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Der Israelit · 1928-07-05 · Heft 27 (5.7.1928) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 27 (5.7.1928)
Date
1928-07-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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WM Zur Zentralisierung der Frankfurter jüdischen Wohlfahrtspflege. (Schluß.) H. Zwei Auffassungen stehen sich diametral gegenüber, beide ernsthaft, -edel gemeint und gut Durchdacht. Die Gemeinde und ihre Studienkommission sagen: Man will, dem Zug der Zeit folgend, rationalisieren. Man will, nein, man muß rationalisieren. Man spart dann mehr oder minder hochbezahlte Arbeitskräfte. Und, was bedeutsamer ist: die Einzelvereine sind in Gefahr. Die Gebefähigkeit hat heute nachgelassen. Und auch die Gebefreudigkeit. Faßt und drängt man zusammen, unterbindet man die Zersplitterung, so wird man die Wohlfahrtspflege auf breiter und solider Basis fundieren können. Anders sprechen die Führer der Einzelvereine. Es sind Männer und Frauen, deren reine Selbstlosigkeit über jede Spur eines Zweifels erhaben ist, die nicht im Mindesten danach trachten, in Amt und Würden als Vorstandsmitglieder dazustehen oder dastehen zu bleiben, sondern die nur der Sache zulieb, nur aus tiefem sozialem Verständnis und aus Menschenfreundlichkeit heraus wirken und — sich sorgen. Sie sind gegenteiliger Meinung. Sie glauben, daß jeder Verein durch die Zentralisierung in der Wurzel seiner Existenz bedroht wird. Sie rechnen mit der Schwäche und Hinfälligkeit der menschlichen Natur. Sie wissen, daß sich das Gemüt nicht immer auf goldenen Rahmen spannen läßtdaß es nicht durchweg höchster Veredlung fähig ist. Sie sind überzeugt, daß Hunderte, deren soziales Denken und Fühlen oder auch deren religiöses Denken und Fühlen nicht genügend ausgebildet, verfeinert und geweitet ist, die gute Gelegenheit gerne benutzen werden, um einer Zentralkasse eine verhältnismäßig, d. h. im Verhältnis zu der Fülle von Anforderungen und zu ihren persönlichen Einnahmen, kleinen Beitrag zu spenden und sich damit wohlgemut und beruhigt von jeder weiteren Verpflichtung losgekauft wähnen. Man lullt sein Gewissen ein, setzt sich behäbig auf seinen Geldsack und läßt Elemd Elend sein. Diese Führer sehen mit Bestimmtheit voraus, daß mit der von der Israelitischen Gemeinde nur für die der Zentralwohlfahrtskasse angeschlossenen Vereine ausgeworfenen Jahressumme von PM. 230.000,-die sich vielleicht noch ein wenig erhöhen mag, die Gesamtgaben von Frankfurt eine ungeheure, bedrohliche, in ihrer Wirkung höchst unheilvolle Einschränkung erfahren werden. Einer der bedeutendsten und tatkräftigsten Philantropen unserer Stadt hat das offen und öffentlich in der Sitzung der Gemeindevertretung ausgesprochen. Wir müssen gestehen, diese Ansicht hat ihre tiefe und einleuchtende Berechtigung.. Sie scheint uns weit schwerer und goldhaltiger zu wiegen als die andere. Auch wir fürchten, daß die durch jahrhundertelange Erziehung zu hoher Blüte entwickelte Frankfurter Wohltätigkeit verkümmern, zum wenigsten in ihrem Wachstum erheblich gehemmt werden wird, wenn man sie sich nicht weiter frei in Einzelgrüppen entfalten läßt. Und wir meinen, man solle, bevor man den letzten folgenschweren Schritt einer endgültigen Konzentrierung der Wohlfahrtspflege tut, erneut -eine Ratsversammlung aus den edelsten, tüchtigsten, tätigsten, bewährtesten und. mit Hirn, Herz und Hand nur der Sache dienenden Männern und Frauen zusammenrufen, um über Sein oder Nichtsein der Zentralwohlfahrtskasse zu entscheiden. Noch ists Zeit und die Verantwortung vor der Zukunft ist ungeheuer groß. Hl. Was die Israelitische Religionsgesellschaft betrifft, so hatte man ursprünglich den ganzen, reich gegliederten systematisch aufgebauten Apparat der jüdischen Wohlfahrtspflege einem paritätisch aus Vertretern beider Gemeinden bestehenden obersten Direktorium unterstellen wollen. Diesem Vorschlag konnte die Religionsgesellschaft aus religiösen Bedenken nicht zustimmen; sie mußte erklären, daß es ihr unmöglich fei, die religiöse Mitverantwortung für ein fast unübersehbares soziales Werk zu übernehmen, bei dem hunderte von Persönlichkeiten verschiedenster religiöser Gesinnung als Führer oder Pfleger Mitarbeiten und bei dem daher (man denke nur an die Vermittlung von Pflegestellen, Adoptionen, den ganzen Komplex - der Waisen- und Fürsorgeerziehung) unter den heutigen Verhältnissen auch i bei gutem Willen Verstöße gegen das Religions-! gesetz kaum vermeidbar sind. Dagegen erklärte sich die Gemeinde bereit, wie bisher den Vertretern ihres Fürsorgeausschusses die praktische Mitarbeit in denjenigen Unterausschüssen der jüdischen Wohlfahrtspflege zu gestatten, in denen dies ohne religiöse Bedenken möglich ist. Die Predigt ein Erziehungsmomevk. Von Dr. med. dent. Josef Saffra in Frankfurt a. 21t. Ungewollt versetzt einen der Gedanke an die Predigt in die Zeit zurück, in der das orthodoxe Judentum und somit das gesamte Judentum dem Untergang geweiht schien. Denn die Predigt als Faktor der Reform war gleich einem verheerenden Unwetter, das alles aus den Fugen zu reißen drohte. Und doch war es ebenfalls die Predigt wie allbekannt, kraft deren unser großer Genius S. R. Hirsch das orthodoxe Judentum wieder neu ' auferstehen. ließ, ihm neuen Lebensodem eingab. Es hat also wie in den Ausführungen in Nr. 24 des „Israelit" unter dem Titel „Ketzerische Gedanken über die Predigt" richtig bemerkt, tatsächlich die Predigt sich als ein zweischneidiges Schwert entpuppt. Inwieweit nun heutzutage die Predigt zweckmäßig erscheint, mithin einen Faktor der Erziehung trotzdem darstellt, soll im nachfolgenden versucht werden, klarzulegen. Zunächst sei die Frage aufgeworfen, was versteht man unter Predigt? Das Wort Predigt entstammt dem lateinischen praedicare, in deutscher Uebersetzung verkünden. Es ist damit die speziell religiöse, kultische Rede verstanden, die mit besonderer Berücksichtigung der lebendigen Anschaulichkeit' und einer gewissen Eindringlichkeit, die Menschen einer religiösen Ueberzeugung näherzubringen sucht, im Gegensatz zum weltlichen und wissenschaftlichen Vortrag, der fast meistens ein mathematisches Problem darstellt. Kennt auch das Judentum derartige Reden von gewisser Eindringlichkeit? Ich glaube, dies ist in keiner Weise zu bezweifeln. Noch ehe wir richtig die Welt haben auserstehen sehen, weiß uns der Midrasch zu erzählen, was der Bau der Arche Noahs seinen Zeitgenossen zu künden hatte. Es war zwar eine unausgesprochene Predigt, aber der Menschheit war der Weg zum Guten damit klar und deutlich gewiesen worden. Der nächste zeitgenössische Prediger war unser Stammvater Awrohom. Von ihm erzählt uns die heilige Schrift, er war ein D'in pan as Er offenbarte der Welt, daß es nur einen Gott auf Erden gibt, daß er Lenker und Leiter der Weltordnung ist. Deutlicher wird uns der Wert und die Wirkung einer derartigen Rede gezeigt, wenn wir uns den Abschiedssegen unseres Stammvaters Jakob vorlegen: „Nicht will er in ihrem Rate sitzen, nicht teilhaftig sein ihrer Pläne, im Gegenteil:annaPisV'2vssninsorssi apjra opVns nrurp 's „Verflucht sei ihr Zorn, denn ex ist mächtig und ihr Grimm, denn er ist hart, ich teile sie unter Jakob und ich zerstreue sie unter Jisroel." Nennt sich das nicht Mahnpredigt? Bedarf es noch eindringlicherer Worte, um Menschen anzueifern für die Gottesidee? Und so sehen wir unseren großen Führer Mosche Rabenu kurz vor seinem Tode Worte der Mahnung und Eindringlichkeit künden: dd-»3Tkd mnm tonDtzn c>2'v2V MpT ns ■»‘rs Vrnpn psn nsT v'Qwn ns tn rrrysi n^sn onmn ns „Versammelt um mich alle Aeltesten eurer Stämme und eurer Befehlshaber und ich will in ihren Ohren diese Worte reden und gegen sie Himmel und Erde als Zeugen aufstellen." Und immer weiter und weiter hören wir unsere Propheten schreien, die versuchen das jüdische Volk aufzurütteln aus dem Schlafe der Versunkenheit und lesen Ansprachen wie die des Propheten Jesaias: irtsn mo ’jpxp 7n in miss ny up^s mm „Höret das Wort Gottes, die chr gleich seid den Reichen Sedoms, neiget euer Ohr der Lehre unseres Gottes, die ihr auf gleicher Stufe mit Amora steht." Den Propheten folgten die 2'sm mit, ihren mns 'p-m diesen die snmn ’Vxn mit ihren nie altwerdenden Sentenzen bis auf unsere Zeit die noi» ^sra» deren Lehren uns unsere orthodoxen Rabbinen berufen sind, wiederzugeben. Sicherlich sind diese Predigten nicht zu vergleichen mit unseren heutigen Kanzelreden. Während unsere alten biblischen Prediger — wenn ich diese so nennen darf — mehr Exegeten oder, besser gesagt, mehr Interpreten, Dolmetscher waren, deren Streben darauf ausging, uns den Quellen der jüdischen Lehre näherzubringen, uns mit ihnen mehr vertraut zu machen, so haben wir heute in unseren Kanzelrednern mehr Homiletiker, die uns an Hand des Schriftsatzes eine erbauliche Auslegung und Unterhaltung wiedergeben. Diese Art war jedoch eine Zwangsgeburt der Zeit der Reform und unabwendbar. Für unsere Zeit scheint sie allerdings für einen bestimmten Teil der Orthodoxie überholt. Aber dieses ist leider immer noch der geringere Teil. Wohl hat die Orthodoxie an Boden gewonnen. Auch der Wert eines gediegenen Thorawissens wird mehr I n 1 .vif

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