Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1928)
- Date
- 1928-05-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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# nr. 20 i-rr Feuerzeichen. An Hyetto-Zloman von S. Schachnorvitz. (Fortsetzung.) KM Das alles las Rabbi Raftali aus der kleinen Schrift, las es erlebend und nachschaffend, und war damit schon aus das Kapitel der „Seele" übergegangen. Die Seele des Menschen. Darüber hatte das Schriftchen mancherlei und Tiefes zu sagen. Und Rabbi Raftali glaubte, seine eigene Seele darin leuchten zu'sehen, wie den Sonnenball im Stromspiegel, mit ihr Zwiesprache zu führen, daß sie ihm selber über ihre dunklen Tiefen Aufklärung gab. „Me,Seelen-ber. früheren und späteren Generationen bis ans Ende der Zeiten waren am sechsten Schöpfungstage mit der Seele Adams geschaffen und liegen in der großen Seelenvorratskammer, harrend der Stunde, da sie ihr Erdenwallen, an einen Körper gefesseltzu ihrer Erprobung und Läuterung antreten. Am Sinaiberg waren all die Seelen, ob ungeboren oder abgeschieden, mit dabei., wie es geschrieben steht: „Denn die hier vorhanden und die hier nicht zugegen sind." So nun das Saatkorn für einen neuen Menschen im Mutterleibe da ist, erscheint der Engel, dessen Namen „ L a i l a " ist, vor Gott, die Urzelle in der Hand, und fragt, was aus diesem Tropfen werden soll? Und Gott, der aller Schicksal bestimmt, entscheidet, ob der Mensch groß oder klein, stark oder schwach, reich oder arm, sich im Glücke sonnen oder in Finsternis verkommen soll. Nicht aber, sagt er, ob der Mensch gut oder böse sein soll, denn die Wege zum Guten und Bösen bleiben ihm offen, daß er sie selber wähle und das Gute vom Bösen unterscheide. Und der Engel holt eine der Seelen aus der großen Vorratskammer zu ihrer Vermählung mit dem im Dunklen wachsenden Menschenkörper. Es sträubt sich aber die Seele dagegen und fleht den Engel an, sie doch-in der Stätte des ewigen Lichtes zu lassen. Aber unerbittlich ist der Gottesbote, weil es Bestimmung, der Seele ist, sich im menschlichen Körper auf Erden zu erproben. UM sie für das Erdenwallen zu rüsten, führt der ENgel die Seele durch die lichten Gefilde! des' paradiesischen Eden und steigt mit ihr: hinab tief in die'Stätte der schweren Sündenbüßung, damit sie sehe den unermeßlichen Lohn 'der Gerechten,- die sich''auf Erden erprobt uno dätz Strafgexicht, der Bösen und' Schwachen, die im Leben der Sünde unterlaßen und verfallen sind. Und die Engel bewachen und betreuen die Seele im-Mutterleibe und teilen ihr.her.Geheim-- niste tiefste mit.' Tin Licht strählt über ihr, baß sie bis ans Ende der Dinge schaut. Wie geschrieben steht im Buche Hiob: „Wer versetzte mich in die Monde der Vorzeit zurück, da Sein Licht über meinem Haupte strahlte .. . Hu gegebener Sfunde spricht der Engel zu der Seele: „Nun hinaus ans -sticht der Welt!" Und die Seele ängstigt sich vM'de.M Neuen und wäre lieber im Dunkel geblieben', chö ihr alles Wissens letzte Quelle und letztes Ziel'' offenbar ward. Aber unerbittlich ist der Gottes-, bote, er stößt die Seele Mit dem kleinen Menschenleibe hinaus ans Licht, und im ersten Schrei des neugeborenen Menschenkindes ist der Angstschrei des. Erdenpilgers. enthalten.. Er schließt die Augen''dein neuen Lkch^ und alles Wissen um die Dinge ist damit von ihm gewichen, auf daß er es sich in Müh Md Arbeit, in. Schweiß Md Tränest, im'Leben neu errberbe? — — — Rabbi Naftali hielt ein und dachte eine Weile nach. Wie diese kabbalistischen Stellen auch gedacht und auszulegen waren, mit diesem Alleswisfen,. Vergessen und Sichwiederentsinnen hatte es doch feine wörtliche Richtigkeit. Hatte er, der Tag und Nacht Forschende und um Weisheit und Wissen Ringende, wenn er etwas erforscht und' erfahren hatte, je das Gefühl, sich etwas Neues errungen zu haben? Es war doch immer etwas Altbekanntes, etwas, das von früher her, aus Urzeiten,. in einer entlegenen Ecke seiner Seele saß und nun aus dem Unbewußten ins klare Bewußtsein hervorgeholt ward. Nie werden Erkenntnisse in uns neu geschaffen, sie werden nur aus alten verschlossenen Kammern der Seele (er sah dabei nach der geheimen Türe, noch war es nicht Mitternacht) ans Licht gezogen. Er las weiter. „Der Mensch i st auf Erden. Und sieben Perioden des Lebens bringen sieben Enttäuschungen, darum Koheleth siebenmal,, wie der Menschenseele entrungen, den Ruf ausstößt: „Eitelkeit der Eitelkeit, alles ist eitel!" Abgeschlossen ist eine Lebensperiode, sie war nichtig, und eine neue, die richtige, beginnt. Und sie ist so lange richtig, als bis man mit dem Rufe: „Eitelkeit der Eitelkeit" in eine andere, weitere hinübergeleitet wird ..." Der Rabbi dachte nach. Hier war eine Lücke. Es konnte nicht alles eitel sein, wenn wir nicht dem Leben, von Gott gegeben, allen Sinn und Zweck nehmen wollten. Hier war eine Lücke, die aus anderen Beständen ausgefüllt werden mußte. „Was für Bleibendes ist dem Menschen beschieden bei all der Mühseligkeit, die er unter der Sonne erleidet?'" Auch das sagte Kostetet. Mit Vorbehalt. Unter der Sonne. Aber es gab ewige Werte, die nach oben wiesen, ü b e r d i e S o n n e hinauf. Dorthin mußte das Auge schweifen, um Sinn und Zweck und Ziel des Daseins zu suchen. Diese ^talmudische Erklärung gerade zum Buche der Nichtigkeiten war stärkend und beruhigend. Weiter vertiefte er sich in die dunklen Zeilen: „Und ist das letzte Stadium der Lebensbahn erreicht und durchwandelt, dann zeigt sich der Engel, den die Seele sogleich als den erkennt, der sie einstmals hinuntergeleitet und in die Welt gestoßen hatte. Dankt sie ihm dies? Nein. Und dennoch will sie nicht zurück. „Laß mich hienieden," fleht sie ihn an, „bei den Meinen, hie ich liebgewonnen, bei den kleinen Freuden und großen Sorgen, mit denen ich so eng verwoben bin, daß -ich nicht weiß, wie das Leben noch ferner bestehen soll ohne.- mich. Laß mich!" Aber unerbittlich ist der Bote Gottes. - „Denn wider Deinen Willen bist Dü geschaffen und gebildet, ohne gefragt lebst Du, und wider Deinen Willen istirbft Du, wie Dü wider Deinen Willen Rechenschaft ablegst vor dem König aller Könige, dem Herrn, gelobt fei er. — Haft das Leben besessen, bewußt besessen Und genossen,' so kömm und gib Rechenschaft!" ' Der' Mensch stirbt, eine Seele kehrt heim, und ,-es weinen und klagen in den Straßen die Klagenden.-- —" Weiter las er im rätselvollen Buche: -,Wie der Prophet Etijastu von dannen scheiden sollte, erhob sich zuerst ein Sturm. Unh auf den Stprm folgte B e b e.n, und darauf Nn F e u e r, und alles endete mit stillem s a n f- ^-e m S ä u s e bn."-^ Sturm durchstiegen wir las .Lebenc Im Beben scheidet die Seele vom Körper. HareM-st-Hs. -Jeuep * ' ’$as Feuer,- das Feuer . Er kam über daLkMoM nicht Hinweg ^. . Eme neue Sturmwelle tobte heran, pfiff und fchMs und. versickerter im Raume. Rabbi Naftali sah in die bewegte Nacht. Die Wolkenfchleier am Himmel waren dünner, , durchsichtiger,, .wie -aus seichter .Gerde. Sterne zeichneten'-sich -unter ihnen - blaß und deutlich, vom Komet schien sich das schweifartige Strahlenbündel zu bewegen, wie der Schweif eines in Maschen eingesangenen Tieres. Im Westen erhob sich gespenstisch, wie ein drohender, spitziger, dünner Finger die Zinne des Domes. Auf der Ostseite bewegten sich die Wipfel der Bäume über die Friedhofsmauer hinweg, als würden die Toten in abgehackten Worten laute Unterhaltung pflegen. Er schaute aus und horchte in die Nacht, als wollte er ihr ihre Geheimnisse ablauschen. „Und nach dem Sturme Beben, und nach dem Beben Feuer", und danach, danach. . . Mitten in des Sturmes Toben trugen sich zwölf schrille Schläge vom Domturme her durch die Nacht. Mitternacht war da. Stunde der Entscheidung ... Er rückte den Schemel zurecht, streute Asche aufs Haupt, zog die Schuhe aus und setzte sich zu Boden, zum Gebete der Nacht mitte um Zion und'Jerusalem, um Israel und seine Erlösung, die Erlösung der Schechinah. Mit dem Nachklingen dieser Nachtgebete in der Seele wollte er sodann die Kammer betreten. Der Schlüssel lag bereit. Er saß tief gebeugt, den- Kopf in beide Hände gestützt, und betete. Bon außen heulte der Wind, als trug er die Stimme vom Chorebberge herüber: „Wehe um die Kinder, die vertrieben sind von Vaters gedecktem Tische ..." „Eine Stimme ist in Rama zu hören, die Stimme Rahels, die weint um ihre Kinder! —" Schon eine ganze Weile stand Channa Lea, die Rabbinersfrau, ein leichtes Gewand um die Schultern geschlagen, auf der Schwelle, zitterte und fror. Sie wagte nicht, den Mann, der so da saß, verklärt, in fremde Welten entrückt, anzureden. „Warum willst Du uns ewiglich vergessen, uns verlassen für lange Tage? . . ." „Rabbi!" — Channa Lea sprach hinter der Türe, daß ihr Anblick das Bild nicht störte — „Rabbi! —--" Rabbi Naftali schrak aus tiefen Träumen auf. Wie ein Nachtwandler auf dem Gerüste bei jähem Anruf. Was wollte die Frau in dieser entscheidungsvollen Minute? Er hatte sich drei Tage geweiht und gerüstet in Absonderung und Alleinsein wie Israels Söhne am Gottesberge, bevor Gott zu ihnen sprach . . . „Rabbi, es ist nicht geheuer im Hause, erstickender Rauchgeruch, es knackt und knistert überall. Draußen hört man so merkwürdige Stimmen." ',p , Rabbi Naftali sah verständnislos zur Türe hin. Er fah die Frau nicht, sie stand hinter der zu dünnem Spalte geöffneten Mre, er hörte nur ihre Stimme, die zitterte wie der Hauch eines Frierenden. .. <„Es ist was in der Lust, Rabbi, die Kinder zittern in den Betten.. Höre doch hinaus." „Es ist der Sturm," sagte Rabbi Naftali, und auch seine Stimme bebte. „Du bist so erregt, Rabbi!" Er hörte nicht mehr. Er erhob sich langsam und betete noch im Aufstehen: „Haschiwenu — führe uns zurück Gott zu Dir, und wir kehren zurück — — — Chadefch —- erneuere unsere Tage wie in der Vorzeit --—" „Kekedem" — das Wort lag. noch auf seinen Lippen, wie das Nachzittern her Saite einer Harfe, da stand er schon aufrecht, rückte den Tisch von der Türwand weg und steckte den Schlüssel unter unablässigen leisen Gebeten ms Schloß. Der Schlüssel war verrostet, das Zünglein im Schlosse hatte sich verschoben und festgehakt, die Türe chingkn den Angeln' Miß Hineistgewachsen und'mit 'den "Jahrhunderten verwoben. Der Schlüssel wollte sich nicht im Schlosse be-