Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1928)
- Date
- 1928-06-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Das Raphael- und Jeanette Elklinger-Heim in Hofheim. Auf sanftem Hügel, umrauscht und umduftet von den herrlichen Bergwäldern des Taunus, steht das Heim, in dem feit seiner Begründung im Jahre 1909 bis heute'im Ganzen 2500 Kinder, vornehmlich aus Familien des besseren Mittelstandes, Erholung und Stärkung,, ja Genesung fanden; körperlich und geistig für das Leben ertüchtigt wurden. Das Haus trägt den Namen eines Mannes und einer Frau, die in ihrem eigenen Heime in Karlsruhe ein Heiligtum hatten, in dem das Licht der Religiösität und der Menschenliebe nicht ausgingen. Die unvergeßliche Frau, Jeanette E t t l i n g e r setzte 1909 mit der Gründung dieses Kinderheims ihrem Manne das schönste Denkmal, das jüdische Pietät kennt, und setzte damit sich selber ein Denkmal, das von ihren Nachkommen, Herrn und Frau Fritz Sondheimer, mit Hilfe eines Kreises von warmherzigen Freunden und Freundinnen des jüdischen Kindes, mit rührender und aufopfernder Liebe gepflegt und betreut wird. Zur Zeit, — die Ferien haben noch nicht begonnen — spielen 45 Kinder und Kinderchen jeglichen Alters in den herrlichen Gartenanlagen des Heimes. Soviele sind es jeden Monat, Jahr für Jahr, Sommer wie Winter. Mit den Leistungen des Hauses wuchsen seine Aufgaben. Eine Erweiterung des Baues war unvermeidlich. Die Gönner und Freunde des Hauses brachten es trotz der wirtschaftlichen Krise fertig, und Herr Bauarchitekt Nathan stellte seine hohe Kunst in den Dienst der guten Sache. Ein neuer prachtvoller Spielsaal und mannigfache Nebenräume, die eine Erweiterung und Verbesserung in hygienischer Art darstellen, sind wie über Nacht entstanden. Und am Sonntag, den 3. Juni, konnte vor einem großen Kreise geladener Gäste der Erweiterungsbau eingeweiht und seinem Zwecke übergeben werden. Es war eine schlichte und hübsche Feier mit Weihereden, guten Worten und Wünschen und Kinderaufführungen, wie es dem guten Geist des Hauses entspricht. Herr Rabbiner Dr. Jacob Horowitz „lernte" das Haus in üblicher Weise ein. Ein hübscher Kinderchor sang einen Psalm, und Herr Fritz Sondh eimer ergriff das Wort zu einer kurzen klarsachlichen und dennoch herzlichen Ansprache. Er begrüßte die Vertreter der Stadt und der Gemeindebehörden von Hofheim und Frankfurt und die Gäste, zeichnete in großen Zügen Geschichte und Entwicklung des Heimes und die Linie seines Wirkens, gedachte mit Worten pietätvoller Liebe der Begründerin und ersten Leiterin des Hauses, Frau Jeanette E t t l i n - g e r, die mit der ganzen Glut ihrer Seele dem Werke Vorstand und dankte ihrer verständnisvollen Mitarbeiterin und derzeitigen Leiterin, Frl. H e l l e r, die ganz im Sinne der Schöpferin das Werk fortsetzt. Worte des Dankes hatte der..Redner auch für Herrn Baumeister Nathan. Daß die Kinder im Sinne der Begründerin in echt jüdischem Geiste beeinflußt werden, fand besondere Erwähnung. Die Weih.erede Hielt Herr Rabbiner.Dr. Jakob H o r o w i tz. Von dem Psalm: „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen" ausgehend, schilderte er die Bedeutung des Hauses und den Segen, den es ausstrahlt. Er schloß mit Worten des Dankes an die jetzigen Freunde und Erhalter des Heimes, insbesondere Herrn und Frau Fritz Sondheimer. Der Herr Bürgermei st er aus Hofheim rühmte in einem warmen Glückwünsche die Privatinitiative, aus der ein solches Werk hervorgehen konnte und die Leistungen des Frl. Heller, wie Frl. Meier, die es ermöglichen, daß das freundnachbarliche Verhältnis mit anderen Instituten und Schulen ungetrübt bleibt. Herr B lo ch, erster Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Hosheim, sprach von dem Gewinne, den das Haus für die Gemeinde bedeute und versicherte es der wärmsten Unterstützung vonseiten der Gemeindeverwaltung. Herr Dir. Dr. Fink, Frankfurt a. M., wies darauf hin, daß speziell die Arbeitsschule, die heute überall an Stelle der alten „Lernschule" tritt, einen gesunden Körper als Basis des gesunden Geistes beim Kinde voraussetzt. In dieser Beziehung leistet das Heim Unermeßliches und ist aufs wärmste zu begrüßen und zu unterstützen. ' Es folgt noch eine warme Begrüßung des Herrn Rabbiner Dr. Hoffmann, und ein Gruß des „Preußischen Landesverbandes" wurde überbracht. Ein Kind aus der derzeitigen Kolonie brachte ein gereimtes Hoch auf das Heim aus, und ein kleines allerliebstes Sing- und Tanzspiel von Kindern der Familie Sondheimer kam zur Aufführung. Eine Besichtigung der Räume unter Führung des Herrn Baumeister Nathan überzeugte alle Anwesenden von der Schönheit und Zweckmäßigkeit der Räume und aller Einrichtungen, und das Ganze schloß dann harmonisch mit einer reich gedeckten Teet a s e l unten im großen Speisesaal ab. Draußen im Garten spielten, indes wir gingen, die Kinder, wandelten unter Blumen, sangen und tanzten. Die hohlen Wangen füllen sich mählich und röten sich, die Augen leuchten hell und heller in die goldene Sonne. Sie lachen und spielen und singen und zeugen beredter für die Bedeutung des Hauses, als es die besten Weihereden und Ansprachen vermöchten. Die Woche. Iosserle Rosenblatt in Frankfurt. Nun Hörden wir Iosserle Rosenblatt, von dem wir in der amerikanischen Presse seit Jahren Wunder über Wunder lesen, dessen Ruf und Ruhm unzählige Platten über die Ozeane in die Welt hinaussingen. Ja, diese Platten! Wie gern hätten wir das Original mancher dieser Reflektionen aus dem „toten Kasten" gehört! Wir hätten schließlich auf das ganze Italienisch und Englisch und erst recht aus das Deutsch im Programm verzichtet, zugunsten eines „Rezeh", oder eines „Haben jakir". Aber Rosenblatt, ein Jude von starken Qualitäten und von bewußt gesetzestreuer Einstellung, widerstrebt es, das Beste, das er für seinen Gott im Aufträge seiner Gemeinde hat, zur Attraktion für die Konzertbühne zu machen. Er hält sich im hebräischen Teile mehr an die Peripherien des Gebetbuches: „Achenu kol bes Jisroel", „Omar Rabbi Elosor" u. a. m. Aber wie leuchtet und strahlt es in diesem Vorhofe aus, wenn der kleine Mann mit dem chassidischen Vollbart und dem breiten Käppchen auf dem Kopfe dasteht und, ohne Spur von Gestik und Mimik, frisch und frei wie der Vogel im Walde, Tonwellen in den Saal'schmettert, Texte malt, nuanciert, unterstreicht, ein Auf und Ab zeichnet, das das Letzte aus dem Sinn der Worte herauszuholt. Ein sttlles, sanftes Säuslein, zart und fein wie das Nicken der Frühlingsrose, das mählich anwächst zu einem Sturmbrausen, welches nicht erschüttert, sondern die Sinne umstrickt und in ferne Welten entführt, das i ft I o s s e r l e Rosenblatt, und das ist seine Kunst! Und wenn Rosenblatt Volkslieder in jüdischdeutsch singt, dann öffnet sich uns eine ungekannte„ — oder altbekannte — Welt mit all ihrer Tragik und Komik, mit all ihrem Lachen und Leiden. Slate weckt ihren Mann aus den süßen Träumen bei der Gemoro mit ihren Sorgen um das Heute und das Morgen. Wo nimmt man auf Schabbos? Was wird aus den erwachsenen Töchtern? Eine schwere „Kaschje". Und er lernt (Bes Hamedraschluft weht uns an) so lieblich und so weich und so stark aus der Gemoro den „Derez": „Frag nicht Slate. Für morgen wird der große Gott sorgen!" Wenn er hauchfein das „Eilulu" des Schlafliedes trällert, dann sieht man den Sandmann in des Kindes Auge, und sieht man die Mutter und hört man die Liebe und die Sorge und die Hoffnung, die aus Mutterherzen in die Wiege gesungen werden. „A Heim, a Heim!" Aber keiner wollte nach Hause. Man Katschte, man schrie, man applaudierte und erzwang sich einige Einlagen, nicht so viel, als man wünschte. Man klatschte und tobte, bis die Saaldiener die Lichter ausdrehten. Rosenblatt hat seinen eigenen musikalischen Begleiter in A. Ellstein, einen jungen Künstler aus New- Pork, der am Klavier mit feinstem Einfühlungsvermögen durch alle Lagen mit dem Sänger geht. Der große Saal des Saalbau war gut besetzt, aber nicht so überfüllt, wie man es hätte erwarten müssen. Wer nicht da war, hat Großes versäumt. Arbeitsvermittlung und Sabbalruhe. Wie den Lesern, des „Israelit" bekannt, hat sich an die vornehmlich durch unser Blatt angeregte und geförderte Bewegung zur Errichtung einer zentralisierten sabbattreuen Stellenvermittlung mit Berufsberatung eine Polemik geknüpft, die durch das Eingreifen des Berliner Poale-Zionisten und Sozialpolitikers Dr. Berger heraufbeschworen wurde. Dieser erblickte in der Errichtung besonderer Stellenvermittlungen für sabbattreue Bewerber eine Schädigung der bisher bestehenden allgemeinen Stellenvermittlungen und ttat auch im Preußischen Landesverband gegen die beabsichtigte Subventionierung der Sabbatbewegung auf. Inzwischen hat Herr Moritz A. L o « b in mehreren, auch im „Israelit" teilweise besprochenen Artikeln, die von der Bergerschen Seite geltend gemachten Bedenken widerlegt. Wir selbst haben vor einigen Wochen darauf hingewiesen, daß es sich überhaupt hier nicht um Zweckmäßigkeitsfragen, sondern um reine Gewissensfragen der Orthodoxie handelt, wobei sich ein Hineinreden Andersdenkender grundsätzlich verbietet. Bedauerlicherweise halten die Gegner jedoch an ihrer Opposition fest, wie die nachfolgende Kundgebung beweist, die uns vom „Arbeitsnachweis der weiblichen Fürsorge" und von der „Berufsberatung für Juden E. V." hier zugeht. Diese beiden Organisationen schreiben folgendes: „Gestützt auf unsere langjährige Erfahrung, erklären wir, daß den Interessen der Arbeitnehmer, die auf die Heilighaltung des Schabbos und der jüdischen Feier, tage Wert legen, nur dadurch gedient wird, daß solchen Arbeitssuchenden eine. besonders bevorzugte Behandlung, wie das in jedem gut geleiteten allgemeinen jüdischen Arbeitsnachweis geschieht, gewährleistet wird. Nur in einem allgemeinen jüdischen Arbeitsnachweis kann Vorsorge getroffen werden, daß entsprechende Vakanzen dem am Schabbos nicht arbeitenden Juden Vorbehalten bleiben und nicht durch Bewerber besetzt werden, die auch am Schabbos arbeiten würden. Die erstrebte Dezentralisation erschwert gerade in weitem Maße die Möglichkeit ,die wenigen vorhandenen fchabbosfreien Stellen den in Frage Kommenden vorzubehalten. Wir richten einen dringenden Appell an die jüdischen Arbeitgeber, auf die religiösen Ansprüche der Arbeitnehmer Rücksicht zu nehmen." Wir können nur wiederholt unserem Bedauern Ausdruck geben, daß durchaus wohlmeinende und verdienstvolle Persönlichkeiten sich durch Herrn Dr. Berger in eine Stellung hineinbringen lassen, die ihrer nicht würdig ist. Hinter den nachdrücklich von uns hervorgehobenen Gesichtspunkten, daß es erstens für den gesetzestreuen Juden ein religiöses Unrecht bedeutet, mittelbar oder unmittelbar an der Vermittlung von Stellen, die Sabbatentweihung im Gefolge haben, mitzuwirken, daß es ferner auch ein Unrecht bedeutet, die Bewerber in einer „neu., traten" Stellenvermittlung der erhöhten Versuchung der Annahme einer solchen Stelle auszusetzen, fallen die angeblichen Zweckmäßigkeitsmomente überhaupt nicht ins Gewicht. Die Grenze zwischen dem Willen, den Sabbat