Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1928)
- Date
- 1928-07-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 28 Der Israelit 12. Juli 1928 „Keine Menschenseele ist im tiefsten Innern besudelt und beschmutzt. Seele ist Gotteslicht. Unreine Elemente, geschaffen von menschlicher Schwäche, hasten ihr an und verdunkeln ihren Glanz. Sie wirft sie, leere Schalen, ab und leuchtet weiter." Was war das für eine Sprache in diesem verseuchten Kellerloch hinter der Sonne, wo die Höllenbrut schnarchte und röchelte, als hätte sie schon den Strick um den Hals? Der Riese setzte sich auf den Boden, zog die Kniee ganz hoch und umklammerte sie mit beiden Händen. Wie ein hockender Tongötze sah er in dieser Stellung aus. „Seele? Schale? Licht?" suchte er die einzelnen Worte festzuhalten. „Ich Hab beim Höcker Haus und Werkstatt versoffen, Weib und Kind in Schand gebracht, gestohlen und zuletzt gemordet. Und du sagst, Judenrabbi, Seele, Licht?" „Eine Menschenseele strebt nach Licht," sagte der Rabbi, „es ist dies ihre Heimat, das Licht. Wie kamst Du ins Dunkel, daß Deine Seele die Heimat verlor?" Und der Unheimliche kam, wußte selber nicht wie, ins Erzählen, ins Beichten: „War Meister und in Ehren. Dann kam die verwünschte Politik. Der Rat schlemmert auf Kosten der Bürger, sagte man, und ich dacht, ich müßte auf ihn schimpfen. Dann hieß es, die Juden feien an allem schuld, nehmen Wucherzins und bestechen den Rat gegen uns Bürger und Zünfte. Man sagte mir, ich hätte die stärkste Faust und müßte Führer sein. Das schmeichelte mir, wollte ein zweiter Vinzenz sein und Bürger gegen die Behörde führen-" Der Riese seufzte, spuckte aus und schwieg. „Auflehnung gegen die Obrigkeit ist Sünde, aber mit gemeinem Verbrechen hat es nichts zu tun," versuchte der Rabbi einen dünnen Faden des Trostes zu spinnen. „Es blieb nicht dabei," fiel ihm der andere ins Wort. „Unser Bürgerausschuß hielt Versammlungen äb. Ich kam viel ins Wirtshaus. Und wie es schief ging, fielen die anderen ab. Ich ließ vom Wirtshause nicht mehr. Von der ganzen Politikerei blieb der Sauf. Haus und Hof waren dahin, Weib und Kinder in Elend. Der Durst war nicht zu stillen. Gesindel kam hinzu, bis man selber ihrer einer war. Raub und Diebstahl — für was hatte man sonst seine starken langen Arme? Und von da war es zum Morde nur e i n Schritt. Ein Konstabler war es, es war kurz nach Euerem Brande —" Er hielt mitten im Satze ein, als jagte ihm das Wort Furcht ein. Dann lachte er laut auf. „Seele, Licht? Davon ist nichts mehr, ist alles dem Teufel verfallen." „In unseren alten Büchern," sagte der Rabbi sanft, „erzählen sie von einem Sünder, der keine Schandtat ungetan ließ, dann aber, von Seelenpein geplagt, in die Berge ging und Himmel und Erde, Berg und Tal um Erbarmen anflehte. Er starb im Flehen, und seine Seele ging geläutert ins Himmelreich ein." „Für mich und meinesgleichen haben Euere alten Bücher nichts geschrieben." „Sie haben für alle geschrieben, die Menschenantlitz tragen." Menschenantlitz! Wieder ein neues oder ganz altes Wort, das an die Firmungsstunden aus dem Katechismus erinnerte. Wie lange war es her! Hier schlecht am Platze. Er hatte gesengt und gebrandschatzt und etwas, was Menschenantlitz trug, mit Dolch in den Grund gebohrt. „Ich habe noch lange nicht alles gebeichtet, noch kennst du, Judenrabbi, mich und meine Schandtaten nicht." Der Rabbi hörte aus dem gesenkten Tone des Riesen mehr heraus, als dieser sagen wollte, leise Schwingungen aus fernen Welten, und er spann den Faden weiter. „Nicht vor dem Menschen aus Fleisch und Blut sollen wir unsre Sünden bekennen, Ihm, dem himmlischen Vater, in stiller Zwiesprache tun wir unser Herz auf und Ihm breiten wir, was darin an Schuld und Last drückt, aus." Der Riese schrie auf: „Bist ein Zauberer, oder ein Heiliger vom Himmel hergeschickt." Er tag ihm zu Füßen und wimmerte: „Bete mit mir, Judenrabbi, bete für eine sündige Seele." ' (Fortsetzung folgt.) Briefe aus einem kleinen Bade. Bad Brückenau, 8. Juni. Lieber Freund! Sie wünschen unpolitische Badebriefe. Wie sollten Briefe mit dem kleinen, stillen Bad als Abgangsort anders als unpolitisch sein?! Politisch? Wenn ich zum Fenster meines Zimmers hinaussehe, türmt sich Grün hinter Grün, klettert Baum hinter Baum hinauf bis zu Bergrücken, Rücken an Rücken, Schulter an Schulter stehen sie und ziehen eine hell- und mattgrüne Postenkette um das Tal, daß nichts von außen hineinkommt, was nicht mit Sonne und Glanz und Wärme zu tun hat. Und Sie sprechen von Politik? Schau ich hinab, dann rauscht und raunt unten, ganz eingeklemmt von Strauch und Ginster, die Sinn durch die Landschaft. Man hört sie nur und sieht sie nicht, wie den ruhigen Atem eines sanft Schlafenden. Wäsche bleicht davor auf dem Rasen und bunte Käfer, Sonne auf dem Rücken, umflattern, angezogen und verliebt, die schneeweißen Jnselpässe mitten im grünen Meere. Auf unsichtbarem Haufen schlägt ein Gockelhahn an, als hätte er das Ganze zu versteigern. Und es wölbt sich ein Himmel über diese Welt der grünglitzernden Pracht, blau und blank, als hätte nie ein Wölkchen seine Bläue getrübt. Und ich sollte an Politik denken?! Regierungsbildung, Parteihader, Lambach! Wie fern das alles liegt. Hier gießt eine unsichtbare Hand fließendes Gold in den grünglasierten Bergkessel, mehr und mehr mit dem zunehmenden Morgen. Darum haben alle Menschen hier etwas von der Ruhe, Milde und Dankbarkeit der Gestrandeten in ihrem Blicke, die von Sturm und Gefahr auf blühende Insel gepeitscht wurden, wo es sich gut ruhen läßt. Diese Abgeklärtheit und Versöhnlichkeit im Auge! Diese Ruhe in Wort und Wesen! Es ist gut, daß hier so viel photographiert wird! Denn, Sie müssen wissen, Freund: Brückenau ist nicht ein Bad unter Bädern, es ist das Bad. Nicht, daß es soviel an buntem Badeleben böte! Gerade das nicht. Abgesehen von den braven Musikanten, die pflichtgemäß allmorgendlich mit etwas Strauß und Lortzing den Stahlwassertrank bekömmlicher zu machen sich redlich mühen, stören tagsüber keine Musikklänge den Gottesfrieden. Tanz und Theater sind nur wöchentlich höchstens einmal durch grünen Zettel symbolisch angedeutet. Jazz und Foxtrott sind Worte einer fremden Kultur. Außer Sonntags sind es immer die gleichen bekannten Geichter, die man, ein Dutzend Mal in der Stunde, grüßt. Der einzige Schutzmann, der am Eingänge des Kurgartens den Verkehr regelt, ist aus Blech und Pappdeckel. Aber es ist etwas anderes, was Brückenau zu dem Bade macht, sagen wir: die Homogenität des Naturbildes. Eine Mulde in die Berge gehauen, die Wände dicht und tiefgrün drapiert, das Ganze mit Sonnengold bis an den Rand angefüllt, das ist Bad Brückenau! Oben am Kopfe des großen Vierecks ein weißes, weder alt noch sehr feudal anmutendes Königsch l o ß, von dem Terrassen über Blumen- und Rosenhaine in den Kurgarten hinabführen. Dieser, wie die gute Stube alter guter Zeiten mit Nippsachen, etwas überladen angefüllt mit Bäumen, Bänken, Brunnen, Badehaus, Wandelhalle und allem anderen, was zu einem Kurhause gehört. Was sich aber hüben und drüben und seitlich um das Kurgartengeviert gruppiert, ist Villa und Garten, Berg und Wald. Wohin auch der Blick reicht, nichts als grün und weih und rot. Keines von den Häuschen, die einzeln an den Hängen weißrot schimmern, das nicht Kur- und Badezwecken diente! Keinen Rauch schicken Schornsteine der Industrie hierher, ihm die Luft zu ttüben, kein Dung mischt sich in des Waldes Duft; keine Fabrik und kein Bauernhaus, alles Bad und nur Bad. Brunnen und Sprudel und ein paar bescheidene Badeeinrichtungen. Alles andere stellen Berg, Wald, Sonne und Himmel! Das ist Bad Brückenau! Bad Brückenau ist seit 180 Jahren medizinisch bekannt, liegt am südwestlichen Abhange des Rhöngebirges, 297 Meter über Meer, hat Wernarzer- und S t a h lheilquellen-Was weiß ich von all dem? Laß Dir Prospekte kommen, da steht alles, schön säuberlich in Kapitelchen geordnet, drin. Ebenso eine liebliche Serie von Krankheiten, Leiden, Schickungen und Beschwerden, gegen die der liebe Gott in diesem Tälchen die Wässerlein fließen läßt ... Ich sehe nur Sonne, Berg, Wald, Frieden, Freude und Lieblichkeit. Und mitten in diese Pracht hat eine gütige Vorsehung zwei jüdische Hotels gestellt, die, bei einer Aufmachung und Verpflegung, einer Gastlichkeit und Zuvorkommenheit, wie sie schlechthin nicht ü b e rdoten werden können, in ihrem Eigenen, das ie dem Juden bieten, noch überdies Sanatorium iür die Seele sind. Darüber im nächsten Briefe mehr und deutlicher. Auf fünf golden« Tage ein regnerischer Sabbat, der das fällig gewordene geistige Bad brachte. Heute, Sonntag, lockt und grüßt wieder strahlende Sonne. Sie grüße auch Sie von- Ihrem S—tz. Der Seele Bindung Zum W ochenab schnitt: Von Rabbiner Dr. Mchalski in Karlsruhe. An eines Mannes Wort soll der Mann selbst nicht rütteln und nicht deuteln. „Wenn ein Mann ein Gelübde tut bei Gott oder einen Schwur schwört, mit einer Bindung seine Seele zu binden, so darf er sein Wort nicht entweihen, nach allem, was aus seinem Munde kam, muß er tun. (IV. B. M. 30, 3)." Doch ach, um der Sünde leichtfertiger Schwüre und Gelübde mußte Israel in die Verbannung gehen H und Gott selber tat nun ein Gelübde, an dem er als „Mann" nicht rütteln durfte: rrapn m rs Gott, der der der „Mann des Krieges", band mit einer Bindung Seine Seele, die, voll Liebe und Erbarmen, gern die Strafe mildern wollte, und vom Sinai tönt es schmerzlich: 'jwaswv -»V'■»ik. 2) „weh mir, daß ich einen Schwur tun mußte", um Israel zu bessern und zu läutern. Es kann sein Wort nicht kraftlos werden lassen, weil Er Israel liebt wie seine Tochter, wie seine Gattin für die .auch das .Gelübde Vorschrift gibt. „Wenn eine Frau ein Gelübde tut bei Gott, mit einer Bindung sich bindet im Hause ihres Vaters in ihrer Jugend, und ihr Vater hört ihr Gelübde und ihre Bindung, mit der sie ihre Seele gebunden, so haben alle ihre Gelübde Bestand und jede Bindung mit der sie ihre Seele gebunden, hat Bestand (das. 4—5)" Israel, die jungfräuliche Tochter, hat in ihrer Jugend im Hause ihres Vaters, da sie vom Vater geliebt und gehegt, ihre Seele, die ihrem Gott gehören sollte, gebunden mit einer Bindung der Sünde und des Lasters, des Frevels und der Leidenschaft, und der Vater im Himmel hörte es und schwieg dazu; schwieg, solange bis Er nicht mehr schweigen konnte, nicht mehr durfte um der Tochter willen, bis diese nicht mehr bleiben konnte n-as rv>aa im Hause des Vaters, da dieses in Trümmer gesunken. Einer Witwe gleich im Trauergewande trauert Israels Gemeinde in der Verbannung, einer Geschiedenen gleich, verstoßen von ihrem Heim, weilt sie, die Gott wie eine Gattin geliebt, der Er die ehemals bräutliche Liebe gedacht, einsam und verlassen in der Fremde und des Propheten Klagewort seufzt es ihr nach: „Wie sitzt,sie so einsam, wie ist sie wie eine Witwe geworden?" Das Gelübde einer Witwe und einer Geschiedenen, alles, womit sie ihre Seele gebunden, lastet auf ihr (das. o. 10). Niederbeugend ruht auf ihr die sündhafte Bindung der gottentstammten Seele. Erst, wenn na narn 'm Gtt ihr verziehen, weit v&h "nn vn sie mit ungeteilter Gattentreue wieder sich Gott zu eigen gibt, weil sie die Worte, die sie täglich pricht, „daß angetraut sie Gott, für immer und in Treue, mit Pflichterfüllung und mit Recht, mit Liebe und Erbarmen, auf daß sie Gott erkennt", zur Tat gestaltet, dann löst ihr Gott &bi ’irj? all die Gelübde, die der Seele Reinheit trüben, nraV irat? mian, die Schranken, die hindernd zwischen Ihm und ihr stehn. Aufs neue dann nvn nvx rv>n dhi ersteht ihr ihres Gatten Haus zu jener heiß ersehnten Zeit, da am: py* die Sünde der leichtfertigen Gelübde schwindet, die Sünde, die Gottes Erbarmen bindet, da Israel sein Gott wieder indet und den Tempel Cr für die Ewigkett gründet! *) Vgl. d’iwj i'y z. St. 2) Niro saa- A nnoncen-Buro Julius Schmidt Frankfurt a. M.f Langestr. 7 Telefon Hansa 4641 Postscheck-Konto Frankfurt am Main 142 353 Einzige Inseraten-Annahme für Frankfurter Geschäftsinserate des „ISRAELIT“ Ausserdem Annahme von Inseraten für sämtliche hiesige und auswärtige Tageszeitungen, Wochenu. Fachbläffer zu OrigSnalpreisen