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Der Israelit · 1928-08-30 · Heft 35 (30.8.1928) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 35 (30.8.1928)
Date
1928-08-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Kanonen und Tefilloh. Kriegserlebnisse von 5. Br. (Fortsetzung.) Der Gefangene. Als ich aus der Geschützstellung zurückkam, standen sämtliche Fahrer im Halbkreis um einen gefangenen Franzosen, der wohl aus Erschöpfung am Boden hockte. Man hatte ihn erst kurz vorher aus einem Haselbusch hierausgezogen, wo er sich seit drei Tagen vor dem durch die französischen Linien gebrochenen deutschen Truppen versteckt gehalten hatte. Sein linkes Bein war mit einem feldgrauen Mantel so dick umwickelt, daß es eher einem Klumpfuß glich. Die glänzenden Augen gingen halb aufgeregt, halb bittend über uns hm, und die mageren Hände fuhren immer wieder durch den pechschwarzen Bart, der ein gebräuntes Gesicht umrahmte. „Ein Gefangener," sagte ich für mich und löste mich aus der Reihe, um meine Meldung abzuliefern. . Wieviele Hunderte von Gefangenen waren in den letzten Tagen an uns vorbeigezogen. Wir auf der rechten Straßenseite vorwärts gegen Reims, sie außer Reih und Glied, mehr ein wirrer Haufe nur, zurück, unfrei auf eignem Heimatsboden. Und wenn aus unsrer Truppe manch neidischer Blick sie streifte, weil sie aus der granatdurchfurchten Hölle herauskamen — wir waren doch noch ein wenig stolz darauf, wenn auch nur unsre eingeengte Freiheit zu besitzen. Wir fühlten Mitleid' mit ihnen. Denn nicht schneller verliert der Mensch von. seiner^ Würde, als wenn er feine Freiheit nicht mehr besitzt. . Ich wollte dann nach meinem Mittagessen sehen, als. mich der Unterarzt wNder zu dem Gefangenen hinrief. ' „Ich komme mit meinem Französisch nicht weiter", sagte er zu mir. „Er hat einen Beinschuß, hat sicherlich seit ein paar Tagen fast nichts gegessen und wehrt doch immer wieder ab, wienn ich ihm ein Glas Wein hinhalte. Probieren Sie es einmal mit ihm!" . - Als ich'neben ihn trat, schob er gerade einen Teller mit fettem Fleisch zurück, den ihm ein Fahrer hingestellt hatte. „Je suis un mo ..." murmelte er dabei. „Sehen Sie," sagte der Arzt, „das wiederholt er schon zum soundsovielten Male. Aber ich verstehe nicht, was es bedeutet." . Ich setzte mich zu ihm. Er schaute mich ein wenig mißtrauisch an. „Sie sind verwundet," begann ich auf Französisch. „Haben Sie große Schmerzen?" Er antwortete mit einem solch eigenartigen Akzent, wie ich ihn noch in keinem französischen Orte gehört hatte. „Wo sind Sie zuhause?" Da machte er eine weit ausholende Armbewegüng und deutete hoch hinaus über die dunklen Waldbäume in den blauen Himmel hinein. , „En Afrique". , „Sie sind aus tuen französischen Kolonien, trinken keinen Wein, essen kein Fleisch ..." suis un moham . Jetzt hatte ich verstanden. Ich sprang auf. ' „Geben Sie es auch auf?" fragte der Arzt. ' „Rein," rief ich bereits im Lausen, rannte zu meinem Topf, den ich schon morgens über zwei Steine gestellt hatte, und unter dem von den anderen das Feuer unterhalten worden war. Schon einige Schritte davon roch ich, daß das darin kochende Huhn gar war. Am Tage vorher hatte ich es in einiem Meierhofe gefangen, in dem das Geflügel herumlies und nach Körnern suchte, als wäre schönster Friede und die Herrschaft nur auf einem Nachmittagsausflug nach! Reims. Ich zog das Huhn aus der duftenden Brühe, schnitt den Rücken entzwei und brachte das Stück dem Gefangenen auf dem Deckel einer Konservenbüchse. „Aber das da werden Sie essen!" Seine Lippen stammelten einen Dank und schon schlang er das Fleisch und ein Stück Brot dazu in wilder Hast hinunter. „Ein Feinschmecker, was? Oder hat er ein Greuelmärchen gehört, daß wir die Gefangenen vergiften? Sie haben es ihm wohl ausgeredet?" fragte der Arzt. „Der Mann ist ein Mohammedaner." „Und was ist dabei?" „Sein Koran verbietet ihm Weingenuß und Schweinefleisch." Im Weggehen brummte der Arzt: „Ich muß wissen, wie man einen Beinbruch heilt. Soll ich jetzt auch noch den Koran studieren?" — ' Ich setzte mich wieder zu dem Gefangenen. Die Fahrer hatten sich jetzt an. der Feldküche aufgestellt und drängten sich mtfr maßen mit den Augen die Fleischstücke, die der Koch austeilte. In mir war eine sonderbare Zuneigung entstanden zu meinem Nachbarn da neben mir auf der Erde. Und ein Respekt sondergleichen vor seiner starken Seblstüberwindung. Da finde ich im Walde vor Reims aus einem so fernen und fremden Erdteil einen Mann, andern Stammes, der mit mir eine gleiche Pflicht beobachtet. Dem dieses Gebot überkommen aus der Quelle, die mir hjeilig ist. Dem ich mich näher fühle, weil er etwas Verwandtes aufgezeigt hat. Wenn es auch nur soviel wie der zitternde Lichtreflex ist, den ein stiller Teich von der Sonne über die Büsche und' Bäume an seinem Rande hinwirft. — Der Gefangene war mit dem Essen eben fertig geworden und erzählte mir, daß die französische Regierung ganze Hammelherden allein für die Verpflegung der Soldaten mohammedanischen Bekenntnisses bereit gestellt hätte. Dann setzte man ihn auf ein die Post einholendes Fuhrwerk, das ihn unterwegs an die Sammelstelle abliefern sollte. Solange ex mich vom Gefährt aus noch sehen konnte, hielt er seine Hand grüßend an die Mütze. Auf dem Friedhof zu Lor. Ein Volltreffer hatte eine Haubitze samt Bedienungsmannschaft Zusammengeschlagen. Die Glieder eines Kanoniers mußte man erst auflesen wie Aepfel, die vom Baum geschüttelt, sich da und dorthin ins Gras verrollen. Unser Batteriefchreiner hobelte Grabkreuze und nagelte Särge. Und vier Kameraden mit mir und zwei unserer Offiziere gaben den Toten das letzte Geleite, Als wir am Eingänge des Friedhofes zu L o x vorfuhren, standen da drei Jnfanteriewagetl mit schrecklicher Fracht. Auf ihnen lagen die Toten geschichtet wie Baumstämme, die man aus dem Walde fährt. Und auf dem Wege zurück kamen noch zwei solcher Gefährte, die so schwer beladen waren, daß die Pferde davor dampften und schwitzten. Zwei Infanteristen trugen/ die Toten am Kopf und an den Füßen zum Grab. Zur Herstellung von Särgen hatte diese Waffengattung keine Zeit: Man hätte wohl auch Wälder für sie. absägen müssen, um die Bretter zu bekommen. So lagen die'Toten in ihren Monturen auf dem Boden der noch offenen Gräber. Andere, die vom Operationstisch gekommen, waren gar nur in einen großen Bogen Papier eingewickelt und wieder andere trugen nur die Hose, weil die m.rr 192$ übrigen Bekleidungsstücke zu nötig von den noch Lebenden gebraucht wurden. Die Gräber waren in streng geraden Reihen angeordnte, so daß das weite Feld von weitem wirkte wie ein Weinberg mit seinen Stäben. Und hätten sich die Tränen gesammelt, die um die Gefallenen hier geflossen, so.wäre der Bach des Herzleides entstanden. Die Bestattung unserer Kameraden ging schnell vor sich. Der Geistliche sprach ein Gebet und wir warfen die Gräber zu. Wir hatten doch keine Zeit. Unsere Kanonen warteten. Sie wollten noch mehr Menschenleiber zerfetzen. Sie waren blutdurstig geworden wie würgende Raubtiere; sie konnten nicht mehr in Ruhe stehen. Mußten krachen, brüllen, zünden, zerwühlen, zerreißen, bis sie selber barsten und in Stücke gingen. Schnell wurde noch eine photographische Aufnahme gemacht, die den Angehörigen der Toten zuging. Die Frau, die Mutter und die Kinder sahen dann den Ort, dem sie zuweinen konnten. Ich steckte unserem Kutscher ein paüx Zigaretten zu, daß er noch ein wenig verweile und eilte dann durch die Gräberzeilen. Da sah ich zwischen dm» Symbolen der christlichen Kirche ein breites Brett nur mit einem aufgebrannten Mogen-Dovid. Darunter der Name, Tag des Todes und der Geburt des Gefallenen. Seine Heimat war in Schlesien. Und drei Schritte davon lag einer aus Ostpreußen, und in einer hinteren Reihe ein Glaubensbruder aus Köln». War ihnen ein Religionsgenosse im Tode nahe gewesen? Hatte ihnen einer die letzte Liebespflicht erwiesen? Wer sollte mir Antwort gebest! Die Gräber schwiegen. So wollte ich wenigstens das tun, was noch als jüdische Verpflichtung übrig blieb. . Ich formte, soweit es mir mein aufwallendes Gefühl gestattete, ein Haskoras Neschomos (Gedenken der Seelen), rupfte einige Grashalme ab und legte sie mit einem Stein beschwert auf jede Namenstafel. DLnn mußte ich fort. Denn der Kutscher hatte schon ein paar Mal mit der Peitsche geknallt. Birchas kohamm. Von einem bewaldeten Hügel aus, hinter Büschen vresteckt, sah ich durch unser dort aufgestelltes Scherenfernrohr die heiß umstrittene Stadt Reims. Die Häuserzüge und die Straßen, die sanft anzusteigen schienen, und mitten drin die schöne Kathedrale. Ich glaubte auch ein Loch im Dache und die Beschädigung der Vorderwand wahrnehmen zu können. Aber mir graute vor der Stadt. Denn sie war ohne Leben, ganz tot. Kein Mensch ging in. den Straßen, drinnen fuhr kein Gespann, kein Vogel spannte über sie sein?e Flügel. Sie war wie eine verwunschene Stadt aus dem Märchen. Oder wie eine Stadt,- deren Bewohner wegen eines Erdbebens geflüchtet waren. Sie wirkte traurig wie ein verlassenes Vogelüest. Die alte Krönungsstadt Reims lag erstarrt vor den Fängen der Kriegsfurie wie das Kaninchen vor der züngelnden Schlange. Das Telephon summte: Wir und die neben uns liegende achte Batterie sollten je einen Leutnant in die vorderste Jnfanterielinie abordnen, damit das eigne Artilleriefeuer beobachtet werden konnte. Für die siebente Batterie würde der jüdische Offizier Spr. bestimmt. ,, .1 Eine Viertelstunde darnach ging er mit seinem Begleiter, dem Leutnant Schmitt, an mir vorüber nach vorne. Er war noch sehr jung, kam mitten aus dem Studium und hatte es in einem Jahr zum Leutnant gebracht.

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