Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1928)
- Date
- 1928-08-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450528--75238-2532751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 Nr. 34 Der Israeli! 23. August 1928 ten. Er bezweckt mit dieser Uebersetzung, die Kenntnis der Bibel in der Auffassung von R a s ch i zu verbreiten, da es doch „Pflicht eines jeden Juden sei," wie er sich in der Vorrede ausspricht, „die heilige Schrift zu kennen". Er übersetzt daher auch den Raschikommentar fast wörtlich. Schon der erlebte ganz außergewöhnlichen Erfolg. Dieser steht aber m gar keinem Verhältnis zu dem w a h r e n T r i u m p h z u g, den das dritte Werk des Verfassers, das „Zeeno Ureno", durch die gesamte jüdische Welt machte. Das Buch wandelt seit 300 Jahren durch alle jüdischen Städte und Niederlassungen, und es dürfte kein zweites Buch in der alten jüdischen Literatur geben, das sich solcher Popularität und Verbreitung erfreute. Seit der Lubliner Erstausgabe im Jahre 1916 find uns 126 Auflagen des beliebten Volksbuches in Deutschland, Böhmen, Rußland, Polen, Galizien und Holland bekannt. Sogar eine lateinische Ausgabe des „Zeeno Ureno" gibt es, hergestellt von einem christlichen Gelehrten namens Johannes Schubert, im Jahre 1661. Eine französische Uebersetzung erschien 1846. Versuche einer deutschen Uebersetzung sind nicht zu Ende geführt worden. Zur Zeit ist Bertha Pappenheirn, Frankfurt a. M., bei der Arbeit, eine gute deutsche Uebersetzung herzustellen, von der ein großer Teil bereits druckfertig des Verlegers wartet. Worin liegt der Schlüssel für die gewaltige Verbreitung des „Zeeno Ureno"? Der jüdische Literaturhistoriker Zinder sagt u. a.: „Die Einfachheit des Stiles, die Eigenartigkeit des Rhythmus und die Harmonie einer tiefgestimmten gläubigen Seele sind es, die dem Buche den eigenen Reiz geben. So konnte das Werk das Gemüt der jüdischen Frau im Fluge erobern und es beherrschen, ihr Lehrer und Wegweiser sein." So ist es in der Tat. Hervorzuheben ist noch die urwüchsige Sprache des Buches. Es ist das beste Jüdisch in der altjüdischen Literatur: saftig, farbenreich, gut nuanciert, einfach und volkstümlich. Das „Zeeno Ureno" ist ein Produkt des polnischen Judentums, entstanden in einer Epoche der ökonomischen Blüte, der bald mit den bekannten Verfolgungen unter C h m e l n i tz k i ein jähes Ende bereitet wurde. Gerade >in der Zeit der Not und nachher bei der Erinnerung an die Schrecken wurde das „Zeeno Ureno" neben den Techinoth eine Quelle des Trostes für Hunderttausende, denen die tiefere Gesetzessorschung verschlossen blieb. Denn das „Zeeno Ureno" ist keine einfache Bibelübersetzung, auch nicht glatte Wiedergabe der talmudischen Erklärungen; die jüdische Volksseele spricht aus diesem Buche, das jüdische Herz in seinem großen Weh und seinem großen Hoffen schlägt uns entgegen. Es taucht in die dunklen Tiefen und erhebt sich zu gewaltigem Schwung und sättigt die nach Gotteswort Hungernden mit der geistigen Kost, die des Juden „Leben und die Dauer seiner Tage" von jeher ausmachte. Der Erfolg des „Zeeno Ureno" ließ viele jüdische Literaten und Herausgeber nicht schlafen. So entstanden ihm schon in den Jahren 1676—79 eine Konkurrenz mit zwei jüdischen Bibelübersetzungen. Die eine stammte von Josef W^tz e nhausen und die zweite von Jekutiel bM Jizchok Blitz. Beide finden es für gut, in ihren Vorreden üben, das „Zeena Ureno" herzufallen und ihre eigenen Werke herauszustreichen. Der Erfolg blieb minimal. Die Witzenhausensche Bibel ist im Ganzen nur zweimal erschienen, die Blitzsche sogar nur einmal. Das Volk wollte keine trockenen Uebersetzungen, keine „Protokollierungen der Chederstunden", wie man sagte. Es wollte etwas fürs Herz und fand es im „Zeeno Ureno". Von einer anderen Seite drohte dem beliebten Volksbuche eine Gefahr mit der Einsetzung der A u f k l ä r u n g s p e r i o d e unter und nach Mendelssohn. „Zeeno Ureno"-Stil war in den Kreisen ein geflügeltes Wort zur' Verächtlichmachung der Methode der polnischen Rabbiner. Moses Mendelssohn selbst bMent sich dieser ironischen Wendung. Die Kulturträger in Oesterreich, die bekanntlich weit über ihren Meister hinausgeschritten waren, brachten es sogar zuwege, daß Josef n. das Lesen des „Zeeno Ureno" verbot, als eines Buches, das „den Aberglauben verbreite"; so heißt es in einem Rapport aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Welche Tendenz damit verfolgt wurde, erhellt aus weiteren Stellen des Protokolls. Es wird den Juden empfohlen!, sich der M e n d e l sfohnschen Bibelübersetzung zu bedienen. Genützt hat diese Propaganda für die „Aufklärungsbibel" mittels eines Index gegen das „Zeeno Ureno" so gut wie gar nichts. „Zeeno Ureno" blieb doch das populärste Erbauungsbuch, während die großen Masten die neue Berliner Uebersetzung zunächst ablehnten. In Deutschland hatte man auch nach dem Fallen der Ghettomauern, nachdem das Jüdischdeutsch als Volkssprache der Juden längst verschwunden war, bis an die Schwelle unseres Jahrhunderts noch lange in den jüdischen Sabbatstuben seine beseligende Freude in der Lektüre des „Zeeno Ureno" gefunden. Ei n e g u t e, sch ö n tun ddemGe ist e des Originals i n S p r a ch e U n d D i k - tion an ge paßte deutsche Uebersetzung des „Zeeno Ureno" wäre heute eine große Tat. Eine sonderbare Leichenbestakkung. Die Straßen Lodzs fahenjdiefer Tage ein seltenes Bild. Viele Hunderte von Juden und Jüdinnen folgten neben anderen einem Sarge, der ganz mit Blumen bedeckt war und dem ein katholischer Geistlicher in Toga voranschritt. Es war die letzte Fahrt des Karl Krämer, .eines Christen, um den zu weinen, unzählige Juden volle Ursache hatten. lieber diesen Krämer wird, folgendes erzählt: Vor einem halben Jahrhundert etwa kam die Familie aus einem Dorfe nach Lodz und siedelte sich in der Vorstadt B alu t an. Der alte Krämer, Vater von Karl, hatte sich durch Fleiß und Intelligenz ein ansehnliches Vermögen erworben und ein großes stattliches, dreistöckiges Haus mit Hof und Hinterhaus und allem Zubehör errichtet, das der Sohn Karl noch wesentlich ausbaute. Als Mieter kamen in dieser armen Gegend nur arme Weber, zumeist Juden, in Betracht, und das Verhältnis zwischen Hausbesitzer und Mieter war ein solches, daß es. in dieser Zeit des Materialismus schon fast sagenhaft klingt. Krämer hatte keinen Hausverwalter, keinen Hausmeister, und hatte nie Polizei oder Gericht gegen Hausbewohner in Anspruch genommen. Die Beziehungen waren etwas patriarchalischer Art. Je am Freitag nachmittag erschien er im Hof mit einem Bänkchen, setzte sich und klingelte mit einem Glöcklein, woraus sich die Mieter von allen Seiten etnstellten, um dem Hausherrn die Wochenmiete einzuhändigen. Kam aber mal einer oder eine und brachte zitternd hervor: «Cs reicht heute nicht", so tröstete sie Karl Krämer: .Nehmet euch das nicht so sehr zu Herzen, nächstes Mal!" Zuweilen klagte aber ein arbeitsloser Weber oder ein Wasserträger: „Es ist bitter, Panje Krämer, nichts im Haus für den Sabbat." Da konnte.aber der Alte böse werden und er fuhr den Mann an: „Na was schweigst du denn, wenn du nichts hast; willst du etwa am Sabbat mit deinen Kindern hungern?" Sprachs und drückte dem Manne oder der Frau von dem eben eingenommenen Mietsgelde so viel in die Hand, daß es für den ersten Sabbatbedarf reichte. Zur lieben Gepflogenheit war es schon geworden, daß Panje Krämer am Laubhüttenseste die in seinem Hose von den Mietern gemeinsam ausgestellte Sukko besuchte, um mit seinen jüdischen Freunden ein Glas Vollprozentigen, dem Jomtow zu Ehren, zu leeren. Das gehörte schon im Hofe des Krämer mit zum Feste. Diese gutmüttge Art. das goldene Herz, hatte Karl Krämer von seinem Vater geerbt. Man erzählt sich in Lodz, daß der alte Krämer auf seinem Sterbebette seinen Kindern feierlich ausgetragen hatte, nie und nimmer einen säumigen Mieter zu pfänden oder auf die Straße zu setzen. 'Karl hütete das Vermächtnis wie ein Heiligtum. Erst vor Kurzem, am letzten Freitag vor seiner Krankheit, brachte ihm eine Wittwe das schuldige Mietsgeld und bemerkte dabei, daß ihre Tochter daheim schwer krank darniederliege und sie nicht einmal so viel hätte, um Doktor und Apotheker zu bezahlen. Krämer gab ihr ihr Geld zurück und noch 25 Zloty dazu, daß sie sofort einen Arzt hole. Auf dem Krankenbette — er erkrankte an einer schweren Lungenentzündung — bat er zwei Juden aus seiner Mieterschar, sie möchten sofort zum Rebben nachAlexander fahren, daß er für seine Genesung bete. Das ist auch ungesäumt geschehen. Aber wie die ärztliche Hilfe, so versagten auch die Gebete. Karl Krämer starb,-von keinem so ehrlich und so tief betrauert, als von den Juden, die Jahrzehntelang seine Wohltaten genossen. Am frischen Grabe wies der Geistliche auf die große Judenschar im Ehrengeleite hin, um daran das goldene Herz und die große Popularität Karl Krämers, der m seinem Wohltun keine Grenze nach Rasse und Religion kannte, zu demonstrieren. (Ein Verzeichnis der Amoräer.) Ws Sonderdruck aus dem zweiten Band der „Encyelop-aedia Judawa" liegt uns ein von David Josef Börnste in mit ungeheurem Fleiße zusammengestelltes Verzeichnis sämtlicher Amoräer, die im babylonischen und jerusalemischen Talmud Vorkommen, mit Angabe von Quelle, Zeit und Ort vor. Es dürften annähernd 3000 Namen sein, die hier in alphabetischer Folge ausgeführt werden. Allerdings ist zumeist nur eine Quelle, in der der Name des Amoräers vorkommt, angegeben. Dagegen findet sich hinter jedem Namen die Angabe, welcher Generation der babyolmfchen bezw. palästinensischen Amoräer der betreffende angehörte. Das Verzeichnis wird nicht nur wissenschaftlich wertvolle Dienste leisten können, sondern auch jedem Talmudbeflissenen beim Lernen oft ein willkommenes Hilfsmittel, sein. Iamiliennachrichteu. Barmizwo: Simon, Sohn des Herrn Simon Bobad, Frankfurt a. M., Ostendstratze 8. Synagoge Ksn nuns JiatP '"pTxn nr1?"* — Heinrich, Sohn des Herrn Jakob Erlanger-Bollag, Luzern. — Sami Faust, Sohn der Frau Max Pelzei geb- Springut, Frankfurt a M., Obcrmainanlage 1. xsri vj nuna- Synagoge Börneplatz. Gestorben: Selrna Jacob, gest. am ii. Aug. 1923, ts?Tnp ri2U> in Badenwetter, 26 Jahre alt, Tochter des Lehrers I. Jacob. Briefkasten. S. H in Amsterdam. Wir haben Ihre Bemerkungen Herrn Rabbiner D. in A. weitergeleitet. Besten Dank! Wochenkalender. v. 25. Aug. bis 1. Sept. 1828. / v. 9. -16. Elul 5688. ’3 Samstag Aug 25 9 Lonntag 26 10 Montag 27 11 Oienstag 28 12 Mittwoch 29 13 Donnerstag 30 14 Freitag 31 15 Samstag kS 1 16 ’D 8130 IbfQ Bevorzugt von der anspruchsvollen Hausfrau Außergewöhnliche Vorzüge, trotzdem niedriger Preis. E.HAGES Co. Um Eschenheimertor Z G (Stadtgarten)^ Quam* Moritz Wolf Zigarren T.UIraÄ Die hebräisch« Buchhandlung Säuger u. F rie dbe r g, Frau ff ur t a. M., die von kurzem ihre Geschästslokalitäten nach Hanauerlandstr. 17 (ehern. Aguda-Lokal) verlegte, hat in diesen weiten, schönen Räumen in außerordentlich übersichtlicher Weise ihre großen Warenbestände untergebracht. Getrennte Abteilungen für Ritualien, Sortiment, Verlag und Antiquariat bieten dem Besucher ein durch seine Reichhaltigkeit Überrascheudes Bild der jüdischen und hebräischen Literatur. Ein Besuch — ohne jeden Kaufzwang — dürfte für jeden Interessenten außerordentlich lohnend sein. .Das Lokal in günstiger Lage (Ecke Hanauerlandstr. und Theobaldftr). ist von allen Stadtteilen leicht mit den Straßenbahnlinien 3, 6, 14, 15 und 18 zu erreichen!. Aeranrwortlich Mr den allgemeine» SEetl und vas ycmUtss* S. Schach norvitz, Frankfurt a. M.; Inserats i. V: S« Schacht «owitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer »- ttaufmann in Sprendlingen (Skr. Offenbach). — Verlas .Israelit". G.m.b. H.. Frankfnrt a. M. — Druck Sermon Verlag«« Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.