Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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bST Der Jsraelit! Feuerzeichen. Gin Hhetto-Itoman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) „Weg Leute, wenn der Turm brennt, fliegen wir alle in die Luft!" „Hört Man's nicht schon dröhnen? Pst . . . Vorsicht, Leute! ..." „Dann fliegt die ganze Stadt zum Teufel. Dom mitsamt Römer". „Und lassen uns nicht rein, daß wir Hand anlegen ..." „Das wollen sie ja drinnen, die Juden, daß wir allesamt krepieren, wenn auch sie mit. Darum sperren sie die Tore. Wir sollen nicht löschen." „So ists! Tor auf! Oder wir schlagen es ein und Eure Schädel mit", schrie die Menge. „Beil her! Wer hat ein Beil?" Wer von denen innen kannte nicht die flötende Stimme des Gemischtwarenhändlers, der bei keiner Gelegenheit, die mit der Gaffe zusammenhing, fehlte? Ganz instinktiv erwartete man nunmehr den dröhnenden Baß Meister Rehbocks, der ihm dabei zu sekundieren pflegte. Zum hohen Stand des Krämers gehörte schon der tiefe Brustton des Schornsteinfegers, gleichsam wie die Baßgeige zur Flöte im Singspiel. Aber heute blieb die Schornsteinfegerstimme aus. Keiner hatte Meister Rehbock gesehen, noch gehört. „Und der Rat hält es mit den Juden", schrillte wieder die bekannte Stimme. „Wie würden sie sich auch sonst erfrechen, uns die Tore vor der Rase zu schließen und uns mit Messer und Flinte zu bedrohen?" „Ja, ja, der Rat, die hohen Herren! Wissen schon warum — Unsereiner-" „Die Zünfte arbeiteten seit Jahren dahin, Vertreter im Hohen Rate zu bekommen. Was hat es für Kampf und Mühe gekostet? Run haben wir es erreicht! Wen hat der Hohe Rat berufen? Ausgerechnet Johannes F i nger, den Frömmler und Heuchler, der mit Bibel und Evangelien und Martinus Luther den Juden nach dem Munde spricht ... Und Johann Kellner, den „Jonas im Haifisch", den mit Haut und Haaren den Juden verschriebenen Druckermeister, brachten sie in die Stadtkämmerei. Das sind unsere Zunftvertreter, die von uns die Tagesgelder beziehen ,und dort.für die Juden den Mund aufreißen — --" ' - „Paßt auf, die werden remgelaffen, wenn sie nicht' schon drinnen sind und mit ihnienheulen — " '7: ' 7 Getrappel und Geraffel wurde hörbar und kam dem Tore... immer näher. Von der Lute herab läutete die Signalglocke, und Nathan Oppenheim, der oben das Kommando führte, rief herab: „Wächter mit Schlüssel bereit! Oeffnen, wenn dreimal an die Türe mit Hammer geklopft wird und zugleich von oben? die Glocke läutet. Vertreter des Hohen Rates sind da! Konstabler, Feuerwehr und Spritzen kommen! Sie werden alle eingelassen! Vorsicht, daß kein Unbefugter sich mit hineindrängt! Wachholder, Ihr tragt die Verantwortung! ..." ‘ Schon klopfte es und läutete die Glocke. Der Schlüssel drehte sich von innen im Schloß. Die Türe ging ein wenig auf. Sechs Rücken stemmten sich innen gleich dagegen, um sie, sobald die Herren drinnen waren, wieder zuzuschlagen. Einer der Herren Räte sagte, die Feuerwehr, etwa fünfzig Mann mit drei Spritzen, rücke an, man stehe bereit, sie reinzulassen. Die Hälfte würde mit einer spritze draußen am Pulverturm bleiben, von dein aus die Stadt gefährdet sei. Fünfundzwanzig Mann ziehen mit zwei Spritzen zur Hilfeleistung in die Gaffe ein. Es seien genug Konstabler und Soldaten dabei, um das nachdrängende Gesindel im Zaum zu halten und den Kerlen, wenn nötig, den Meister zu zeigen, daß sie genug zu tun hätten, um ihre Zähne beim Feuerscheine zusammenzusuchen. Johannes Fingersah eine Weile ganz verklärt in die Flammen, als schaute er in seinen Backofen. In seinem Gehirn arbeitete es angestrengt, dann nahm er, behender und eiliger, als man es am behäbigen Manne gewöhnt war, den Weg mitten in die brennende Gaffe. Der Drukker Johann- Kellner folgte ihm. Zwei andere Herren Räte trafen noch am Tore einige Anordnungen und riefen den Abziehenden nach, sie wollten an einem gewissen Punkte der Gasse mit ihnen Zusammentreffen!, um nach Einsichtnahme in die Lage über die weiteren Maßnahmen zu beraten. Die ersten Vorsichtsmaßregeln Nathan Oppenheims und seines Jugendtrupps lobten die Herren über alle Maßen. Nun aber sollten sie von außen durch Polizei und Soldaten Schuß und Unterstützung erhalten. Es war aber nicht zu vermeiden, daß sich zwischendurch schon, mancheiner mit Sack und Korb oder Karren durchgedrückt hatte, der bei näherer Besichtigung nicht gerade als Helfer und Retter erkannt worden wäre. Wieder läutete die Glocke von oben, das Tor tat sich auf, weiter und breiter als früher.. Zwei Spritzen auf großen Wagen, von guten Pferden gezogen, vollbesetzt mit Feuerwehrleuten! in guter Ausrüstung, zogen durch das Tor. Ein Trupp Konstabler, einer hoch zu Roß, folgte dem Wagen. Draußen entstand ein Heulen und Schreien. Eine große Anzahl Zudringlicher, denen das weitgeoffnete Tor gar zu verlockend erschien, bekam Seitengewehr und Faust in die Hüften. Weiber kreischten mitten im Knäule. „Die Juden!" flötete die Stimme des Gemischtwaren- -krämers. Das Tor schloß sich von innen krachend und endgültig. ' Vom Pulverturm herab schossen die Feuerwehrleute Wasserstrahlen auf die letzten und unentwegten Scharen, die sich wieder ans Ghettotor machten. Sie taten es, die braven Feuerwehrmänner, nur so zum Spaß, zum Zeitvertreib, in Ermangelung anderer lohnender Arbeit, da die Flammen drinnen in der. Gasse wohl schrieen, zischten und züngelten, aber, vom Nordostwinde mehr-nach Südwest getrieben, nach der Richtung des Domes und des Maines, als zum Turm. Den hätten" sie mit ihrern Leib und ihrer Spritze zu schützen und mit ihm waren sie auf Leben und Tod verbunden. Aenderte der Wind Laune und Richtung, so waren sie verurteilt, mit viel totem Material in die Luft zu fliegen, um-als kalte oder verkohlte Leichen in kleinen Fragmenten, irgendwo, vielleicht gar mitten in dem Haufen der heulenden Judenweiber auf dem jüdischen Friedhof, zu landen. .In diesem sicheren Bewußtsein'hatten sie zum Abschied aus dem schönen Leben, jeder für sich, in der großen Kanne zuerst sechs große Seidel Bier genehmigt, bevor der große! Humpen zum gemeinsamen Trunk herumging. Es ging auf.Judenkostem Nuni war es eine Lust, noch einmal vor der Entscheidung seine Hände und Füße in so amüsanter Weise gebrauchen zu können und 'W a s s e r, Was s e r, das sie ohnehin nicht liebten, so in Strömen von sich zu geben. „Die Juden!" schrieen die erschreckten Menschen vor dem Außentore. An allem waren die Juden schuld, am Wasser wie am Feuer, und dann liefen sie, was. sie konnten, pudelnaß, wie die Wasserratten davvm Erst als keine Menschenseele draußen vor Turm und Tor mehr zu sehen war, setzten sich die Feuerwächter, stets dabei Ausschau nach dem Feuer und. nach dem Wind haltend, an das mitgebrachte Würfelspiel. Es nr. 22 192$ lgar hell genug, um die Würfel zu sehen, die Punkte und die Nickel zu zählen. Drinnen in Gaffe und Gäßchen tobte das Feuer mit ungeschwächter Macht, als bereits sich die ersten Morgenstreifen am östlichen Himmel yellrot zeigten.- 24. Elsbe hatte sich an jenem Abend, wie immer, wenn die Männer heimkamen, früh in ihr Zimmer begeben. Lange sah und sann sie wortlos zum Fenster hinaus in die dunkle Nacht, horchte auf den Sturm, als suchte sie seine heulenden Laute zu fassen und zu entziffern. Blitzsauber war es im Gemache. Der runde kleine Tisch in der Mitte war mit Hand gesticktem Tuche bedeckt und darauf lagen in einer Glasschale die Briefe des Mannes, daneben fromme Bücher, die von Gott, Israel, Welt und Leben kündeten und von den Dingen oben und unten. Es lag aber wie ein Siebenschleier über den. Dingen, die eine Hülle fiel, sechs andere legten sich darüber und deckten alles von neuem zu. Verstände man doch die Sprache, die der Tag dem Tage zuraunt, die Nacht der Nacht, die Sprache der Sterne und die Sprache des Sturms! ... Schneeweißer Linnen deckte das große Doppelbett mit der Damastwölbung darüber. Sie hatte es nicht berührt, und schlief, so sie nicht die Nächte sinnend durchwachte, auf dem alten Kanapee oder auf einem der drei Stühle sitzend, das Haupt auf die Arme gestützt. Tuben und Fialen am Bettrande täuschten frischen Blumenüuft vor. Aber auch wirkliche Waldblumen und Immergrün schmückten Tisch, Decke und Diele. Wie ein kleiner Tempel mutete das traute Gemach in seiner Einfachheit, Sauberkeit und. Unberührtheit an, voller Weihe und Geheimnisse. Alles darin war brennende Erwartung. Bei aller Entbehrung und Abhärmung hatte Elsbes Schönheit nichts verloren, eher n«och gewonnen. Wie Heiligenschein umstrahlte ihr Gesicht, und die Augen strömten warme Gluten aus, daß keiner den Anblick ertrug: man schaute wie geblendet von ihr weg. Sie war einsam, blieb auch zu ihrem Vater einsilbig. Mit anderen sprach sie gar nichts mehr. Nathan empfing sie nicht. Sie stand mit den Dingen um sich herum in keiner direkten Beziehung, sah alles wie durch einen Schleier. Alle Menschen, sagte sie, wenn sie in abgerissenen hingeworfenen Worten sprach, waren ihr gram, verstanden sie nicht, n e ideten ihr ihr hohes Glück. Ja, sie b e n e i d eten sie allesamt. Was wollten sie sonst mit ihren Tränen, ihren traurigen Gesichtern, ihren. verzerrten Mienen? Warum schüttelten sie mit dem Kopfe, wenn sie sie ansahen, warum flüsterten sie über sie hinweg, warum machten sie großeMugen und sahen zur Seite, wenn sie von ihm sprach? . . . Sturmesheulen umschmeichelte ihre Sinne „denn siehe im Feuer kommt er und Sturm kündet sein Nahen", stand geschrieben. Sie hörte angestrengt auf und abgehend, gab sich ganz der Musik des Elementes hin. Sie umkoste ihre Ohren, drang ihr tief in die Seele, entführte sie wie auf weit ausgebreiteten Flügeln in ferne Länder, in ferne Höhen. Sie schloß die Augen Md schlief, im Stuhle zurückgelehnt, ein. Und sie ward getragen von den Flügeln des Windes, weiter und weiter, höher und höher - - - Siehe, da oben, das Zeichen . . . Im Fei(erwagen kam er daher, vom Sturm wie von flinken Rosien gezogen. Ueber die Wolken schwebte er dahin. Wie das ringsherum toste und tobte und die Funken! sprühten! Wie rasend , schrie unten das Volk: . . . „Er kommt, er kommt! . . ." Und von oben winkte er und lachte, aus dem Feuerwagen heraus. „Elsbe fei stark, warft, bist stark, hast Anteil an all dem! Elsbe! ..." Da, da waren sie schon wieder, die bösen neidischen Menschen, rissen sie gewaltsam von ihm weg. Sie trommelten an ihre Türe und schrieen: