Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1928)
- Date
- 1928-08-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450525--75175-2532685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Nr. 31 _■ -. große und seines ewigen Aufstiegs zum unendlichen sittlichen Fortschritt ist. H. Rabbi Nathan bar Abba im Namen von Raw sagte: Die Reichen, von Babylonien steigen hinab ins Gehinnom, denn Sabbatai bar Merinos ging muh Babel und verlangte ein kle-rnLL Geschäftsbarlehen. Sie gaben es ihm nicht. Nahrung reichten sie ihm ebenfalls.nicht. Da st^gte er: „Diese Juden müssen vom Evew raw abstammen, denn es heißt: .„er gibt Dir Erbarmen und erbramt sich Dein." Wer sich erbarmt, der zeigt damit, daß er von Vater Abraham abstammt, wer sich nicht erbarmt, von dem kann man annehmen, daß er nicht vom Samen Later Abrahams ist. (Beza 32.) Wenn wir die Liebe nur von dem Standpunkte aus betrachten, daß sie eine Pflicht ist wie alle andern Pflichten der Thora und nicht mehr, so sind wir bloße Irrende. Auch wenn uns klar geworden ist, daß die Liebe die Hauptsache aller Hauptsachen, das Prinzip aller Prinzipien ist, ja daß (wie im vorigen Abschnitt dargetan) der Mensch schon traft seiner forschenden Vernunft auch vor aller Offenbarung zu der Erkenntnis kommen mußte, daß die Liebe seine Weltaufgabe ist, und daß auch nach der Thoraoffenbarung Anfang und Ende der 613 Gedanken göttlicher Weisheit, die Liebe ist,» selbst dann haben wir das letzte noch nicht erkannt. Bei dem Samen Abrahams nimmt die Liebe in der tiefsten Tiefe der jüdischen Seele einen ganz anderen Platz ein. „Wer ist wie dem Volk Israel ein einziges Volk auf Erden." Und was ist die Scheidewand zwischen ihnen und dem heiligen Volke Israel? Es ist die Liebe — „Die Söhne Israels sind Liebe Hebende". Wer sich nicht übet die Geschöpfe erbarmt, von dem ist anzunehmen, daß er nicht von Vater Abraham stammt. Und es ist eine ausdrückliche Halacha: „Wer in seinem Charakter Frechheit oder Grausamkeit zeigt, wer die Geschöpfe haßt und ihnen keine Liebe erweist, gegen den waltet der starke Verdacht, ob er stamme von den Gibeoniten (Rambam Kap. 19 der Jssure bio). Gewiß — es gilt für alle jüdische Familien die Voraussetzung reiner Abstammung, und es ist von vornherein erlaubt, sich mit chnen zu verschwägern. Aber wenn jemand keine Liebe erweist, so ist das ein Zeichen gibeonitifcher Abstammung und man muß Verdacht hegen. Die Liebe ist ein Erbbesitz des jüdischen Volkes, sie muß als natürliche Neigung des Charakters vorhanden sein. Abraham, unser Vater, erhob sich kraft der Liebe zu immer höherer Höhe. Dieser Charakter- Wochen des Trostes. Von Rabbiner Dr. TU. Lewin in Hamburg. ... 'pbK 1N8' va? mm mm „Tröstet, tröstet mein Volk!" — spricht und wird immer sprechen euer Gott. Gottes Zorn ist seine Liebe, seine Strafe birgt den Keim der Besserung und Heilung. Zu dieser Erkenntnis sollen wir uns unter den dumpfen Klängen der Klage und Zurechtweisung während der „drei Trauerwochen" durchgerungen haben. Daß wir trotz Zerstreuung und Golusleiden nicht untergegangen sind, uns nicht fortschwemmen ließen von den brandenden Wogen und schäumenden Fluten mannigfacher Gefahren und Versuchungen, die uns immer wieder bedrohten, das ist die Bürgschaft für die Ewigkeit unseres Volkes, das ist auch die große Verpflichtung, die auf uns ruht, in Wort und Tat anzuerkennen: •rnm 1^2 16 '2 i3»n '2 n non „Gnade des Alliebenden ist es, daß wir nicht geschwunden sind, daß nicht aufgehört hat sein Erbarmen." Israel, das Werk der Liebe und Gnade Gottes, ist in seinem Dasein und Bestände das Zeugnis seiner unerschöpflichen Weisheit und unbegrenzten Fürsorge. Zum Lehrer der Menschheit, zum Licht der Welt bestimmt, hat Israel durch seine Thora die Grundlagen, die Stützen und Säulen der Sittlichkeit gebracht; ist aber nicht auch seine Geschichte eine wundersame Verdolmetschung seines Der S-raelit 2. August 1928 zug ward zur Einheit seines Wesens und verschmolz mit seinem Selbst — „Liebe dem Abraham". Die Liebe gehört dem Abraham, er hat sie erworben und allen nachkommenden Generationen vererbt. Dieses Erbe ist unveräußerlich, denn es ist nicht wegzudenken vom Wesen der Persönlichkeit. Die innere Liebe zur Liebe ist der Grundstock der jüdischen Seele. Man kann kein Jude sein ohne natürliches Sehnen nach Beglückung der Menschenkinder. Und diejenigen von Abrahams Samen, die keine Liebe hegen, sie kämpfen gegen ihre eigene Natur, gegen ihr Selbst, und auch dann haben sie aus dem Innersten ihrer Seele den. tiefverborgenen Zug zur Liebe nicht ganz entwurzelt. Auch wenn ein Jude feine Natur überwunden, und der Liebe entsagt hat, werden seine Söhne und seine Enkel sich ihr wieder zuwenden. Diese Einschätzung stellt die Liebe Israels auf ein anderes Fundament. Sie ist nicht nur Pflicht, sie ist der natürliche Adel der jüdischen Seele. Dieser Glaube an die eingeborene Liebeskrast der jüdischen Seele geht bei unseren. Weisen so weit, daß sie sogar dort, wo der Schein des äußeren Wortes auf Nebenabsichten außersittlicher Art zu deuten scheint, ihr Vertrauen in das Liebeswollen der jüdischen Seele nicht erschüttern lassen. „Wer sagt, dieser Sela soll Zdokozwecken geweiht sein, unter der Bedingung, daß mein Sohn am Leben bleibt, der gilt als vollendeter Zaddik." Wirglauben ihm nicht, daß er die Wohltat nicht um ihrer selbst willen übt, sondern, interpretieren in ihn trotz der unleugbaren Nebenabsicht das angeborene Urwollen der jüdischen Seele hinein, die die Liebe will, auch wenn die gestellte Bedingung nicht erfüllt wird. Haben wir so erkannt, daß die Liebe zur Liebe das köstlichste Erbe des Juden ist von Geschlecht zu Geschlecht, so kann unsere Arbeit der sittlichen Selbsterziehung nur darin bestehen, nicht -herunterzusinken auf die Rangstufe der Gerim, sondern den angeborenen Zug zur Liebe zu stärken und auszuweiten zur verwirklichten Tat im Leben. Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile, Phenac., Phenyldimethylp.,11 f nn Acetylsai., in allen Apotheken Verantwortlich für den allgemeinen Teil und da» Feutlleto» 8. Schach »owitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. SB.: S. Schach «owitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann in Sprendlingen (Kt. Offenbach). — Berla, .Israelit". T.vr.b.H., Frankfurt a.M. — Druck Hermo« Verlag» lVochenrundschau. 1 Der Kampf um die Schechita. Wenn es auch in den letzten Wochen erfreulicherweise auf dem Kriegsschauplätze des Kampfes für die Schechita, wenigstens so weit Deutschland in Betracht kommt, stiller geworden ist, so darf doch diese sommerliche Ruhe nicht darüber hinwegtäufchen, daß die wohlorganisierten und offensichtlich mit reichen Geldmitteln ausgerüsteten Gegner in ihrem Ansturm bisher keineswegs erlahmt sind. Die in Bayern vorhanden gewesene akute Gefahr wird hoffentlich im neugewählten Landtag nicht mit der gleichen Unmittelbarkeit in die Erscheinung treten wie früher, und es ist insbesondere zu hoffen, daß die bayrische Sozialdemokratie doch mehr und mehr von der ihrer Tradition in keiner Weise entsprechenden Politik einiger schächtgegnerischen Führer abrücken wird. Immerhin gilt es, auf der Wache Zu stehen. - Neben der aus Mangel an, Mitteln und Kräften lange nicht in genügendem Maße erfolgenden Aufklärung der Behörden und der öffentlichen Meinung darf die wissenschaftliche Arbeit nicht ruhen, die schon bisher das glänzendste Material zur sachlichen Widerlegung der schächtgegnerischen Behauptungen zutage gefördert hat, die zugleich aber auch nach innen einen wahrhaften Chisuk Emuno darstellt. In dieses Gebiet gehört ein uns in den letzten Tagen zur Hand gekommener, im Buchhandel nicht erschienener Sonderdruck aus der „Deutschen tierärztlichen Wochenschrift" (Jahrgang 1928, Nr. 26), in, dem sich Prof. Dr. Dexler vom tierärztlichen Institut in Prag über das Bewegungsverhalten eines großhirnlosen Schafes beim Schächten äußert. Bekanntlich behaupten die Gegner, daß die starken Reflexbewegungen der Tiere nach dem Schächtschnitt als Zeugnis für“ deren Schmerzempfindungen zu gelten hätten.. Gerade dieser Umstand ist ja das mächtigste Hilfsmittel bei der aufreizenden Propaganda der schächtgegnerischen Schlachthoftierärzte, die durch Vorführungen im Schlachthofe und durch Aufnahme von Filmen die tierfreundlichen Empfindungen des Volkes gegen die religionsgesetzlich vorgeschriebenen Methode der Schechita mobil zu machen suchen. Prof. Dexler hat nun bei einem einjährigen Schafe in tiefer Narkose die beiden Hirnhemisphären bis zum Zwischenhirn,, d. h. den Priestertums, wie unser Volk unentwegt getragen und geduldet in Hingebung und Treue, ein Beispiel und Vorbild für Opfermut und Glaubensmnigkeit, für innere Kraft und Würde und eine ewige Mahnung an den, der nicht nur in den Himmeln droben waltet, sondern auch die Geschichte das Weltgericht werden läßt? Ein treffendes Mrdraschwort besagt; - - an-rni *mn nrn n^iya o-’pnxn w sntma .mpnca „Wenn auch der Heilige die Frommen auf Erden preisgibt, erbarmt er sich wieder ihrer." Darin offenbart sich ewige Liebe Gottes zu Israel, daß seine Leiden uns stählten und uns immer den Weg der Rückkehr zur Pflicht und Bestimmung bahnten. Unsere Vergangenheit, so sehr sie auch von Kämpfen und Nöten mannigfachster Art zu berichten weiß, kündet doch auch von wunderbarer Entsagung und Opserwilligkeit und windet Israel um feine Stirne das Diadem priesterhaften Märtyrertums. Darf uns dieser Trost nicht mit Hoffnung und.Ueberzeugung erfüllen? Welches Blatt wir auch in dem Buche unserer Geschichte auffchlagen, überall lesen wir in den mannigfachsten Schriftzeichen die gleiche Weisung: „Tröstet, tröstet mein Volk!" Niemals ging uns die Sonne der göttlichen Gnade unter, ohne daß sie wieder an anderer Stelle neu aufleuchtete. Immer tauchte ein neuer Sammelpunkt auf für Israels bedrückte und verfolgte Kinder, ein neues geistiges Zentrum entstand, wenn hervorragende Pflanzstätten der Thora und Gottesfurcht der Verödung anheimfielen. Ohne anmaßend und dünkelhaft zu erscheinen, dürfen wir ruhig das große Weltgeschehen häufig deuten als Ursache oder Auswirkung unseres geschichtlichen Seins und Werdens. Vielleicht enthält dieser Gedanken jenes Wort unserer Alten: psn-p 138 bv ppaa wenn» nmt? by xax na pyrns» tk . - i3!>sa!> nai imrnrrv R. Simeon b. Abba hat erklärt: Aus der Tatsache, daß auch im Wandel der Völker und Reiche, von denen immer eines das andere ablöste. Du uns jung und frisch erhalten, schöpfen wir die Gewißheit, daß Du in Deiner, unendlichen Liebe und Treue uns erlösen wirst ... Nicht Seher und Propheten sind wir, um das letzte furchtbare Völkerringen nach Sinn und Wesen deuten zu. können. Das Friedenssehnen, wie es vermehrt und gesteigert nach dem unsäglichen Menschenmorden des Krieges sich bei den Vesten und Edelsten zeigt, der Völkerbund als unmittelbare Folge des Krieges und das Streben nach seiner Erweiterung und Ausgestaltung, dies, dürfen wir doch sicher als einen Triumph unserer Propheten buchen. Aber auch das, was Israel unmittelbar' erfahren, daß man in vielen Punkten! fein Schicksal und. Ergehen mit in den Kreis der Berechnungen zieht, ist doch wohl als eine Folgeerscheinung der letzten geschichtlichen Ereignisse zu werten. Wenn auch noch nicht alles klar sich abhebt und vieles noch wie von einem Wolkenschleier verhüllt erscheint, so ist doch die Einwirkung des gewaltigen Weltsturmes auf unser jüdisches Schicksal wohl wahrnehmbar. Cs wäre aber verfehlt, sähen wir die Wende in der Erez Israel-Frage nicht erst am Anfänge ihrer Entwicklung. Schön heißt es im Midrasch unter dem Bilde eines Gleichnisses. Ein König zieht, umgeben von einem Stab höherer und höchster Beamten, in eine Stadt ein. Jeder der Untertanen ist dienstbeflissen und bittet der eine den, der andere jenen zu sich zu Gaste. Da ist aber ein kluger, weiser Mann. Der erbittet sich den König selbst. Dessen Diener, meint er, wechseln je nach dem Belieben des Fürsten, der König allein ist beständig. — Mögen die Völker, was immer als bedeutsame Schlußfolgerung aus dem Kriege lernen. Wir, Israels Kinder, das nbiy nvdas Volk der Ewigkeit, sollten das uns zu eigen machen, was sich im Wandel der Zeiten und Geschlechter für uns erprobt und bewährt hat. Unfern Glauben in feiner vollsten Auswirkung mit feiner Be-