Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1928)
- Date
- 1928-06-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 26 Der Israelit 28. Juni 1928 Die Religiösiläl der Großstadt. Bon Oberrabbiner Dr. Carlebach.,*) H P,v Das Problem der. ReligiösiW / der.: .Großstadt ist zur brennendsten Tagessrage -der.-jüdischen Gegenwart geworden. In immer größeren Scharen wandern die Juden aus ländlichen Bezirken und kleinstädtischen Gemeinden in die Großstadt. Es ist das, nicht nur einet Folge des wirtschaftlichen Lebens; die Großstadt-ist den neuen Ankömmlingen. eine zweiteliebere Heimat. Es muß ein..unsichtbares Agens sein, das dieses Milieu dem Juden so wertvoll macht.-Die jüdische Seele muß nn gewisser. Hinsicht auf die Großstadt leichter. ansprechen als auf die Enge der Kleinstadt. Ist aber nicht diese, neue Atmosphäre voll tödlicher Miasmen: für- Has.Judentum- .sind, nicht Religion und Großstadt von solch innerer Gegensätzlichkeit, -daß sie einander, verneinen? Fraglos weist . Bibel und Talmudden Weg der Flucht vor dem großstädtischen Leben. Selbst die Niederlassung m Jerusalem wird als ein Opfer, als ein besonderer Dienst an der Gesamtheit betrachtet, weil das Wohnen in den Großstädten hart ist. Die Gesamteinteilung des heiligen Landes in Acker- und Stadtgebiet mit unverrückbaren Grenzen, die Unmöglichkeit der Eingemeindung und des unbegrenzten Wachstums der Stadtbezirke deutet darauf hin, daß die Thora der Bildung der städtischen. Riesenorganismen feind ist. Offenbar können in dem kleineren Rahmen die religiösen Werte leichter zur Entfaltung kommen, und das bleibt auch wahr, selbst wenn heutzutage die Verkümmerung des religiösen Lebens in der Kleinstadt diese Voraussetzung Lügen zu strafen scheint. Wird aber die Großstadt das wahre Ideal der Religiösität niemals Zur Reife bringen? Ist die tiefste Seelenkultur an das Idyll, an die stille Welt des Landstädtchens gebunden? . Spengler hat in seinem „Untergang des Abendlandes" diese These mit blendender Dialektik behauptet. Alle Kultur versteint nach seinen Darlegungen in dem Häusermeer der Großstädte. Diese sind nach ihm die Herzklammern des sterbenden Kulturorganismus, in die fiebernd das Blut hineindrängt, während die Extremitäten schon erkalten, während alles Uebrige verdorrt. Religion aber greift auf die Urquelle des Lebens zurück. In dem lebenden Leichnam der großstädtischen Zentren habe sie daher keine Stätte. Sie nimmt pathologische Formen an, wird Ausdruck einer „kranken Innerlichkeit", einer Verzweiflung, eitler resignierenden'Tödesstimmuntz. DahErinhre^VerMrUÄg-in-taufend 'ForMen-^desi Aberglmrbens? der- Afterweisheit, an'die -sich-die Leichtgläubigkeit der Verlorenen klammert. Diese Religiösität hat die blasse Farbe des Todes, der Aeußerlichkeit, der Lebensmattigkeit, keine Tiefe, nicht die sieghafte Kraft überströmenden Innenleben^-^ -/X X;' '- X. .y- : .. Auch der begabteste Jude der letzten Gegenwart, dev vielgewandte Meister des Intellekts Walter Rathenau, sah und fühlte in dem TriuMphzug des Gryßstadtwesens, in der von ihm in grausigen Farben geschilderten „Mechanisierung" der Welt die Todesumklammerung unsrer menschlichen Geisteskultur durch die Großstadt, und sein Schrei nach S eele klingt erschütternd an unser Ohr. Ein, Sehnen nach Innerlichkeit mag wohl unser eisernes Zeitalter.durchdringenaber der wahre Gott, der - Leben- und Seinschaffende, wohnt nicht zwischen den Eisenträgern unsrer Hochbauten. Diesen niederdrückenden Aspekt der Großstadt können wir nicht teilen. Cr beruht auf fatalistischer Verkennung der kulturellen Entwicklung, auf Unterschätzung der Freiheit und Größe des,Menschen. Er sieht das'eine Klipp e,> an der sie scheiterten.- Sie verloren Glück uur-: „bei dem Volk der Gefilde, noch nicht ° ihr Judentum und ihre Seele und sind als Menzur Freiheit erwachet". Das Judentum denkt? schon reinen- Intellekts, als nüchterne. Zweckanders, esi si eh t d en M e ssias an den!und Tatsachenmenschen ein Abscheu der seelennur durch die zähmende, bändigMMWvaft des Gesetzes in der Seele ertragD- WWWWW^so Mgb^stch^chie''9ehr^MckDKWÄÜMVtuWDtzrsöfehv in" Unsrer' PräöWMsißoy füMÄM htzWst Atem-der - KultUrMÄropble HieM uMer^SeHW beschräNkung ' durch die L e b e n s o r d n u n g' der M i z w a u s. Denn je mächftgWMr!' PropÄtzrMostoUötiger das Steuer; - je-großer'Hie FahrtgeschwinAtzkeii, p -M Wur entböhMcher ^shieuBWnse^Wäß großstädtisches Leben Mn nicht M-WöWadMHgrund/ zu- VersteinerMg und Seelenverarmüng, zu Genussesüberdruß! - und SelbstvUgeüdung führt, bas ist die-Wirkung, die besänftigende und regelnde, des jüdischen Gesetzes. xx y. Was den Juden in die Großstadt; treibt, ift seine reiche Aufnahmefähigkeit, die''Breite 'seines Interesses, die Expanfiost und-Ärbeitssreude des jüdischen Willens.' Auch M dsV^leiWadt war der echte, im Talmud grübelnde--/iMneW deükerische, immer strebende Jude kein Kleinstädter. Erst in der Großstadt fühlt er heute, nach der geistarmen und thoraarmen Atmosphäre der Kleinstadt, die volle Befriedigung und Entfaltung der unendlichen Kräfte seiner Seele. Wohl waren die Gefahren der neuen hinreißenden Luft der Großstadt für die meisten *,) Aus dem Referate bei Anlaß der Jubiläumstagung des Vereins zur Wahrung des überlieferten Judentums in Baden in Mannheim. Toren Roms-. . . Unsre Auffassung von der Großstadt ist die polare: diese ist die Stätte größten Lebens, überschäumender Kraft, allmächtiger strömender Entwicklung. -Ein Leben im Sauerstoff, ewiger Unruhe und Beweglichkeit, ungeheuren Tatendranges, das ist uns die Großstadt. Ein dämonischer Zauber liegt über ihr, durch die der Mensch in seinem Denken und Wollen über den im engen Kreis sich verengenden Sinn zu immer größerem und höherem Gesichtskreis hinauswächst. Das ist aber Geist vom jüdischen Geist, ein Wehen des höheren Odems der Thora. Auch er ist ein Rausch gewaltigen Lebens, gewaltigen Leistens. Wie am Sinai die Väter v?rr» ffrva hw in einem überirdischen Feuer erglühten und . den mächtigem- Puls des Daseins verspürten? hin- und hergeworfen würden zwischettiden Extremen Her Pflichten und der seelischen Bewegungen, so kann auch in dem Wirbel der Großstadt mit ihren großzügigen Ausgaben, ihren unendlichen Möglichkeiten, ihrem vervielfachten Erleben der Jude die-ganze Größe-und Erhabenheit seiner religiösen Mission voll zur Auswirkung bringen. Und wie die Flamme der Thora vollen .Zukunftssucher. -Aber aych nirgends, hat das Judentum sich in Persönlichkeiten, so -herrlich ausgewirkt, wie in dem großstädtischen Milieu der Gegenwart, wenn Männer, an der Spitze des Wirtschaftslebens stehend, am Sabbat mit heroischer Kraft sich aus der jagenden Tätigkeit hinaus in die Seelengefilde der Sammlung und Hei-, ligung schwangen, oder wenn Andere im ehrenvollsten Dienste des Staates, der Politik und der Wissenschaft, mit einer Energie und Willenskraft, sondergleichen jede kleinste Mizwa hüteten, trotz aller Versuchungen des Augenblicks, oder wenn Jünglinge und Mädchen voll Lebenslust und Jugendfreude mitten im Genussesleben der Groß-'' stadt ihre Keuschheit und Unbeflecktheit stark undsieghaft sich bewahrten. Solches sittliches Helden-? tum entlockt nach einem Talmudwort selbst Gott im Himmel einen Ausruf der Bewunderung. ^. i Das ist die Religiösität der Großstadt. Sitz ist eine Religion der Freiheit, der Wahl, der Be-' wußtheit. Sensibel und empfänglich für die elektrische Spannung der Großstadtluft, dennoch um-sich die erhabene Atmosphäre der Selbsthei-x ligung, der inneren und äußeren Zügelung im-' Gehorsam gegen die Thora zu schaffen, das ist Laban, Haman, Bileam. Von Isaac ZK. Mainz in Arankfurt am Main. Mit dem oben genannten Trio find eine Menge Erzählungen und Ueberlikseruvgtm ck Tolv vd und' Mwia ch verknüpft. Jeder vor dirfin Männern ist mit einem Deiramen bedacht, xvin f».7 .'8V7.7 Dtrpn Insbesondere über ist eine ganze Literatur oufgeboten, um stinen C> arakter als rr'22 y",7K rder vvw zu klären. In der hivliferr Sidriwird besonders feine Habsucht hrrvmgebob'N und feine Ueber bebung, fich als' höheres Wesen zu denken, wie feine Anrwort an 7, aus die Frage •>» n*?R,7 beweist Anstatt zu ontm/rur: rr1 rrm brüstete er fich damit, daß der König rca ihm e eschlckt habe- Seine Habsucht ober ring Über alles, -Fühlte er fick schon verletzt, dost Balck nur Schafe- und. Rinder in Einzelpoa-en pe hryanstatt ganzes Heerdrn, so zeigt ein Bestpi'el ff£(n e&lvf, der Sidro, daß er trotz seiner Obrmcckl gegerüter den Wünschen Dolabs, von d eüm immer mebr an Gut.und Geld verlangle. so bofi ncch allem Mist. linCen Balak zu ihm sagte. -np hx N33 trn »Eilig 'kehre zurück noch deinem D rhnnrre. wollte ldir Ehre erweisen, aber m hb.lt n ick de ron zurück". Fällt ein Minister bei ein>w w»blichen. Könige in Ungnade und ereilt ihn nicht dos Lrs Hemons, sondern es wird ibm wie Lädon der Befehl sn 7sn 31V» 337» |ö *]V 7»lp,7. so hätte er so schnell als wöalick den Hof zu vevofsin. So hätte es cn ch Bileam sack gen ätz tun -v üssrn: ' Aber seine Hcbsuckt liest ihn nickt rüden und anstatt zu gehen, mit leeren Händen, sagte er fdi' fiK '31 oa kV«7 3.7T1 *]D3 171^3 «1^» und erbedeutel damit dem König, dost er durch Febl'chlagen seiner Mission nickt aus Bezahlung verachte, gleich eirrm Mostler, der ein Haus vermittelte, ohne dost es den Parteien übergeben werden konnte, dcnnrch feine Maklergebühr beanspruchen "kann. Als Beispiel zum Derholten Bileams will ich v ir erlauben eine kleine Episode ous meiner Jugendzeit hier-wie-rrzugebem Brn einer schweizerischen Eisenbobupesevich oft übernghmen medrcre Bankbävier einen Posten von Loosen und betrauten einen Rechtsorwolt zu einer Eckweizerreise, um on Ort und Stelle Einsicht: ^in die finonzieven 'Derhästnisse zu rebmen. Derselbe telegrorbierte kurz: »Dolfvnim!" Amnbchstln Tage kehrte er?u seinen Austraggeb ern zurück, die ihn mit den Worten empfingen:. „Es tut uns leid,'^err Rechtsonwalt, dost kie sich umsonst bemübt hoben." Der Rechtsanwalt tagte aber sofort, R'cht umsonst, vie'mebr verge bens" und überreich te seine Sechrung. die bonorini wurde. AI« aus diese Anspielrng Belck nicht.reofierle, suchte Bileam durch Fi'cken ibn w'Vig zu machen, indem er, unorsgesordert. Bclak die Zrbrnst Israels weissagte. .. Aber die Weigerung zu stieben, wurde ihm zum Ech'cksol. Beim Kampfe gcger Midian erebte ihn das strafende Schwert. Co nimmt er ein Ende wie Hawon. Labckns Ende ist nicht bekannt.ß Obwohl er als Vater von Lea und Rah« l eigentlich mit Stamm:? vater der Stämme Israels ist. wird er als solched^ nie erwähnt. Im Gegenteile wird im Midrasch das? Trio Bileam, Haman und Laban stets zusämrsten' behandelt. In 7il3'ti 'V'rrn ausgi drückt, ergeben sie alle drei das Wort ^3,7. kleines Feuilleton. Neue rabbimsche und hebräische Literatur."' . Eine große Aufgabe nahm Rabbiner Jonathan/ Steif (Rabbinatsassefsor der ^orthodoxen Gemeinde?im ' Budapest) aus sich, und die erste Probe zeigt, daß 'et, auf bestem Wege ist, sie zu lösen. Seine Chumisch'-/' Ausgabe in'Lieferen gen, von denen die erste, 240' Seiten stark, nur das erste Kapitel des Pentateuch um-'" faßt, bringt Raschi-Kommentar, Targumim und zwei > eigene Kommentare, einen nach der M a s s 0 ra; dann Ueberleitung aus dem Thoratexr zur s ch r i ßt - lichen Lehre und zuletzt noch einen vollständigen Literaturnachweis, der ermöglicht, die talmudischenN Quellen zur Erklärung des Satzes . rasch ausfindig izu - machen. Der hebräische Text des 'Verses, verschwindet' förmlich in der Fülle'der Anhänge. Es ist ein ungeheuer-'^ lich wertvolles We'tk sowyhl für Thoragelehrte und Thoralernende alten'Schlages, wie auch für Forscher und 1 Wissenschaftler, Dem " wir von Kerzen ^rasche Fortsetzung und Verbreitung wünschen. Es ist vom Verfasier selbst verlegt und bei M. Z 0 b e l in Budapest (Vilmos csafzar ut 58) gedruckt.