Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1928)
- Date
- 1928-07-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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B£* Der Israelit Feuerzeichen. Gin Hhetto-Ztoman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) „Gehe in Deinen stillen Winkel," sagte der Rabbi sanft, „und bete, wie Du von Kindheit an zu beten gelernt hast. Gott ist groß und allbarmherzig." Ob er sich weit weg verkrochen hatte oder irgendwo in der Nähe kauerte, Rabbi Naftali konnte es in. der Dunkelheit nicht sehen. Er glaubte, seinen schweren Atem zu vernehmen. Es konnte aber auch der eines anderen Schläfers gewesen sein. Allen ging der Atem sehr schwer. Rabbi Naftali mußte eine Weile bei dem Erlebnis der Nacht stillhalten, alles andere, Gefängnis und Gefahr vergessend. Er hatte schon einmal — wie lange war es her — Aehnliches erlebt, dort in den Karpathenrpgldern. Hatte er, der'gebrochene, von allen Geistern verlassene Mann, noch die alte magische Kraft, Menschenseelen aus der Gesunkenheit wie Schätze aus dem Sumpfe ans Licht zu heben? Er? Dieses plötzliche Selbstgefühl paßte schlecht zu seiner Lage, schien ihm sündhaft. Nicht er war es. Es war das Menschliche im Menschen, an das er allezeit glaubte, das nur der Hand harrte, die es aus dunklen Tiefen hervorholen sollte. Er? Wer war er? Kann nicht auch der letzte Knecht, der im Schutte wühlt, den Schatz hervorwühlen? War es sein Verdienst? Er war des sicher, alle, die hier schliefen, ächzten, im Schlafe tierisch gröhlten, sie alle trugen den Gottesschimmer in irgend einer entlegenen Ecke der Seele, und der Funken wäre zu entfachen, verstände man es nur, an richtiger Stelle anzusetzen ... Und befreiend beherrschte ihn dennoch ein seltsames Gefühl, als er den Rest der Nacht mit leisen Psalmliedern ausfüllte. Ex hatte wiederum, wie oft im Leben, nachts am Scheidewege, mit einem Geiste gerungen und ihn überwunden ... „Er weinte und flehte ihn an," hieß es in der Schrift, im Haufe Gottes möge er-sich zu ihm finden, daß sie dort miteinander reden . . ." Durch das Doppelgitter kündeten von oben spärliche graue Pässe einen neuen Tag. Mit Ge? räusch und Geklirr, mit Salutieren und Schelten wechselte oben die Wache. Der naslose Bucklige erwachte zuerst, streckte sich und fauchte wie aus einem hohlen Faß: „Na, Anton, hast dem Judenrabbi endlich den Mund aufgeriffen, glaub, Euch gehört zu haben." Schon aber hatte sich Anton — es war der Riefe, der hier das Regiment führte — als hätte er nur darauf gewartet, zu ihm hinuntergebückt und ihm eins auf den Mund versetzt, daß fürs erste kein Laut mehr aus ihm herauskam. Dann pflanzte er sich breit und groß aus und donnerte in den Schwarm der sich regenden und räuspernden Menschen: „Und das sag ich Euch, Ihr Diebesgesellschaft, der alte Mann da, der Judenrabbi, steht in meinem Schutz. Wer es wagt, ihn auf irgend eine Weise zu insultieren, hats mit mir zu tun." Er bewegte die Rechte, daß die Nahestehenden sich knurrend in die Ecke verkrochen.- Später kam die Vernehmung im Rathause, und diese wiederholte sich fast Tag für Tag. Immer der gleiche feierliche Saäl mit dem grüngedeckten langen Tisch, auf dem die Broncekandelaber brannten und auch die silberne Weinkanne mit den Zinnbechern nicht fehlten; .immer die gleichen Männer in den schwarzen Ornaten mit gepuderter Perücke und in weißem Spitzenkragen, die mit ernstseierlichem Gesichte alberne Fragen stellten, auf die es keine Antwort gab, es sei denn, die er am ersten Tage schon gegeben: er wußte nicht, wie und wo, warum und wieso; immer der gleiche Schreiber mit dem gelben Pergamentgesichte und der Hakennase, der ihm in Augen und Mund schaute und jedes von ihm gesprochene Wort, obgleich es immer dasselbe war, einfing, um es mit gezierter Bewegung in krauser Schrift aufs Papier zu bringen, als wäre es etwas Neues, nie Gehörtes. Wie die unheimliche Gestalt, die im entscheidenden Augenblicke in sein Zimmer drang, aussah, was sie tat und sprach, sollte er genau beschreiben, und ob es ein Mensch oder ein Geist, ein Gespenst war? Wenn ja, zu welcher Familie der Geister gehörig? Das muhte er doch wissen, der Magister der Geister, der Kabbalist, redete ihm der Richter gut, ganz freundlich zu. Was sollte er darauf sagen? Sollte er den großen Kerl aus dem Gefängnis holen lasten und sagen: „So und ähnlich schaute er aus?" Durfte er einen Menschen, der im Begriffe stand, sich langsam zu erheben, in neue Verwickelungen bringen, wieder in Verdammnis stoßen — auf Grund einer Ähnlichkeit, die doch wohl nur in seiner Phantasie existierte? . . . Er sagte es nicht. Und was er sagte, befriedigte die Herren ganz und gar nicht. Und darum war des Verhörens und Ausfragens kein Ende.. Jedes Verhör, eine neue Qual. Und dennoch schlug sein Herz fast freudig den Gerichtsdienern entgegen, die ihn zur Vernehmung holten. Ein Gang durch den Hof, wenn auch in Ketten, eine neue Luft- und Lichtschicht, wenn auch nur hinter hohen Mauern; menschliche Gesichter, wenn auch böse und argwöhnisch ihm zugewandt, und er wax dankbar. Der große Anton war still und in sich gekehrt seit.der Nacht, die ihn in die Sphäre Rabbi Naftalis brachte, und er wachte über den Rabbi mit Augen, die nichts Gutes kündeten für denjenigen, der es gewagt hätte, ihm näher zu kommen. Es schien eine reinere, lichtere Luft von der Seite, wo der Rabbi seinen Sitz hatte, auszugehen und sich über den ganzen dumpfen Raum zu verbreiten.-..- Und eines Nachmittags kam Arje Löb in das Gefängnis seines Rabbi. Mit vielen Mühen und Kosten war es endlich gelungen. Rabbi Naftali erschrak und zitterte vor Freude. Das erste jüdische Gesicht seit vielen Wochen, und das liebste, das ex in der Gaste kannte. Es war schon dies allein ein Gnadengeschenk vom Himmel, egal, was der Freund und Schüler bringen mochte. Er umarmte Arje Löb, den Voten Gottes, wie er ihn stets nannte. Arje Löb wischte sich eine Träne vom Gesichte. „Wehe mir, daß ich dich s o sehe" entrang sich ihm ein bekanntes Wort aus dem Talmud. Dachte ex an sein eigenes Gefängnis in Polen, in dem er einmal eine Nacht, die lang und düster war, wie das jüdische Golus, einem Tage entgegenharrte, der über sein Leben entscheiden sollte!? Es war erstaunlich, wie sehr die Gefängnisse aller Welt einander glichen! Als hätten sich die Menschen aller Länder und Völker die Mittel, Menschen zu peinigen, einander abgeguckt! Sie sprachen leise, gedämpft wie in einem Totenhause. In einiger Entfernung saß still, unaufgefordert, der lange Anton und hielt die Wacht. Die Augenblitze nach der Türe zu, wo die Gefangenen kauerten oder miteinander rauften, besagten deutlich: „Wehe dem, der sich in die Nähe der zwei Juden wage!" . , , Von Arje Löb erfuhr Rabbi Naftali, daß seine Sache am Gelde hänge: eine Riesensumme, aber immerhin Geld, totes Metall entschied sein Schicksal, das bewies ihm, daß keiner mehr ernstlich an seine Schuld glaubte. Aber woher die immense Summe hernehmen? Das Ghetto war ausgebrannt, die Taschen leer. Das Wenige, das Wenigen geblieben war, reichte kaum zum Wiederaufbau der Trümmer hin, und davon mußte noch an die Aermsten der Armen abgegeben werden, daß sie nicht im Elend ganz verkamen. Nachbargemeinden mußten zur Hilfe kommen und ihre Kräfte über die Grenzen ihrer Mittel anspannen. Arm waren alle Gemeinden im Süden Deutschlands. Das wußte alles Rabbi Naftali sehr wohl, und Arje Löb konnte es mit Zahlen und Angaben bestätigen, wobei er die starke U n w i l l i g k e i t, die sich bei manchen immer merklicher zeigte, ganz verschwieg, um den Rabbi nicht zu kränken. Woher also die Gelder nehmen? Leise und vorsichtig berührte Arje Löb, wie ihm aufgetragen war, die religiöse Seite der Frage. So sprachen sie über Begriff und Grenzen der „Gefangenenbefreiung", sachlich, gründlich, tiefgehend, unter Berücksichtigung alles dessen, was Frühere oder Spätere über diesen Gegenstand sagten und schrieben. Als handelte es sich nicht mehr um die eigene Sache, als säßen sie vielmehr im Lehrhause und verhandelten über einen theoretischen Gegenstand aus fernen Zeiten, weit entlegenen Welten. Die Geschichte des Rabbi Meier von Rothenburg, des Gefangenen von Ensißheim, tauchte von ungefähr aus der Diskussion auf. Die bald fünfhundert Jahre alte Geschichte war durch Tradition von Mund zu Mund, von Generation zu Generation so lebendig im Gedächtnis des Volkes, daß man davon sprach und daran anknüpfte, wie an ein Ereignis aus selbsterlebter Zeit. Rabbi Meier hatte seine Auslösung nicht gewünscht, sie entschieden verboten. Weil ihm die Loskaufsumme zu hoch schien und er aus der Erfüllung der Erprestungswünfche seiner Gefängnismeister neue Erpressungsversuche befürchtete. Ohne daß es Arje Löb deutlich aussprach, fühlte es der Rabbi heraus, daß ein ähnlicher Entschluß, eine ähnliche Erklärung auch von ihm verlangt und erwartet wurde. Rabbi Naftali hatte aber wohl in langen schlaflosen Nächten darüber nachgedacht, und er faßte nun die Frucht seines Nachdenkens in folgenden klaren Worten zusammen: „Der Rabbi aus Rothenburg wurde zugegebenermaßen zu Erpressungszwecken gesangengesetzt. Man kon'nte und durfte die Gier der Herren nach jüdischem Gut und Blut nicht befriedigen. Was liegt an einem Menschen, wenn nur die Ehre Israels und der Name Gottes nicht dabei entweiht wird? Mir aber wird der Prozeß gemacht ich werde schwerer Schuld geziehen, die auf die ganze Gemeinde, ja, auf die ganze jüdische Gemeinschaft fällt. -Man sagt, der Rabbi der Juden sei ein Brandstifter und will damit die Juden insgesamt treffen. Mit mir sitzt die Ehre Israels, die Ehre seines heiligen Namen sim Gefängnis. Diese gilt es zu erlösen. Und wünschte man es, es könnte diese auch mit meinem Blute erlöst werden ..." Der Rabbi seufzte. Er sah ein, daß bei alldem das Wunder der Herbeifchaffung der geforderten Summe in dieser Zeit der Not nicht zu vollbringen war. Ob er wieder in die Welt hinausfahren sollte, wie schon des öfteren, erwog Arje Löb. Das Unternehmen war schwierig und die Sache duldete keinen großen Aufschub. Die Gemeinden der Umgebung waren verarmt. Arje Löb aber