Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1928)
- Date
- 1928-08-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Jeuilkton Der Kanonen und Tefilloh. Kriegserlebnisse von S. Br. (Fortsetzung.) Verständnislos blickte ich den Schreiber an. Doch der riß den Bogen herum und zeigte auf einen Nachsatz der Abteilungskanzlei: „Zurück an die 7. Batterie mit der Verfügung, daß Br. auf den Stand der 8. Battr. zu beurlauben ist, wofür später der umgekehrte Wechsel stattzufinden hat." Der Abtlgs.-Kommandeur: Kollmann, Major. In einer Sekunde war ich aus einem Stück Holz wieder zu einem fühlenden Menschen geworden. Meine Sinne arbeiteten zugleich. Ich sah einen weiß gedeckten Sedertisch, ich hörte den Ädir hu, auf meiner Zunge spürte ich süßen Palästmawein und glaubte im kissenbelegten Sessel angelehnt zu sitzen. Ich war aber auch auf einen Stuhl gesunken, den mir der Schreiber zugeschoben hatte. Dann sprang ich auf, gab dem mit echter Freude teilnehmenden Kameraden die Mazzos, den Wein und die Konserven und fuhr nach zwei Tagen über Luxemburg in die Heimat. Im Zuge holte ich die Haggodoh heraus und fang alle Sederlieder in unendlicher Folge. Wenn ich aber zu dem Schefoch chamofecho kam, erlaubte ich mir den Schaltsatz: „Aber des Major Kollmann sei zum Guten gedacht!" — Und die Lei! Schimurim war wunderwirkend. Die Schlacht am Winterberge brachte unsrer Batterie große Verluste. Den Schreiber traf ein Granatsplitter ins Herz. Und das Telegramm, das mich wegen des Mannschaftsmangels früher hätte zurückrufen sollen, ist mir nie zugestellt worden. — Das Schloß. Aus den Wäldern von La M a l m at f o n kamen wir ins Lothringische und einige Tage vor Schewuos, das gerade mit Pfingsten zusammenfiel, bezogen wir Ruhequartier in dem netten Städtchen Cha t e au - Sal.i n s. Für Nbte Feiertage war ein jüdischer Feldgottesdienst in derb ca. 12 Kilometer entfernten Delme anberaUmt worden. Da ich am Jomtow nicht so weit gehen wollte und auch die Einladung des Wachtmeisters, meine Gebete iw der Kirche zu verrichten, abgeschlagen hatte, holte ich meine Tefilloh aus dem Tornister und begann in dem jetzt stillen Zimmer nach feiertäglichem Nigun den Adon olom. Mittendrin fiel mir ein, daß Chateau S a - l i n s ja eine jüdische Gemeinde gehabt habe. Wohl waren die Juden nach Kriegsbeginn ins Innere des Landes gezogenaber die Synagoge mußte noch vorhanden fein. Darin ließ es sich stimmungsvoller beten. Ich wollte dort einen Gottesdienst, halten, als stünde eine große Zuhörerschaft hinter mir. Ich stürmte aus dem Hause, durch Straßen und Gassen. Nirgends eine Menschenseele. Aus einer Kirche kamen Orgeltöne und ein paar Glocken aus fern>en Dörfern mischten sich zü farbigen Akkorden^ Ich ging über eine Brücke und stand vor der Synagoge. Es war ein einfacher Vau mit.einem Rundfenster über der Türe und einem Gärtchen davor. Ich drückte auf die Mnke des GMErchens. Düs ging eisten Spalt weit auf; dann klirrte etwas Eisernes. Als ich mich bückte, sah ich eiste starke Kette, deren Enden von einem Schloß zusammengehalten waren. Wütend zerrte ich an dem Verschluß. Dann wollte ich über den Zaun klettern. Aber auch an der Synagogentüre selbst hing ein mächtiges Schloß und wehrte den Eintritt. Da stützte ich meinen Kopf gegen das Gitter und fuhr leise singend im begonnenen Morgengebete weiter. Und war es ein Echo aus der stillen Gaffe oder der Widerhall von der Mauer des Gotteshauses: in meine Gebetsworte klang ein sanftes Klagen und ein klingendes Seufzen: So wie eine Mutter seufzt nach ihren Kindern: Es war vielleicht die Trauer des Gotteshauses ob feiner öden Einsamkeit; es war vielleicht der Ausdruck seiner Sehnsucht nach den frommen Betern, die der Kanonendonner in die Weite getrieben. :— Die Berochoh. In den Wäldern um S t. Mihi e l reiften die Brombeeren und« die Haselbüsche warfen die länglich-runden Nüsse ins hohe schon gilbende Gras. Die Schnecken verkitteten ihre Häuslein und der Igel rollte sich im weichgepolsterten Lager unter Blättern und Zweigen zusammen zum Winterschlaf. Die Natur kümmerte sich wenig um die verrückt gewordenen Menschen; sie folgte voller Treue den Befehlen ihres Scyöpfers, reifte, vollendete sich, trug Frucht und sorgte für deren späteres Wachstum. Der mit Vernunft begabte Mensch aber erhob sich gegen seinen Gott und mordete, brannte, zertrat und vernichtete tausende von Lebenskreisen. Er säete nicht friedlichen Samen, sondern warmes Blut. Und e r erntete nicht im verglimmenden Rot eines friedlichen Sommerabends, sondern der Tod führte mit starkem Schwung seine Hippe unter den Feuergarben aus zahllosen' Kanonenschlünden. — , Aus den herbstlichen Wäldern um das Fort Camp des Romains bei St. Mihiel wurde unser Regiment nach Flandern. verschoben. Von Brügge aus marschierten wir nach dem Meere hin. Wer dieses flämische Land einmal gesehen, rvird die Sehnsucht nach ihm nicht mehr los. Die breiten, in ihrem mittleren Teil gepflasterten Straßen sind verändert mit hohen Bäumen, die ihre Krone dem Winde ab gekehrt ein wenig nach unten neigen. Auf Bildern belgischer und holländischer Maler sieht man diese stillen, von einer leisen Melancholie umfangenen Landstraßen. Sie liegen oft etwas erhöht, so daß »man von ihnen aus weithin schaut in das ebene Land. Die oft schnurgeraden Kanäle dort verraten sich am ersten durch die Barken und Motorschiffe, die ohne viel Geräusch, ganz zauberhaft an den fetten Wiesen vorbeigleiten. Und ein paar Windmühlenflügel stehest immer gegen den Horizont und gleichen vorsinitflutlichen Riesentieren mit mächtig ausgefpreiteten Flügwerkzeugen. Ueber viele Brücken kamen wir mit einem Unterseeboot, das beschädigt auf einem Kanal neben uns hergeschleppt wurde, nach O st e n d e. Erst an hübschen Vorstadthäuschen, vorbei, dann an prächtigen Hotels, ruhig-vornehmen Patrizierhäusern vorüber, deren Sauberkeit aber durch den Krieg gelitten zu haben schien. Durch die mächtige Konigenstraat rumpelten unsere Haubitzen dem Vororte Mariakerke zu. Der Abend kam langsam und der Himmel war ganz in Grau.. Jetzt mischte sich in das Dröhnen der Fahrzeuge ein sonderbares hohles Sausen. Dies wandelte sich allmählich zuieinemDchlagen, als würden von vielen Hände^ Hunderte Hon LeinwM)- tücher in die Luft geschüttelt. Und; dastn ein ■ rauschendes Töfen, da wir >!üm'„ ein.Straßeneside bocftn. - ' ' P ' . ■ I:' '''; ’ „Das Meer I" steigt vorne ein Schrei auf. Ich recke mich ein wenig von meinem Sitze in die Höhe. Da breitet sich eine graue Ebene, die auch der herabgezogene Wolkenhkmmel sein könnte. fit. n Aber Schiffe liegen da draußen mit qualmenden Schloten. Nun, auf den: Kai hinfahrend, sehe ich den sandigen Strand, die gischtigen Wellen, die ihn peitschen und das Heben und Senken auf dieser ebenen Fläche. Endlich hat mein Auge die Linie zwischen Himmel und Wasser gefunden, es hat in wenigen Augenblicken gelernt ein Grenzenloses zu überschauen. IM» es bildet sich mir ein Begriff von der endlichen Unendlichkeit des Meeres. Ich erschaure. Ich springe auf; der Atem ist eingeklemmt in der Brust, die Zähne sind in die Lippen verbissen. Ich fühle, daß etwas in mir bersten wird, wenn ich mir nicht durch ein Wort Luft machen kann. Meine Hände klammern sich an die Lehne des Sitzes und abgehackt und gestoßen kommt es von meiner Zunge: „Boruch atoh.. . fcheosoh es hajom hagodol." Befreit sinke ich zurück. Mit einem tiefen Dankgefühl für unsere Weisen, die für sülche außerordentlichen Erlebnisse, die den Menschen bis „zur Zerknirschung" bringen, ein erlösendes Wort bereitgestellt haben, damit wir in unserer Winzigkeit nicht vergehen. — Vier Wochen lang donnerten unsere Geschütze mit dem Meere. Der Weihnachtsmann. Wo die Lebensverhältnisse so grundlegend geändert wurden wie im Weltkriege, wo der Reiche neben dem Steinklopfer kämpfte und starb, wo der Philosoph mit dem einfältigen Ziegenhirten aus dem gleichen Suppennapf aß, da durste man sich auch nicht wundern, wenn — sicher ohne Absicht — gerade die zwei Juden ir£ der Batterie bestimmt wurden, für die Weihnachtsbescherung zu sorgen. Auf dem beschneiten Bauernhof hinter C a mb r a i stand der Fahrer Nathan L. mit einem gewöhnlichen Bauernwagen, den wir ist irgend einem zerschossenen Dorf aufgelesen hatten, und wartete auf seinen Begleitmann. Da rief mich der Wachtmeister. „Ich hoffe, daß Sie dafür eintreten, daß die 7. Batterie bei der Verteilung nicht zu kurz kommt!" „Zu Befehl, Herr Wachtmeister!" Der Himmel hatte sich aufgehellt. Es war kälter geworden und wir hatten einen weiten Weg voruns. Deshalb wagten wir ein verbotenes Träblein. Vor dem Hause des Zahlmeisters warteten bereits die Gefährte der anderen Batterien. Aber die Ausschüttung 'war bereits vortzenommen worden. „Ganz gleichmäßig nach der Kopfzahl," versicherte der Zahlmeister. Ich hatte also kein Recht, in die Feststellung meines Vorgesetzten Zweifel zu setzen. Da lagen auf "einem Haufen, kunterbunt gemischt: Haarbürsten, Bleistifte, Strümpfe und Patentknöpfe, Spiegel, Hosenträger, Kämme, warme Unterwesten, Feuerzeuge, blecherne Zigarettenetuis, Schals, Klappmesser. Briefpapier und Fußlappen. Pelze, gefütterte Handschuhe, Zephirhemden waren nicht dabei. Die Gaben waren ja auch nur für den gemeinen Mann berechnet. Der brave Bürger zuhause wußte ja, daß die Offiziere zugunsten ihrer Untergebenen verzichtet hätten. Ich reichte die Stücke dem Fahrer durchs Fenster hinaus. Der schlug sie noch m eine Plahe, damit nichts davon zwischen, die Wagenbretter Hindurch, zur Erde falft. ji, /Darüber legte ich einen grsisten Tannenbaum, den mir der Zahlmeister zuletzt noch zugewiesen hatte. Bei der Rückfahrt begann es zu schneien. Als wir wieder in den Bauernhof hineinholperten, kamen alle herausgelaufen. Und als sie