Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1928)
- Date
- 1928-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 9tt. 35 Der Israelit 30.'August 1828 „Die Zukunft des Liberalismus liegt auf dem Wasser — dem Taufwasser..." Und demgegenüber der Mise Z i e gtt e r MS Karlsbad in der der liberalen Wettkonferenz gewidmeten Sondernummer der zionistischen „Jüdischen Rundschau": „Heute wissen wir es aus eigener Erfahrung, daß wir in der Diaspora kein besseres Mittel zur Erhaltung des jüdischen Volkes besitzen als die Religion. Und zwar in ihrem konfessionellen Teile, in ihren von der jüdischen Mentalität und der jüdischen Volkspsyche durchtränkten nationalen Sitten und Bräuchen. Die religiösen Ideen des Judentums an sich, die Gottesidee, der Messianismus trennen wohl auch heute noch scharf offizielles Christen, tum und Judentum, aber in den vom Liberalismus erfaßten außerkirchlichen Schichten der Juden und Christen ist die gegenseitige Annäherung und Nivellierung derart stark, daß in Wirklichkeit ein wesentlicher Gegensatz zwischen den Religionen kaum mehr besteht. Das Opfer ist natürlich das Judentum: die religiöse Nivellierung bedroht im Verein mit der bürgerlichen Gleichstellung und der natürlichen Präponderanz der Majorität die Existenz des jüdischen Volkes. Da aber der Lebenswillen dieses Volkes noch kräftig genug ist, setzt er sich zur Wehr gegen die ihm drohende Aufsaugung. Und das erfolgreichste Mittel der Selbstwehr ist zweifellos die Rückkehr zu dem praktisch für das Leben selbst entscheidenden Teil der Religion: zur Konfession /also zu dem, was eben der jüdischreligiöse Liberalismus über Bord zu werfen im Begriffe war. Die religiösen Observanzen, die der jüdische Liberalismus zu Beginn feister Macht verhöhnt und verspottet und summarisch verworfen hat, sind heute die unentbehrlichste Waffe im Kampfe um unsere Existenz in der Diaspora. Ihre große Bedeutung für das Lebten der Familie gerade in unseren Tagen, da die Stellung der Frau einem fundamentalen Wandel entgegengeht, dem wir uns auch nicht entziehen können, soll hier nur angedeutet werden. Wird der jüdisch-religiöse Liberalismus die Zeichen der Zeit verstehen? Wird er von der Negation zur Bejahung übergehen? Es ist sündhaft, ihn zu verdammen. Er hat Großes geleistet; er hat Tausende und Tausende durch Aesthetisierung des Gottesdienstes dem Judentum erhalten, er hat die Kenntnis des Judentums in alle Kreise getragen, ihm danken wir die Wissenschaft vom Judentum. Nun hat er seinen Irrtum einzugestehen, den er durch Verwerfung von Sitte und Brauch begangen hat. Und hat vom Geständnis zur Tat zu schreiten. Und die Tat heißt: Neubelebung, wenn nötig A'esthetisierung der religiös! geweihten Volkssitten und Volksbräuche." Sprechen hier nicht zwei Welten zueinander oder aneinander vorbei? Nein! Solange man sich auf gemeinsamer Fläche bewegt, solange man nicht klar und deutlich sagt, von wessen Art die lebendige Tat sei, zu der der moderne jüdische Liberalismus angeblich den Willen hätte, solange man von „Aesthetisierung" und nicht vom „Schulchan Aruch" spricht, solange Führer wie Baeck, Stern und Elbogen das Recht der Einzelpersönlichkeit gegenüber der Autorität des Gesetzes, die Freiheit des eigeneu Urteils gegenüber dem Gottesgebote betonen und proklamieren und Ausgleich suchen, wo Unterordnung von Gdtt verlangt' wird) solange ist es die g l e i ch e Wett, inder sich die „reine Idee" eines Lehmann mit der „lebendigen Tat" eines Baeck bestens vertragen. Man wird sich hier über alle Gegensätze hinweg schon irgendwie im leeren Raume finden. Justigrat Blau hatte schon recht, wenn er zum Schlüsse der stellenweise scharfen Aussprache zwischen dem rechten und linken Flügel konstatierte: „Verschiedene Wege, aber gemeinsames Ziel . . ." Die Orthodoxie kam auf der Weltkonferenz der Liberalen nicht gar so schlecht weg. Von den sogenannten „Traditionellen" wurde ihr Achtung bezeugt. Eine gewisse Bewunderung für ein bis zur letzten Konsequenz gehendes Bekennerturn klang besonders in den Worten des u n - g a r i f ch e n Vertreters, Dr. Ignaz Friedmann, Budapest, mit, der von den großen Lehrern, die die ungarische Orthodoxie dem Westen gegeben hat, mit großer Verehrung spricht und sich für den SabbatderOrthodoxie begeistert. Wiederum ein drastischer Beweis für die erzieherische Arbeit, die die o r g a n i s i e r t e O r t h o d o x i e i n U n g a r n für die g e s a m t e u n g a r i s ch e I u d e n h e i t leistet. Von deutscher Seite gab es einige gelinde Zurechtweisungen. „Die Orthodoxie lebt nach einem Schulchan Aruch, Hält starr an der Norm, im Gegensatz zum Liberalismus, der dem Inhalt neue Form gibt" (Dienemann, Offenbach). „Wir stehen wie die Orthodoxie auf dem Boden der tausendjährigen Tradition, doch haben wir Kontrolle über Gesetz und Halacha" (Dr. Wiener). Dr. G allin er wirft der Orthodoxie Verständnislosigkeit für die Forderungen des liberalen Judentums vor. Dr. Baeck sieht die Gefahr der Orthodoxie darin, daß sie „das jüdische Denken ganz in seinem eigenen jüdischen Bezirke festhält." Er fürchtet, daß „die Idee von der Fülle der einzelnen Forderungen erdrückt wird." Der englische Montefiore hält es für ganz unwahrscheinlich, daß ein orthodoxer Jude ein reiner und leidenschaftlicher Theist bleibt, wenneraufhö r t, orthodoxer Jude zu sein (auch wir!) Er erachtet das orthodoxe Judentum für die Juden des Westens als völlig unannehmbar. Die Massen wenden sich von! der Orthodoxie ab. Helfen könne nur der Liberalismus. Das heißt mit anderen Worten: Glieder werden geschwächt, also heraus mit der E i f e n b a r t h - kur, die mit der Liberalisierung den Kopf wegoperiert, damit allet Gliederschmerz einmal für allemal aufhört ... Ern Amerikaner (Morgenstern, Cincinnatti) nennt als emziger die A g u d a und heißt sie „eine Norm der Vergangenheit", während der LiberMsmus „aüs der Vergangenheit durchs die G^gettwürt für die Zukunft wirke," — Sich mit üst diefen Plattheiten aus dem Ladenhüterbestande der alten Reform aüseindersetzen zu wollen!- ist wirklich überflüssig. Wem die Grundlagen des alten reinen Thoraglaubens, den die Herren Orthodoxie nennen, verschlossen bleiben, kann nicht wissen, wie all die ein z e l m. e n L i chtpu n k t e, die dem Liberalismus ausstrahlen, nur k l e i rre w in z i ge Teil che n des Gesetzes g la u bens in f e t n er Totalitä t sind und nur im Rühmen und im Zusammenhänge mit dem Gesamtgesetze, in dem die „große Idee" in 613 Ge- und Verboten für das praktische Leben des Tages treulich gehütet ist, ihr Licht und ihren Wert behalten. „Liberales Judentum", so schreibt Bruno Woyda in der obengenannten Nummer der Jüdisch-liberalen Zeitung, „bedeutet Glaube u n d Tat!" Das hört sich nicht so grotesk an wie die Worte des Engländers, der sagte: „Wir glauben an den Liberalismus — zuerst an den Liberalismus — und an Gott!" Aber auch hier gähnt die unüberbrückbare Kluft zwischen der Lehre von der „Denkfreiheit der Persönlichkeit" und dem Gedanken von mm irnri' öer Verkündung der „reinen Idee" auf der großen Linie der allgemeinen Menschheitshoffnung und der verpflichtenden Tat, die, seitdem unsere Väter unter Sinaidonner „Naafe wenischm'a" (erst „Naase") gerufen Hab Mi, für uns das Primäre ist, einzige Erzieherin zur Idee und bestbewährte Hüterin derselben.-— Besser gelang der Brückenbau zum Z i o n t smus, oder, sagen wir korrekter, vom Zionismus her. Die zionistische „Jüdische Rundschau" gab zu Ehren der liberalen Weltkonferenz eine S o n d e r f e st n u m m e r heraus und ließ sie unter ausdrücklicher Billigung des Konferenzpräsidiums inj den Wandelhallen verteilen, als wäre es ein Zionistenkongreß, und keine Konferenz des liberalen Erzfeindes des Zionismus. Ein großes Verbrüderungsfest von der einen Sette, das man auf der anderen Seite etwas reserviert, aber mit stillem Behagen über sich ergehen ließ. In den Verhandlungen selbst wurde abmachungsgemäß kein Wort über Zionismus gesprochen. Aber zur stil-, len Pantomime schreibt die „Jüdische Rundschau" den Aext: „Der Gegensatz z w i sch e n r.e - ligiö'sem Liberalismus und jüdischen! Nationalismus ist innerlich nicht begründet." Und sie hofft, daß sich diese Erkenntnis bis zu einem z e n t r a l e n Punkte der liberalen Ideologie durchsetzen wird. Ueber Kleinigkettenj, wie über Liebe um Treue. Von Rabbiner Dr. 7N. Lewin in Hamburg. Die herrlichsten Gedanken und erhabensten Wahrheiten sind es, die ans Moses kurz vor seinem Scheiden in flammenden' Worten vermittelt. Es ist, wie wenn die untergehende Sonne noch einmal all ihren Glanz entfaltet und alles in ihr wundersames Rot tauchet. Das sind Worte, die den Weg zum Herzen finden, da sie aus einem von inniger Liebe erfüllten Herzen hervorquellen. Wer kann wohl jene Sätze lesen, die von dem Verhältnis Israels zu seinem Gotte handeln, ohne aus ihnen den Schwung der Begeisterung, den edlen Rhythmus aller mitklingenden Wünsche und Hoffnungen zu vernehmen? m’nij oi'n yvö«n 'ti ybsb *]V mviV avn mnan 'i ns •.. nVao D5?V Den Ewigen hast d u heute doch herausgestellt, dir zu sein zum Gotte und der Ewige di ch heute herausgestellt, ihm zu sein ein als Kleinod gewertetes Volk . . . mn«n Tvnsn! Nur an unserer Stelle gebrauchte Formen, — sind sie kaum vollwertig zu übertragen. Alle Kommentatoren mühen sich um die rechte Wiedergabe ihres Sinnes, — und wie verschieden auch die Worte sind, in die sie den Gedanken gießen, — nach ihnen allen zeichnen diese die Sendung Israels als Volk Gottes. Und das ist ganz im Sinne der Deutung unserer Lehrer: yav nasit? ohya nm? nv'vn ans rrapn -ins (o m^n) nnruv a^wa nn« na’tsn oa/i« rum ’j« y« inx 'i 'pV« n ♦ fl«! IN« ’U ^«1v' YVA2 '»1 Der Heilige — gepriesen sei Er — spricht: Ihr habt mich als Wesen ohne Beispiel und Gleichnis in der Welt verherrlicht und verkündet, — indem ihr unentwegt bekennt: Höre Israel, der Herr unser Gott ist der Einig- Einzige! — Darum will auch ich von euch rühmenals dem Volke meiner Wahl: Wo ist wie Dem Volk Israel eine Nation auf Erden? Israels Treue ist die Bürgschaft für die nie' versiegende Liebe Gottes zu feinem Volke. Die Gnade des Höchsten kann uns zum Verdienste werden, indem wir in Treue und Hingebung uns seinem Willen beugen und der Menschheit der ewige Mahner an Gott und seine Heiligkeit bleiben. Liebe und Treue, — das ist der Inhalt unserer Sätze. Unter Entbehrungen und Entsagungen hält Israel zäh fest an dem Glauben seiner Väter und an der heiligen- Sinaikunde, — dadurch wird es würdig, Gottes Lob zu singen. Aus allen Nöten und Drangsalen errettet Israel -der liebende Gott im Himmel, das ist die ewig fortdauernde Offenbarung des Herrn von seiner Macht und Weisheit, von seiner unerschöpflichen Huld und Liebe — aber auch das Ehrenzeugnis für Israel, daß es berufen ist, der ewige Zeuge Gottes zubleiben, daß es wie Sonne und Mond und all die Millionen von Himmelsgestirnen fort und fort den Weg zu wandeln hat, den der Weltenschöpfer ihm vorgezeichnet. Liebe um Treue, das bleibt unverrückbar der Sinn unserer Erwählung, das ist unsere Waffe und unser Schild, — der Quell unserer Verjüngung wie der Anttieb zu edelster Bewährung und Selbstläuterung, — das ist auch die Verheißung unserer Dauer und Ewigkeit. Aus dem Gebetbuch. Von Rabbiner Dr. S. üaah in Hindenburg (O.S.) In feinem interessanten Aufsatz „Sprachliches - und Sachliches im Gebetbuche", Nr. 33 des „Israelit" weist Herr Rabbiner Dr. Kanter auf den am Schluß der Schmone Esre stehenden Ausdruck ’w: -piin i'wsnai hin, dessen Konstruktton zu beanstanden sei, da iw in der Schrift mit dem Akkusativ oder mit in« verbunden werde. Auch S. Vaer bemerkt in seinem Siddur ähnliches. Allein es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese scheinbare Inkorrektheit eine geflissentliche ist und einem bestimmten Motw entspringt, und zwar dürfte das ungewöhnliche "pnixani gewählt worden fein ist. Rücksicht auf das vorangehende iniina. Essollte damit angedeutet werden, daß es gedanklich auch zum Vordersatz gehört und daß „Thora und Gebote" eine Einheit bilden, dergestalt, daß -pjmam irwinn als zusammengehörend zu denken und sowohl -auf den Vordersatz als auch auf t den Nachsatz zu beziehen sind. Der tiefere Sinn des Satzes wäre also folgender: „Oeffne mein Herz indeiner Thora und in deinen- Geboten; deiner Thora- und deinen Geboten eile meine Seele nach." Eine derartige verkürzte Stilisierung, bei der Satzteile verdoppelt zu denkensind, findet sich, wie schon in den dem Talmudtraktat maia beigedruckten „Auslegungsregeln des R. Cliefer, Sohnes des R. Jofe Haglili" Nr. 19 bemerkt ist, in der heilrigen Schrift häufig. Man vergleiche z. V. Lev. 25, 37, wr> i»ia verdoppelt zu denken ist und sowohl zum Vordersatz als auch zum Nachsatz gehört. '