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Der Israelit · 1928-07-12 · Heft 28 (12.7.1928) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 28 (12.7.1928)
Date
1928-07-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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$£P Der Jsraelit m Feuerzeichen. Hm GHeLto-Ilowau von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Dann sah er die Menschen, sie ihn. Verkommene, halbvertierte Gestalten hockten stumpf 1 auf dem Boden. Kaum einer, der all seine Glieder ganz beisammen hatte. Ein Buckliger mit einem narbigen Gesichte, in dem die Nase wie glatt wegrasiert war, machte sich gleich an ihn heran. Ob er Tabak zum Kauen, ob er Schnaps, ob er Geld hätte. Da Rabbi Naftali keine Antwort. gab, wurde der naslose Bucklige handgreiflich, langte in die Taschen des Rabbi, griff nach dem Talisbeutel, um ihn zu durchwühlen und nahm eine drohende Haltung ein. Bis sich aus einer dunklen Ecke ein Monstrum löste und in Bewegung setzte. Ein Riese stand vor dem Kleinen, packte diesen mit der Rechten wie mit Löwenpranken und warf chn prall auf den Boden, daß er aufschlug wie ein Ball. „Mir gibsts," brüllte der ergrimmte Riefe, „wenn was hast, die Ratte da mag krepieren --" Dann sah er dem Neuling ins Gesicht und trat betroffen ein wenig zurück. Aber gleich faßte er sich, sah zurück zu den nachtdunklen Gestalten, die auf dem Boden oder auf den Pritschen an der Wand herumkauerten, und lachte tierisch: „Der Judenrabbi, bei meiner Seel, der Im denrabbi. Seht doch den Rock und die Haarlocken an, der Judenrabbi, der will uns Seelenheil bringen oder in den jüdischen Himmel führen, wenn wir am Galgen hängen oder gevierteilt am Rade." Von allen Ecken krochen jetzt die Buckligen, Einäugigen, Kurzarmigen, mit Stelzen und Kopfverbänden herum, als kämen sie von Unterkammern der Hölle daher, und beäugten hinter dem wortführenden Riesen den sonderbaren Neuling, den Judenrabbi. „Er soll Geld geben," schnaufte der naslose Bucklige, der sich inzwischen wieder erhoben hatte. „Soll uns den Segen geben, jüdische Litanei, daß wir unseren Spaß haben." „Jude, fang an, bete, sonst ist es um deinen Abrahamsbart getan." „Bart und Locken, ist eine Idee, die schneiden wir ihm ab." „Wer hat Schere, Rasierklinge?" „Also Jude, wirst du beten? Wann wirds?" „Habt Ihr Seife? Wollen ihtt richtig einseifen." „Ist er stumm oder taub/daß er kein Wort spricht?" „Er spricht nicht mit uns, ist zu stolz, hält uns für Schweine." „Wollen ihm schon den Mund aufreißen, ihn reden lehren." „Paßt auf, wenn er den Mund auftut, redet er zu uns wie der Apostel Paulus zu den Heiden und Menschenfressern." „Dann lassen wir ihm den Bart, Prophete ohne Bart, Krautsuppe ohne Salz, Galgen ohne Strick ..." „Sieht aus, wie K a i p h a, der Hohepriester, der unfern Herrn kreuzigen ließ." „Dann kreuzigen wir chn, gleich auf der Stelle-" „Wer hat Hammer und Nägel? Wo sind Brett und Stangen?" „Wenn die Wache kommt, schlägt und schießt sie Euch kurz und klein, daß kein Knochen übrig bleibt für Rad und Galgen," mahnte einer vom Hintergründe. „Der hat recht," bestätigte der Riese, dessen Augen jetzt grün schillerten, wie die eines lauernden Tigers. „Es wäre schade um den schönen Galgen und die vielen Gaffer draußen, die um ihren Spaß kämen." „Also," donnerte der Recke, „Ihr Galgenstricke, geht schlafen, sage ich Euch und bekennet Euere Sünden, bevor Euch der Teufel — vielleicht schon morgen bei Sonnenaufgang — geholt hat. Sind wir morgen früh noch da, lehren wir den Mann, den Judenrabbi, reden, verlaßt Euch auf mich." Damit stieß er mit feinem breiten Rücken einige hinter ihm zu Boden, schritt breitbeinig über die anderen hinweg und klappte seine Pritsche auf, daß es nur so klirrte und dröhnte. Letztes Seufzen und Fluchen auf dem Boden und auf Bänken und Pritschen ging in lautes Schnarchen über. Die Funzel brannte, roch und rauchte. Oben schrieen die Soldaten erhitzt und durcheinander beim Würfelspiel. Nun konnte Rabbi Naftali freier und klarer denken. Wie ein Sturm befiel ihn der erste Anprall der Halbwilden, mit denen er, Gott wußte wie lange, den entsetzlichen Raum zu teilen hatte, und benahm ihm die Sinne. War er eben einer Lebensgefahr mit knapper Not für den Augenblick wenigstens entronnen? Kommt mit Tagesanbruch die Pein wieder? Rabbi Naftali glaubte an das letzte im Menschen. So ganz vertiert konnte kein Mensch, der Gottes Ebenbild im Gesichte trug, sein. Er war in jungen Jahren unter Tataren, und es ließ sich mit ihnen leben. Arje Lob lebte, wie er erzählte, in Höhlen mit Aufständischen, denen ein Menschenleben nicht viel galt und er kam heil zurück. Vielleicht wollten sie hier nur ihren Spaß mit ihm treiben? Was kann Menschenhand, wenn es Gott nicht will? Eine neue Prüfung, man mußte sie tragen und bestehen und weiter den Menschen im Menschen suchen — Nun hatte er aber vorerst G o t t zu suchen, sich an ihn zu klammern, wie an den letzten Rettungsplanken der Ertrinkende. Was hatte er gegen die Menschen gesündigt, daß sie ihn hier in die Finsternis warfen? Aber gegen Gott hatte er gewißlich gefehlt. Gegen ihn fehlen wir allemal, mit Wissen und ohne Wissen. Und was sind Menschenhände, die sich ausstrecken, uns zu verderben? Boten der höheren göttlichen Wallung. Ihn, den Gott seiner Väter, der ihn bis hierher geleitet, wollte er anrufen, aus Nacht und Not. „Aus der Tiefe," mit den Worten des Psalmisten. Cs war Mitternacht stunde und das Gebet der Nachtmitte, das er nun hier, wie immer, verrichtete, erhielt eigene Töne, als löste sich seine Seele in Glut und Tränen auf ... .... In einer Nische, in der es noch dunkler war und kalt und das Wasser dumpf die rissige Mauer hinunterlief, saß Rabbi Naftali auf dem Boden >Mnd betete sein Mitternachtsgebet. Er schloß die Augen, drängte mit Gewalt die Erkenntnis seiner Lage aus dem Bewußtsein. Er durfte nicht über eigenes Leid in diesem Augenblicke weinen. Seinem Volke, Zion und Jerusalem und der Schechina im Ex il! gehörten die Mitternachtstränen. Und es war so schwer, in dieser Lage keinen Ton eigener Not mitklingen zu lassen. Er brachte es zuwege, Lage und Umgebung zu vergessen. Wie hätte er es sonst im Winkel seines Gefängnisses, wo, wie aus dem Sumpfe sich Giftaugen dräuend zu ihm erhoben, gewagt, laut die Klagegebete hinauszuschluchzen und seine Peiniger damit zu neuen Peinigungen zu rufen!? „Wird der Herr ewiglich zürnen?-—" „A u f, und erbarme Dich Zions, Deiner heiligen Stadt, Israels, Deines heiligen Volkes! —" Löste sich von der Wand, dort, wo Menschen schnarchten und im Schlafe heulten, ein Schatten? Rückte er micht näher, näher, wie ein Dämon durch ein Zauberwort aus Nacht und Versenkung gelockt? Warum erschrak der Rabbi so sehr, als die Schattengestalt jetzt vor ihm stand? Warum fiel ihm das Wort des Gebetes aus dem Munde, alles Gedenken an Zion und Schechina aus dem Sinne? Es war der ungeschlachte Geselle, von früher, der Riese, der hier scheinbar, wie Satan in der Hölle, das Regiment führte, und doch sah er jetzt, allein in der dumpfen Nische vor ihm, anders, größer, grauenvoller aus. Und so bekannt, so bekannt . . . Wo hatte er ihn schon gesehen, im Lande der Tataren, oder früher oder später, viel später? War das nicht der gleiche, dex in der Nacht des Brandes mit Stange und Beil in sein Haus eindrang und auf die Zimmertüre einschlug, daß das Feuer in hellen Gluten ihm entgegenschlug? Oder täuschten ihn die erregten Sinn? Es schien ihm, als hätte er sogar noch die gleiche Lederjacke an, mit einem Riemengurt eng um den Leib geschnallt. Hutlos'war er auch damals. Fehlte nur das Beil in der Hand. War er auch hier vom Dämon verfolgt? Eine Weile sah der Unheimliche mit grünlichen, drohenden Augen den Rabbi schweigend an. Dann grinste er in heiserem Baß: „Warum zelebrierst nicht weiter, Judenrabbi? Fahr fort mit der Litanei, daß die ganze Bude über uns zusammenstürzt. Weiß schon, du kannst mit deiner Zauberkunst uns in die ewige Verdammnis beten und unsere schwarzen 'Seelen in Hunde bannen, daß wir wie die räudigen Köter über die Straße laufen und bellen. Mal los, Judenrabbi, weiter mit der Litanei!" „Oder" — er erhob die Riesenfaust — „ich kann Dich mit einem Schlage in Grund und Boden bohren — bevor die Litanei aus deinem Munde kommt und meine Hand lähmt. Was meinst, Judenrabbi?" „Was habe ich Euch oder sonst Jemand Böses getan?" Was lag in diesem einen Worte, in diesem Tone, daß der Riese, wie am Kopfe getroffen, im Dunkel etwas zurücktaumelte? Seine grünlichen Augen erhielten etwas Scheues, wie die eines verschüchterten Tieres. Da kommt ein Mann in deren Sumpf und fragt, was er Böses getan. Als wären sie hier nicht weit jenseits und tief unterhalb von Gut und Bös! Was hatte er, ein Jude und ein Rabbi, hier zu tun und zu sagen, daß er unschuldig sei. Unschuldig — das war hier die größte Schuld. Hatte er nichts getan, dann sollte er oben bleiben im Lichte und sich bei den Tugendsamen sattsressen. Was wollte er hier? Aber etwas Unsichtbares, eine ganz feine aetherisch reine Wolkenhülle lag doch jetzt zwischen ihm und dem Jüdenrabbi, daß er nicht an ihn heran, nicht zu ihm hinlangen konnte. Er senkte die Hand und er wunderte sich selber über den plötzlichen Weichklang seiner Stimme. „Wenn Du nichts Böses getan," sagte er. „warum haben sie Dich zu uns geworfen? Hier sitzen lauter Galgenvögel, Diebe und Mordbrenner, für die man schon am Gerüste hämmert. Ich bin der vornehmste unter ihnen, Meister von Haus aus und Hab doch einen Menschen, einen Konstabler erstochen-Also red, Mensch, wer hat Dich hergezerrt und warum?"' „Ein großes Brandunglück hat die Gasse zerstört," sagte der Rabbi noch fast im Tone des Klageliedes, „und das Maß war noch nicht voll, so hat es der große Gott gefügt . . ." Er sah nicht, wie der starke Mann noch weiter zurücktaumelte, wie sich sein Gesicht verzerrte. Er hätte den Judenrabbi, wäre nicht die dünne Wand dazwischen, jetzt erst recht erschlagen können, aus Neid auf den Stolz, die Kraft, die diese Sorte bis zuletzt bewahrte. Ganz unvermittelt fragte er: „Kann eine Seele, beschmutzt und besudelt, wenn sie vielleicht morgen schon auf dem Schafott aus dem Leibe gejagt wird, Erbarmen finden?" Rabbi Naftali richtete sich auf.

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