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Der Israelit · 1928-08-23 · Heft 34 (23.8.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 34 (23.8.1928)
Date
1928-08-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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nr. 34 192$ Kanonen nnd Tesilloh. kriegserlebnisfe von S. Br. AiY (Fortsetzung.) Doch es gab auch ruhige Nächte. Da schwieg die Klingel. Der Schritt des Postens klang durch die Nacht, und weit hinten nur murrte das furchtbare Gewitter, wo es statt Wasser Blut regnete. Dann ging ich nicht selten über meinen Tornister und holte mir den Lek ute-Z ewi, der mir durch meine ganze .Kriegszeit ein treuer Begleiter gewesen war. * Diese „Blütenlese" aus Bittgebeten, Lebensregeln, Traktaten aus dem Talmud war so recht geeignet für das Leben da draußen mit seinen wechselndien Stimmungen. In die nagenden Zweifel und Kümmernisse über den Fortgang des Krieges und über das persönliche Schicksal brachte die Beschäftigung mit den Mischnahtexten beruhigende Abwechslung. Und das manchmal wankende Vertrauen wurde beim Lesen der Jgeres Teschuwoh *) wieder gefestigt. Aber schon der Anblick dieses jüdischen Buches verscheuchte jen^s Gefühl der Verlassenheit, das den jüdischen Soldaten in den Bereichen des Krieges so oft befallen! hat. Das kleine Sefer stellte sofort wieder die Verbindung mit der jüdischen Gesamtheit, her; es zeigte auf die Brüder hin, die zuhause über dieselben Traktate lernend sich beugen und deren Lippen die gleichen Bitten sprechen. Dieses lebendige Wissen um die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die im Frieden, in der Gerechtigkeit und Wahrheit ihre alleinigen Stützen sieht, das stärkte und tröstete in der schrecklichen Wüste der unbarmherzigen! Herrschaft des Schwertes. — So sah ich in einer solch stillen Nacht über dem Abschnitt Rosch-haschonoh. Da hörte ich klirrende Sporen auf der Gasse. Dann einpaar schnelle Schritte. Und unter der Türe stand der Batteriechef. Ich machte Meldung. Der Offizier schaute über die Apparate und den Tisch Hin und bemerkte das geöffnete Büchlein. \ „Was" lesen Sie da? Welche Sprache reden d'sese eckigen, Kuchstaben? " Dabei deugte! er sich über den Text. „HebWschl Teile der jüdischen Lehre." . Der Oberleutnant zog einen Hocker herbei, setzte 'sich , Und sagte: - > „Das müssen Sie mir erklären! Ich habe noch kein hebräisches Büch gesehen." Ich begann die schwierige Aufgabe, ühm zunächst den Charakter der Schrift, die verschiednen Arten derselben unddann den Inhalt einer leicht verständlichen Mischnah zu erklären. Ex hörte zu wie ein aufmerksamer Schüler. Sein Interesse kam nicht zuletzt aus seiner gütigen Art, die Werte eines Andersdenkenden zu achten. Nach einer Weile erhob er sich: „Ich habe manches.verstanden!. Aber schwer erscheint mir das Studium. Sehr schwer!" Dann: »Heute Nacht ist nichts mehr los.' Dre wichtigsten Meldungen sind schon durch. Sie können Schluß machen! Gute Nacht!" - •; „Gute Nacht, Herr Oberleutnant!" / Seine"Sparen klirrten noch länge aus der Gaste.her.’ -V. " 'V..... ':• * ' Und als ich mich später auf die Pritsche streckte, spürte ich in mir heiterste AufgeschlosseN¬ *) Briefe der Butze. heit. Denn, da war ein Mensch gewesen, der an den Geist glaubte. — Vor Reims. Am Schewuos, um die Zeit, zu der sich ganz Israel in seinen Synagogen zum Mincho-Gebet versammelte, begann unser Vormarsch auf Reims zu. Mähend weittragende Geschütze über uns hinweg einen Wald beschossen, aus dem dann die Rauchwolken wie mächtige Ballone in die Höhe Degen, fuhren wir Schritt für Schritt auf einer staubigen Landstraße dahin, stiegen die Höhe hinauf, auf der die R os nay - F e rm e*) liegt, protzten dort ab und sandten selbst einige Hundert Granckten gegen die alte Krönungsstadt. In der Nacht darauf rückken wir gegen den nahen Wald vor und lagerten darin. Zwischen das Wurzelwerk einer breiten Fichte legte ich mich zum Schlafe hin. Indem ich den Tornister als Kisten zurechtlegte, erinnerte ich mich unseres Stammvaters Jakob, als er, vom Elternhaus fortziehend, unterwegs auf freiem Felde, einen Stein unter seinem Kopfe, nächtigte. Und mit ihm sprach ich — wenn auch in anderer Beziehung — die Worte: „Mah noroh hamokom haseh! Wie furchtbar ist dieser Ort!" Im dunkelsamtnen Nachthimmel hingen — helleuchtend wie der Mond — 5 bis 6 Leuchtraketen, denen es ein besonderer Mechanismus ermöglichte, in der Luft eine Weile fülle zu stehen, damit die feindlichen Flieger ihr Ziel bester zu sehen vermöchten./ Von Zeit zu Zeit schlugen dann auch Bomben in den Wald, der dann aufrauschte, als wenn der Sturmwind ihn packte und seine Baumriesen, aus dem Boden! reißen wollte. Nachhallend ging das Dröhnen in ein Winseln und Stöhnen aus, so wie Hunde heulen, wenn sie geschlagen werden. Dann noch einmal ein Donnerschlag, daß die Erde schütterte. Und gar nicht weit weg ein wahnsinniger Schrei und noch einer. Aber schon ein Zittern darin: das war der Tod. Wenn die Mondraketen erloschen, flimmerten wieder die Sterne unddie Luft war voll Vlütenduft von Geißblatt und Flieder. , Käfer und Nachtschmetterlinge flogen über mich hin und die Ameisen krabbelten über meine Hände. Eine bleierne Müdigkeit legte sich auf mich. Der Maitag war warm gewesen, der Weg weit und anstrengend. Trotz der Geschoßeinfchläge fielen mir die Augen zu. Nur wenn die fliegenden Erdbrocken, die Stein- und Holzsplitter durch die nahen Baumkronen prasselten, kam das fliehende Bewußtsein zurück. Und ein Schauer ging durch die Glieder. So ohne Ursache, so geisterhaft war dieses Tropfen und Fallen;- denn der Einschlag war längst verhallt. Nach'einem sülchen Auftaumeln wurde ich plötzlich ganz wach. Ein Gedanke hatte mich wie ein-elektrischer Schlag durchzuckt: Ich. hatte das Nachtgebet vergessen. Ich setzte mich mit dem Rücken gegen den Nadelbaum und starrte in die Finsternis. Da war kein Laut mehr. Das feindliche Feuer war wohl verlegt worden. Aber auch die vielen Soldaten unter den Büschen und Bäumen rührten sich nichts Die Dunkelheit hatte mich vollständig eingeschlossen. Und ich spürte die Einsamkeit wie einen schmerzenden Druck. Da begann« ich: „Hamapil chewlei schenoh al einaij usenumoh al afapoij“. Und betete, jedes Wort leise sprechend, weiter. Drei, vier, fünfmal sagte ich den Satz im 91. Psalm: „Und-seine Engel befiehlt er zu Dir, Dich zu behüten auf allen Deinen Wegen." Dünn: „Ich lege mich hin und schlafe ein, ich erwache wieder, denn der Ewige stützt mich". Und bei dem Hamaloch kam 'ich mir vox wie ein Knabe, den! nur die Dunkelheit noch ein wenig , IM,!—<■—■— *) Gulshof. ängstigt, und nach dem „Priestersegen" ließ ich mich wieder langsam an den Boden gleiten. Im Halbschlummer schon beendete ich das Gebet und ich träumte, daß ich im Bette des elterlichen Hauses läge. Der Vater kam noch einmal in die Kammer, strich leise über die Bettdecke und flüsterte: „Gute Nacht!" — Am späten Morgen weckte mich der Wachtmeister. Die Verlustmeldung war einzuholen. — (Fortsetzung folgt.) Das „Zeeno Ureno" und sein Verfasser. Es sind gerade 300 Jahre her, daß man in Prag einen Mann mit Narben Jakob den Jizchak zu Grabe brachkte, einen sogenannten Wandermaggid, der von Stadt zu Stadt und von Land zu Land herumfuhr und mit seinen schönen, warmherzigen und volkstümlichen religiösen Vorträgen aller Herzen gewann. Nebenbei verkaufte er religiöse" und Möralbücher für .Frauen und Mädchen in Jüdischdeutsch. Es war keiner von den gewöhnlichen fliegenden» Bücherhändlern; ein großer Gelehrter, ein Mann von Typ und von der Berufung durchdrungen, das Gotteswort zu popularisieren, den Frauen und Ungelehrten, die geistige Kost zu bieten», die ihnen im Lehrhause abging, war Jakob ben Jizchak, und die Bücher, die er verkaufte, waren vornehmlich aus der Werkstätte seines eigenen Geistes hervorgegangen. » Dieser Rabbi ben Jizchak ist der Verfasser des beliebtesten und populärsten Buches, das die jüdische Volksliteratur je gekannt hat, des „ Z e e n o Ureno". Der Name des Autors blieb hinter seinem Werke weit zurück und geriet in Vergessenheit. - Jakob ben Jizchak stammte aus dem polnischen Städtchen Janove bei Lublin», war also nach Landeszugehörigkeit Pole, obwohl er sich stolz Aschken a s i nannte. Er führt seinen Stammbaum bis auf Raschi zurück, der sich aber, wie alle Stammbäume, unserer Nachprüfung entzieht. Ein Gelehrter von großem Format, war er von den größten rabbinischen Autoritäten seiner Zeit hochgeschätzt. Seine Spezialität lag auf dem Gebiete von Midrasch und Agada und der poetische Stoff fand in ihm einen künstlerischen Gestalter, wie er seinesgleichen in der Literatur sucht. In den letzten Jahren schlug er seist Domizil in Prag auf,' wo er iiN Elul des Jahres 1628 aüch starb. Das Geburtsjahr dieses seltenen /Mannes kennen wir nicht. Wir misten nur, daß^ er mit seiner literarischen Tätigkeit 1585 begann, in welchem Jahre sein erstes Werk unter dem Namen apjp Bnff in hebräischer Sprache in Krakau erschien. Es ist eine übersichtliche Zusammenstellung von rituellen Vorschriften nach „Schulchan Aruch". Nach diesem einzigen hebräischen Versuch schreibt er nur noch in dem dem Volke und besonders den Frauen! zugänglichen. Jüdischdeutsch, und hier ist es chm beschieden, volkserzieherische Arbeit im besten Sinn aus Jahrhunderte hinaus zü leisten. Außer dem „Zeeno Ureno" sind aus seiner Feder noch zwei Bücher für das Volk unter dem Namen *wv> f’fo und *ra»n hervorgegangen. Das erstgenannte Werk ist eine Sammlung von Erklärungen! zur Thora homiletischer Art. Er gibt aus Eigenem und aus fremden Beständen und bezweckt damit, seine populären Ansprachen, die in Stadt und Land größten Eindruck machten, mittels des Druckes ins letzte Dorf hinzutrlygen, wohin sich der Fuß eines Wanderpredigers nie verirrt. Das Werk wurde zum ersten Mal im Jahre 1585 gedruckt und erlebte 80 Jahre später in Amsterdam eine zweite Auflage. Das zweite Werk ist eine volkstümliche Ueberfetzung der Propheten und biblischen Schrift

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