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Der Israelit · 1928-05-24 · Heft 21 (24.5.1928) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 21 (24.5.1928)
Date
1928-05-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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ff0"' Der Jsraelit w 21 192$ FZ Feuerzeichen. Ki« Hketto-Aoruan von S. Schachnowrh. (Fortsetzung.) 23. „Es brennt, die Gasse brennt!" Aus wilden Menschenkehlen entrang sich der Ruf, wirr, hundertstimmig. Die Menschen schrieen und liefen, liefen sich in den Weg, als sähe der eine in dem andern Grund und Ursache des Unbegreiflichen. Der Wind brauste und heulte, wie in Freude, nun eine Ausgabe gesunden zu haben, auf seinen Flügeln zerstörendes Element zu tragen. Die Domglocken läuteten und auch von anderen Kirchtürmen herab gellte es gewaltig: „Es brennt! Es brennt! ..." In den Gasten und Gäßchen um die Schul herum jagten die Menschen im blendenden Feuerschein, wie von Wahnsinn gepeitscht, zumeist zwecklos umher, schreiend, Männer dürftig gekleidet, Frauen mit aufgelöstem Haare. Der Himmel war aus Blut, die Straße, obwohl Mitternacht, tagehell. Von verschiedenen Seiten stiegen die breiten Feuergarben zischend auf, wie Raketen, die aber nicht platzten, sondern sich über Dächer schlängelten und wester zündeten. Es brachen und krachten Türen und Balken und Giebelwerk am Vorbau. Von den Dächern fielen Ziegel und Steine, Schmerzensschreie dazwischen. Ein Rauchgeruch benahm den Atem und Funken sprühten in die Äugen, daß die Leute mit wildem Aufschrei zurückschraken. Das Flammenmeer brauste und wirbelte und wuchs an, wie steigenide Flut, man konnte nicht mehr genau sagen, wo es brannte. Alle Augenblicke züngelte eine neue Flamme von einem anderen Dache herab und vereinigte sich, vom Sturm getragen, mit dem großen Flammenmeere. Da und dort senkte sich das Feuer mit krachendem Giebelwerk, mit stürzendem Gemäuer und erhob sich gleich wieder nebenan, wo es neue Nahrung fand. Es sah aus, als würden die Flammen die ganze Gaste mit allem, was sie füllt, rund herum einhüllen. Wie im wahnsinnigen Tanze stürmten die Menschen an die Flammen, und wiederum von ihnen weg. Männer trugen winzige, in Kopflosigkeit rasch gepackte Bündel auf Rücken und Schultern, Frauen hielten irgend einen wertlosen Gegenstand aus dem Hausrat in der Hand, Säuglinge im Arm, indeß größere Kinder weinend und heulend an chren Rockschößen hingen. Andere hatten sich Karren verschafft, in die sie aus ihren schon halb brennenden Häusern die Sachen rasch warfen. Alle standen sich gegenseitig im Wege, so daß ein Fortkommen mit den Sachen schwer war. Viele zogen mit ihren Kindern und geretteten Habseligkeiten dem Maine zu, andere nach dem Friedhofe. Vom Flammenlichte waren die Gräber und Grabsteine so hell beleuchtet, daß man die Schrift lesen konnte, und das starke Licht ermöglichte den einzelnen Gruppen, gesondert zwischen den Gräbern mit Kindern und Hausrat ihr armseliges Lager aufschlugen. Glücket lief zwischen den Gräberreihen, händeringend, in Tränen aufgelöst, Gebete sprechend. Sie hatte chren eigenen Hausrat ganz im Stiche gelassen und war hierher geeilt, um mit den anderen und für die anderen zu weinen. „Hätte die Gemeindespritze so chren Dienst getan, wie Glückels Augen, das Feuer wäre rasch gelöscht" mußte Perez Murren bei allem Weh in seinem Herzen denken. Er hatte hier Weib und Tochter bei seinem Bettzeug gelassen und eilte zurück, um noch was zu retten oder irgendwie zu helfen. „Weiber, warum schweigt Ihr, warum helft Ihr nicht?" schrie Glückel unterbrochen von Schluchzen, „werft Euch doch aus die Gräber der Frommen und Helligen, daß sie uns beistehen." Viele folgten der Aufforderung und warfen sich mit lautem Geweine auf die Gräber der Rabbinen und frommer Ahnen. Der Sturm, der feuerrote Himmel, das Bersten und Krachen ringsherum, die tagehell erleuchteten Grabhügel und Steine, die zwischen ihnen liegenden weißen und bunten Bündel, die auf dem Boden kauernden Frauen und Kinder mit ihren abgerissenen Schreien und Gebetworten, alles in allem ein Bild des letzten Gerichtes, da sich die Gräber erschließen und der Herr der Welt mit Feuer und Schwert erscheint, die Welt zu erneuern . . . Die Gasse war auf der einen Seite eine zischende Feuerwand. Davor fuhr jetzt die alte Waffe rspritze der Judengaste auf. Unter großem Geschrei und Kommando und Gegenkommando, das jeder jedem gab, wurde von ein paar handfesten jungen Männern das untere Ende in den Brunnen des Tauchbades vor dem „Hochzeitshause", dessen Dach schon lichterloh brannte, gesenkt. Die Spritze blähte sich wichtig auf, zischte bedeutsam, die Männer zogen an, drückten, arbeiteten mit aller Kraft, aber es kam kaum ein Tropfen Wasser aus der Oeffnung. Sie hatte sich, die Spritze, vollgesogen, gab aber nichts her. Im Spritzenhause, wo sie viele Jahre untätig und von keinem beachtet, ein dunkles Dasein führte, war sie behäbig, bequem geworden, hatte ihre Schwungkraft verloren, ihre inneren Organe waren eingerostet und ineinander festgewachsen, kurz, sie versagte im gegebenen Momente vollkommen. In der Synagoge hatten Löb Schnapper und Löb Pfeiffer, der Schulenklopfer, denen sich noch einige beherzte Männer zugesellten, die letzten Thorarollen aus dem heiligen Schrein herausgerettet, als die Balken herunterkrachten und sich das Feuer, geknickt, aber ungebrochen, auf die Grundmauern stürzte. Alle Augenblicke wurde durch die Menge dex schwirrenden Stimmen ein neuer Häusername genannt. Das „Haus zum Hahn" brennt!, das „Haus zur roten Kanne"! Das „Haus zum schwarzen Schild!" Josef Läufer, sonst ein lustiger Geiger, lief in einer Gewandung, die ihn ansonst dem Spotte der Schuljugend erbarmungslos preisgegeben hatte, die aber jetzt von keinem beachtet und beanstandet wurde, mit dem Geigenbogen in der Hand, als hätte er das Ganze zu dirigieren und gab Befehle aus, die keiner hörte. Perez Murren stieß, vom Friedhofe zurückkehrend, mit seinem Warenbündel, seinem ganzen Lager, auf Mordche Beer, den er fragte, ob er in dieser Stunde nichts anderes zu tun hätte, als da zu stehen und zu glotzen. Mordche Beer hatte, wie viele andere, vollkommen die Fassung und Besinnung verloren, hatte Weib und Kind und Eigentum vergessen und starrte nur in die wachsenden Flammen.^ Vor dem Steinhause Ahron Oppenheims, das noch vom Flammenmeere sin wenig entfernt und daher auch weniger vom allgemeinen Gewühle umrauscht war, stand eine offene Fuhre, in die Männer mit etwas mehr sachlicher Ruhe Möbel und Geräte, die sie aus dem Hause trugen, einluden. Dorthin gelangten Schnapper und Läufer bereits zum dritten oder vierten Male mit den Thorarollen, die Ahron Oppenheim nacheinander in die Hand nahm, inbrünstig küßte und behutsam in den Wagen bettete. „Wo ist Rabbi Naftali?", fragte er. „Habt Ihr Rabbi Schmuel Schotten gesehen?" Keiner hatte die Rabbis gesehen. Nichts hatte jemand gesehen. Nur die Flammen, die Flammen, die sahen alle . . . Die Domglocken hatten auch die Stadtbewohner, so weit sie nicht vorher schon nach dem roten Himmel staunten, aus dem Schlafe gerissen, und der Menschenstrom, viel Weiber darunter, auch dunkle und fragwürdige Gestalten, ergoß sich nach dem Ghettotor. An der Wirtschaft zur „großen Kanne" trafen sie viele andere, die Einlaß suchten und nicht fanden. Im Wächterhäuschen standen Wachholder und „der rote Luchs", auf solche Situationen nicht eingeschutt und auch nicht vertraglich verpflichtet, und zitterten und froren, trotz der herüberwehenden Gluthitze. „Da hast du die neue Laterne", dachte der rote Luchs, „die leuchtet." Wachholder hatte den großen Schlüsselbund in der Hand und stand unentschlossen dem Dröhnen des Volkes von außen gegenüber. Wenn nur Order käme, dachte 'er, egal woher. Jetzt kam doch Hilfe. Von der brennenden Gaste her kam in Reih und Glied, fast wie richtige Soldaten, ein Trupp junger Juden anmarschiert, an ihrer Spitze Nathan, der'Sohn des Hofjuden Oppenheim. Sogar ein paar Gewehre blitzten auf. „Keiner kommt rein, den wir nicht kennen!" befahl Nathan Oppenheim. „Die beiden Wächter stehen mit dem Schlüssel vor der Türe und einer von uns oben an der Luke. Geöffnet wird nur dann, wenn von oben, von der Luke her, nach unten ein Signal mit der Glocke gegeben wird. Wir wollen kein Gesindel drinnen, keine Plünderer und Diebe. Sind ja draußen mit Karren angefahren!" Da einige Männer hinter und unter ihm ob dieser kühnen Sprache und des erregten Echos, das sie auf der Außenseite fanden, erbleichten und ihm Zeichen zur Vorsicht und Mäßigung gaben, flüsterte er zu ihnen hinunter: „Keine übertriebene Angst, Leute, es ist die einzige Sprache, die das Gesindel draußen versteht. Seht doch, sie kamen mit Säcken und Körben, sogar mit Handkarren. Weiber haben weite Markttaschen bei sich." „Und wenn sie das Tor stürmen?" Wachholder brachte es zwischen klappernden Zähnen hervor. Der rote Luchs sah im Feuerlichte des Gluthimmels noch röter aus, als sonst. Wie Heiligenschein spielte um sein rothaariges und rotbärtiges Haupt und Gesicht. „Keine Angst," beruhigte Jakob, Sohn des Vorstehers Josef Reiß. „Ahron Oppenheim und mein Vater waren bereits draußen beim Hohen Rate. Die Ratsherren werden bald in eigener Person hier sein. Die Feuerwehr der Stadt mit den großen Spritzen, auch Soldaten und Konstabler sind auf dem Wege hierher. Der Hohe Rat selbst hat es uns aufgegeben, das Gesindel van der brennenden Gaste weit weg zu halten." Und darauf verteilten sie sich geschickt nach allen Seiten des Tores, indeß es von draußen unablässig zerrte und klopfte. Das Ganze warein Werk von Minuten. Kam von oben ein Signal, so öffnete Wachholder leise, vorsichtig die Türe zu einem kleinen Spalte, und sowie der Eingelassene durch diesen geschlüpft war, drückten schon drei Rücken von innen an die Türe, damit Je sich sofort wieder vor den anderen schließe. Das setzte jedesmal ein Gejohle und ein Geschimpfe ab, ein Zerren und Drängen und Drohen. Nathan Oppenheim rief durch die Luke: „Wer.unbefugt sich durch das Tor drängt, wird mit der Waffe empfangen!" „Seht, der P u l v e r t u r m! " schrieen sie draußen. Der Mönchturm am Osttore war mit Pulver gefüllt, das wußten alle. „Seht doch hin, wie die Funken schon über den Turm sprühen". (Fortsetzung folgt.) Kauf««»» tit Sprendlingen (Kr. Offenback .Israelit", S.m.b.S-, Frankfurt o. 9t. — Druck S, Aktiengesellschaft, Frankfurt a. 9t. Sermon Berlago«

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