Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450516--75017-2532518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Safed 2× ep/1046078
OCR text
|||gg|g Zosef Omez. (Schluß.) Seine Methode im Lernen war die des schlichten Wortsinnes und der gesunden Logik. Zunächst hielt er sich fern von allem, was über dem menschlichen Begreifen liegt, auch von der Kabbala, die gerade zu dieser Zeit im Orient und besonders in Palästina ein neues Aufblühen erlebte. Seiner Meinung nach waren es nur wenige in Deutschland, die die geistige Kraft besaßen, in die Tiefen der Kabbala einzudringen, so daß Verirrungen auf diesen verschlungenen Wegen zu befürchten standen. Später aber sehen wir Rabbi Jossef Juspho Han sich allmählich auch der Kabbala nähern, nicht zuletzt auf Einfluß von Sendboten aus Safed — damals das Zentrum der kabbalistischen Lehre —, von denen er sich überzeugen läßt, daß man vor keinem Zweig des Wissens zurückscheuen dürfe und auch die Tiefen der Kabbala sich uns bis zum gewissen Grade erschließen könnten. Bei all dem beeilte er sich nicht, Bräuchen kabbalistischen Ursprunges die Toren seiner Gemeinde zu öffnen. Das „L e ch o Daudi - Lied", das, verfaßt von Salomo Halevi Alkabez in Safed, damals Eingang in den deutschen Gemeinden fand, lobt und empfiehlt er zwar. Nur hält er die Worte nor? nxnpb und nbo nxnpb im Refrain und in der zweiten Strophe für deplaziert, nachdem es in unseren Gegenden nicht üblich sei, wie im Oriente, auf den Hof oder ins Feld hinaus dem Sabbat entgegenzugehen. Er verfaßte eine andere Strophe an Stelle des mw mop^ die sich aber nicht einführte. Ein Lied zu E h r e n d e s S a b b a t l i ch t e s in hebräischer und jüdisch-deutscher Sprache, das in seinem Werke abgedrückt ist, wurde aber lange Jahre von seinen Schülern und Freunden mit den anderen Semiraus am Freitagabend gesungen. Neben dem bereits erwähnten Vereine gründete er auch die Bruderschaft ivn deren Mitglieder die letzten Liebesdienste an verstorbenen Gemeindemitgliedern zu üben hatten. Er selbst gehörte zu den tätigsten Mitgliedern dieses Heiligen Vereines. Wie er auch sonst keine Gelegenheit versäumte, die Gemeinde, die in Verehrung zu ihm aufblickte, zu Taten der Liebe und des Wohltuns anzuregen. An erster Stelle empfahl er die Unterstützung von verschämten Armen und die soziale Hilfe an Wankende, solange sie noch nicht ganz die soziale Stufenleiter hinabgestürzt waren, im Sinne des ■py T>nx m Zur Zeit der Wirksamkeit des „Jossef Omez" tobte der Dreißigjährige Krieg durch die Lande, in dessen Verlauf oft genug die Heeresmassen Städte und Dörfer, zuweilen auch die Judengassen, überfluteten und ausplünderten. Schwere Kontributionen wurden wiederholt den Städten und Gemeinden auferlegt. Die Frankfurter Judenheit hatte unter den Kriegswirren jedenfalls nicht mehr zu leiden als die anderen Teile der Bevölkerung, ja sie wurde, wie uns der Verfasser des „Jossef Omez" zu berichten weiß, sogar mit etwas mehr Schonung behandelt wie die andern. So kam es denn vor, daß die Bürger der Stadt Teile ihres Eigentums in den jüdischen Häusern versteckten,^ in der Hoffnungdaß sie dort in sicherem Schutz*blieben, eine Hoffnung, die selten trog. Das Buch „Jossef Omez" hat Rabbi Jossef Juspho Han im Jahre 1630 zu Ende geschrieben. Sieben Jahre später, am 9. Nissan 1637, wurde er ins ewige Leben abberufen. Die Trauer in der Gemeinde um den allbeliebten Rabbi war ungemein groß. Im Memorbuch der Gemeinde wird von ihm gesagt: snD lau? hpk Torrn juun boo ’pn 'trrwinn d’Tonn p nnx 'MV 'Di 'pxn p Ton nax '.rnnn mn Und in der Rabbinerreihe des alten Friedhofs ist aus dem Denksteine seines Grabes u. a. folgendes zu lesen: — -Dp ns asn Vn pn xdtv vnnn ronn -'Di iDNQ p'x «jor - nsoi noa nn bo tpxnb Das Manuskript des „Jossef Omez" wurde sehr rasch bekannt und fand große Verbreitung im Kreise seiner Freunde und Schüler. Viele schrieben das Buch zum Teile oder ganz ab und nahmen die schlichten Satzungen zur Richtschnur ihres religiösen Lebens, besonders in Dingen des Brauch und Ritus. So erhielt sich seine Lehre durch Abschrift und mündliche Ueberlieferung fast ein volles Jahrhundert. Bis im Jahre 1723 ein Enkel des Verfassers, Schwiegersohn seiner Tochter, der Frankfurter Dajan Rabbi Mansche Darum, sich an die Arbeit machte, das Buch nach der Handschrift des Verfassers im Drucke herauszugeben. So erschien das Werk zum ersten Male im Jahre 5483 iy der Druckerei von I o - Hann Kellner in Frankfurt a. M. Seitdem ist das Lehrbuch in aller Hand in Frankfurt und Umgegend und erfreut sich als Wegweiser im religiösen Leben größter Beliebtheit. ' Um das Philantropin. Vorbemerkung: Der gelegentlich der jüngsten Etatsdebatte der Israelitischen Gemeinde entfachte Kampf um das Philantropin ist von so symptomatischer Bedeutung, daß wir nicht umhin können, ihm eine besondere Betrachtung zu widmen. Ein denkwürdiger Abend: Eine sozusagen dokumentarische Festlegung der inneren Unmöglichkeit einer konservativ-liberalen Einheitsgemeinde. Es ging hart auf hart. Weltanschauungen prallten aufeinander, unversöhnlich in ihrer Gegensätzlichkeit und nur mühsam zusammengehabten. Der Boden der Einheitsgemeinde wankte. Alle Töne klangen auf: von der kalten Gelassenheit über die drangvolle Bewegtheit bis zur gefaßten Resignation, zur verkappten Rabulistik und zum beschwörenden Pathos. Anerkannt muß unbedingt werden: die Diskussion hatte Niveau. Fast durchweg gescheite Redner, die auch in die richtige Form prägten, was sie wollten. Da standen sie zuerst da, die erstarken wollenden und tatsächlich zahlenmäßig auch überstarken Liberalen und deckten ihre Karten mit einer Offenheit auf, machten ihre Ansprüche in so fast herrischer Art geltend wie noch selten. „Wir verlangen, daß unsere Auffassung vom Judentum durchaus gleichberechtigt und gleichwertigmitderJhren(derkonservativen) betrachtetwird", so erscholl es von einem ihrer Wortführer in ruhiger und energischer Selbsteinschätzung. Eine leitende Stelle sprach es weiterhin nach einem unumwundenen Geständnis zum Liberalismus aus, daß er es sich Mit Entschiedenheit verbitten würde, wollte man ihn als einen „Irrenden", als einen „Pauscheia Jisroel" (der Ausdruck fiel wörtlich) bezeichnen, er gehöre mit zu den besten Juden. Toleranz, Toleranz, rief man den Konservativen vielfach zu, übt Toleranz, duldet uns nicht nur, sondern behandelt uns als Euresgleichen, bringt unsere Kinder nicht in Gewissenskonflikte mit ihren Eltern, schmäht nicht und stellt in der Schule nicht als minderwertig hin, was sie im Elternhaus sehen! Ihr anerkennt unsere pädagogischen Leistungen im Philantropin, verkündete mit Verve ein — um Hans Sächsisch zu sprechen — Schullehrer und der Malkunst Mehrer — nun denn, es gibt nur eine Pädagogik im Geist, der Geist ist es, den Ihr angreift. Hätte nur noch gefehlt, daß er mit der Gebärde eines Hutten in den Saal hineingeschmettert hätte: den Geist sie sollen lassen stahn! Ein Gleichnis sprang dann auf — nach eigenem Zugeständnis seines Schöpfers bedenklich wie die meisten Gleichnisse, aber immerhin mit der Forderung, als Anschauung gewertet zu werden. „Ihnen" — wandte sich der „Nicht-Jrrende" (siehe oben) zu den Konservativen, „sind Tradition und Gesetz ein Bau, der zusammenfällt, wenn nur ein Stein herausgebrochen wird. Mir — ein unendlich ja unbeschreiblich großer Sack voll Getreide, bei dem es nichts schadet, wenn einige Getreidekörner fehlen." (Worauf eine kluge Dame, der der Referent diesen Satz erzählte, bemerkte: Er gibt also doch zu, daß sie fehlen.) Bittend und feierlich hob er dann die Hand: Sch-eiris Jisroel kann nur gedeihen auf dem Boden der Einheitsgemeinde! Wirklich? Wir waren so naiv, stets zu glauben und huldigen heute noch der Meinung, daß Sch-eiris Jisroel nur auf dem Boden der von Ewigkeit zu Ewigkeit waltenden und gestaltenden, unverrückbar unveränderlichen, niemals zeitgebundenen und nimmermehr der geringsten Entkörnung bedürftigen Tauroh gedeihen könne! Und die Konservativen und Volksparteiler? Mannhafte Töne fand ein Führer der letzteren, der, unbeschadet unserer grundsätzlich gegnerischen Einstellung zum Zionismus, stets den Typ eines warm überzeugten und überzeugenden Redners darstellt. Es wurde gesagt, so meinte er, die Schule sei nicht die alleinige Erhalterin des religiösen Lebens und der religiösen Lehrd, auch Synagoge und Haus trügen dazu bei. Die jüdische Schule, wie w i r sie fordern, wie sie notwendig ist, ist tatsächlich dazu angetan, Lehre und Leben zu erhalten. Wir schätzen das Philantropin, pädagogisch betrachtet, zumeist in den allgemeinen Wissenschaften, auch — mit Ausnahme des Schulrats — organisatorisch, aber — nur als neutrale Simultanschule, nicht als j ü d i s ch e Schule. Auch die Konservativen stimmten stark ein. Eine wahrhaft jüdische Schule sei es nicht, es sei unmöglich, Kinder in eine Schule zu schicken, deren Lehrer n o ch. ni ch t einmal den Takt besitzen, den Kindern öffentlich ein jüdisches Leben vorzuleben. (Es bezieht sich das u. a. auf einen bestimmten Vorfall.) Elegisch klang dann das Bekenntnis eines prominenten Mitgliedes der konservativen Partei, er sei seinerzeit aus dem Schulrat ausgetreten, weil er gesehen habe: hier erreicht man doch nicht, was man will. Noch elegischer das wehmütige Eingeständnis seitens der gleichen Richtung, man fordere keine konservative neue Schule *