Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1928)
- Date
- 1928-08-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450526--75199-2532710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jeuilleion Beilage Der Isr aelit nr. $2 192$ Kanonen und Tefilloh. kriegserlebmsse von S. Vr. Kanonen. Vielleicht mußte ich »nur deshalb unter den Geschützen meine Kriegszeit abdienen, weil ich in meiner frühen Jugend schon wegen der Kanonen eine kleine Schuld auf mich geladen hatte: Mein Geburtsort liegt im Odenwald unweit jener Plätze, wo im Jahre 1866 die Gefechte der Preußen mit den Süddeutschen stattgefunden haben. Um diese Kämpfe in friedlicheren Manövern zu überprüfen, aber auch wegen des zu solchen Uebungen vorzüglich geeigneten Geländes, wurde gerade mein Heimatdorf Mittelpunkt solch militärischen Schauspiels. Denn langgestreckte Höhen mit weiten Buchenwäldern und breite Bachtäler verbergen An- und Abmarsch und ein paar Streifen dornbewachsener Heide geben gute Schießplätze. Da wurden lebensgroße Blechsoldaten hingestellt als Ziel für die hinter einem Hügel verborgene Artillerie. Und als an einem sonnenwarmen Herbsttage die mit sechs Pferden bespannten Geschütze durch die Straßen ratterten, daß die kleinen Häuslein daran bebten und die Fenster klirrten, rannte ich ohne ein Wort aus ber Stube einem Trupp Erwachsener nach über Felder und Kartoffeläcker auf den nahen Chattenberg. Dort wurde ich Zeuge eines für mich lange Wochen unvergeßlichen Geschehens. Weit hinten am Horizont flammte Blitz auf Blitz aus der langen Reihe der Geschütze, ein Knall mischte sich mit dem nächsten zu einem heftigen Geprassel und auf der Wüstenei, wo die Blechfiguren standen, stieg Staubwolke um Staubwolke, so daß die sich neigende Sonne nur wie durch einen Schleier sichtbar blieb. Und mitten in diesem sich immer verstärkenden Krachen, Heulen und Bersten packte mich eine gräßliche Angst, so daß ich von den andern Zuschauern weg hinter einen dicken Baum sprang. Ich zitterte am ganzen Leib, well mir plötzli der furchtbare Gedanke aufgestiegen war: „Und wenn dort drüben wirkliche Soldaten stünden? Der große Wachtmeister und der Sergeant etwa, die bei uns im guten Zimmer einquartiert waren?" Ich konnte schon nicht mehr nach der Heide Hinschauen, duckte den Kopf und blinzelte nur noch hinüber zu den Kanonen. Da packte mich jemand am Aermel. Es war mein Lehrer. Er hatte ein strengeres Gesicht als sonst. „Hältst du so das fünfte Gebot? Folgst du so wenig deiner Mutter? Sie ist dir nachgelaufen, gefallen und konnte nur mit Hilfe eines Nachbarn nachhause gehen!" Ich lief den Berg hinab und weinte. Der Schmerzen meiner Mutter halber. Aber auch um die Soldaten, die so stramm aus den Pferden ritten und sicher einmal von diesen Kriegsmaschinen zerrissen wurden. Und deshalb weinte ich damals schon um die Tausende von Müttern, die kaum zwanzig Jahre später nach ihren Söhnen riefen, die preisgegeben waren diesen eisernen Schlünden voll Feuer und Tod und Schrecken. Ausmarsch. Ein Novembermorgen dämmerte auf. Und es war ein Schabbos. Eine Viertelstunde faß ic! bereits auf dem Bocke eines Munitionswagens, der mit vier kräftigen Pferden bespannt war. Davor hielten vier Haubitzen. Ueber die Oeffnungen der Rohre hingen lederne Kappen, und die Schilde trugen zum Schutze gegen die Flieger der Feinde gelbe, braune und grüne Flecken. Die Mordwerkzeüge hatten so die Farbe der friedlichen Muttex Erde angenommen. Der Fahrer neben mir schlug mit der Peitsche in die Luft, um sich ein wenig Bewegung zu machen. Denn ein kalter Wind setzte Reif an unsre Mantelkragen. Ich rührte mich nicht. .Dem fortwährenden Wechsel in meinen Gedanken war ich so ganz untertan, daß ich, das Gelärme der zu- und abfahrenden Fahrzeuge, das Stampfen der Gäule, die schwirrenden fernen und näheren Kommandorufe gar nicht in mich aufnahm. Wie ein Schwall stiegen die Erinnerungen an den Abschied hoch und machten das Herz erzittern. Und wenn sie niedersanken, quollen schon die Sorgen über die nächste Zukunft auf. Aber stärker als sie, beunruhigender, war die mein ganzes Denken durchschneidende Vorstellung, daß dieser Schabbostag auch nicht das leiseste Wehen beglückender Ruhe bringen, daß er zum ersten Male im Leben ganz werktäglich sein werde . In der Garnison hatte bisher gemeinsames Gebet, ein Zusammentreffen mit Glaubensbrüdern, der Schabbosgruß in einem Briefe die Neschomoh-Jeseroh trotz aller Ruhestörungen hervorgelockt. Ja, die „zweite Seele" war mit weit mehr Süßigkeit beladen gewesen als in den Tagen des Friedens. Sie tröstete wie eine linde Mutterhand. Auf einen Augenblick zauberte sie oft in die Unrast des Kasernenhofes ein Jnselchen still-wohligen Schabbosglücks. Würde sie auch heute kommen? Da zerfetzte eine schnarrende Stimme dicht neben mir meine ganze Gedankenfolge: „Abgesessen! An die Räder! Batterie zwanzig Schritte zurück!" Ich griff in die Speichen. „Wenn die Schabbosseele heute nicht kommen wird," so dachte ich weiter, „dann bin doch ich schuldlos. Wenn sie kein feiertägliches Plätzchen findet, aus dem sie erblühen könnte, so trage ich dafür keine Verantwortung. Denn da ist ein Herr, der befehlend zwingt. Ueber ihn ist ein Höherer gesetzt, dem er dienen muß. Und ein Höchster hier im Lande und in allen Feindesreichen ringsherum, die auch aus ihren religiösen Verpflichtungen heraus gebunden wären ans Gotteswort vom siebten Tag. Aber sie hören es nicht über dem Gelärm des Krieges. * Doch ich bin Knecht nur. Letzter Knecht. Ich gehe im Joche, unfrei, und am Zügel." Daß ich die Verantwortung abschieben konnte, das entlastete mich und freier sah ich in den nun von Wolken gereinigten Himmel. Zeit einige Male die eingelaufenen Postsachen holen. Zwei Kanoniere begleiteten mich; zu dritt zogen wir den schweren zweirädrigen Karren. Dabei sprach Tag um Tag ich das Schacharisgebet. Meine Begleiter gewöhnten sich an diese Absonderung und unterhielten sich, um mich nicht zu stören, nur halblaut. Als wir einmal kaum noch hundert Schritte von der Ortschaft entfernt waren, stieß der eine einen halb unterdrückten Schrei aus und zeigte in die Felder. „Der Divisionär," sagte der andere und ließ das Hinterteil des Karren aüf die hart gefrorene Straße krachen. Auf einem großen Braunen kam der General gerade auf uns her geritten. „Meldung!" riefen beide zu mir her. Ich hielt gerade im letzten Drittel des Schemoneh-Esrei. Da setzte das Pferd des Offiziers auch schon über den Straßengraben, eine Wagenlänge vor uns. Ich sprang vor: „Gefreiter Br. mit zwei Kanonieren der 7. Batterie des 11. Reserve Feldartillerie-Regiments auf dem Wege nach Bufigny zum Postholen!" Der General schaute einen Augenblick über uns hin, griff an die Mütze und galoppierte dann die Straße hinunter. Ich aber blieb im „Stillgestanden", bückte mich, sagte Modim und Sim-scholom und ging darauf drei Schritte rückwärts. Meine Begleiter blickten noch immer hinter dem Reiter her, als ich wieder an den Karren trat. Die Straße stieg sachte an. Wir keuchten, bis wir zu den ersten Häusern der Ortschaft kamen. Der Major. Wir waren am Winterberg in der Nähe von Laon eingesetzt worden. Der furchtbaren Kältewelle war ein umso sonnigerer März gefolgt. In den Gärten des kleinen Dorfes Outre, dessen Einwohner erst wenige Tage zuvor hatten wegziehen müssen, roch es nach Schlüsselblumen, Veilchen und Schneeglöckchen. Die gelben Sonnenstrahlen liefen an den mit schwellenden Knospen behafteten Bäumen herab, sammelten sich auf der grünenden Wiese oder machten auch schon vor den kleinen Häusern und in den Höfen ein kleines Flecklein warm. Und die Soldatest setzten sich dort hin, blickten in die Bläue des Himmels und wären am liebsten nachhause gegangen. Denn in der Heimat mußten jetzt die Aecker gepflügt, die Wiesen gedüngt, die aufgebrochenen Felder besät werden. Und mit jedem Postsack sandten die Bürgeri meisterämter Urlaubsgesuche für die Landwirte thv/it* ^ÖrtmrtmSrtvt * StA imS «m/v. Der verlöschende Mond lag gerade auf dem ihrer Gemeinden; die Alten und die Frauen wa- First der Zeugkammer. Die Flecken in seiner abnehmenden Scheibe bildeten einen Schützen, der mit einem langen Gewehr auf die vom Krieg durchwühlte^ Erde zielte. In den werdenden Tag stachen die öden Fronten der backsteinernen Kasernengebäude. Der Rauch stieg gerade wie eine Kerze von ihren Dächern in die klare Luft. An den Fenstern der Dienstwohnungen standen einige notdürftig angezogene Frauen älterer Unteroffiziere und deuteten herab auf unsere Formation. Da stellte sich die Regimentskapelle neben der Wachtstube auf. Und während sie einen frischen Marsch begann, knarrten und ächzten die Geschütze und Fahrzeuge an ihr vorbei hinab zur Verladerampe. Dort hielt ein langer Güterzug, der uns schon mit einbrechender Nacht über die französische Grenze gezogen hatte. Zltaffif.*) In der Nähe von Le Cateau wurden wir durch größere Uebungen vollends kriegstüchtig gemacht. Darnach erst stießen wir zur Front vor. Die Batterie lag in einer Fabrik, eine VierteltuMe vor Bufigny. Dort mußte ich um diese *) Unterbrechung. ren der harten Frühjahrsarbeit nicht gewachsen. Mir aber lag trotz der warmen Frühlingstage eine Last auf dem Herzen. Sie wich nicht beim Schlafen, sie drückte stärker an jedem Morgen. Sie setzte sich um in körperliches Unwohlsein; es verging mir die Lust zum Essen. Ich verzweifelte fast. Alle Strapazen schienen mir gering; die Marsche bei der schneidenden Kälte, das Uebernachten auf dem kalten Scheunenbvden, der beißende Hunger — was bedeuteten sie gegenüber der qualvollen Aussicht, den Pesach im Felde feiern zu müssen. Da schrieb ich an den Vorstand, daß er für mich, als den beamteten Vorbeter der Gemeinde, einen Urlaub verlangen möchte. Die Tage zogen so langsam vorbei, als wären sie mit Gewichten belastet. Die landwirtschaftlichen Gesuche türmten sich zu Bergen und die Urlaubsquote wurde herabgesetzt. Da Meldete mir der Schreiber, den Einlauf einer Bitte um Festtagsurlaub für mich. Der Hauptmann ließ mich rufen. Er wühlte mit seiner Hand in einer Menge von Briefen herum und sagte dann: „Diese hier sind früher eingelaufen. Ich halte die Bestellung des Landes für wichtiger. Sie können ja die Gebete noch nachholen, wenn der Friede da ist. Zudem könnten Sie selbst bei bestem