Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-08-16 · Heft 33 (16.8.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 33 (16.8.1928)
Date
1928-08-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450527--75213-2532725
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seile 2 Nr. W Neue Waffen für den alten Kampf. Dokumente aus dem jüdischen Kulturkämpfe in Rußland. Von einem bekannten chassidischen Rabbi hörte ich einmal das treffende Wort: „Wenn sich zwei Heere im Kampfe gegenüber stehen, so wird aller Voraussicht nach der Sieg d e r Kampfpartei befchieden fein, die über die neuesten und besten Waffen verfügt. Es war und ist unser Unglück im Kampfe für die Emuna, daß die vom I e z e r Hora angeführten Heere sich der Waffen neuesten Kalibers bedienten, während derJezerhatow mit alten und verrosteten Waffen kämpfte, ein ungleicher Kampf, der Mißerfolge bringen mußte." Als in Deutschland Samson Raphael Hirsch mit seiner Schar der Treugebliebenen den Kampf aufnahm und die Gegner der Gottessache mit ihrer eigenen- Waffel mit Wissenschaft, Logik und dem Rüstzeug -einer geschloffenen jüdischen Welt- und Lebensanschauung, zu schlagen suchte, war es etwas spät, aber nicht zu spät. Die Verwüstungen, die fünfzig Jahre Assimilation und Reform angerichtet hattenkonnten nicht über Nacht i wieder gutgemacht werden, aber die Arbeit des Wiederaufbaus fand guten reinen Grund und nahm gute Entwicklung. Im Osten zog sich der ungleiche Kampf noch ein paar Jahrzehnte länger, fast bis zur Weltumwälzung des August 1914. Während sich im Westen die beiden Kampsparteien auf enger Fläche mit gleichen Waffen fanden und trafen, so daß es zum Entscheidungskampfe kommen konnte, war auf der Ostfront die Kluft zwischen den beiden Parteien so tief und gähnend, daß rMn ba nr nr mp rr^ sie sich während dieser ganzen Nacht kaum auf Sichtweite näherten. Für den Rabbi im Städtchen, den Porusch in der Klaus und den Bachur auf der Jeschiwo, wie für die große im Ghetto lebende und leidende und in Treue zum Gesetze verharrende Masse war die kleine Gruppe, die man nie im Lehr- oder Bethause sah, die sich entweder in russischen Kraftausdrücken auf der Straße und im Klub oder in gutem Hebräisch in Jettungen und Büchern gegen die veralteten Bräuche und ihre Träger austobten, einfach nicht existent, während auf der anderen Seite die sogenannten Kulturträger noch ihrer ersten gescheiterten Missionunter Lilienthal und Konsorten alle weiteren. Versuche aufgaben und sich damit begnügten, mit der Lauge ihres Spottes die sich immer mehr weitende Spaltung zu übergießen. Der Israel i t Beachtet sei freilich, daß die Aufklärer im Osten des vorigen Jahrhunderts keine Einheitsfront bildeten, getrennt marschierten und ebenso getrennt f e h l s ch l u g e n. Aus der einen Seite die ganz dünne Schicht der unentwegten Assimilanten, die auf Grund irgendwelcher Privilegien durch Gymnasium und Universität gelaufen waren, und, auf chrem Scheine bestehend, mit cmem gut jüdischen, durch nichts zu erschütternden „ U n d d e n n o ch! " an den russischen Menschen glaubten unddie Amalgamierung ersehn;- ten, ja, für sich durchführten; auf der anderen Seite das große polternde Heer der Maskilim, von deren lautem Rufe nach Anderssein der Blätterwald ihrer Zeitungen widerhallte, wie die um S m o l e n s k i n im „Haschachar", später um G o r d o n, Lilienblum, Zederbäum und andere in „Hameliz" und „Hazefirah". Chassidim und Misnagdim fanden sich in der negativen Ablehnung der Aufklärung immer, Afsimilanten und Maskilim in ihrem Kampfe gegen das alte Judentum nie. Die „Aufklärer" von der Observanz der Maskilim waren, im Grunde genau so weltfremd wie. die Beshamidraschjuden, nur daß ihnen die geistige Bodenständigkeit der -letzteren, in jüdischer Lehre und Denkart gefestigt, fehlte. Sie schrieen nach Wissen und Aufklärung und wußten an Wissen und Aufklärung nicht mehr zu bieten, als eine verworrene Zeitungsartikelphraseologie und eine seichte Belletristik, die geistreichelte und spottete und oft genug das eigene Nest beschmutzte (stehe Smolenfkm: .ixm.i' Mappu: xm v'X und natzw pianx)« Dieser Lärm um nichts dauerte bis zu den achtziger Jahren an, da durch den Hammerschlag der ersten Pogrome in Südrußland die Gemüter geweckt wurden. Die Haskalahliteratur fand ihre neuen Ziele, ihren Kurs nach Zion. Freilich war der Zionismus von damals, bis zum Herzlfchen „Judenstaat" und-dem ersten Kongreß, weder eine politische noch vornehmlich kulturelle Bewegung, sondern mehr eine philantropische Organisation (jr>x ’aain) mit blassem nationalem Hintergründe. Die Haskalahliteratur verstummt in der Folge fast ganz, sie ist nicht ein Opfer des Weltkrieges, sie war früher schon tot, gleich als ihre ersten Früchte heranreiften und sich damit die Prophezeiung Jehuda Leib G o r d o n s, die er in einem lichten Augenblicke klarer Einsicht tat, erfüllte: .nanp nur? ,w ö’aHi nan rii'in« »an 111,1 iriai •law* Dffa 01,?a ’^in?,uk ix na ix Krieg und Nachkrieg haben ihr den Rest gegeben. Man kämpft heute im Osten nicht mehr um und gegen Aufklärung, sondern es ist ein Kampf der Gaffe gegen, Thora und Aufklärung? soweit . 16. August 1928 diese noch in einem kleinen Kreise von Intellektuellen gehütet wird. Es hat zur Zeit, da der Kulturkampf in Rußland tobte, nicht an einzelnen Versuchen gefehlt, auch gutjüdische Kräfte mobil zu machen und sie mitguten neuen Waffen auszurüsten für den Kampf um Thora und Emuna. In einem Städtchen Ostpreußens) in Lyk, faß mit dem Blick nach dem Osten David Gordon, der Herausgeber des „Hamagid", in dem eine Zeitlang die Rabbinen ein Organ für die jüdischen Interessen fanden und einen Sammelpunkt zum Schutz und Trutz. Bis eines Tages der „Hamagid" feinen Sinn änderte und halb ins andere Lager hinüberschwenkte. Das hebräische Journal piabn konnte sich aus Mangel an Verständnis im gesetzestreuen Osten für die moderne Waffe der Presse dort nicht lange halten, wurde in Paris von neuem ins Leben gerufen, und hatte später eine kurze Blütenzeit als Beilage zum „Israelit" in Mainz. Es war zu kurzlebig und zu weit vom Kampfplatze entfernt, um die Entwickelung sichtbar zu beeinflussen. Die letzten Anstrengungen auf diesem Gebiete waren Mit 0*73,1 und xman vom bekannten „Poltawaer Raw" unternommen worden. Heute, da die Schlachten,rufe im Osten, mit weit besserer Strategie als damals, in Auswirkung einer zionistischen Schulung von drei Jahrzehnten, in Jiddisch ertönen, leidet die Orthodoxie genau noch wie damals unter dem gleichen Mangel an guten modernen Waffen und am Verständnis für Deselben. Die Wiederbelebungsversuche des „Jud" in Warschau belegen nur die bisherigen, Fehler und Versäumnisse, ,die Erfolge dieser letzten Anstrengungen werden zeigen, ob die Aera der Hilf- und Verständnislosigkeit chr Ende erreicht hat. Ein Schriftsteller aus jener Epoche der geistigen Kämpfe, einer der wenigen, die die Gefahren des modernen geistigen, Krieges verstanden und vereinzelt, ja vereinsamt, in der Abwehr standen und bis zuletzt auf verlorenem Posten ausharrten, spricht zu uns zum zweiten Mal in seinen Memoiren. Von dem Werke apx’ piai des Rabbi Jacob Halevi L i p f ch ü tz aus Kowno ist nun (herausgegeben vom Sohne des Verfassers, Notel Lrpfchütz, Kowno-Slabodko) der zweite Teil erschienen. Welch eiy Panorama aus dem Leben und Ringen der jüdischen Gaffe-in Rußland, Polen und Litauen im vorigen Jahrhundert tut sich uns da in den siebzig hebräischen Essais auf! Jefchiwa und Beshamidrasch reden zu uns. Der lebende Puls einer kampfumtosten Zeit rauscht durch die zweihundert Blätter des Buches. Dokumente aus der Gründungszeit der „Alliance Universelle Jsraelite", aus der Entste- Sprachliches und Sachliches im Gebetbuche. 1 Von Rabbiner Dr. Felix Kanker in Zwlttau (Mähren). In seinem von mir mehrfach erwähnten nun' -nan beanstandet Herr Rabbiner Eysler den Ausdruck -pnisaai i]mn am Ende des mp? miav. Das Verbum *P"> „nachjagen", „nachstreben" ufw., meint er nicht mit Unrecht, kommt in der ganzen Heiligen Schrift ohne die Präposition 2 vor. Vergl. *2om npax *pi ,aiv ’sai nrm tpin pix pir ufw. Rabbiner Eysler schlägt -daher die Lesart «11220 i'nixvi vor (ohne die Präposition des 2). In, dem von mir gleichfalls erwähntenfephardifchen Gebetbuche i'»n nby heißt es ’tpsi tjrnn -pmxn nnnv Es ist dies, wie leicht ersichtlich, die talmudifche Form, das Berbum *i*n mit 'in« zu verbinden, z. B. 2-1220 nm? «pn. Im Gebete rvns pn preisen wir Gott, „der den Sabbat heiligt und den siebenten Tag segnet ufw." Es heißt in unseren Gebetbüchern 'pov pam nawn vipn (nicht aber '5'2«m gleich mvn)- Dies ist um fo auffallender, als der Rambam tatsächlich nur die Lesart 'povn 11201 kennt (vergl. /> mbn v"v JvoVn ). Im T>»n nby hingegen heißt es auch wavn paai 022»,1 enp». *) Vergl. „Israelit" Nr. 25 vom 21. Juni. Große Schwierigkeiten scheint offenbar ein kleines Wort, aus bloß zwei Buchstaben, allen Ueberfetzern des Gebetbuches zu bereiten. Es ist dieses das winzige Wörtchen by in der Hymne ii^.-p am Ende des bbn -Gebetes. In den meisten Gebetbüchern heißt es i’py» io by .--ii^n* (in manchen Gebetbüchern ist bv eingeklammert). Mit diesem by wußten die meisten Uebersetzer offenbar nichts anzufangen. M. I. Landau übersetzt es: „lieber alles lobpreisen Dich Deine Werke" und scheint das nachfolgende io als bb auszufassen, t®?» ist nach ihm ein Subjekt und mit i'ioni beginnt ein neuer Satz. M. E. Stern übersetzt diese Stelle wie folgt: „Dir Lob und Preis, Du, unsere Gottesmacht! Ob all der Werke, die Du hast vollbracht." Eine andere Ueberfetzung lautet: „Sie loben Dich, Gott, über alle Deine Werke Deine Frommen." Man sieht, daß fast. Me Uebersetzer über eine gewisse Schwierigkeit nicht hinwegkommen und diese besteht in dem zweibuchstab igen bv- Am richtigsten dürfte schon die Ueberfetzung von Sachs sein, der by ganz wegläßt und dementsprechend übersetzt: „Mögen Dich preisen, Ewiger, unser Gott, all Deine Werke." Diese Ueberfetzung entspricht vollständig der Auffassung des Rambam ('» ,a"s nsani nV’aa xvoVn;, der ebenfalls die Lesart i’ewa io. (und nicht i>wa bb by) kennt. Dieselbe Lesart ist auch im sephardifchen Gebetbuche 2->an rkv vertreten. Der Ausdruck nviij?n...ii->i> im Tischgebete kommt nach Rabbiner Eysler nirgends vor: 2', meint er, wird nirgends mit dem Adjektiv ov-np in Verbindung gebracht. Er schlägt daher die Lesart wrran vor und beruft sich auf das Gebetbuch von L. Landshut (Königsberg, 1845), wo tatsächlich dieser Ausdruck (in- Klammern) vorkommt. In dem mir vorliegenden sephardifchen- Gebetbuch kömmt der Ausdruck nviipn 12' überhaupt nicht vor, sondern '121 namn p’. Kleines Feuilleton. Ein Palästinafilm. Die Palästina-Fil'm-Gesellschaft hat mehrere Monate in Palästina einen Film aufnehmen kaffen, der demnächst zur öffentlichen Vorführung gelangen wird. Von den Filmen, die man früher über Palästina zu sehen bekam, wird sich dieser neu aufgenommene Film ganz wesentlich und vorteilhaft unterscheiden, denn die Herstellerin des Films steht im Dienste keiner Partei oder irgend einer politischen Einstellung, sondernder Film zeigt das heilige Land wie es ist und wie -es augenblicklich aussieht. Der Film bringt hochinteressante- Aufnahmen vom Leben der dortigen Bevölkerung, packende Straßenbilder, orientalisch reizvolle Menschen-typen, Landschaften, kulturelle Anstalten, Krankenhäuser, althistorische Stätten wie auch alle heiligen Stätten, -die noch heute von den Gläubigen der ganzen Welt in Ehren gehalten werden. Er bringt auch Bilder von -der Arbeit, die dort geleistet wird auf den- Feldern-, in der Industrie und in den Lehranstalten. Besonders hervorzuheb-en sind die Aufnahmen: Jeschiwoth, die historisch so bedeutende Churwah-Synagoge, die Klagemauer, die Alfftadt Jerusalems mit ihren schmalen, unendlich malerischen Gaffen, mit ihrem bunten orientalischen', Völkergemisch, Bilder aus .dem jüdischen Viertel Mea scheorim, der Tempvlplatz, der Oelberg mit feinen zahlreichen Gräberfeldern!, Schulen und Anstalten der Zionistischen Organisation,- der Agudas Jisroel, sowie Makkabt beim Training auf dem Sportplatz. Rabbi Eppstein-, das Haupt -der Slobotkaer Jeschiwah in Hebron, das Grab Rahels, zu -dem fromme Beter wallfahren, auch Gebiete, die durch -das Erdbeben zerstört wurden, die Slobotkaer Jeschiwah in Hebron beim

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.