Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1928)
- Date
- 1928-06-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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BST Der Israelit Feuerzeichen. Gin Hhetto-Woman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) ' 25. , Ueber die gefrorenen, schneebetupften Felder gen Offenbach und Frankfurt schleppte sich der Wanderer, vom Sturm einmal von hinten her gejagt, einmal von vorne ins Gesicht gepeitscht und mit Macht zurückgedrängt. Es war Macht geworden, denn er hatte mit solch beschwerlichem Gange nicht gerechnet. Er ging und trotzte Wind und Eis. Er band die Oberkleider eng um den Leib, daß der Wind nicht daran zerrte. Er verlor den Hut und band sich ein Tuch um den Kopf. Er schlug sich die Füße wund an Steinen und gefrorener Erde, stolperte und siel über glattverharschte Baumwurzeln und stand wieder auf. Der Sturm jagte ihm Staub, Schutt und Schnee ins Antlitz und verstellte ihm die Sicht. Aber er tastete sich mit dem Wanderstabe durch Geröll und Geäst und ging weiter. Seit Wochen und Monaten schon war er auf dem Wege. Die Flüsse waren noch frei, als er über die litauische und polnische Grenze ging und er segelte mit Schiff und Kahn, schwamm auf Flößen mit Holzarbeitern stromab, als wäre er ihrer einer. Dann lagen die Flüsse fest im'Eise und er fuhr tage- und nächtelang auf Leiterwagen oder wunderte zu Fuß. Grenzen kreuzten seinen Weg und hielten ihn auf. Ganz nahe am Ziel, in Hanau, konnte er keinen Wagen nach Frankfurt haben. Bei »Dunkel und diesem Sturm wollten sie nicht fahren. Aber hart am Ziele ward der Sturm i n i h m zum Orkane, der den Stößen der Luft trotzte. Es zog, es trieb ihn hin. Er gürtete seine Lenden, gürtete sich mit Mut und Kraft und ging in die Nacht hinaus, um, wie er dachte, in wenigen Stunden am letzten Ziele seiner Sehnsucht zu sein. Er zitterte vor Erregung, seine Füße waren von unsichtbaren Mächten beschwingt, daß sie durch die Nacht stapften über Stock und Stein und immer von neuem ausholten, wenn sie sich wundgelaufen und -geschlagen hatten. Er hielt sich, urn den Weg nicht zU verfehlen, an den Lauf der kristallblauen Mainader, die, vom Sturm gepeitscht, unruhig zuckte ustd zitterte. Auf Schiffen, Barken und Flößen geisterten einzelne Lichter, irrten und bewegten sich, erloschen und -flammten wieder auf und wiesen dem Wanderer den Weg. Oft .mußte er sich an einem Baume am Wege festhalten, daß er vom Sturm nicht ins Wasser getrieben wurde. Da> was war das? Der Himmel in südlicher oder westlicher Richtung färbte sich ganz rot. Es wurde rot und röter. Gluten zogen ihm entgegen, er ihnen, sie beleuchteten hell seinen Weg. Sogar im nachtdunklen Wasser spiegelte es sich rot, der Sturm schrie. Wie beim Marsch der Jsraelsöhne durch die Wüste zog ihm die Feuerlaule voran, und zugleich entgegen, leuchtend und leitend. Jtz näher er der Stadt kam, um so Heller und voller die Gluten. Nach Mitternacht stand er an den Toren der Stadt, die in Lichtmassen gehüllt waren. Er hörte das Läuten der Glocken, das Schreien der Menschen, -atmete die heiße Luft ein. Aber auf hem Mönchturm schimpften, lachten und flüchten die Soldaten. Ein dünner Wasserstrahl traf ihn * von dort am Halses. Das Pförtchen zur Gasse war festgeschlossen. Er klopfte, rief, trommelte mst-beiden Händen. ' > h „Mer da?" Von oben, wo Nathan an der Leine stand, kam kein Zeichen zum Aufmachen, und Wachholder, aufgeregt, müde, zerschlagen, brüllte durch die Luke: „Fort mit dem Packe, oder wir alarmieren die Wache auf dem Turm." „Machet auf! Einer der Eurigen kehrt heim!" Der „rote Luchs", jetzt an Stelle Wachholders, der hinauf zum Kommando gegangen war, auf dem Posten, lachte mit klappernden Zähnen. „Habt Ihr gehört? Macht auf, sagt er. Ein Weiser vom Morgenlande, kommt uns Hilfe bringend Macht auf, einer der Unsrigen. Kann jeder, sagen! Kommt zu plündern und sagt: macht auf!" ,• Von oben läutete die Signalglocke 'wie im Sturm, und heruntergeholpert kam Wachholder, als hätte ihn jemand die schmale Stiege hinuntergeworfen. Er schrie: „Warum stehst Du, tönender Golem, und sperrst den Mund auf und Tox zu? Aufmachen sollst, aüfmachen, gleich! Hörst nicht das Signal, bist taub, oder hat Dir das Feuer den Verstand verbrannt? Was war da schon viel zu verbrennen?" ' Da sich der „rote Luchs" immer noch nicht rührte, riß ihm Wachholder die Schlüssel aus der Hand und drehte sie in den Türschlössern herum. Jetzt aber gab Wachholder einen Schrei von sich und wankte trunken zurück. Er wäre sicherlich prall auf den Rücken zu Boden gefallen, hätte nicht hinter diesem Rücken der zu Tode erschrockene „rote Luchs" Bergung gesucht und so dem Zurückprallenden einigen Halt geboten. Gerade das hatte noch gefehlt in dieser verrückten Nacht, daß die Toten ihren Gräbern entstiegen ... Da stand er da, wie eben ein Gespenst dastehen kann, Mantel mit Strick um den Leib gebunden, großen Knotenstecken in der Hand, einen gefüllten Sack auf dem gebuckelten Rücken und auf dem Kopfe, ja auf dem Kopfe das weiße Leichentuch, so stand er da, der seit einem Jahr tote Mann, Arje Löb Krakauer, Gesicht und Stimme fast unverändert, aber ein Gespenst, ein Toter ... Bald werden sie alle kommen, der rote Luchs wußte es, er hatte es schon längst erwartet. Sturm und Feuer riß sie aus den Gräbern, Glückels Tränen haben sie geweckt. Der „rote Luchs" sah ganze tote Armeen aufmarschieren und klammerte sich so krampfhaft an den Arm seines Kollegen, daß dieser wie von selbst reagierte, ausfuhr und den armen Luchs zu Boden warf. Nun mochten sie über ihn marschieren. Er hielt still ... Noch einmal hob.Wachholder die Laterne hoch imb ließ sie vor erneutem Schreck fallen. „Schma Jisroel!"'schrie er auf und lies .d.ayon, stolperte aber über den mit geschlossenen " Augen daliegenden kleinen Kollegen und fiel ihm zur Seite. „Toter, kehre zu deiner Erde zurück!" lallte der rote Luchs eine alte Beschwörungsformel und schloß die Augen. In diesem Momente stieg Nathan Oppenheim herunter. Bei diesem war der erste Schrecken schon klarer Besinnung und Ueberlegung gewichen. Er hatte von oben zuerst die Stimmendes „Toten" erkannt und nach Minuten der Verwirrung dämmerte bei ihm Ahnung auf. Schon hatte er die Situation so gut wie erfaßt. „Arje Löb, Du und Du lebst!" , -u „Wie Du siehst, Freund, ich komme, wie -ich sehe, in Unglücksstunde. Wo ist Elsbe und Me gehtsUhr?" u-..- ' Die Freunde lagen sich in den Armen. Wachholder stand zuerst auf. Er faßte Mut. >Der „rote Luchs" fand es ungeheuerlich, einen Toten zu umarmen und zu küssen. Beide hatten vor/ Aufregung vergessen, das Tor von innen wieder zu schließen. Sie taten es jetzt dröhnend, wie um einer ganzen toten Armee den Eingang zu verwehren. Nathan gab die Hand Arje Löbs nicht los, als wollte er sich seines Lebens ganz vergewissern. „Du lebst, daran können und wollen wir nicht mehr zweifeln. Aber ihnen in der Gasse bist Du seit einem Jahre tot, tot auch für"-Nathan hielt ein. „Auch für s i e? . . ." „Darüber nachher. Die Leute halten Dich für tot. Und in dieser Stunde des Unglücks, des Entsetzens schafft Dein Auftauchen neue Schrecken, Panik in der Panik. Du kannst nicht gleich und so in die Gasse." „Was ist geschehen? Hier scheint die Welt aus den Fugen." Arje Löb sah nach dem Himmel, nach den herübersprühenden Funken, nach den erschrockenen Gesichtem der Torwächter, roch die brandige Luft ein, wischte sich die von Rauch und Kohlenstaub geblendeten Augen und verstand nichts. „Du siehst, was geschehen äst, auch mit toten Augen kann , man 'es sehen, von welchem Unglück wir betroffen wurden, das Wiedersehen wäre sonst anders ausgefallen. Drinnen in der Gasse ist das Chaos, es geht alles von oben zu unterst und von unten zu oberst bei uns. Kaum daß wir noch wissen, was oben und unten, was Traum und was Wirklichkeit, was Unheil und was nur Angst vor dem Unheil ist. Mauern wanken und stürzen und Totgeglaubte kommen wieder." „Wo ist sie, führe mich oder laß mich zu i h r-" „Nicht so, Freund! Sagte Dir schon, Du kannst s o nicht unter sie und zu ihr. Die Leute wären in ihrer unsäglichen Erregung kapabel. Dich dahin zu schicken, wo sie Dich glaubten. Sie sind erregt und abergläubisch und^'vm Unglück in ihrem Innersten - aufgewühlt. Zudem, wo willst Du sie jetzt suchen? In den Gassen, in den Häusern? Du findest keine Gassen und keine Häuser, alles eine Brandwüste nur. Ich weiß nichts Genaues, ich tue hier seit Ausbruch des Feuers schweren Dienst, um noch Schlimmeres zu verhüten, denn der Mob war zeitig da und steht noch hinten auf der Lauer. Ich weiß nicht jo genau, wie groß drinnen das Unglück ist. Man sagt mir, über vierhundert Häuser sind schon eingeäschert, und es brennt noch lichterloh. Siehe hin-" „Wo ist sie?" „Sie wird mit ihrem Vater in der Stadt in Sicherheit sein. Wir haben Anordnungen getroffen, die strikte ausgeführt wurden. Aber für den Augenblick ist darüber keine Klarheit zu erlangen. — Ich rate, Freund, Du bleibst die Nacht' hier. Oben im Türm sind Decken und Betten, auch einige Speisevorrät.e, Du wirst Hunger und Durst haben und müde des Weges sein. Sobald einige Beruhigung eingetreten ist, suche ich. ihren Aufenthalt auf und. bereite sie und alle anderen vor. Wirst einsehen, daß es bei der Lage, wie Du sie angetroffen... hast, nicht anders, geht." (Fortsetzung folgt.) Die Donau hinunter. Reiseeindrücke von S—tz. Dies sei ts und jenseits des Kanals. Wer von Wien spricht, sollte erst deutlich sagen, welches Wien er meint: das diesseits oder jenseits des Kanals? Der Kanal ist hier nicht die Meeresader, die Kontinente trennt, istder Donaukanal, der innerhalb einer Stadt mehr als Kontinente, zwei Welten scharf und streng voneinander scheidet. Diesseits das Wien mit dem breiten oder schmalen und winktzien, aber immer kahlen, baumlosen und nicht allzu sauberen, von altgrauen Fassaden eingesäumten Straßen, in denen sich sooiele Juden bewegen, daß sie, zusammengenommen, genau die Hälfte von der Zahl ausmachen, die am Sinai standen; das Wien mit den Synagogen und Bethäusern, Tempeln und kleinen Schulen in Oberstöcken und Kellern, je ein Dutzend in einer Straße; das Wien mit den Fleischer- und Milchläden und Selchwarengeschäften auf Schritt und Tritt, mit den jüdischen Auf-