Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1928)
- Date
- 1928-08-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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cy^aJuasBiir «L oWWflEUT Die Suppenanstalt für israelitische Arme. (Schluß.) Was Lazarus Klau für die Suppenanstalt war, läßt sich im Rahmen -eines kurzen. Berichts auch nicht annähernd schildern. Ihm war sein täglicher Gang zur Suppenanstalt keine Aufgabe mehr, ihm war es ein Erleben, wenn er die Hunderte von Anstaltsbesuchern an den Tischen sitzen und essen sah. Keine der vielen Wohltätigkeitsanstalten, denen er seine Tätigkeit widmete, war ihm so ans Herz gewachsen wie die Suppenanstalt und alle Besucher unserer Anstalt gedenken stets in Liebe dieses Mannes, dessen Bild jetzt unseren Speiseraum schmückt. Zur ehrenden Erinnerung an ihn haben seine Kinder, Dr. Oscar und Refa Klau, uns eine Freitischstiftung gewidmet. Noch eines Mannes haben wir an dieser Stelle zu gedenken, dessen Namen für alle Zeiten untrennbar mit der Geschichte unserer Anstalt verknüpft ist. Am 15. Mai 1914 starb der Verwalter unserer Anstalt, Herr Moses Kahner. Seiner rastlosen, nie ermüdenden Tätigkeit verdankt die Suppenanstalt ihre heutige Größe und Bedeutung, seinen anerkannten Verwaltungsfähigketten ihren derzeitigen, vorbildlichen Stand. Seine liebenswürdige Persönlichkeit wird uns stets unvergeßlich sein. Unseren dankbaren Gefühlen hat in unserem Namen Herr Emanuel Fürth bei der Beerdigung beredten Ausdruck verliehen. Einen besonderen Raum in unserer Tätigkeit nimmt unser Wöchnerinnen-Depot ein. Es gibt an Wöchnerinnen die zur Entbindung nötige Bett- und Kinderwäsch« und die sonstigen Utensilien. Diese, von Freifrau Wilh. C. oon Rothschild seinerzeit ins Leben gerufen« Stiftung war der Inflation anheimgefallen. Herr Jacob Michael- Berlin, hat dem Stiftungsfond neue Kapitalien zugeführt und uns dadurch in die Lage versetzt, den Stiftungszweck wieder zu erfüllen. Er hat sich damit unvergängliche Verdienste um die vielen Bedürftigen erworben, denen die Wohltaten der Stiftung Die Agudajugend fährt zur Loreley! Es trifft nicht ganz zu, daß man, um wahre Geselli-gikeit zu pflegen, erst aus Frankfurts Mauern heraus muß, etwa rheinwärts, denn es fing schon, hier am Bahnhofe an. Mit einer Pünktlichkeit, wie wir sie bei Schiurim und Vorträgen nicht gewöhnt sind, fanden sich die Fahrgäste Sonntag früh zur Stelle. Alles war da, bis zum Herrn aus dem Verkehrsministerium der Aguda, der die Karten zu verteilen hatte. Er kam spät, aber er kam. Und nun begann die Fahrt im eigenen Aguda-Wagen nach dein goldenen Mainz. Daß der Zug schon diesseits, in Kastell, stillhielt, gab Gelegenheit, schon in aller Frühe bei wachsender herrlicher Sonne einen Spaziergang über die große Brücke ins Hessische hinein zu machen: Hier stand im Hasen der große Salondampfer, modern, mit allem Komfort ausgestättet; hatte nur den einzigen Fehler, daß er nicht uns gehörte. Etwas abseits harrte bescheiden eineinstöckiges Dampferchen, das für feinengroßen Bruder, der irgendwo auf einer Werft sich für die nächste Sommerfahrt der Aguda restaurierte, einsprang. Wir waren jetzt mit den li-eben Mainzern, Wiesbadenern, denen von Biebrich und Birstadt, die sich zu uns schlugen, -eine stattliche Gemeinde von 150 Köpfen. Klein war der Dampfer, das muß man schon sagen, aber „Raum ist in der kleinsten Dampferhütte für . . .." (man wird noch vielleicht im Inseratenteil des „Israelit" Näheres darüber hören . . .) Gegen 9.30 fing das Gefährt zu rauchen und zu fauchen an. die Maschine ratterte, der Mann am Ruder ruderte und das Schisflein, man hätte es ihm kaum zugetraut, stieß wirklich ab und fing mit den 150 Aguda-Gästen richtig zu fahrenan. Die Schiffskapelle setzte -ein, wobei auch Agudisten ausspielten und das Frühstück wurde aufgetragen. Das Schiff war nämlich unter Aufficht -gut und vorsorglich verproviantiert worden. Pünktlich, als hättensie das Programm in der Hand, leuchteten hüben und drüben die weißen Fassaden und grünen W-einhänge von Bingen und Rüdes he im auf. Der Rochusberg mit der Rochuskapelle wollten nicht zurückbleiben. Etwas erstaunt schaute das große Nationaldenkmal von -der W a -l d h ö h e zu uns herab. Türme, Zinnen, Dentzugute kommen. Ihres steten Dankes kann er sicher sein. Im ganzen versorgten wir aus diesem Fond im Jahre 1924 . . 10 Frauen, im Jahre 1925 . . 22 Frauen, im Jahre 1926 . . 17 Frauen, im Jahre 1927 . . 15 Frauen. Die Uebersicht über unsere Einnahmen und Ausgaben zeigt, daß es uns — nicht zuletzt durch die vorbildliche Tüchtigkeit und Sparsamkeit unseres bewährten Verwalterehepaares Straus — gelungen ist, den uns gestellten Aufgaben im Rahmen unserer Mittel einigermaßen gerecht zu werden, ohne daß die Qualität des Gebotenen, auch nur im geringsten hinter der Vorkriegsverpflegung zurücksteht. Zweck Vornahme von Reparaturen mußten wir eine Jnstands-etzungshypothek von 8500 RM. bei der Stadt auf unser Haus aufnehmen, die wir mit 8 Prozent verzinsen und in jährlichen Raten amortisieren. Der zunehmende Verfall unseres Anstaltsgebäudes ist aber Gegenstand unserer ernstesten Sorge. Eine durchgreifende Renovierung der Jnnenräume kann nicht länger hinausgeschoben werden und die Mittel hierfür aus den laufenden Einnahmen uns zu verschaffen, ist eine Unmöglichkeit. Deshalb ergeht unser Ruf von dieser Stelle aufs neue an die Mildtätigkeit unserer Glaubensgenossen aller Kreise und Richtungen. Helfen Sie uns — im wörtlichsten Sinne — den Bau erhalten, der nunmehr bald fünf Jahrzehnte so unendlich viel Gutes gewirkt hat! Stehen Sie uns bei, wenn es gilt, eine soziale Institution aufrecht zu erhalten, die Tausenden schon zum Segen ward. Werden Sie Mitglied unseres Vereins! Jeder Beitrag ist uns willkommen! Noch stehen viele beiseite. Noch fehlen viele, die vor dem Krieg unsere Mitglieder waren, in unseren Listen. Das darf nicht länger sein! Es darf in unseren Reihen niemand fehlen! Es darf einfach in Frankfurt keinen Judengeben, der nicht Mitglied der Suppenanstalt ist! Aber nicht nur um finanzielle Unterstützung bitten wir. Wir brauchen auch das tätige Interesse unserer Mitglieder und Freunde. Besuchen Sie uns bei unserer Arbeit! Sehen Sie sich die tägliche Mittagsspeisung an und Sie werden sich mäler. Und überall rankt sich hoch der Wem, -lacht hell die Sänne zum Gruß. „Ehrenfels", „Bingerloch", die „Toteninsel" und Manches andere, von -dem wir nicht wissen^ „was soll es bedeuten", und -dennoch noch nicht die Loreley ist. Das liebliche Städtchen! Bacharach, und eine Fülle von Erinnerungen wird -im jüdischen Herzen wach. Burg. Schloß und Ruine rechts undlinks und der Strom umspült Fels und Schlucht und spiegelt ein- Panorama wider, daß das Auge nicht satt wirddes Sehens. Gegen Mittag erblicken wir den gewaltigen rissigen Felsenberg, der -nach dem bekannten Liede einstens „Schiffer samt Kahn zu verschlingen drohte" und -der von seinen -alten Schrecken heute nur noch die schwarzweißr-ote Fahne anseinem Turm sich erhalten hat . . . Wir wissen, „was soll es bedeuten- . . ." Wir legen am Fuße der Loreley an und werden gleich am Ufer von einem Ansichtskartenhändler als Glaubensgenossen erkannt — wie merkwürdig! — und mit günstigen Angeboten empfangen. Und nun hinauf die steilen steinigen Stufen. Der Wegist weit und tückisch, und manch guter Kamerad oder Kameradin muß -eine Notlandung machen, mitten in der Felsenschlucht, hier die Rückkehr der Expedition ab wartend. Wir sind aber glücklich oben, schwitzen und keuchen-, sind ganz außer Atem und müssen dabei gute Mi ene machen, denn es wird photographiert...! Sehen wir von unserer Höhe auf den- Rhein hinab, wie er sich windet und dreht, mit edlen Schwingungen seine geheimnisvollen- Bogen beschreibt, tut sich dem Auge eine Weltungeahnter Schönheiten auf. Unser Schifflein unten, von oben gesehen wie ein Spielzeug von Kindern ins Wasser gesetzt, nimmt sich ganz ernst, ruft und pfeift und gibt Notsignale von sich, als befände es sich im Polareife, und mahnt, kaum, daß wir eine halbe Stunde oben waren, zur Rückkehr ... Es will, wie es sich für kleine Leute ziemt, zeitig zuhause und im Hafenbette sein. So stoßen wir gegen 2.30 Uhr vom Hafen in St. Goarshausen wieder ins kochende, zischende, strahlende, offene Wasser hinaus; zurück stromauf geht es langsam. Riesenschiffe fahren, vorbei, suchen uns mit ihrem Kielwasser zu verschlingen, daß unser Schifflein sich hebt und senkt, wie -das Schiff des Propheten Jonas. Alle winken und grüßen, Deutsche, Franzosen, Engländer, Holländer, alle Fahnen und Völker machen ihre Reverenzen vor dem Agudaschiffe. überzeugen, daß Ihr Mitgliedsbeitrag, Ihre Gabe bei uns gute Verwendung findet! Besuchen Sie uns am Abend des Pessachfestes, ehe Sie selbst sich im Kreise Ihrer Familie zur Sedertafel setzen und Sie werden mit uns der U-eberzeugung sein, daß es keine freudige oder G. b. traurige Gelegenheit in unserer Stadt geben darf, an denen nicht der Suppenanstalt gedacht wird! Ihr Interesse wird aber auch uns stärken bei Erfüllung unserer übernommenen Verwaltungspflichten und wir werden, uns eines Sinnes mit Ihnen wissend, trotz aller Schwierigkeiten nicht schlaff werden und nicht erlahmen. In der zuversichtlichen Hoffnung, daß unser Appell nicht unerhört bleibt, gehen wir im neuen Jahre wieder frischen Mutes an unsere Arbeit, zu der der Beschützer aller Armen seinen Segen geben möge! Die Verwaltung der Anstalt setzte sich zurzeit der Berichtabfassung aus folgenden Herren zusammen: Lucien Picard, Kettenhofweg 125; Michael M. M a i n z, Ostendstraße 6; Ludwig Schiff, Schumannstr. 7; Emanuel Fürth, Grüneburgweg 85; Moses Rapp, Hölderlinstraße 9; Dr. Gustav Stieb el, Eschenheimer Anlage 18; Dr. Oskar Klau, Gärtnerweg 5; Ignaz Bergenthal, Gärtnerweg 24. Einen warmen Nachruf widmet der Bericht dem unvergeßlichen Gründer der Anstalt, Herrn Michael M. Mainz, der wie so vielen anderen Wohltätigkeitsanstalten auch der Suppenanstalt von Anbeginn an seine nimmer rastende Energie und sein -tief eindringendes Verständnis für alles soziale Liebeswirken zugewandt hat. Verausgabt hat die Anstalt im letzten Jahre 43 000 M., von denen 10 000 M. durch zahlende Besucher, 23 000 Mark durch Geschenke und Beiträge aufgebracht wurden. 9000 M. hat das Haus abgeworfen. War die Hinreise stromab dem Schauen, -dem Genießen, dem Naturerleben gewidmet, so -gehörte die Rück r-eise der inneren Gemütlichkeit-. „Stimmung, mitzubringen", hieß es im Programm. Nun packten wir Ranzell und Tornister voller Stimmung aus, und da erhoben sich Sang und Klang, daß die Fische im Rheine erzitterten und der Loreley der Kamm -aus der Hand — sie hat immer noch lange goldene Haare — fiel. Merkwürdige tonliche Kompromisse kamen zustande. „Zomo Naffchi" in der Melodie der „Wacht am Rhein", „Schft Hamal-aus" nach der „Loreley" usw. Synthesen und- Antithesen-, Harmonien und Disharmonien schufen Leben, Stimmung, Jugendlichkeit, Frohsinn-. Und dennoch! der „arme Mann", der die zweifelhafte Aufgabe hatte, auf einem Agudadampfer Wein und Bier abzusetzen, war höchst unzufrieden. Wir hatten eine Bierleiche an Bord, und diese gehörte zur Besatzung . . . So konnten wir frei aller religiösen Bedenken uns zum Mincho-Gebet stellen. Wo ist Misrach? Geographen vor! Daß das Schiff die Verfrorenheit hatte, mitteil -im Achtzehngebete umzudrehen-, fo daß wir ganz unversehens vom Westen nach Osten „Schmaune Esre" ausgingen, war eine der vielen Tücken des nassen Objektes. Was macht es! Man soll m solchen Fällen, so heißt es in der M-ischna, das Herz nach der Richtung von Jerusalem stimmen. Das gab einem am Bord anwesenden Dozenten Stoff für seine Reden, die er — wohl des Gleichgewichtes wegen — einmal auf der einen, einmal auf der anderen Seite zu halten hatte. Ein« Verbindung zwischen Elul-Horn und Schiffssirene hat bereits der alte „Menorat Hamaor" hergestellt . . . Es wurde Nacht. Die Wellen des Stromes leuchteten kristallblau, wurden perlenbesetzt durch -die funkelnden Lichter von beiden Seiten, und wir fuhren in den ruhigekl Hafen von- Mainz -ein. Ein nächtlicher Spaziergang über die Brücke und wir sind mitten im Gedränge -des Bahnhofes von Kastell. Irgend jemand von -den Beamteter, fragte uns, ob wir zum „Reichsbunde" gehörten. Wir sagten für alle Fälle ja und fuhren inguten, geräumigen Drittklaß-Wagen nachhause. Es war -ein Tag, wie kaum einer im Gefellschaftsleben der Aguda. Zwölf Stunde froher, warmer, jüdischer, freudiger Geselligkeit auf dem Rheine werden auch für die ernsten Agudaziele ihre Früchte zeitigen.