Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1928)
- Date
- 1928-06-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 24 Der Israelit 14. Juni 1928 schriften („Aufsicht der Schiffschul,,): das Men der Langröcke und Langbärte, mit dem jüdischen Karmelitenmarkte, auf dem man sich völlig nach Wilna oder Warschau versetzt fühlt; das Wien mit Schiffgaffe, Malzgaffe und Floßgasse, wo ganz besonders an Sabbaten und Festtagen das jüdische Leben in breitem Flusse strömt und Wellen schlägt, daß es gerade so rauscht und flutet. Auf der andern Seite das eigentliche, das wienerische Wien, das strahlende, goldene; Wien mit seinen monumentalen Bauten und glänzenden Geschäftshäusern, Wien mit feinem Ring und dem Stephansdom, Wien der in weiß und braun schillernden Cafes, wo die Menschen auf den palmengeschmückten Balkonen bei einem Glas Wasser, von keinem Ober behelligt, stundenlang sitzen, die Zeitungen lesen, in die Sonne schauen, und das schimmernde Farbenspiel des Straßenlebens an sich vorberziehen lassen. Wer noch weiter ins Innere und bis ans andere äußere Ende vordringt, bis zur Hofburg, zum Parlament, zum .Burgtheater, zum immer noch halbskalpierten Justizpalaste, und nach außen bis zu den Gärten — die herrlichsten, die ich je im Leben gesehen —, von Schönbrunn, der hat Wien gesehen, das Wien, wie es in Reflektion und Abglanz fesch und elegant zu uns spricht und singt in Operetten und Singspielen, wie wir es im winzigen Ausschnitte auch bei uns in „Wiener Cafes" und „Wiener Abenden" zuweilen zu sehen und zu hören bekommen. Wir bleiben aber diesseits. Es ist Borabeno des Feiertags und der Jomtow hat keine Brücke über den Kanal . . . Der alte Bau der S ch i f f s ch u l nimmt sich in festlichem Blumenschmuck, von unzähligen Lichtbirnen durchleuchtet, herrlich aus. Der Raum ist groß und alt und sieht am Festabend aus, wie eine würdige Matrone, die noch einmal die ganze Pracht des reichen Hochzeitsschmuckes von annodazumal angelegt hat. Die Synagoge füllt sich sehr langsam. Und wenn sie voll ist, wogt es darin wie in einem brausenden Meere. Die Stadt ist groß, die Entfernungen weit, man sieht sich so selten, und in den zehn Minuten, die noch vom Beginn des Gottesdienstes trennen, läßt sich manches erzählen. In Intervallen von je drei Minuten ruft der Oberfchames vom Almemor in den Raum: „Eruw Tawfchilin!" Das erste Mal noch weich und bittend, das zweite schon dröhnend, zuletzt befehlend, fast drohend. Es fällt wie ein schwerer Kolben in die raunende Flut. Jedesmal löst der Ruf eine kleine Bewegung, einen kleinen Rückzug aus. Menschen, die sich schon häuslich niedergelassen hatten und im schönsten Gespräch mit dem Nachbar waren, müssen zurück, das Versäumte nachholen. Die Menschen flut'h hin und zurück. Dann beginnt der Gottesdienst. Man wartet in Wien mit dem Feftesanfang bis zum vollen Nachtanbruch. Es ist noch etwas zweifelhaft, so hat der Herr Oberkantor den Auftrag, bis Schema ganz langsam sich vorzuarbeiten. Das läßt sich ein Kantor, der „etwas in der Kehle" hat, nicht zweimal sagen. Wir genießen ein „Ahawas Olam" mit Oberbau und Tiefräumen und vielem Giebelwerk, vielstöckig, alles solid gebaut in Reinheit des Tonklanges und Innigkeit des Vortrages. Cs ist gewiß längst volle Nacht. Der Tag ist zu Ende, aber die Melodie noch nicht, und sie, die Nacht, hat schön zu warten . . Bis der Ton ausgeklungen ist. Echte Feststimmung, Herzpunkt von Wien II, Schiffschul! . . . Der Herr Rabbiner, ganz in Zivil — soweit der einzige Zylinder im Gotteshause noch als Zivil angesprochen werden kann —, ist nach Schul freundlich und liebenswürdig wie immer, zieht den Gast, den er vorher schon erspäht hat, in ein anregendes Gespräch. Gehts so weiter, denke ich, ist, wenn man später sein Quartier im zwanzigsten Bezirk erreicht hat, die mühsam sich er.sungene Nacht dahin, graut schon vielleicht neuer Tag ... Am ersten Festmorgen regnet es, was vom Himmel herunter kann, es regnet auch noch mittag, es regnet abends. Es regnet diesseits, es regnet jenseits, auf die Eleganz der Cafeealtane und die kahle Dürftigkeit der jüdischen Gassen. Wir steigen abends die Stufen zum Keller hinab, wo Chassidim unbestimmter Observanz beten wie unsere Großväter vor vierhundert Jahren in Spanien, jenseits der Sonne, unterhalb von Luft und Licht, in Angst vor den Spürhunden der Jnqusition gebetet haben. Sie werden dort etwas leiser und ängstlicher ihr beklommenes Herz, schwer belastet von Verfehlungen, zu denen ein Scheinleben draußen zwang, vor Gott ausgeschüttet haben. Hier betet man laut, innig und spontan. Es betet vor, wer gerade will. Heute ist ein Fremder, ein chassidischer Wanderchasan, da. Sieht ein bißchen verwittert aus, auch die Stimme ist es. Aber Reste alten Glanzes strahlen auf, und er weiß den Text gut zu malen. Ein bißchen artistisch packt er seine Sache an, aber das liebt man in diesen Kreisen. Entweder völlig formlos oder „große Kunst"! Viel Melodie ohne Worte, und die Chassidim postieren sich um ihn herum und singen mit, fallen ein, fallen zuweilen auch aus. Dann erhebt der Chasan warnend, beschwichtigend, dämpfend, auch drohend beide Hände, dirigiert, bringt die ihm zuströmenden Töne ins Geleise. Kommt er selbst aus dem Geleise, ist ihm nicht bang. Er fällt unvermittelt und ohne sich weh zu tun in ein anderes Geleise. Cr singt, ja fleht minutenlang Ma — ma — ma! wie ein Kind, das sich an die Rockschöße der Mutter hängt und Mama zur Hilfe ruft, und das Ganze stellt sich als Vorgesang für „Ma Godlu" heraus. Er schließt „Wajinosasch" im Waijchulu- Gebet mit einem scharfen, sekundenlangen „Sch! . . .", 'als sollte damit das große Schweigen der Schöpfung nach ihrer Volleydung angedeutet werden. Großes Schweigen. Fehlt nur, daß er es auch selber tut. folgt). Ainderecke. Der Soldat. „Als der Herr den Israeliten seine Lehre geben wollte, da schien es ihnen, als ob diese wie ein Berg über ihren Häuptern hinge, drohend sie zu zermalmen. Und als sie erschrocken hinblickten, da vernahmen sie eine Stimme: „Nehmt sie und hütet sie, sie ist euer kostbarstes Gut!" Verwundert blickten die Schüler ihren Lehrer an, der ihnen diesen Midrasch erzählte. „Wäre es nicht schöner und angenehmer ohne die Gesetze der Lehre zu leben; wenn wir alles essen und trinken könnten, was uns beliebt, alles tun und lasten, wie es uns gefällt? Haben es die nicht bester, die, aller Fesseln ledig, durchs Leben ziehen, wie freie, lustige Wandrer, die keine Last drückt?" So dachten die Schüler; und, um ihre stummen Fragen zu beantworten, begann der Lehrer: Es war einmal in Kriegszeiten, da zog in der Frühe eines Sommertages ein Trupp wohlausgerüsteter Soldaten hinaus, um den bedrängten Brüdern, die im Kampfe standen, Hilfe und Ablösung zu bringen. Man erwartete sie baldigst und mit Ungeduld. In frischem, kräftigem Zuge schritten sie rüstig vorwärts, in den kühlen, würzigen Morgen hinein. Ein harter schwerer Tag stand ihnen bevor. Mit Liedern machten sie Sinn und Schritt sich leicht. Langsam stieg das Tagesgestirn über den Horizont herauf und scheuchte Tau und Morgenkühle mit seinen Strahlen. Weiter klomm die Sonne höher und höher den Himmel hinan. Schnell wurde es heißer und heißer, und es dauerte nicht lange, so breitete sich sommerliche Hitze über die Fluren. In dem Maße als die Sonne höher stieg, verloren die Schritte ihre Schnelligkeit und die Lieder ihre Zauberkraft. Es war Mittag geworden. Fast bis zum Verschwinden klein waren die Schatten geworden, die hinter ihnen Herzogen. Die Hitze wurde drückender und drückender, die Gespräche verstummten und müde und verdrossen ging man seinen Weg. „Was aber drückte da so unbarmherzig auf Schultern und Nacken, wie ein unsichtbarer, hartnäckiger Feind?" Wohl keiner sagte es, aber alle fühlten und dachten es. Und jeder wünschte sich nun im Geheimen diese unselige Bürde vom Halse fort. So richtete sich allmählich alle Mühseligkeit des Weges, alle Unzufriedenheit und Verdrossenheit der Seele auf die drückende, schmerzende Last, die jeder auf seinen Schultern trug und doch keiner abschütteln konnte. Man dachte nicht mehr an Weg und Marsch, an Sonnenbrand und Durst, man wäre zufrieden gewesen, hätte man nur seinen Tornister losgehabt. — Einer jener Spätsommernachmittage hatte begonnen, die für den Wanderer kein Ende nehmen wollen. Kein singender Vogel in der glühenden Luft, kein lebendes Wesen sichtbar auf der vertrockneten Erde; in der brütenden Mittagsstille nux der Gleichklang der Schritte der marschierenden Soldaten. Langsam zogen die Stunden, immer müder wurden die Bewegungen, immer kürzer wurden die einzelnen Wegestrecken, immer häufiger die Ruhepausen. Diese waren schon bald nicht mehr imstande, die erschlafften Glieder zu erfrischen; man erhob sich fast ebenso matt, wie man sich gelagert hatte. Man stand eben wieder langsam und vertimmt auf von kurzer Rast und half sich gegen- 'eitig den schweren Tornister auf die Schultern, da ergriff einer von ihnen, wie im Wahnsinn, den verhaßten Pack und schleuderte ihn mit grimjmtgem Lächeln die Böschung hinunter, so als ob er sägen wollte: „Du quälst mich nicht mehr, dich bin ich los." Und leicht und befreit schritt ex nun neben seinen Kameraden her. Er begann sogar zu singen und heimlich die andern zu bemitleiden, die vergrämt und still ihren Weg einherschritten. Freilich dauerte das Gefühl seiner Freiheit nicht lange. Gemach verstummte sein Gesang und Hitze und Müdigkeit fingen an, ihn ebenso zu peinigen wie vorher. ' Die schattigen Baumschläge, erwünschte Ruhestätten, hatten längst aufgehört. Beerensträucher und Obstbäume mit ihren willkommenen Gaben für den lechzenden Gaumen waren verschwunden, ebenso wie Quellen und Brunnen, aus denen man seinen Durst stillen konnte. Man war vqn nun ab auf das angewiesen, was man an Speise bei sich trug, auf den Trunk der Feldflasche, die am Tornister herabhing. Man ging sparsam um mit ihrem kostbaren Inhalte, der immer weniger und wertvoller ward. Und doch dehnte sich Zeit und Weg endlos vor ihnen aus, glühend, drückend, hoffnungslos. Als man hei der nächsten Ruhepause wiedex die müden Glieder auf dem heißen Boden ausstreckte, Speise und Trank aus dem Tornister holte, da griff auch unser Soldat unwillkürlich nach dem Rücken und traurig, fast verlegen und überrascht, kam es ihm in diesem Augenblicke vor, als ob er plötzlich, von allen verlassen, allein wäre in seiner Not. Die andern waren viel zu müde und gleichgültig, als daß sie auf ihn achteten. Als sie aufbrachen, erhob er sich durstig und hungrig, mit seinen Genossen, um den Marsch fortzusetzen, der noch lange kein Ende nehmen sollte. Die Zunge klebte ihm am Gaumen und mehr und mehr schwanden ihm seine Kräfte. Und während die andern mit ihrer schweren Last rüstig — wie es ihm jetzt schien — dahinschritten, hatte er Mühe, ihnen zu folgen und blieb immer weiter hinter ihnen zurück. Je mehr ihn seine Kraft verließ, desto mehr schien ihm die seiner Kameraden zu wachsen, und begehrlich heftete er seine Blicke auf den Talisman auf ihrem Rücken, der sie zu tragen schien, statt von ihnen getragen zu werden. Der treueste Begleiter, den man mit einer Verwünschung zu sich nahm und mit einem Fluche von sich schleuderte, und der doch nur das eine Begehren hatte, zu retten, zu helfen, der nie versagte, wenn man ihn brauchte. Er konnte den Gefährten nicht mehr lange folgen. Der Abstand von ihnen wurde immer größer und als man sich nach ihm umblickte, war er nicht mehr zu sehen. Man konnte sich nicht weiter um ihn kümmern, war vielleicht auch zu erschöpft und niedergeschlagen dazu. Endlich neigte sich der Tag; der Abend zog herauf und mit ihm erquickende Kühle und neuer Mut. Und als die Sonne im dunklen Golde des westlichen Himmels untertauchte, trafen die Soldaten an ihrem Bestimmungsorte an. Zum Kämpfen bedurfte man ihrer nicht mehr. Mit dem Sinken des Tages hatte das Glück des Kampfes sich günstig gewendet. Sie kamen eben recht Sieg und Befreiung mitzufeiern. Andern Tages ging man aus, den verlorenen Kameraden zu suchen. Man fand ihn leblos an einer Böschung liegen. Er hatte sich offenbar mit dem Aufwand seiner letzten Kräfte an den Ort zurückgeschleppt, wo er seinen Tornister verloren hatte. Dann hatte er wohl versucht, ihn mit einer letzten Anstrengung zu öffnen und ihm Erquickung für seinen verschmachtenden Körper zu entnehmen. Da verließ ihn seine Kraft. Aber seine Hände lagen auf ihm, als wollten sie ihn segnen wie einen Freund, der noch dem Sterbenden ein letztes Wort des Trostes sagt, ehe man von ihm dann Abschied nimmt, still und für immer. R. L. Berantwortltch für den allgemeinen Teil und da« Feuilleton S. Schach noroitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: «.Schach« «owttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag .Israelit". D.m.b.H., Frankfurt a. M. — Druck «ermo» Verlag«. Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.