Spiel, selbst wenn die Buchstaben alle sind, noch weiterspielen. Wer schreibt mir, wie wir das machen sollen? Viel Vergnügen! Onkel Mordechai. Briefkasten. A. L. in Pr. Kottek: Jüdische Geschichte erhalten Sie in allen jüdischen Buchhandlungen. Qualitäts^ Zigarren Moritz Wolf Zeil 49 Telefon Römer 903 Ä nnoncen-Büro Julius Schmidt Frankfurt a. M-, Langestr. 7 Telefon Hansa 4641 Postscheck-Konto Frankfurt am Main 142 353 Einzige Inseraten «Annahme für Frankfurter Geschäftsinserate des „ISRAELIT “ Ausserdem Annahme von Inseraten für sämtliche hiesige und auswärtige Tageszeitungen, Wochenu. Fachblätter zu Originalpreisen Im Verlage Carl Ritter G. m. b. H., Frankfurt a. M.. ist der amtliche Taschenfahrplän erschienen. Preis 1 Mark. Verantwortlich ^ür den allgemeinen JEeU und da» „eutttetow S. Schach nowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i.! nowitz, ebenda.— Für die pädagogische Beilage: Lehrer L- Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag .Israelit", G.m.b.H., Frankfurt o. SR. — Druck Sermon Verlag»» Aktiengesellschaft. Frankfnrt a. M. >